
{"id":390,"date":"2016-12-07T17:01:33","date_gmt":"2016-12-07T16:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/dhm.web11.server10.lombego.de\/?p=390"},"modified":"2020-12-10T13:18:22","modified_gmt":"2020-12-10T12:18:22","slug":"der-kniefall-von-warschau-die-grosse-geste-von-willy-brandt","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2016\/12\/07\/der-kniefall-von-warschau-die-grosse-geste-von-willy-brandt\/","title":{"rendered":"Der Kniefall von Warschau: Die gro\u00dfe Geste von Willy Brandt"},"content":{"rendered":"<div class=\"title-block\">\n<h1 class=\"fs28\">DER KNIEFALL VON WARSCHAU: DIE GROSSE GESTE VON WILLY BRANDT<\/h1>\n<\/div>\n<div class=\"body-text fs12\">\n<p><b>Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges f\u00fchren die Bundesrepublik Deutschland und Polen keine diplomatischen Beziehungen. 1970 reist Bundeskanzler Willy Brandt nach Warschau und entscheidet sich f\u00fcr eine besondere Geste: Vor dem Ehrenmal f\u00fcr die Helden des Ghettos geht er auf die Knie \u2013 und bittet so um Vergebung f\u00fcr die Verbrechen der NS-Zeit. Wir erinnern an den bewegenden Moment, mit dem der Bundeskanzler seiner Ostpolitik vor 46 Jahren ein Denkmal setzte.<\/b><\/p>\n<p>Als <a class=\"textlink external\" href=\"http:\/\/www.hdg.de\/lemo\/biografie\/willy-brandt.html\" target=\"_blank\">Willy Brandt<\/a> am 7. Dezember 1970 zum Ehrenmal f\u00fcr die Helden des Ghettos schreitet, k\u00f6nnte das graue und frostige Wetter nicht besser zur Stimmung passen. Zwar will der deutsche Kanzler noch heute den Warschauer Vertrag und somit die Anerkennung der polnischen Westgrenze durch die Bundesrepublik unterschreiben. Doch trotz der angestrebten Entspannungspolitik sprechen die Delegationen beider L\u00e4nder nur \u00fcber das Allern\u00f6tigste. Zu erdr\u00fcckend sind die polnischen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, zu pr\u00e4sent die brutale Unterdr\u00fcckung und die Gr\u00e4ueltaten der Deutschen.<\/p>\n<h2>UNVERMITTELT UND EHRLICH: BRANDTS GESTE DER DEMUT<\/h2>\n<p>Umgeben von Politikern, Journalisten und Fotografen n\u00e4hert sich Brandt an diesem d\u00fcsteren Tag dem Mahnmal im Herzen Warschaus. Er zieht die Schleife des mit wei\u00dfen Nelken geschm\u00fcckten Trauerkranzes zurecht und tritt einige Schritte zur\u00fcck. W\u00e4hrend er mit versteinerter Miene den Kranz fixiert, geschieht es: Willy Brandt, fast 57 Jahre alt und erster SPD-Kanzler in der Geschichte der Bundesrepublik, <a class=\"textlink internal\" href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/bestand\/objekt\/willy-brandt-vor-dem-ehrenmal-des-warschauer-ghettos1970.html\" target=\"_blank\">f\u00e4llt auf die Knie<\/a>. Dies passiert so unvermittelt, wirkt so echt und ehrlich ber\u00fchrt, dass die Menschen schlagartig verstummen und einzig die im Sekundentakt klickenden Ausl\u00f6ser der Kameras die Stille durchbrechen. Rund drei\u00dfig Sekunden harrt Brandt kniend aus, eine Zeit, die aufgrund der ungeheuren Demut der Geste wie eine Ewigkeit erscheint. Als der Kanzler sich erhebt, hat er Geschichte geschrieben. Von diesem Tag an wird die Nachwelt vom Kniefall von Warschau sprechen.