
{"id":3731,"date":"2020-04-14T13:00:46","date_gmt":"2020-04-14T11:00:46","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=3731"},"modified":"2020-04-14T13:00:46","modified_gmt":"2020-04-14T11:00:46","slug":"glaesernes-gluecksspiel","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2020\/04\/14\/glaesernes-gluecksspiel\/","title":{"rendered":"Gl\u00e4sernes Gl\u00fccksspiel"},"content":{"rendered":"<h1>Gl\u00e4sernes Gl\u00fccksspiel<\/h1>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Doris Kachel | 14. April 2020<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><strong>Initiiert vom Arbeitskreis f\u00fcr Provenienzforschung findet einmal j\u00e4hrlich im April der <a href=\"https:\/\/www.arbeitskreis-provenienzforschung.org\/index.php?id=tag-der-provenienzforschung-1&amp;lang=de\" target=\"_blank\">Tag der Provenienzforschung<\/a> statt. An diesem Tag stellen Museen ihre aktuellen Forschungsans\u00e4tze und Fragestellungen vor. F\u00fcr den DHM-Blog beleuchten die Provenienzforscherinnen und Provenienzforscher des Hauses ihre meist detektivische Suche nach der Herkunft und den urspr\u00fcnglichen Besitzerinnen oder Besitzern der Objekte. In diesem <a href=\"\/blog\/tag\/Tag-der-Provenienzforschung\/\" target=\"_blank\">zweiten Beitrag<\/a> schildert Doris Kachel ihre derzeitigen Untersuchungen zu Glas-Deckelbechern aus dem Ministerium f\u00fcr Finanzen der DDR, die sich in der Sammlung des Museums f\u00fcr Deutsche Geschichte befanden, die wiederum in die Sammlung des Deutschen Historischen Museums \u00fcbergegangen ist.<\/strong><\/p>\n<p>Am 30. September 1955 nahm das Museum f\u00fcr Deutsche Geschichte (MfDG) ein beeindruckendes Set von sieben Glas-Deckelbechern mit Spielkartenmotiven in seine Sammlungen auf. Die Becher entstanden im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts und verf\u00fcgen \u00fcber farbige Emailbemalungen, die unter anderem Bl\u00e4tter mit Pique-Bube, Kreuz-Dame, Karo-Neun oder Herz-Sechs zeigen. Einige von ihnen sind in unserer <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung.html\" target=\"_blank\">Dauerausstellung<\/a> zu sehen. Es ist davon auszugehen, dass sie urspr\u00fcnglich zu einem Satz von 52 Gl\u00e4sern geh\u00f6rten. Unklar ist bisher, ob man sie etwa f\u00fcr ein Trinkspiel oder einfach zur Erfrischung w\u00e4hrend eines Kartenspiels verwendete.<\/p>\n<div id=\"attachment_3737\" style=\"width: 276px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3737\" class=\"wp-image-3737 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/AK000024_Abb.-1-Kachel.jpg\" alt=\"Deckelbecher mit Emailmalerei: Spielkarte Pique-Dame, 18. Jh. \u00a9 DHM\" width=\"266\" height=\"645\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/AK000024_Abb.-1-Kachel.jpg 266w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/AK000024_Abb.-1-Kachel-124x300.jpg 124w\" sizes=\"auto, (max-width: 266px) 100vw, 266px\" \/><p id=\"caption-attachment-3737\" class=\"wp-caption-text\">Deckelbecher mit Emailmalerei: Spielkarte Pique-Dame, 18. Jh. \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Die Gl\u00e4ser wurden zusammen mit zahlreichen anderen Glasgef\u00e4\u00dfen vom Ministerium der Finanzen der DDR in Berlin erworben. Da einer der Schwerpunkte eines zweij\u00e4hrigen Forschungsprojektes<sup><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">1<\/a><\/sup> am Deutschen Historischen Museum, das in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste durchgef\u00fchrt wird, die Recherche von \u00dcbergaben des Ministeriums der Finanzen der DDR an das MfDG<sup><a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">2<\/a><\/sup> ist, stellten sich eine Reihe von Fragen: Woher hatte das Ministerium der Finanzen die zahlreichen gl\u00e4sernen Trinkgef\u00e4\u00dfe? Stammen sie vielleicht aus \u201eSchlossbergungen\u201c oder aus zur\u00fcckgelassenem Gut von sogenannten Republikfl\u00fcchtigen? Sind die Gl\u00e4ser nur Einzelteile eines ganzen Sets?