
{"id":3747,"date":"2020-04-17T12:04:11","date_gmt":"2020-04-17T10:04:11","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=3747"},"modified":"2020-04-17T12:19:22","modified_gmt":"2020-04-17T10:19:22","slug":"die-spitze-des-eisbergs","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2020\/04\/17\/die-spitze-des-eisbergs\/","title":{"rendered":"Die Spitze des Eisbergs"},"content":{"rendered":"<h1>Die Spitze des Eisbergs<\/h1>\n<h2>Das Museum f\u00fcr Deutsche Geschichte und das Schloss \u201eZur Fr\u00f6hlichen Wiederkunft\u201c<\/h2>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Christopher J\u00fctte | 17. April 2020<\/span><\/p>\n<p><strong>Die Redewendung von der \u201eSpitze des Eisbergs\u201c besagt, dass von einem Problem bzw. einem Sachzusammenhang nur ein sehr kleiner Teil erkennbar ist und augenf\u00e4llig wird. Der viel gr\u00f6\u00dfere Teil des Eisbergs \u2013 oder des Problems \u2013 bleibt zun\u00e4chst verborgen. In diesem dritten Beitrag <a href=\"\/blog\/tag\/Tag-der-Provenienzforschung\/\" target=\"_blank\">unserer Serie<\/a> anl\u00e4sslich des <a href=\"https:\/\/www.arbeitskreis-provenienzforschung.org\/index.php?id=tag-der-provenienzforschung-1&amp;lang=de\" target=\"_blank\">Tags der Provenienzforschung<\/a> schildert Christopher J\u00fctte anhand seiner Recherchen, dass es Provenienzforschende h\u00e4ufig mit solchen \u201eEisbergen\u201c zu tun haben. <\/strong><\/p>\n<p>Nach einer ersten Pr\u00fcfung der Provenienz des Gem\u00e4ldes mit der Darstellung des sogenannten \u201eAltenburger Prinzenraubes\u201c<sup><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">1<\/a><\/sup> entschied sich das DHM 2015 f\u00fcr weitere Nachforschungen nach den Vorbesitzern, denn das Bild tr\u00e4gt auf der R\u00fcckseite einen Aufkleber, der es als vormaligen Bestandteil des Altenburger Schlossinventars ausweist. Wie aber kam das Gem\u00e4lde in die Sammlungen des Deutschen Historischen Museums? Da weder Inventarbuch noch Museumsdatenbank Hinweise auf den Vorbesitzer lieferten, waren tiefergehende Recherchen n\u00f6tig. Festgestellt werden konnte nur, dass das Gem\u00e4lde 1958 als Teil der Sammlungen des Museums f\u00fcr Deutsche Geschichte (MfDG) inventarisiert wurde.<\/p>\n<div id=\"attachment_3753\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3753\" class=\"wp-image-3753 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/K1000315.jpg\" alt=\"Der Altenburger Prinzenraub Herzog Albrecht von Sachsens (1443-1500), \u00d6l auf Leinwand, 1525\/1550, 79 x 86 cm \u00a9 DHM\" width=\"1000\" height=\"933\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/K1000315.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/K1000315-300x280.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/K1000315-768x717.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-3753\" class=\"wp-caption-text\">Der Altenburger Prinzenraub Herzog Albrecht von Sachsens (1443-1500), \u00d6l auf Leinwand, 1525\/1550, 79 x 86 cm \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<h3>Das Museum f\u00fcr Deutsche Geschichte<\/h3>\n<p>Das MfDG wurde 1952 in Ost-Berlin mit Sitz im Berliner Zeughaus als zentrales Geschichtsmuseum der DDR gegr\u00fcndet. Im Zuge der Deutschen Einheit wurde es jedoch aufgel\u00f6st und die Best\u00e4nde dem seit 1987 bestehenden Deutschen Historischen Museum \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Besonders in der Anfangsphase in den 1950er-Jahren wurden dem MfDG zahlreiche Objekte durch staatliche Institutionen der DDR \u00fcbergeben oder \u00fcbereignet. Zu einem gro\u00dfen Teil stammen die Objekte aus Enteignungen von Schloss- und Gutsbesitzern, sogenannten \u201eSchlossbergungen\u201c, die im Rahmen der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) ab Mitte der 1940er-Jahre durchgef\u00fchrt wurden.