<\/p>\n<h2>BRANDT, DER NS-GEGNER<\/h2>\n<p>Vielleicht brauchte es jemanden wie Willy Brandt, um sich f\u00fcr das Unvorstellbare, das Unsagbare zu entschuldigen. Denn an den Verbrechen, f\u00fcr die der 1913 geborene Brandt soeben um Vergebung gebeten hat, tr\u00e4gt er selbst keine Schuld. Schon im April 1933, kurz nach der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten, hatte der \u00fcberzeugte Gegner des neuen Regimes seine Heimatstadt L\u00fcbeck verlassen, um in Norwegen einen Auslandsst\u00fctzpunkt der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands aufzubauen. 1936 weilte er mehrere Wochen als Spion in Berlin, arbeitete im Folgejahr als Kriegsberichterstatter im spanischen B\u00fcrgerkrieg. Nach dem \u00dcberfall des Deutschen Reichs auf Norwegen fl\u00fcchtete er 1940 nach Schweden, wo er f\u00fcr einen Internationalen Kreis von Sozialisten arbeitete. Erst 1945, nachdem die Alliierten dem Furor der Nazi-Herrschaft ein Ende bereitet hatten, kehrte er in sein Heimatland zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Als Brandt 24 Jahre sp\u00e4ter <a class=\"textlink internal\" href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/bestand\/objekt\/wahlsieger-willy-brandt1958.html\" target=\"_blank\">die Wahl<\/a> gegen seinen Amtsvorg\u00e4nger \u2013 das ehemalige NSDAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger \u2013 gewinnt, zieht mit ihm auch ein anderes, ein neues Deutschland ins Bonner Palais Schaumburg ein. Brandt m\u00f6chte die deutsche Politik mit seiner sozialliberalen Koalition grundlegend ver\u00e4ndern \u2013 und scheut dabei auch vor heiklen Themen nicht zur\u00fcck.<\/p>\n<h2>DEUTSCHLAND RICHTET SEINE OSTPOLITIK NEU AUS<\/h2>\n<p>Ein zentraler Punkt auf der Agenda von Brandts Kabinett ist die Neuausrichtung der deutschen Ostpolitik, die Entspannung gegen\u00fcber Moskau und weiteren Staaten des Warschauer Pakts vorsieht. Besonders kompliziert sind dabei die Beziehungen zu Polen. Nicht nur hat kein anderer Staat so sehr unter der Brutalit\u00e4t des NS-Regimes gelitten. Auch die erzwungenen deutschen Gebietsabtretungen nach dem Kriege sind nach wie vor ein gro\u00dfes Reizthema in beiden L\u00e4ndern. Brandts Vorg\u00e4nger, allesamt CDU-Politiker, hatten Polen in ihrer Au\u00dfenpolitik deshalb au\u00dfen vor gelassen. Auch die Zugeh\u00f6rigkeit des Staates zum sogenannten Ostblock machte diplomatische Beziehungen f\u00fcr die Konservativen unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Nun kommt Brandt nach Warschau, bittet kniend um Vergebung und akzeptiert den endg\u00fcltigen Verlust der Ostgebiete. In Teilen der Bundesrepublik st\u00f6\u00dft dies auf Ablehnung. Besonders bei den Vertriebenen und der CDU\/CSU, die weiterhin an einer R\u00fcckgewinnung des Territoriums jenseits von Oder und Nei\u00dfe festhalten, herrscht Emp\u00f6rung \u00fcber das Verhalten Brandts. Der Bundeskanzler hingegen gibt staatsm\u00e4nnisch zu Protokoll: &#8222;Mit diesem Vertrag geht nichts verloren, was nicht l\u00e4ngst verspielt worden war.&#8220;<\/p>\n<h2>DIE OPPOSITION EMP\u00d6RT, DIE DEUTSCHEN KRITISCH \u2013 DIE WELT BEGEISTERT<\/h2>\n<p>Viele Bundesb\u00fcrger bleiben dennoch kritisch: Als der Brandt gegen\u00fcber tendenziell wohlwollende SPIEGEL seine Leser kurz nach dem Ereignis fragt, ob der Bundeskanzler h\u00e4tte knien d\u00fcrfen, antworten nur 41 Prozent mit &#8222;Ja&#8220;. 