<\/p>\n<div id=\"attachment_3738\" style=\"width: 277px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3738\" class=\"wp-image-3738 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/AK000027_Abb.-2-Kachel.jpg\" alt=\"Deckelbecher mit Emailmalerei: Spielkarte Kreuz-Sieben, 18. Jh. \u00a9 DHM\" width=\"267\" height=\"641\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/AK000027_Abb.-2-Kachel.jpg 267w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/AK000027_Abb.-2-Kachel-125x300.jpg 125w\" sizes=\"auto, (max-width: 267px) 100vw, 267px\" \/><p id=\"caption-attachment-3738\" class=\"wp-caption-text\">Deckelbecher mit Emailmalerei: Spielkarte Kreuz-Sieben, 18. Jh. \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>In dem Forschungsprojekt zu den \u00dcbergaben staatlicher Institutionen und Organisationen an das MfDG, gehe ich insbesondere den Erwerbungen von der Tresorverwaltung nach. Die Tresorverwaltung wurde im M\u00e4rz 1953 als selbstst\u00e4ndige Abteilung im Finanzministerium geschaffen und fungierte als zentrale Verwertungsstelle f\u00fcr alle nach 1949 eingezogenen und gepf\u00e4ndeten Wertgegenst\u00e4nde und Kostbarkeiten wie beispielweise Edelsteine, Edelmetalle und Porzellane.<\/p>\n<p>In dieses Schema passen auch die wertvollen Gl\u00e4ser in unserer Sammlung. Durch die Pr\u00fcfung des MfDG-Inventarbuches und der museumseigenen Datenbank konnten sogar \u00fcber 50 Einzelobjekte erfasst werden, die im Jahr 1955 vom DDR-Finanzministerium erworben wurden. Eine tiefergehende Herkunftsrecherche schien hier also dringend geboten.<\/p>\n<p>Es begann eine Nachforschung im \u201eWert-Ausgangsbuch\u201c der Tresorverwaltung. Dort wurde unter der laufenden Nummer 711 der Verkauf von 30 Positionen an das MfDG am 26. September 1955 notiert.<sup><a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">3<\/a><\/sup> In der letzten Spalte des Verzeichnisses ist zudem die Rechnungsnummer 213 vermerkt, die im \u201eAusgangs-Rechnungsbuch\u201c des Jahres 1955 \u00fcberpr\u00fcft werden konnte.<sup><a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">4<\/a><\/sup> Doch die Hoffnung, hier eventuell auf detaillierte Objektbezeichnungen oder wom\u00f6glich sogar auf Vorbesitzerinnen oder Vorbesitzer zu sto\u00dfen, wurde entt\u00e4uscht. Das MfDG erwarb f\u00fcr 2.600 DM \u201eGlas\u201c, so die knappe Angabe. Dies verdeutlicht die massenhafte Verwertung von Objekten durch die Tresorverwaltung. Gleichzeitig weist es auf eine gro\u00dfe Schwierigkeit in der Provenienzforschung speziell bei Objektgruppen wie Graphik oder Kunstgewerbe hin, in denen es oftmals nicht um Unikate, sondern um serielle und damit nicht eindeutig bestimmbare Gegenst\u00e4nde geht. Manchmal gen\u00fcgt schon ein kleiner Hinweis auf markante Fehlstellen oder Makel, um den Objekten Einzigartigkeit zu verleihen und unseren Recherchen wieder neuen Aufwind zu geben. Oder es sind Beschriftungen, Stempel oder Aufkleber auf den Gegenst\u00e4nden zu finden, die m\u00f6glicherweise Anhaltspunkte liefern. Die Recherche nach diesen kleinen, aber sehr bedeutsamen Merkmalen ist aufwendig, wird aber ausdauernd weitergef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Betrachtung des gesamten Konvoluts, mit dem die sieben Spielkartengl\u00e4ser 1955 in die Sammlung kamen, f\u00fchrte zu der \u00dcberlegung, dass aufgrund der Motivik wohl von einer s\u00e4chsischen Herkunft auszugehen ist. Die mit dieser geographischen Eingrenzung begonnenen Recherchen im Bundesarchiv Berlin, Bestand Ministerium der Finanzen, zeigten, dass Anfang der 1950er Jahre tats\u00e4chlich in gro\u00dfem Umfang Kunstgegenst\u00e4nde von der Landespolizei Sachsen an das Finanzministerium in Berlin gesandt wurden.