
{"id":3774,"date":"2020-04-21T14:16:05","date_gmt":"2020-04-21T12:16:05","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=3774"},"modified":"2020-04-23T12:25:25","modified_gmt":"2020-04-23T10:25:25","slug":"versteigert-verkauft-verwertet","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2020\/04\/21\/versteigert-verkauft-verwertet\/","title":{"rendered":"Versteigert, verkauft, verwertet"},"content":{"rendered":"<h1>Versteigert, verkauft, verwertet<\/h1>\n<h2>Die Liquidation j\u00fcdischen Eigentums<\/h2>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Dr. Heike Krokowski | 21. April 2020<\/span><\/p>\n<p><strong>Initiiert vom Arbeitskreis f\u00fcr Provenienzforschung findet einmal j\u00e4hrlich im April der <a href=\"https:\/\/www.arbeitskreis-provenienzforschung.org\/index.php?id=tag-der-provenienzforschung-1&amp;lang=de\" target=\"_blank\">Tag der Provenienzforschung<\/a> statt. An diesem Tag stellen Museen ihre aktuellen Forschungsans\u00e4tze und Fragestellungen vor. F\u00fcr den DHM-Blog beleuchten die Provenienzforscherinnen und Provenienzforscher des Hauses ihre meist detektivische Suche nach der Herkunft und den urspr\u00fcnglichen Besitzerinnen oder Besitzern der Objekte. In diesem <a href=\"\/blog\/tag\/Tag-der-Provenienzforschung\/\" target=\"_blank\">letzten Beitrag<\/a> schildert Dr. Heike Krokowski die Herausforderung, die Herkunft klassischer Alltagsgegenst\u00e4nde zu ermitteln, die bei Auktionen von j\u00fcdischem Besitz vom NS-Staat \u201everwertet\u201c, also zu Geld gemacht wurden.<\/strong><\/p>\n<p>Seit einigen Jahren ist die Provenienzforschung zu NS-Raubgut, also Gegenst\u00e4nden, die ihren fr\u00fcheren Besitzern im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Verfolgung auf unterschiedlichen Wegen enteignet wurden, ein medial stark beachtetes Thema. Zahlreiche Museen in Deutschland haben in den vergangenen Jahren Teile ihrer Sammlungen hinsichtlich solcher Objekte untersucht. Meistens werden zun\u00e4chst einzelne Objektgruppen, wegen ihrer Einzigartigkeit vorrangig Kunstwerke, nach Hinweisen auf m\u00f6gliche Enteignungsvorg\u00e4nge \u2013 Erwerbsquellen, Besitzervermerke oder fr\u00fchere Besitzerwechsel \u2013 gepr\u00fcft. Nur f\u00fcr einen sehr kleinen Prozentsatz l\u00e4sst sich aber nach wissenschaftlichen Kriterien nachweisen, dass es sich bei einem Kunstwerk oder kulturhistorischen Objekt tats\u00e4chlich um Raubgut handelt. Das \u00fcberrascht und irritiert, besonders wenn man die Aufmerksamkeit bedenkt, die einzelne Restitutionen von renommierten Museen in den letzten Jahren erhielten.<\/p>\n<h3>Wo k\u00f6nnte also all der Besitz von ehemals Verfolgten geblieben sein?<\/h3>\n<p>Fast eine halbe Million Menschen j\u00fcdischer Herkunft lebten um 1933 in Deutschland. Sie wurden entrechtet, vertrieben, deportiert und ermordet; ihre Habe wurde vom nationalsozialistischen Staat \u201everwertet\u201c &#8211; zu Geld gemacht. Wer war beteiligt, wer hatte davon einen Nutzen? Und kann man solchen Gegenst\u00e4nden heute noch auf die Spur kommen?<\/p>\n<p>Als j\u00fcdische Menschen aus Verzweiflung Deutschland verlie\u00dfen und in die Emigration gingen, konnten sie meist nur den geringsten Teil ihrer Habe mitnehmen. Viele Wohnungseinrichtungen, einfacher Hausrat, M\u00f6bel und Kleidung, aber zum Teil auch Antiquit\u00e4ten, Kunstwerke oder ganze Bibliotheken mussten zur\u00fcckbleiben. Ab 1939 waren die meisten B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger j\u00fcdischer Herkunft gezwungen, ihre Wohnungen und H\u00e4user aufzugeben, weil ihnen nur ein sehr begrenzter Raum zum Leben zugestanden wurde. Ihre Einrichtungen und ihre Habe waren nun \u201e\u00fcberz\u00e4hlig\u201c. Mit den gro\u00dfen Deportationswellen ab 1941 blieb auch deren Besitz zur\u00fcck. All dieses Eigentum fiel an den nationalsozialistischen Staat, der es verwertete und die Erl\u00f6se den Staatsfinanzen zuf\u00fchrte. Die Versteigerungen, die die Finanzbeh\u00f6rden zu diesem Zweck durchf\u00fchren lie\u00dfen, fanden in aller \u00d6ffentlichkeit statt \u2013 in