
{"id":3426,"date":"2019-11-06T11:33:33","date_gmt":"2019-11-06T10:33:33","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=3426"},"modified":"2019-11-06T11:34:20","modified_gmt":"2019-11-06T10:34:20","slug":"nicht-das-wunschdenken-wird-befriedigt-sondern-das-befuerchtungsdenken-geweckt","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2019\/11\/06\/nicht-das-wunschdenken-wird-befriedigt-sondern-das-befuerchtungsdenken-geweckt\/","title":{"rendered":"\u201eNicht das Wunschdenken wird befriedigt, sondern das Bef\u00fcrchtungsdenken geweckt.\u201c"},"content":{"rendered":"<h1>\u201eNicht das Wunschdenken wird befriedigt, sondern das Bef\u00fcrchtungsdenken geweckt.\u201c<\/h1>\n<h3>Besondere Vorkommnisse \u2013 Heute vor 30 Jahren |<br \/>\nTeil 4<\/h3>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Zsuzsa Breier | 6. November 2019<\/span><\/p>\n<p><strong>Das Jahr <a href=\"https:\/\/www.hdg.de\/lemo\/jahreschronik\/1989.html\" target=\"_blank\">1989<\/a> entwickelt sich zu dem bedeutendsten Umbruchsjahr der Nachkriegszeit Europas. Als exklusiven Vorabdruck ihres Buches gew\u00e4hrt die Literaturwissenschaftlerin und Diplomatin Zsuzsa Breier in <a href=\"\/blog\/tag\/Zsuzsa-Breier\/\" target=\"_blank\">vier Beitr\u00e4gen<\/a> f\u00fcr den DHM-Blog einen Einblick in die rasanten Entwicklungen in Deutschland und Ungarn vor drei\u00dfig Jahren.<\/strong><\/p>\n<p><em>Ekelhafter Tag<\/em>, notiert sich Walter Kempowski am 1. April 1989 in seiner <span style=\"color: #000000;\"><em>hermetischen Eingeschlossenheit<\/em> <\/span>im norddeutschen Nartum (in den Augen seiner s\u00fcddeutschen Schwiegermutter im <span style=\"color: #000000;\"><em>norddeutschen Kaff<\/em><\/span>). <span style=\"color: #008000;\"><em>Aber wenigstens hat mich niemand in den April geschickt.<\/em><\/span> An Merkw\u00fcrdigkeiten fehlt es aber nicht an diesem Tag:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong><em>Hildegard kommt weinend mit zwei Singv\u00f6geln auf der Kehrichtschaufel. Eingedenk der sechs Millionen Singv\u00f6gel, die pro Jahr im S\u00fcden gefangen werden, nimmt sich ihr Kummer seltsam aus\u2026<sup><a style=\"color: #008000;\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">1<\/a><\/sup> <\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p>Kempowski, ein <em>deutscher Chronist<\/em>, hat sich vorgenommen, ein <em>kollektives Tagebuch<\/em> des Zweiten Weltkrieges zu schreiben, <em>Echolot<\/em> soll das Buch hei\u00dfen, der Autor sammelt und sammelt, schon seit 1980, aber je umfangreicher sein <em>Archiv umpublizierter Autobiographien<\/em> wird, umso mehr Zweifel \u00fcberkommen seinen Verleger Albrecht Knaus bez\u00fcglich der Beherrschbarkeit der Materie, Kempowski aber sagt nur darauf: <span style=\"color: #008000;\"><em>Wind ist nur am Kornfeld darzustellen, nicht am einzelnen Halm.<\/em><\/span><\/p>\n<p>Seine Standhaftigkeit r\u00fchrt noch aus den Jahren in Bautzen, mit dem merkw\u00fcrdigen Satz <em>Bautzen war ein Segen f\u00fcr mich<\/em> k\u00f6nnte er vielleicht diese Standhaftigkeit gemeint haben. Acht Jahre sa\u00df der damals 19j\u00e4hrige in Bautzen ein, verhaftet im Jahr 1948 bei einem Besuch seiner Mutter in Rostock, Kempowski lebte damals in Hamburg, ein sowjetisches Milit\u00e4rtribunal verurteilte ihn zu 25 Jahren Zuchthaus, wegen <span style=\"color: #008000;\"><em>Spionage, antisowjetischer Hetze, illegalen Grenz\u00fcbertritts und Gruppenbildung<\/em><\/span>. Im ber\u00fcchtigten <em>Speziallager Nr.4<\/em> starben bis 1956, als Kempowski entlassen wurde, um die 3.000 H\u00e4ftlinge &#8211; vielleicht meinte Kempowski das, wenn er sagte, <em>Bautzen war ein Segen f\u00fcr mich<\/em>, denn er \u00fcberlebte und durfte sogar ausreisen, mit gerade mal 45 Kilo, trotzdem wird er sagen, der Hunger, die K\u00e4lte, die Einzelhaft und der Schlafentzug mochten an dem K\u00f6rper zehren, schlimmer war die seelische Not, wohl deshalb schrieb er als erstes Wort nach der Haft in Gro\u00dfbuchstaben: <span style=\"color: #008000;\"><em>ICH BIN FREI<\/em><\/span> &#8211; etwas Gr\u00f6\u00dferes war nicht zu denken.