
{"id":3316,"date":"2019-09-13T09:00:26","date_gmt":"2019-09-13T07:00:26","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=3316"},"modified":"2020-09-25T10:58:47","modified_gmt":"2020-09-25T08:58:47","slug":"lea-grundigs-hungernder-proletarierjunge-und-sein-geheimnis","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2019\/09\/13\/lea-grundigs-hungernder-proletarierjunge-und-sein-geheimnis\/","title":{"rendered":"Lea Grundigs \u201eHungernder Proletarierjunge\u201c und sein Geheimnis"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Lea Grundigs \u201eHungernder Proletarierjunge\u201c und sein Geheimnis <\/strong><\/h1>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Simone Erpel und Ulrike H\u00fcgle | 13. September 2019<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><strong>Ein schmaler, kr\u00e4nklich aussehender Junge mit verletztem Arm sitzt in sich gefallen vor einem kahlen Hintergrund und schaut mit gro\u00dfen, m\u00fcden Augen aus dem Bildraum hinaus. Ein Junge, der wohl alles andere als eine sorglose Kindheit verlebt. Das Gem\u00e4lde \u201eHungernder Proletarierjunge\u201c aus dem Jahr 1928 von der deutsch-j\u00fcdischen K\u00fcnstlerin <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/biografie-lea-grundig.html\" target=\"_blank\">Lea Grundig (1906 \u2013 1977, ehemals Lea Langer)<\/a> ist Teil unserer Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/demokratie-2019\/weimar.html\" target=\"_blank\">\u201eWeimar: Vom Wesen und Wert der Demokratie\u201c<\/a> und verbildlicht die teils bedr\u00fcckenden Schicksale der Proletarier*innen in der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/weimarer-republik.html\" target=\"_blank\">Weimarer Republik<\/a>. In Vorbereitung zur Ausstellung wurde in der Gem\u00e4lderestaurierung w\u00e4hrend einer routinem\u00e4\u00dfigen Untersuchung eine spannende Entdeckung gemacht, die den von Armut, Krankheit und Tod gepr\u00e4gten Entstehungskontext noch intensiver vor Augen f\u00fchrt. Ulrike H\u00fcgle, Restauratorin am Deutschen Historischen Museum in der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/sammlung-forschung\/restaurierung\/werkstaetten\/gemaelderestaurierung.html\" target=\"_blank\">Gem\u00e4lderestaurierung<\/a>, und Dr. Simone Erpel, Kuratorin der Ausstellung, berichten \u00fcber den eindrucksvollen Fund.<\/strong><\/p>\n<h3><strong>Unsichtbares sichtbar machen<\/strong><\/h3>\n<p class=\"wp-image-3326\">Um den Zustand eines Ausstellungsobjekts festzuhalten werden Exponate vor jeder Ausstellung gr\u00fcndlich untersucht. So auch das Werk von Lea Grundig. Eine Methode ist die Infrarotreflektografie. Das zu untersuchende Bild wird mit Infrarotlicht einer bestimmten Wellenl\u00e4nge bestrahlt. Die Lichtstrahlen dringen in die Malschicht und k\u00f6nnen den maltechnischen Aufbau eines Gem\u00e4ldes erkennbar machen, beispielsweise eine auf der Grundierung liegende Entwurfszeichnung. Das entstandene Bild wird von der Infrarotkamera mit einem speziellen Programm digital auf ein Computersystem \u00fcbertragen und auf dem Bildschirm abgebildet. Feststellbar sind auch sp\u00e4tere Ab\u00e4nderungen, \u00dcbermalungen und sogar Besch\u00e4digungen, deren Kenntnisse f\u00fcr den Erhalt eines Werkes bedeutend sind.<\/p>\n<p>Doch mit einem Blick unter die Malschicht werden nicht nur Sch\u00e4den und Retuschen deutlich, sondern auch urspr\u00fcngliche Planungen sowie Werkprozesse hinter den Gem\u00e4lden, die sonst im Verborgenen bleiben. Im Fall des \u201eHungernden Proletarierjungen\u201c erkennt man in der Infrarotaufnahme, dass sich unter der sichtbaren Malerei ein ganz anderes Bild befindet. Zu sehen ist hier sehr wahrscheinlich der Leichnam eines verstorbenes Kindes, dessen Lieblingspuppe tr\u00f6stend mit in den Sarg gelegt wurde.<\/p>\n<p>Sterbende bzw. Verstorbene sind kein ungew\u00f6hnliches Motiv im Schaffen der K\u00fcnstlerin: Bei Recherchen fand sich eine von Lea Grundig stammende Radierung aus dem Jahr 1935 mit einem bis aufs Skelett abgemagerten sterbenden Kind. Eine Darstellung, die dem mit der Infrarotkamera sichtbar gemachten Motiv \u00e4hnelt.<\/p>\n<h3><strong>Unzufrieden oder doch sparsam?<\/strong><\/h3>\n<p>Es kann nur gemutma\u00dft werden, warum die K\u00fcnstlerin das ersch\u00fctternde erste \u00a0Gem\u00e4lde mit der Darstellung des \u201eHungernden Proletarierjungen\u201c \u00fcbermalt hat. Vielleicht war sie mit dem Ergebnis ihres ersten Werkes nicht zufrieden. M\u00f6glicherweise hat sie es auch aus Sparsamkeitsgr\u00fcnden in Zeiten von Materialknappheit \u00fcbermalt, was durchaus \u00fcblich war. Blickt man auf die Lebensumst\u00e4nde Lea Grundigs, scheint diese Annahme\u00a0 plausibel zu sein. Die 1906 in Dresden geborene Malerin und Grafikerin ist als \u00fcberzeugte Kommunistin zu ihrer eigenen \u201ekapitalistischen\u201c Familie schon fr\u00fch auf Distanz gegangen. Ihr Vater ist ein j\u00fcdisch-orthodoxer, aus der Ukraine eingewanderter Kleider- und M\u00f6belh\u00e4ndler. Ihre Mutter liberal und musisch interessiert. Bereits im Alter von 18 Jahren verl\u00e4sst sie ihr Elternhaus und studiert an der Dresdner Kunstgewerbeschule und anschlie\u00dfend an der Dresdner Akademie der Bildenden K\u00fcnste. Dort lernt sie ihren sp\u00e4teren Mann <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/hans-grundig\">Hans Grundig<\/a> (1901\u20131958) kennen. Gemeinsam treten sie 1926 in die <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/weimarer-republik\/innenpolitik\/kpd.html\">Kommunistische Partei Deutschlands (KPD)<\/a> ein. 1928 heiraten sie. Das Paar lebt \u2013 wie man heute sagen w\u00fcrde \u2013 in prek\u00e4ren wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnissen.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<h3><strong>\u201eWas ich mache, ist Gebrauchskunst\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> <\/strong><\/h3>\n<p>Mit diesen Worten charakterisiert die K\u00fcnstlerin Lea Grundig r\u00fcckblickend ihre Arbeiten aus den 1920er und 1930er Jahren. Neben <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/biografie-otto-griebel.html\">Otto Griebel<\/a> (1895\u20131972) und Hans Grundig geh\u00f6rt Lea Grundig 1930 zu den Gr\u00fcndungsmitgliedern der Dresdner Regionalgruppe der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/weimarer-republik\/kunst-und-kultur\/assoziation-revolutionaerer-bildender-kuenstler-deutschlands.html\">\u201eAssoziation Revolution\u00e4rer Bildender K\u00fcnstler Deutschlands\u201c<\/a>, kurz \u201eAsso\u201c, die in der Weimarer Republik eine aktiv eingreifende linke Kunst fordert.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Die Asso steht der KPD nahe. Die Hauptaufgabe der K\u00fcnstler*innen ist es, f\u00fcr die ideologische Linie der KPD eine wirksame Bildagitation zu entwickeln. Dem Kunsthistoriker Eckhart Gillen zufolge liegt die agitatorische Wirkung der Arbeiten von Lea Grundig und anderen Asso-K\u00fcnstlern in den realistischen und sehr pr\u00e4zise festgehaltenen Verh\u00e4ltnissen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Der \u201eHungernde Proletarierjunge\u201c ist denn auch als eine stumme Anklage des sozialen Elends der proletarischen Unterschichten zu verstehen. Eine stumme Anklage, die durch die Entdeckung des verborgenen Bildes einer \u00a0toten Person im Sarg, erschreckend verst\u00e4rkt wird.<\/p>\n<p>Die Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/demokratie-2019\/weimar.html\">\u201eWeimar: Vom Wesen und Wert der Demokratie\u201c<\/a> ist noch bis zum 22. September 2019 im PEI-Bau des Deutschen Historischen Museums zu sehen.<\/p>\n<h3>VERWEISE<\/h3>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zur Biografie Lea Grundigs: <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/lea-grundig\">https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/lea-grundig<\/a>;<br \/>\n<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Lea Grundig, zitiert nach Karoline M\u00fcller, Erinnerungen an Lea Grundig, in: Lea Grundig. Arbeiten der zwanziger und drei\u00dfiger Jahre, Ausstellungskatalog Bonner Kunstverein 1984, S. 33.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Matthias Wagner, Kunst als Waffe, Die \u201eAsso\u201c in Dresden 1930 bis 1933, in: Die Neue Sachlichkeit in Dresden. Malerei der Zwanziger Jahre von Dix bis Querner, Ausstellungskatalog Dresden, Dresden 2011, S. 130\u2013135.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Eckhart Gillen, J\u00fcdische Identit\u00e4t und kommunistischer Glaube. Lea Grundigs Weg von Dresden \u00fcber Pal\u00e4stina zur\u00fcck nach Dresden, Bezirkshauptstadt der DDR 1922-1977, siehe: <a href=\"http:\/\/www.hans-und-lea-grundig.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Lea-Grundig_Vortrag-E_Gillen.pdf\">http:\/\/www.hans-und-lea-grundig.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Lea-Grundig_Vortrag-E_Gillen.pdf<\/a> (zuletzt aufgerufen am 23.08.2019).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Lea Grundigs \u201eHungernder Proletarierjunge\u201c und sein Geheimnis<span><\/h2>\n<p>Das Gem\u00e4lde \u201eHungernder Proletarierjunge\u201c (1928) von Lea Grundig (1906 \u2013 1977, ehemals Lea Langer) ist Teil unserer Ausstellung \u201eWeimar: Vom Wesen und Wert der Demokratie\u201c. W\u00e4hrend einer routinem\u00e4\u00dfigen Untersuchung in der Gem\u00e4lderestaurierung wurde eine spannende Entdeckung gemacht, die den von Armut, Krankheit und Tod gepr\u00e4gten Entstehungskontext des Gem\u00e4ldes intensiver vor Augen f\u00fchrt, wie Ulrike H\u00fcgle, Restauratorin am Deutschen Historischen Museum in der Gem\u00e4lderestaurierung, und Dr. Simone Erpel, Kuratorin der Ausstellung, auf dem DHM Blog berichten.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3319,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1534,154,1771,1775,1733],"class_list":["post-3316","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-inside-dhm","tag-gemaelde","tag-restaurierung","tag-weimar","tag-weimar-vom-wesen-und-wert-der-demokratie","tag-weimarer-republik"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3316","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3316"}],"version-history":[{"count":15,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3316\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4090,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3316\/revisions\/4090"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3319"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3316"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3316"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3316"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}