
{"id":3599,"date":"2020-01-27T12:48:01","date_gmt":"2020-01-27T11:48:01","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=3599"},"modified":"2020-01-27T13:04:08","modified_gmt":"2020-01-27T12:04:08","slug":"sheindi-ehrenwalds-aufzeichnungen","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2020\/01\/27\/sheindi-ehrenwalds-aufzeichnungen\/","title":{"rendered":"Sheindi Ehrenwalds Aufzeichnungen"},"content":{"rendered":"<h1>Sheindi Ehrenwalds Aufzeichnungen<\/h1>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Raphael Gross | 27. Januar 2020<\/span><\/p>\n<p><strong>Als deutsche Truppen am 19. M\u00e4rz 1944 Ungarn besetzten, begann dort f\u00fcr die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung der Holocaust. Die damals 14-j\u00e4hrige Sheindi Ehrenwald aus der Kleinstadt Gal\u00e1nta schrieb vom Tag der Besetzung an auf, wie sie Bedrohung, Verfolgung, Zwangsarbeit und Vernichtung erlebte. Diese Aufzeichnungen zeigen wir als Intervention <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/deportiert-nach-auschwitz-sheindi-ehrenwalds-aufzeichnungen.html\" target=\"_blank\">\u201eDeportiert nach Auschwitz\u201c<\/a> in unserer <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung.html\" target=\"_blank\">Dauerstellung<\/a>. Anl\u00e4sslich der Er\u00f6ffnung der Ausstellung erl\u00e4uterte <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ueber-uns\/team\/praesidium.html\" target=\"_blank\">Prof. Dr. Raphael Gross<\/a>, Pr\u00e4sident des Deutschen Historischen Museums, am 22. Januar den n\u00e4heren Kontext damaligen Ereignisse. <\/strong><\/p>\n<p>Was Sheindi Miller-Ehrenwald in ihren Aufzeichnungen niedergeschrieben hat, stand im Zusammenhang eines verheerenden historischen Geschehens. 1944 war das bereits f\u00fcnfte Jahr des <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/zweiter-weltkrieg\" target=\"_blank\">Zweiten Weltkrieges<\/a>, den Deutschland begonnen hatte. 1942 und vor allem 1943 hatten die Alliierten der deutschen Wehrmacht endlich die ersten empfindlichen milit\u00e4rischen Niederlagen bereiten k\u00f6nnen. Im September 1943 wurde dann mit der Kapitulation Italiens auch das Gef\u00fcge der Allianzen, die sich in Europa um das nationalsozialistische Deutschland kn\u00fcpften, tief ersch\u00fcttert. <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/der-zweite-weltkrieg\/kriegsverlauf\/ungarn-als-verbuendeter-des-deutschen-reiches.html\" target=\"_blank\">Ungarn<\/a> geh\u00f6rte mit seiner autokratischen und grunds\u00e4tzlich deutschfreundlichen Regierung zu den engeren Verb\u00fcndeten Deutschlands. Um jedoch nicht zu den Verlierern zu geh\u00f6ren, nahm die ungarische Regierung nach der Kapitulation Italiens im September 1943 Kontakte zu den alliierten M\u00e4chten auf. Sie versuchte, einen Separatfrieden abzuschlie\u00dfen. Deutschland erhielt von diesen Bestrebungen Kenntnis. Um einen Seitenwechsel Ungarns zu verhindern und zudem auf dessen Ressourcen besser zugreifen zu k\u00f6nnen, besetzte Deutschland das vormals verb\u00fcndete Land. Die Wehrmacht marschierte am 19. M\u00e4rz 1944 in Ungarn ein. Das ist der Zeitpunkt, zu dem auch das Tagebuch von Sheindi Ehrenwald einsetzt.