<\/p>\n<p>33 Jahre sp\u00e4ter, am 1. M\u00e4rz 1989 schaut er sich im Westfernsehen eine Sendung \u00fcber die DDR an, die er noch merkw\u00fcrdiger findet, als Hildegard mit ihren Singv\u00f6geln:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><em><strong>Unglaubliche Sendung \u00fcber ein mecklenburgisches Dorf. Dass die Leute sehr zufrieden sind mit ihrer LPG-Existenz. Habe schnellstens abgeschaltet. Nicht das Wunschdenken wird befriedigt, sondern das Bef\u00fcrchtungsdenken geweckt.<sup><a style=\"color: #008000;\" href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">2<\/a><\/sup>\u00a0<\/strong> <\/em><\/span><\/p>\n<p>Das F\u00fcrchten lernt gerade eine Familie nahe Boltenhagen, 200 km nord\u00f6stlich von Nartum, ein Fernglas, ein Kompass, ein Kanister und die mitgef\u00fchrten Dokumente werden ihnen zum Verh\u00e4ngnis. Es sollte nach einem Familienausflug aussehen, die Stasi aber war auf dem Hut:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>V<span style=\"color: #008000;\"><strong>orbeugende Verhinderung des ungesetzlichen Verlassen der DDR mittels Schlauchboot \u00fcber die Ostsee durch ein Ehepaar, unter Mitnahme ihrer 3 Kinder (5, 6 und 11 Jahre). \u2026<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #008000;\"><strong> Die T\u00e4ter f\u00fchrten im Pkw \u201eWartburg\u201c ein Schlauchboot mit Au\u00dfenbordmotor, 35 Liter Vergaserkraftstoff in Kanistern, einen Kompass, ein Fernglas sowie Qualifizierungsunterlagen u.a. pers\u00f6nliche Dokumente mit. Die Untersuchungen werden fortgef\u00fchrt.<sup><a style=\"color: #008000;\" href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">3<\/a><\/sup> <\/strong><\/span><\/em><\/p>\n<p>Im Zug Berlin-Budapest wird einem anderen fluchtwilligen DDR-B\u00fcrger gerade ein fehlendes Dokument zum Verh\u00e4ngnis, und ein Hirschf\u00e4nger, ein Jagdmesser, mit dem angeschossenes Wild get\u00f6tet wird:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong><em>Am 31. M\u00e4rz 1989, 11.15 Uhr erfolgte durch Passkontrollkr\u00e4fte der DDR an der Grenz\u00fcbergangsstelle Bad Schandau im internationalen Reisezug (Berlin-Budapest) die Festnahme eines Obermatrosen der Volksmarine (18, Torpedogast XX, K\u00fcstenschutzschiffs-Abteilung XX \u2026), da er nicht im Besitz der erforderlichen Dokumente f\u00fcr einen Auslandsurlaub war.<br \/>\nDer T\u00e4ter beabsichtigte, in die CSSR zu reisen und von dort aus nach der BRD fahnenfl\u00fcchtig zu werden.<br \/>\nIn einem Seesack f\u00fchrte er eine schwarze Arbeitskombination, Lederhandschuhe, einen Hirschf\u00e4nger und einen Kompass mit. \u2026<br \/>\nEs wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und Haftbefehl erlassen.<sup><a style=\"color: #008000;\" href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">4<\/a><\/sup> <\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p>An dem Abend, als die LPG-DDR-Zufriedenheitsmeldung im Westfernsehen auf Sendung geht, versuchen drei <em>unzufriedene<\/em> DDR-B\u00fcrger einen <em>gewaltsamen<\/em> Grenzdurchbruch bei Drewitz:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong><em>Am 31. M\u00e4rz 1989, 23.53 Uhr versuchten drei Personen \u2026 mit einem Pkw vom Typ \u201eSaporoshez\u201c die Grenz\u00fcbergangsstelle Drewitz gewaltsam zu durchbrechen, um nach Westberlin zu gelangen.<br \/>\nSie fuhren zu diesem Zweck mit dem PkW mit \u00fcberh\u00f6hter Geschwindigkeit am Dienstposten\/Vorkontrolle vorbei in das Territorium der Grenz\u00fcbergangsstelle ein.