<\/p>\n<p>Naheliegend war daher die Frage, ob das gesuchte Gem\u00e4lde aus diesem Bodenreform-Kontext stammte. Ein anderes Bild aus dem Altenburger Schloss, zu dem \u2013\u00a0im Gegensatz zum \u201ePrinzenraub\u201c \u2013 ein weiterer Vorbesitzer in der Datenbank vermerkt war, erbrachte neue Recherchewege. Die neue Spur f\u00fchrte ins Schloss \u201eFr\u00f6hliche Wiederkunft\u201c im th\u00fcringischen Wolfersdorf. Die Pr\u00fcfung der Datenbank und der Inventarb\u00fccher auf die Provenienz \u201eWolfersdorf\u201c zeigte weitere zwischen 1955 und 1965 inventarisierte Objekte auf. Erw\u00e4hnenswert sind hier vor allem vier gro\u00dfe Tafelgem\u00e4lde des 17. Jahrhunderts, die das Leben des s\u00e4chsischen Kurf\u00fcrsten Johann Friedrich I. (1503-1554) abbilden<sup><a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">2<\/a><\/sup> und die bereits 1955 inventarisiert wurden, drei Jahre vor dem \u201ePrinzenraub\u201c. Da diese Objekte auf eine noch ungekl\u00e4rte Weise zusammen zu geh\u00f6ren schienen, entschlossen wir uns f\u00fcr weitere Archivrecherchen.<\/p>\n<div id=\"attachment_3757\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3757\" class=\"wp-image-3757 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/K1000324.jpg\" alt=\"Das Leben des Kurf\u00fcrsten Johann Friedrich von Sachsen: Jugend, Heirat und Regierungsantritt Johann Friedrichs des Gro\u00dfm\u00fctigen, \u00d6l auf Holz, 1601\/1630, 146 x 259,5 cm \u00a9 DHM\" width=\"1000\" height=\"554\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/K1000324.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/K1000324-300x166.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/K1000324-768x425.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-3757\" class=\"wp-caption-text\">Das Leben des Kurf\u00fcrsten Johann Friedrich von Sachsen: Jugend, Heirat und Regierungsantritt Johann Friedrichs des Gro\u00dfm\u00fctigen, \u00d6l auf Holz, 1601\/1630, 146 x 259,5 cm \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<h3>Ernst II. von Sachsen-Altenburg und das Schloss \u201eZur Fr\u00f6hlichen Wiederkunft\u201c<\/h3>\n<p>Das Bindeglied zwischen den Schl\u00f6ssern in Altenburg und Wolfersdorf ist Ernst II. von Sachsen-Altenburg (1871-1955). Er war von 1908 bis zu seiner Abdankung 1918 regierender Herzog von Sachsen-Altenburg. Sowohl das Residenzschloss in Altenburg als auch das Schloss \u201eFr\u00f6hliche Wiederkunft\u201c in Wolfersdorf geh\u00f6rten zu seinen Besitzungen. Das Wolfersdorfer Schloss wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zusammen mit dem restlichen Eigentum Ernsts, das seit 1943 in einer von ihm gegr\u00fcndeten Kulturstiftung konzentriert war, durch die Bodenreform in der SBZ erfasst und enteignet. Doch Ernst II. selbst hatte ein sehr gutes Verh\u00e4ltnis zur Sowjetischen Milit\u00e4radministration (SMAD), das ihm lebenslanges Wohnrecht im Schloss \u201eFr\u00f6hliche Wiederkunft\u201c sicherte \u2013 ein Sonderfall auf dem Gebiet der SBZ &#8211; und wovon er bis zu seinem Lebensende im M\u00e4rz 1955 Gebrauch machte.<sup><a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">3<\/a><\/sup> Sein noch verbliebener Besitz ging in Staatseigentum \u00fcber.<\/p>\n<p>Nach dem Tod Ernsts II. \u00fcbernahm der Rat des Bezirks Gera die Verwaltung des Schlosses. Durch die geplante Einrichtung eines Jugendwerkhofes im Schloss wurde die R\u00e4umung des Geb\u00e4udes schnell vorangetrieben. Die verbliebenen Besitzt\u00fcmer Ernsts II. verteilte der Rat des Kreises Stadtroda an regionale Museen. Auf Vermittlung des Ministeriums f\u00fcr Kultur sicherte sich das MfDG Objekte aus dem Nachlass. Die \u00dcbergabe fand laut Protokoll, das nach ausdauernden Recherchen im Hausarchiv des DHM schlie\u00dflich gefunden wurde, am 19. Juli 1955 statt.