Gastst\u00e4tten, Turnhallen oder auf offener Stra\u00dfe. Gekauft haben bei diesen Gelegenheiten ganz \u201enormale\u201c Menschen, nicht nur Parteifunktion\u00e4re oder hartgesottene Nationalsozialisten, sondern Nachbarinnen und Nachbarn, Kolleginnen und Kollegen und Bekannte der ehemaligen Besitzerinnen und Besitzer. Zu Beginn der 1940er Jahre waren diese Versteigerungen fast allt\u00e4glich, sie waren ein \u201eEvent\u201c, eine Abwechslung von dem immer beschwerlicher werdenden Kriegsalltag. Die Bev\u00f6lkerung nahm regen Anteil und sah die Gelegenheit f\u00fcr \u201eSchn\u00e4ppchenk\u00e4ufe\u201c. Zum Teil wurden die Versteigerungen in gro\u00dfen Lagerhallen durchgef\u00fchrt und in der \u00f6rtlichen Zeitung annonciert, h\u00e4ufig mit dem Hinweis, dass das Versteigerungsgut aus \u201enichtarischem\u201c Besitz stamme. Oft wurden diese Auktionen aber auch direkt in der Wohnung des fr\u00fcheren Besitzers oder vor dem Haus durchgef\u00fchrt. In beiden F\u00e4llen wussten die K\u00e4uferinnen und K\u00e4ufer, woher die Tischdecke, der Anzug oder das Nachttischchen stammten, das sie erwarben.<\/p>\n<p>So gelangten ungez\u00e4hlte M\u00f6bel, Geschirrteile, Kleidungs- und W\u00e4schest\u00fccke, aber auch Kunstgegenst\u00e4nde in die deutschen Haushalte. Die Erl\u00f6se erhielten nicht die ehemaligen Besitzerinnen und Besitzer, sondern die Staatskasse. Bis heute sind von diesen Einrichtungs- und Alltagsgegenst\u00e4nden vermutlich zahllose in privatem Besitz \u2013 vielleicht in Gebrauch oder verstaut und vergraben unter den Besitzt\u00fcmern von zwei oder drei Generationen auf Dachb\u00f6den und in Hauskellern. Vieles wird aber l\u00e4ngst im Sperrm\u00fcll oder auf der Deponie entsorgt worden sein.<\/p>\n<div id=\"attachment_3779\" style=\"width: 966px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3779\" class=\"wp-image-3779 size-large\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Abb.1-1024x768.jpg\" alt=\"Kommode (R\u00fcckseite) mit Aufschrift und Transportaufkleber \u00a9 DHM\" width=\"956\" height=\"717\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Abb.1-1024x768.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Abb.1-300x225.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Abb.1-768x576.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Abb.1.jpg 1629w\" sizes=\"auto, (max-width: 956px) 100vw, 956px\" \/><p id=\"caption-attachment-3779\" class=\"wp-caption-text\">Kommode (R\u00fcckseite) mit Aufschrift und Transportaufkleber \u00a9 Privat<\/p><\/div>\n<p>Im Dokumentarfilm \u201eDie Versteigerer \u2013 Profiteure des Holocaust\u201c von Jan Lorenzen und Michael Sch\u00f6nherr sagt der Sozialwissenschaftler Thomas Ahbe:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><em><strong>\u201eWir m\u00fcssen von dem Szenario ausgehen, dass im Besitz unserer Gro\u00dfeltern und Eltern sich immer noch Gegenst\u00e4nde befinden, die einst bei der Verfolgung der Juden diesen abgepresst worden sind.\u201c<\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<h3>Und die Museen? K\u00f6nnten sich Kunstwerke, Kulturobjekte, Musikinstrumente oder auch M\u00f6bel aus solchen Verwertungsaktionen auch in den Museumssammlungen befinden?<\/h3>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen sie dort auch sein. Sie k\u00f6nnten \u00fcber Privatank\u00e4ufe oder auf dem Umweg \u00fcber Antiquit\u00e4tenh\u00e4ndler in \u00f6ffentliche Sammlungen gelangt sein. Doch anders als bei singul\u00e4ren Kunstwerken wie Gem\u00e4lden, die oft durch Aufkleber, Aufschriften oder Auktionskataloge einwandfrei zu identifizieren sind, f\u00e4llt dies bei Besteckteilen, Kinderj\u00e4ckchen oder Spielzeugen ausgesprochen schwer. F\u00fcr diese Art von Gegenst\u00e4nden gab es keine Auktions- oder Ausstellungskataloge, die man durchsuchen k\u00f6nnte. Und meist weisen sie auch keine Besitzermerkmale auf. So ist es fast unm\u00f6glich, z.B. eine Kittelsch\u00fcrze oder ein M\u00f6belst\u00fcck einem fr\u00fcheren Besitzer zuzuordnen \u2013 wenn dem Kleidungsst\u00fcck nicht zuf\u00e4lligerweise ein Namensschild eingen\u00e4ht worden ist oder eine Kommode einen Transportaufkleber tr\u00e4gt.