<br \/>\nIm Ergebnis der sofortigen Ausl\u00f6sung von Alarm mit Schlie\u00dfung aller Sperr- und Sicherungseinrichtungen wurde der PkW ca. 250 m nach dem Passieren des angef\u00fchrten Dienstpostens \u2026 durch eine zwischenzeitlich geschlossene Seilsperre aufgehalten und es erfolgte die Festnahme der unverletzten T\u00e4ter. \u2026<br \/>\nWestliche Medien berichteten \u00fcber das Vorkommnis.<sup><a style=\"color: #008000;\" href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">5<\/a><\/sup> <\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_3434\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3434\" class=\"size-full wp-image-3434\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/BA132990.jpg\" alt=\"Gescheiterter Fluchtversuch im Auto von Ost- nach West-Deutschland, um 1975, Deutsche Demokratische Republik \u00a9 DHM\" width=\"1000\" height=\"701\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/BA132990.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/BA132990-300x210.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/BA132990-768x538.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-3434\" class=\"wp-caption-text\">Gescheiterter Fluchtversuch im Auto von Ost- nach West-Deutschland, um 1975, Deutsche Demokratische Republik \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Westliche Medien berichten \u00fcber Ereignisse, die vom Westen aus einsehbar sind. Die nicht-einsehbaren Vorkommnisse bleiben <em>streng geheim<\/em>, einsehbar nur f\u00fcr das MfS und die SED-F\u00fchrungsspitze, die aber nicht daran denkt, sich von ihrem Kurs abbringen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong><em>Im Zeitraum vom 27. M\u00e4rz bis 2. April erfolgte die Festnahme von insgesamt<br \/>\n78 B\u00fcrgern der DDR (Vorwoche &#8211; 52) \u2026, davon<br \/>\n77 Festnahmen wegen vorbereiteter bzw. versuchter ungesetzlicher Grenz\u00fcbertritte (52), darunter<br \/>\n34 B\u00fcrger (10), die beabsichtigten bzw. versuchten, die Straftaten unter Missbrauch der Territorien anderer sozialistischer Staaten zu begehen.<sup><a style=\"color: #008000;\" href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">6<\/a><\/sup> <\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p>Die ungarische Grenz\u00fcbergangsstelle nach \u00d6sterreich bei Hegyeshalom ist an diesem ersten April-Wochenende in Alarmbereitschaft. Der 4. April kommt, der Tag der <em>Befreiung <\/em>Ungarns durch die Rote Armee \u2013 so der offizielle Begriff, denn die Ungarn sprechen von <em>Besatzung<\/em>, und seitdem der bekannteste Widerstand gegen diese sowjetkommunistische <em>Besatzung<\/em>, der 1956er Herbstaufstand, sogar von der Partei als <em>Volksaufstand<\/em> anerkannt wurde, per ZK-Beschluss am 11. Februar 1989, kann die offizielle Befreiungs-Rhetorik auch f\u00fcr den 4. April eigentlich gar nicht mehr gelten. Darum schert sich jetzt aber keiner, der 4. April wird gefeiert wie gehabt, mit offiziellen Kranzniederlegungen und staatlichen Auszeichnungen, mit Inbrunst wie der 15. M\u00e4rz oder der 23. Oktober ist er ja sowieso niemals begangen worden. Der arbeitsfreie Tag kann aber gerade in diesem Jahr bestens genutzt werden, weil er auf einen Dienstag f\u00e4llt und der Montag als Br\u00fcckentag dazukommt. Ein beachtlicher Teil des arbeitenden Volkes setzt sich also ins Auto, packt m\u00f6glichst auch Oma und Opa dazu, um mehr Forint in harte W\u00e4hrung umtauschen zu k\u00f6nnen, pro Kopf durfte schlie\u00dflich nur 60 Dollar umgetauscht werden (1988), der Rest, privat gewechselte DM von bundesrepublikanischen Balaton-Touristen, kommt in Omas Socken.