48 Prozent lehnen die Geste ab. Anders die Reaktionen in der westlichen Presse: Das einflussreiche US-Magazin Time etwa erkl\u00e4rt den deutschen Bundeskanzler nach seinem Kniefall kurzerhand zum &#8222;Man of the year&#8220;. Sp\u00e4testens als man ihm ein Jahr sp\u00e4ter in Stockholm den <a class=\"textlink external\" href=\"http:\/\/www.hdg.de\/lemo\/bestand\/objekt\/druckgut-friedensnobelpreis-brandt\" target=\"_blank\">Friedensnobelpreis<\/a> verleiht, wird deutlich: Indem er um Vergebung und Auss\u00f6hnung bat, hat Willy Brandt das Bild Deutschlands in der Welt nachhaltig ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Dies hinderte die CDU\/CSU-Opposition nicht daran, im Bonner Parlament weiter vehement Stimmung gegen die sozialliberale Ostpolitik zu machen. Sie kritisierte den Warschauer Vertrag bei seiner Unterzeichnung als &#8222;Ausverkauf deutscher Interessen&#8220; und bef\u00fcrchtete, mit dem Vertrag w\u00fcrde nicht nur die Oder-Nei\u00dfe-Grenze als Grenzverlauf, sondern auch die DDR als zweiter deutscher Staat anerkannt. Auch argumentierte sie, die Bundesrepublik sei vor Abschluss eines Friedensvertrages mit den Siegerm\u00e4chten gar nicht berechtigt, auf Gebiete \u00f6stlich der Oder-Nei\u00dfe-Grenze zu verzichten. Nach einer der erbittertsten politischen Auseinandersetzungen, die in der Geschichte der &#8222;alten&#8220; Bundesrepublik Deutschland zwischen Regierung und parlamentarischer Opposition zu verzeichnen waren, wurde der Vertrag erst im Mai 1972, eineinhalb Jahre nach Brandts Kniefall, ratifiziert. Die Bundesrepublik erkannte die Oder-Nei\u00dfe Grenze damit zun\u00e4chst ohne endg\u00fcltige Friedensregelung an.<\/p>\n<p>Auch das Verh\u00e4ltnis zu Polen blieb trotz der gegl\u00fcckten Aufnahme diplomatischer Beziehungen nicht einfach. Themen wie die Entsch\u00e4digung polnischer NS-Opfer bargen eine hohe Brisanz. Der Ost-West-Konflikt und die Zugeh\u00f6rigkeit der beiden Staaten zu unterschiedlichen Machtbl\u00f6cken waren ein weitere Grund f\u00fcr die Komplexit\u00e4t der Beziehungen. Doch dank Willy Brandt war ein erster Schritt gemacht.<\/p>\n<h2>WILLY BRANDTS KNIEFALL: SYMBOLBILD DES 20. JAHRHUNDERTS<\/h2>\n<p>Bis heute ranken sich Diskussionen um die Frage, ob der Kniefall des Kanzlers eine spontane Idee war oder bereits im Vorfeld von diesem geplant worden sei. Beobachter der Szene wie der damalige Au\u00dfenminister und sp\u00e4tere Bundespr\u00e4sident Walter Scheel oder der Publizist Hansjakob Stehle waren sich jedoch sicher: Der Bundeskanzler hatte aus einem spontanen Gef\u00fchl heraus gehandelt. Brandt selbst bekr\u00e4ftigte dies in seinen 1989 erschienenen Memoiren. In diesen legte der Altkanzler auch dar, was ihn zu seiner Geste bewogen hatte: &#8222;Am Abgrund der deutschen Geschichte und der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.&#8220; Mit seinem Kniefall hat Willy Brandt der Welt ein friedliches Deutschland vor Augen gef\u00fchrt \u2013 und ihr gleichzeitig ein Symbolbild des 20. Jahrhunderts geschenkt.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h1>DER KNIEFALL VON WARSCHAU: DIE GROSSE GESTE VON WILLY BRANDT<\/h1>\n<p>Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges f\u00fchren die Bundesrepublik Deutschland und Polen keine diplomatischen Beziehungen. 1970 reist Bundeskanzler Willy Brandt nach Warschau und entscheidet sich f\u00fcr eine besondere Geste: Vor dem Ehrenmal f\u00fcr die Helden des Ghettos geht er auf die Knie \u2013 und bittet so um Vergebung f\u00fcr die Verbrechen der NS-Zeit. 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