<\/p>\n<div id=\"attachment_3780\" style=\"width: 966px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3780\" class=\"wp-image-3780 size-large\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Abb.2-1024x768.jpg\" alt=\"Kommode (R\u00fcckseite) mit Aufschrift und Transportaufkleber \u00a9 DHM\" width=\"956\" height=\"717\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Abb.2-1024x768.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Abb.2-300x225.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Abb.2-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 956px) 100vw, 956px\" \/><p id=\"caption-attachment-3780\" class=\"wp-caption-text\">Kommode (R\u00fcckseite) mit Transportaufkleber (Detail) \u00a9 Privat<\/p><\/div>\n<p>Was k\u00f6nnen kulturhistorische Museen tun, um Sammlungsobjekte solcher Herkunft nicht zu \u00fcbersehen? Museen m\u00fcssen ihre Objekte genau anschauen und \u00fcberpr\u00fcfen, woher sie erworben wurden. Je aufmerksamer die Menschen daf\u00fcr sind, die mit den Objekten in einem Museum arbeiten, desto eher k\u00f6nnen wom\u00f6glich Hinweise auf fr\u00fchere Besitzer entdeckt werden. Und dann f\u00e4ngt die schwierige und manchmal sehr zeitaufwendige Recherche an, um festzustellen, ob die Tasse, das Steckenpferd oder der Sessel geraubt worden sein k\u00f6nnten \u2013 oder nicht.<\/p>\n<h3>Quellen<\/h3>\n<p>Wolfgang Dre\u00dfen: Aktion 3. Deutsche verwerten j\u00fcdische Nachbarn, Berlin 1998.<\/p>\n<p>Bettina Leder-Hindemith\/Susanne Meinl: Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Auspl\u00fcnderung der Juden in Hessen 1933 \u2013 1945, Ausstellungskatalog, o.O. (Frankfurt\/M.) 2005.<\/p>\n<p>Susanne Meinl\/Jutta Zwilling: Legalisierter Raub. Die Auspl\u00fcnderung der Juden im Nationalsozialismus durch die Reichsfinanzverwaltung in Hessen, Frankfurt\/New York 2004.<\/p>\n<p>\u201eDie Versteigerer \u2013 Profiteure des Holocaust\u201c, Dokumentarfilm von Jan Lorenzen und Michael Sch\u00f6nherr, Koproduktion MDR\/NDR\/Hofrichter &amp; Jacobs GmbH, Berlin 2018.<\/p>\n<p>\u201eMariannes Heimkehr. Die J\u00fcdin, der Beamte und das Dorf\u201c, Dokumentarfilm von Gert Monheim und Stefan R\u00f6ttger, WDR 2003.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Versteigert, verkauft, verwertet. Die Liquidation j\u00fcdischen Eigentums<span><\/h2>\n<p>Initiiert vom Arbeitskreis f\u00fcr Provenienzforschung findet einmal j\u00e4hrlich im April der Tag der Provenienzforschung statt. An diesem Tag stellen Museen ihre aktuellen Forschungsans\u00e4tze und Fragestellungen vor. F\u00fcr den DHM-Blog beleuchten die Provenienzforscherinnen und Provenienzforscher des Hauses ihre meist detektivische Suche nach der Herkunft und den urspr\u00fcnglichen Besitzerinnen oder Besitzern der Objekte. In diesem letzten Beitrag schildert Dr. Heike Krokowski die Herausforderung, die Herkunft klassischer Alltagsgegenst\u00e4nde zu ermitteln, die bei Auktionen von j\u00fcdischem Besitz vom NS-Staat \u201everwertet\u201c, also zu Geld gemacht wurden.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3775,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[818,677,1183,1460,1976],"class_list":["post-3774","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-inside-dhm","tag-juedische-geschichte","tag-nationalsozialismus","tag-provenienz","tag-provenienzforschung","tag-tag-der-provenienzforschung"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3774","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3774"}],"version-history":[{"count":5,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3774\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3790,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3774\/revisions\/3790"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3775"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3774"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3774"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3774"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}