<\/p>\n<p>Der <em>Weltpass <\/em>muss auch mit, seit dem 1. Januar 1988 kann ihn jeder Ungar haben &#8211; au\u00dfer einigen Tausenden <em>feindlichen<\/em> oder gef\u00e4hrlichen <em>Elementen<\/em>, so hat der Oppositionelle Ferenc K\u00f6szeg auch keinen Pass. Es sind aber inzwischen Millionen, die den Pass haben, schon Mitte 1988 waren es eine halbe Million Ungarn und an diesen beiden wunderbaren arbeitsfreien Fr\u00fchlingstagen will der <em>Weltpass <\/em>in \u00d6sterreich zum Einsatz kommen, der Himmel ist zwar bedeckt und ausgerechnet im Westen des Landes regnet es auch, das h\u00e4lt aber keinen ab, der Ansturm auf die westliche Grenz\u00fcbergangsstelle ist kaum noch zu beherrschen, eine halbe Million Ungarn stehen vor der Grenze im Stau, nicht um etwa den Stephansdom zu sehen oder nach Mariazell zu pilgern, daf\u00fcr sind die Sonntage gut, jetzt geht es zum Einkauf, der letzte sozialistische <em>Befreiungstag <\/em>(ein Jahr sp\u00e4ter gibt es ihn nicht mehr) wird zu einem zweit\u00e4gigen <em>Videoger\u00e4te- und K\u00fchlbox-Festival<\/em>:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong><span style=\"color: #008000;\"><em>Nach Auskunft des Grenzschutzes ist die Mehrheit der Touristen, die in \u00d6sterreich einkauften, in den fr\u00fchen Morgenstunden in Ungarn wieder eingetroffen. Mehr als 200.000 Menschen traten \u00fcber die Grenze hin und zur\u00fcck. \u2026<br \/>\nAuf \u00f6sterreichischer Seite protestierten gestern Frauen, sie forderten die Beh\u00f6rden auf, Ma\u00dfnahmen zu treffen f\u00fcr die Sicherheit ihrer Kinder. Denn wegen des dichten Verkehrs konnte man die Stra\u00dfen kaum noch \u00fcberqueren.<sup><a style=\"color: #008000;\" href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">7<\/a><\/sup><\/em><\/span><\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der <em>Westmarken-Einkaufstourismus<\/em> zwischen Nickelsdorf und Wien \u00d6sterreich in nur einem Jahr Einnahmen im Wert von 50 Milliarden Ft bringt und Ungarns Devisenvorr\u00e4te entsprechend schmelzen, der Fluchttod des von Grenzposten erschossenen Chris Gueffroy liegt keine zwei Monate zur\u00fcck, nicht ein Monat ist es her, dass die Hei\u00dfluftballon-Flucht des Winfried Freudenberg t\u00f6dlich endete, tritt die <em>Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen<\/em> im Ostblock immer mehr zu Tage, trotz strikter Geheimhaltung, trotz erratischer Zufriedenheitsberichte des Westfernsehens.<\/p>\n<p>Im Zeitraum vom 3. April bis 9. April gibt es <span style=\"color: #008000;\"><em>66 Festnahmen wegen Straftaten mit der Vorbereitung bzw. dem Versuch des ungesetzlichen Verlassen der DDR<\/em><\/span>, Ende April schon 93, Ende M\u00e4rz z\u00e4hlte das MfS <span style=\"color: #008000;\"><em>147 vollendetes ungesetzliches Verlassen der DDR<\/em><\/span>, in der letzten Aprilwoche sind es schon 192.<sup><a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">8<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Noch gelingt es der Stasi, die anhaltenden Botschaftsbesetzungen in Prag, Warschau und Budapest m\u00f6glichst ger\u00e4uschlos zu l\u00f6sen, die <em>Straftaten unter Missbrauch der Territorien anderer sozialistischer Staaten<\/em> werden aber immer weniger beherrschbar:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong><span style=\"color: #008000;\"><em>In der Woche vom 3.4. bis 7.4.1989 versuchten 30 (Vorwoche 33) DDR-B\u00fcrger durch Verbleiben in der St\u00e4ndigen Vertretung (12), der BRD-Botschaft in Prag (15) und Budapest (3) ihre st\u00e4ndige Ausreise die BRD\/WB zu erzwingen. Damit erh\u00f6hte sich die Anzahl der Erpresser seit dem 2.1.1989 auf insgesamt 794 Personen. \u2026<br \/>\nDie Mehrheit verlie\u00df die diplomatischen Vertretungen der BRD, nachdem ihnen eine \u201epositive L\u00f6sung\u201c im Rahmen der Bearbeitung der gestellten Antr\u00e4ge auf st\u00e4ndige Ausreise \u2026 in Aussicht gestellt wurde.