<\/p>\n<p>Fast zeitgleich mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Ungarn traf auch <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/adolf-eichmann\" target=\"_blank\">Adolf Eichmann<\/a>, Leiter der Abteilung 4 B 4 im Reichssicherheitshauptamt, ein, bald gefolgt von den Angeh\u00f6rigen seines Sondereinsatzkommandos Ungarn. Sie taten alles, um die <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/zweiter-weltkrieg\/holocaust\/deportation\" target=\"_blank\">antij\u00fcdischen Ma\u00dfnahmen<\/a>, die sie schon in anderen L\u00e4ndern durchgef\u00fchrt hatten, sofort in Gang zu bringen. Die neu gebildete ungarische Regierung, die nach dem Willen der Okkupanten mit antisemitischen Amtstr\u00e4gern durchsetzt war, verf\u00fcgte die Kennzeichnung aller Juden im Land mit einem gelben Stern bereits am 29. M\u00e4rz 1944 f\u00fcr den 5. April. Es folgten sehr schnell weitere Erlasse gegen die ungarischen Juden \u2013 zur Offenlegung der Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnisse (21. M\u00e4rz, galt ab Mitte April) \u2013 Einschr\u00e4nkungen der Freiz\u00fcgigkeit (7. April) \u2013 Rationierung der Lebensmittel (ab 23. April) \u2013 Errichtung von Ghettos zur gewaltsamen Vertreibung der J\u00fcdinnen und Juden aus ihren H\u00e4usern (ebenfalls ab 7. April). Druck aus Deutschland und von Seiten deutscher Stellen trafen sich hier mit der eifrigen T\u00e4tigkeit ungarischer Antisemiten. Sie sorgten daf\u00fcr, dass die Ma\u00dfnahmen besonders schnell und umfassend in die Gesetzgebung gebracht und durchgef\u00fchrt wurden. Besonderen Anteil daran hatten das Innenministerium und die Gendarmerie. In k\u00fcrzester Zeit, d.h. in etwa drei Wochen, wurden im ganzen Land gr\u00f6\u00dfere und kleinere Ghettos errichtet. Da es so gut wie keine Vorbereitungen daf\u00fcr gab, wurden sehr oft leerstehende Fabrikbrachen oder Ziegeleien daf\u00fcr ausgew\u00e4hlt. Die Versorgung der Ghettos war sehr schlecht. Weder gab es medizinische, sanit\u00e4re noch eine ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln.<\/p>\n<p>Sheindi Ehrenwald beginnt ihre Aufzeichnungen an dem Tag der Besetzung Ungarns. Sie zitiert dabei ganz am Anfang ihre Mutter: \u201eDie Deutschen sind einmarschiert. [\u2026]\u201c und dann eine ihrer Schwestern: \u201eWir sind verloren.\u201c Das Ziel der Deutschen in Bezug auf die Juden war zu diesem Zeitpunkt in der internationalen \u00d6ffentlichkeit weitgehend bekannt. Die Durchf\u00fchrung des <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/der-zweite-weltkrieg\/voelkermord.html\" target=\"_blank\">Holocaust<\/a>, also der vollst\u00e4ndigen Vernichtung s\u00e4mtlicher J\u00fcdinnen und Juden, hatte bereits im Sommer 1941 mit dem \u00dcberfall des deutschen Reiches auf die Sowjetunion begonnen. Dar\u00fcber, wann und wie dies im Sommer 1941 zum Ziel s\u00e4mtlicher deutschen Beh\u00f6rden wurde, wird immer noch geforscht. Fest steht aber, dass dieser Plan sp\u00e4testens ab dem Herbst 1941 das Handeln der Deutschen in ihrem gesamten Herrschaftsbereich bestimmte. Die Frage, wie weit dieser Plan dann auch umgesetzt wurde, hing nun nicht mehr von internen Bedenken oder Entscheidungs\u00adschwierigkeiten, sondern allein von den politischen Gegebenheiten ab. Allein daraus ergab sich der \u201eparadox anmutende Umstand, dass ausgerechnet in den L\u00e4ndern Europas, die von Anfang an in [\u2026] N\u00e4he zu Nazideutschland standen \u2013 etwa Ungarn, die Slowakei, Rum\u00e4nien und Bulgarien\u201c<sup><a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">1<\/a><\/sup> \u2013 die Juden weniger gef\u00e4hrdet schienen als in L\u00e4ndern, die direkt von der Wehrmacht besetzt wurden, wie etwa Polen oder die Niederlande. Als die antij\u00fcdischen Ma\u00dfnahmen in Ungarn durchgesetzt wurden, waren die meisten Juden aus