<sup><a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">5<\/a><\/sup> Hier lohnen sich also weitere Recherchen: Momentan erfolgt die Auswertung von Akten des Hauptstaatsarchivs Dresden und von Ausk\u00fcnften anderer Museen, die \u00fcber \u00e4hnliche Glasgef\u00e4\u00dfe verf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Wie bei einem Gl\u00fccksspiel ist auch der Verlauf einer Provenienzrecherche manchmal vom Zufall bestimmt, im besten Falle vom gl\u00fccklichen Zufall.<\/p>\n<h3>Verweise<\/h3>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">1<\/a> Ein Zwischenbericht von Christopher J\u00fctte ist zu finden unter: <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/fileadmin\/medien\/relaunch\/sammlung-und-forschung\/Provenienzforschung\/Zwischenbericht_Kurzfassung_Juette_20200224.pdf\" target=\"_blank\">https:\/\/www.dhm.de\/fileadmin\/medien\/relaunch\/sammlung-und-forschung\/Provenienzforschung\/Zwischenbericht_Kurzfassung_Juette_20200224.pdf<\/a> (26.03.2020).<br \/>\n<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">2<\/a> Dem DHM wurden 1990 im Zuge der deutschen Wiedervereinigung die Sammlungen des MfDG \u00fcbertragen.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">3<\/a> Vgl. Wert-Ausgangsbuch der Abt. Tresorverwaltung, begonnen 14.11.1953, BADV, AfR-Archiv, Bestand Tresorverwaltung.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">4<\/a> Vgl. Ausgangs-Rechnungen der Abt. Tresorverwaltung (gebunden), 1955-1960, BADV, AfR-Archiv, Bestand Tresorverwaltung.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">5<\/a> Siehe BArch, DN 1\/34014.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Gl\u00e4sernes Gl\u00fccksspiel<span><\/h2>\n<p>Initiiert vom Arbeitskreis f\u00fcr Provenienzforschung findet einmal j\u00e4hrlich im April der Tag der Provenienzforschung statt. An diesem Tag stellen Museen ihre aktuellen Forschungsans\u00e4tze und Fragestellungen vor. F\u00fcr den DHM-Blog beleuchten die Provenienzforscherinnen und Provenienzforscher des Hauses ihre meist detektivische Suche nach der Herkunft und den urspr\u00fcnglichen Besitzerinnen oder Besitzern der Objekte. In diesem zweiten Beitrag schildert Doris Kachel ihre derzeitigen Untersuchungen zu Glas-Deckelbechern aus dem Ministerium f\u00fcr Finanzen der DDR, die sich in der Sammlung des Museums f\u00fcr Deutsche Geschichte befanden, die wiederum in die Sammlung des Deutschen Historischen Museums \u00fcbergegangen ist.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3732,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1981,1983,1183,1460,253,1976],"class_list":["post-3731","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-inside-dhm","tag-glas","tag-mfdg","tag-provenienz","tag-provenienzforschung","tag-spiel","tag-tag-der-provenienzforschung"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3731","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3731"}],"version-history":[{"count":4,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3731\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3741,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3731\/revisions\/3741"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3732"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3731"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3731"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3731"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}