<sup><a style=\"color: #008000;\" href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">9<\/a><\/sup><\/em><\/span><\/strong><\/p>\n<p>Budapest ist gerade mit ganz anderen, nicht weniger d\u00fcsteren Angelegenheiten besch\u00e4ftigt. Seit Monaten versucht das Innenministerium das Versprechen der Regierung einzul\u00f6sen und die Leichname der 1958 hingerichteten 56er-Aufst\u00e4ndischen an die Angeh\u00f6rigen herauszugeben. Es gibt aber ein Problem: offenbar kennt niemand mehr die genaue Stelle der damals anonym verscharrten K\u00f6rper. Auf das Dr\u00e4ngen der Angeh\u00f6rigen, der Kommission f\u00fcr Historische Gerechtigkeit, und unter dem Eindruck der Demonstration am 30. Jahrestag der Hinrichtungen &#8211; am 16. Juni 1988 l\u00f6ste die Polizei die Demonstration von 400 Menschen mit Gewalt auf, 15 wurden festgenommen &#8211; gab Parteichef Gr\u00f3sz noch im Sommer 1988 das Versprechen, die Leichname bestatten zu d\u00fcrfen, daf\u00fcr mussten sie aber zuerst gefunden werden.<\/p>\n<p>Der erste Versuch scheiterte, der <em>streng geheim<\/em> beauftragte Geheimdienstmitarbeiter J\u00f3zsef Pajcsics meldete nach aufwendigem Akten- und Kartenstudium und mehrfachen Versuchen, im verwilderten Geb\u00fcsch der Parzelle 301 irgendwelche Spuren oder Hinweise f\u00fcr die m\u00f6glichen Grabstellen zu finden:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em><span style=\"color: #008000;\"><strong>Die Gr\u00e4ber wurden nicht gefunden, k\u00f6nnen auch nicht gefunden werden. Aufgabe nicht durchf\u00fchrbar.<sup><a style=\"color: #008000;\" href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">10<\/a><\/sup><\/strong>\u00a0<\/span> <\/em><\/p>\n<p>Am Ende ist es ein konspiratives Geheimdossier mit dem sprechenden Titel <em>Wespennest<\/em> im Tresor des Innenministeriums, das Auskunft gibt, \u00fcber die grauenvollen Details der Hinrichtungen und was anschlie\u00dfend mit den Leichen passierte, wie sie im Gef\u00e4ngnishof bei Nacht unter den Boden gebracht wurden, mit Schutt, ausrangierten M\u00f6belst\u00fccken und M\u00fcll bedeckt, wie zwei Jahre sp\u00e4ter ein konspiratives Umbetten in die Parzelle 301 erfolgte, wieder bei Nacht, wie viele Schritte man vom Friedhofszaun gehen muss, um an die Stelle zu kommen, wo die Gr\u00e4ber versenkt worden sind. Die Ausgrabungen k\u00f6nnen beginnen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong><span style=\"color: #008000;\"><em>Am Mittwoch den 5. April, als Ergebnis einer f\u00fcnft\u00e4gigen Forschungsarbeit im Friedhof, wurden die Gr\u00e4ber gefunden. Die vermuteten leiblichen \u00dcberreste von allen M\u00e4rtyrern konnten gefunden werden.<sup><a style=\"color: #008000;\" href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">11<\/a><\/sup><\/em><\/span><\/strong><\/p>\n<p>Neben den Totengr\u00e4bern stehen die Familien am Grab, Witwen, Kinder und Enkelkinder, neben einem Arch\u00e4ologen, der als Experte f\u00fcr die ungarischen K\u00f6nigsgr\u00e4ber gilt, Forensikern, Anthropologen, Innenstaatssekret\u00e4r Borics und Oberst Pajcsics, aber keine Presse, keine \u00d6ffentlichkeit. Nur das Innenministerium hat eine Kamera und im Auftrag der Familien die Regisseurin Judit Ember. Ihre Linsen erfassen das Unfassbare: unter der Erde liegen Leichname mit zusammengedrahteten H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen, zum Teil \u00fcbereinandergeworfen, in Teerpappe gewickelt, die Sch\u00e4del von Baumwurzeln durchdrungen, die Knochen mit Schuhfetzen zusammengewachsen, auch in Ihrem Tode wiederholt geschundene, gesch\u00e4ndete K\u00f6rper, mit ihrem Gesicht nicht zum Himmel, sondern zur Erde gelegt \u2013 f\u00fcr den Schmerz, obwohl so nahe an der Erf\u00fcllung der jahrzehntelange Hoffnung, sich von den Leichnamen verabschieden zu k\u00f6nnen, sie bestatten zu d\u00fcrfen, gibt es keine Worte.