<sup><a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">4<\/a><\/sup><\/p>\n<div id=\"attachment_3764\" style=\"width: 728px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3764\" class=\"wp-image-3764 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Unbenannt-1-1.jpg\" alt=\"Ausschnitt des \u00dcbergabeprotokolls mit Auflistung der \u00fcbergebenen Objekte aus dem Schloss \u201eFr\u00f6hliche Wiederkunft\u201c an das Museum f\u00fcr Deutsche Geschichte vom 19. Juli 1955 (DHM-HArch MfDG\/Rot\/29).\" width=\"718\" height=\"281\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Unbenannt-1-1.jpg 718w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Unbenannt-1-1-300x117.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 718px) 100vw, 718px\" \/><p id=\"caption-attachment-3764\" class=\"wp-caption-text\">Ausschnitt des \u00dcbergabeprotokolls mit Auflistung der \u00fcbergebenen Objekte aus dem Schloss \u201eFr\u00f6hliche Wiederkunft\u201c an das Museum f\u00fcr Deutsche Geschichte vom 19. Juli 1955 (DHM-HArch MfDG\/Rot\/29).<\/p><\/div>\n<p>Auf dieser Liste ist nicht nur das Gem\u00e4lde mit dem \u201eAltenburger Prinzenraub\u201c verzeichnet, sondern auch etwa einhundert weitere St\u00fccke. Alle genannten Objekte sind somit nach derzeitigem Erkenntnisstand auch rechtlich nachvollziehbar in die Museumssammlung aufgenommen worden. Anhand dieses Recherchefalls zeigt sich, dass die Provenienzrecherche zu einem Einzelobjekt viele weitere, zuvor \u201eunverd\u00e4chtige\u201c Objekte in einen neuen Kontext stellen und damit neue \u201eProbleme\u201c generieren, aber eben auch deren Herkunft und Erwerbungsumst\u00e4nde kl\u00e4ren kann.<\/p>\n<h3>Verweise<\/h3>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">1<\/a> Der K\u00fcnstler des Bildes ist unbekannt. Der Entstehungszeitraum liegt zwischen 1525 und 1550. Zu sehen ist das Gem\u00e4lde in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">2<\/a> Die vier gro\u00dfformatigen Tafelgem\u00e4lde entstanden vermutlich zwischen 1620 und 1650. Der K\u00fcnstler ist unbekannt. Die Bilder sind heute in der Dauerausstellung des DHM zu sehen.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">3<\/a> S. hierzu: Weigelt, Sylvia: Das Wasserschloss \u201eZur Fr\u00f6hlichen Wiederkunft\u201c in Wolfersdorf. Wolfersdorf 2014.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">4<\/a> Das Protokoll findet sich im DHM-Hausarchiv: DHM-HArch MfDG\/Rot\/29.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Die Spitze des Eisbergs. Das Museum f\u00fcr Deutsche Geschichte und das Schloss \u201eZur Fr\u00f6hlichen Wiederkunft\u201c<span><\/h2>\n<p>Die Redewendung von der \u201eSpitze des Eisbergs\u201c besagt, dass von einem Problem bzw. einem Sachzusammenhang nur ein sehr kleiner Teil erkennbar ist und augenf\u00e4llig wird. Der viel gr\u00f6\u00dfere Teil des Eisbergs \u2013 oder des Problems \u2013 bleibt zun\u00e4chst verborgen. In diesem dritten Beitrag unserer Serie anl\u00e4sslich des Tags der Provenienzforschung schildert Christopher J\u00fctte anhand seiner Recherchen, dass es Provenienzforschende h\u00e4ufig mit solchen \u201eEisbergen\u201c zu tun haben. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3749,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1983,1183,1460,1976],"class_list":["post-3747","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-inside-dhm","tag-mfdg","tag-provenienz","tag-provenienzforschung","tag-tag-der-provenienzforschung"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3747","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3747"}],"version-history":[{"count":6,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3747\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3766,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3747\/revisions\/3766"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3749"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3747"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3747"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3747"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}