anderen L\u00e4ndern, aus Polen, aus den baltischen Staaten, aus Frankreich, schon ermordet worden. Worum es den Deutschen in Ungarn ging, war daher zu diesem Zeitpunkt schon vielen bekannt. Zahlreiche ungarische Juden, haupts\u00e4chlich in Budapest, heimkehrende Angeh\u00f6rige der Arbeitsbataillone, ungarische Soldaten, die von der Ostfront zur\u00fcckkamen, und j\u00fcdische Fl\u00fcchtlinge aus Polen und der Slowakei verbreiteten die Informationen, die sie \u00fcber die massenhafte Vernichtung der Juden gesammelt hatten. Sheindi Ehrenwald erw\u00e4hnt etwa das \u201eschreckliche Schicksal der Menschen in der Slowakei\u201c. Dasselbe taten die ungarischen Programme der BBC. All das verhinderte nicht, dass die Deutschen ihren Plan, die ungarischen Juden zu ermorden, umsetzten. Am 14. Mai 1944 begannen die Deportationen aus den ungarischen Provinzen nach Auschwitz, mit 12.000-14.000 Menschen pro Tag.<\/p>\n<p>Im Rahmen der Ausstellung \u201eDeportiert nach Auschwitz \u2013 Sheindi Ehrenwalds Aufzeichnungen\u201c finden sich Sheindis Aufzeichnungen jetzt an der Stelle, an der zuvor das <a href=\"\/blog\/2017\/01\/27\/das-unterschiedliche-erinnern\/\" target=\"_blank\">Auschwitz-Modell<\/a> des polnisch-katholischen K\u00fcnstlers Mieczyslaw Stobierski stand. Er hatte das Modell 1995 \u2013 50 Jahre nach der Befreiung Auschwitz \u2013 in Krakau angefertigt. Dass wir durch diese letzte Ver\u00e4nderung der jetzigen Dauerausstellung ein j\u00fcdisches Opfer zur Sprache kommen lassen, ist uns wichtig. Die Aufzeichnungen von Sheindi Ehrenwald sind ein Dokument, welches uns erm\u00f6glicht, die damaligen f\u00fcrchterlichen Verbrechen zu erinnern.<\/p>\n<h3>Verweis<\/h3>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">1<\/a> Dan Diner: Zeitenschwelle: Gegenwartsfragen an die Geschichte, 2010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Sheindi Ehrenwalds Aufzeichnungen<span><\/h2>\n<p>Als deutsche Truppen am 19. M\u00e4rz 1944 Ungarn besetzten, begann dort f\u00fcr die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung der Holocaust. Die damals 14-j\u00e4hrige Sheindi Ehrenwald aus der Kleinstadt Gal\u00e1nta schrieb vom Tag der Besetzung an auf, wie sie Bedrohung, Verfolgung, Zwangsarbeit und Vernichtung erlebte. Diese Aufzeichnungen zeigen wir als Intervention \u201eDeportiert nach Auschwitz\u201c in unserer Dauerstellung. Anl\u00e4sslich der Er\u00f6ffnung der Ausstellung erl\u00e4uterte Prof. Dr. Raphael Gross, Pr\u00e4sident des Deutschen Historischen Museums, am 22. Januar den n\u00e4heren Kontext damaligen Ereignisse. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3604,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[816,683,681,1712,1941],"class_list":["post-3599","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten-aktuell","tag-antisemitismus","tag-auschwitz","tag-holocaust","tag-ungarn","tag-zwangsarbeit"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3599","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3599"}],"version-history":[{"count":6,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3599\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3609,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3599\/revisions\/3609"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3604"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3599"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3599"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3599"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}