<\/p>\n<h3>Quellen<\/h3>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">1<\/a> Kempowski, Alkor:2001,151<br \/>\n<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">2<\/a> Ebd., 154<br \/>\n<a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">3<\/a> BStU, MfS, ZAIG 4593, 11f.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">4<\/a> Ebd., 9<br \/>\n<a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">5<\/a> Ebd., 11<br \/>\n<a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">6<\/a> Ebd., 10<br \/>\n<a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">7<\/a> osa, hung.mon. 4.4.\/89, 189, 190<br \/>\n<a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">8<\/a> Ebd., 40, 44, 96<br \/>\n<a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">9<\/a> MfS ZKG 19261, 16<br \/>\n<a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">10<\/a> Pajcsics, A 301-es parcella titkai<br \/>\n<a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">11<\/a> <a href=\"http:\/\/tausz.tripod.com\/sajto.htm\" target=\"_blank\">http:\/\/tausz.tripod.com\/sajto.htm<\/a><\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><img decoding=\"async\" style=\"margin-right: 5px;\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Breier_cUwe-Steinert.jpg\" width=\"140\" \/><br \/>\n<sup>\u00a9 Uwe Steinert<br \/>\n<\/sup><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Dr. phil. Zsuzsa Breier<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">1963 in Budapest geboren, studierte an der E\u00f6tv\u00f6s Lor\u00e1nd Universit\u00e4t Literatur- und Kulturwissenschaft, unterrichtete an ihrer Heimatuniversit\u00e4t Neuere Deutsche Literatur und an der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t Kulturmanagement, wechselte 2004 in den diplomatischen Dienst, organisierte das \u201eKulturjahr der Zehn\u201c, gr\u00fcndete die \u201eGesellschaft zur F\u00f6rderung der Kultur im erweiterten Europa\u201c und publizierte die Anthologie \u201eFreiheit, ach Freiheit\u2026\u201c. 2012 wurde sie von der Hessischen Landesregierung als Europastaatssekret\u00e4rin berufen, 2015 leitete sie die Handelsblatt Global Edition, seit 2016 forscht sie zu dem Jahr 1989.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>\u201eNicht das Wunschdenken wird befriedigt, sondern das Bef\u00fcrchtungsdenken geweckt.\u201c<span><\/h2>\n<p>Das Jahr 1989 entwickelt sich zu dem bedeutendsten Umbruchsjahr der Nachkriegszeit Europas. Als exklusiven Vorabdruck ihres Buches gew\u00e4hrt die Literaturwissenschaftlerin und Diplomatin Zsuzsa Breier in vier Beitr\u00e4gen f\u00fcr den DHM-Blog einen Einblick in die rasanten Entwicklungen in Deutschland und Ungarn vor drei\u00dfig Jahren.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3430,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1716,1187,1844,1712,1710],"class_list":["post-3426","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten-aktuell","tag-1716","tag-ddr","tag-flucht","tag-ungarn","tag-zsuzsa-breier"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3426","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3426"}],"version-history":[{"count":8,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3426\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3487,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3426\/revisions\/3487"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3430"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3426"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3426"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3426"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}