
{"id":397,"date":"2016-12-05T17:06:48","date_gmt":"2016-12-05T16:06:48","guid":{"rendered":"http:\/\/dhm.web11.server10.lombego.de\/?p=397"},"modified":"2016-12-12T14:37:04","modified_gmt":"2016-12-12T13:37:04","slug":"das-jahr-ohne-sommer","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2016\/12\/05\/das-jahr-ohne-sommer\/","title":{"rendered":"Das Jahr ohne Sommer: wie Europa im Klimachaos versank"},"content":{"rendered":"<div class=\"title-block\">\n<h1 class=\"fs28\">DAS JAHR OHNE SOMMER: WIE EUROPA IM KLIMACHAOS VERSANK<\/h1>\n<\/div>\n<div class=\"body-text fs12\">\n<p><b>Wir schreiben das Jahr 1816. Nach den gewaltigen Kriegen und Umw\u00e4lzungen der napoleonischen Zeit sehnen sich die Menschen in Europa nach Stabilit\u00e4t. Es kommt anders: Der alte Kontinent erlebt eine <a class=\"textlink internal\" href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/vormaerz-und-revolution\/alltagsleben\/die-hungersnot-181617.html\" target=\"_blank\">Hungersnot<\/a> l\u00e4ngst vergessenen Ausma\u00dfes, soziale Verwerfungen, Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me. Schuld ist eine Klimakatastrophe, die Zeitgenossen vor ein R\u00e4tsel stellt. Die s\u00fcdwestdeutschen Gebiete trifft das &#8222;Jahr ohne Sommer&#8220; besonders schwer.<\/b><\/p>\n<p>Ein monotones Donnern zieht \u00fcber Oberschwaben auf, wiederholt sich im Crescendo, t\u00fcrmt sich rhythmisch hallend zu einer Schallwand auf. Innerhalb von Augenblicken verschwindet auch der letzte Funken Licht am Himmel, dann senden schwarze Wolken sintflutartige Regenf\u00e4lle, schlie\u00dflich Eisregen auf den hoffnungslos durchgeweichten Erdboden hinab. Blitzzacken, den Himmel zerschneidend wie glitzernde Speere, machen das verh\u00e4ngnisvolle Naturspektakel vollkommen.<\/p>\n<h2>KATASTROPHE BIBLISCHEN AUSMASSES<\/h2>\n<p>Erst knappe vier Monate ist das Jahr 1816 alt und schon jetzt droht es f\u00fcr die Einwohner Oberschwabens ein Katastrophenjahr biblischen Ausma\u00dfes zu werden. Seit Wochen ziehen schwere Unwetter \u00fcber das Land, die Temperaturen bewegen sich kaum \u00fcber dem Gefrierpunkt. Noch w\u00e4re die Ernte wenigstens halbwegs zu retten, der drohende Hunger abzuwenden \u2013 wenn doch nur endlich der Fr\u00fchling kommen w\u00fcrde. Die Oberschwaben hoffen vergeblich: Erbarmungslos regnet und st\u00fcrmt es auch in den Folgemonaten weiter, auf der Schw\u00e4bischen Alb f\u00e4llt im Juli sogar Schnee. Die Ernte, das wird sp\u00e4testens jetzt deutlich, wird fast vollst\u00e4ndig ausfallen. Die Folgen sind fatal, nicht nur f\u00fcr die Gegend am Rande der Alpen, sondern f\u00fcr ganz Mittel- und Westeuropa.<\/p>\n<p>Die s\u00fcddeutschen Staaten jedoch \u2013 vor allem das K\u00f6nigreich W\u00fcrttemberg, dessen Teil Oberschwaben ist, sowie das benachbarte Gro\u00dfherzogtum Baden \u2013 leiden besonders stark. Anders als heute geh\u00f6ren die Regionen Anfang des 19. Jahrhunderts zu den Armenh\u00e4usern Europas. Die Missernten der letzten Jahre, Napoleons Kriege sowie die Ausbeutung der L\u00e4nder unter franz\u00f6sischer Herrschaft haben Baden und W\u00fcrttemberg besonders in Mitleidenschaft gezogen. Jetzt also auch noch eine weitere, besonders schlimme Missernte, von der mit Obst, Wein und Getreide alle wichtigen Anbauprodukte betroffen sind.<\/p>\n<h2>HUNGERSNOT UND EXODUS<\/h2>\n<p>Auf den Ernteausfall folgen Hunger und Chaos: Die Getreidepreise steigen dramatisch, Vieh geht ein oder muss notgeschlachtet werden, es kommt zu Pl\u00fcnderungen. Bald bricht die Versorgung v\u00f6llig zusammen. In ihrem Dilemma versuchen die Menschen aus Stroh und Baumrinde Brot herzustellen, essen Moos und Gras. Die Anzahl der Todesf\u00e4lle schnellt in die H\u00f6he, in W\u00fcrttemberg gibt es 1816\/17 sogar mehr Tote als Neugeborene \u2013 f\u00fcr die damalige Zeit extrem ungew\u00f6hnlich. Es folgt eine massenhafte Emigration: In Scharen verlassen die Menschen den S\u00fcdwesten der heutigen Bundesrepublik, vor allem in Richtung Russland und USA. Baden und W\u00fcrttemberg stehen vor dem Exodus.<\/p>\n<p>\u00dcber den Grund f\u00fcr den folgenreichen Ausfall des Sommers herrscht derweil v\u00f6llige Unklarheit. Vor allem die Landbev\u00f6lkerung bem\u00fcht \u00fcbernat\u00fcrliche Erkl\u00e4rungsmuster, sieht in den massiven Unwettern eine g\u00f6ttliche Strafe. Dass jedoch eine Naturkatastrophe am anderen Ende der Welt Schuld am miserablen Wetter sein k\u00f6nnte, ahnt niemand. Und doch ist die gewaltige Eruption des Tambora, die sich im April 1815 auf der heute zu Indonesien geh\u00f6renden Insel Sumbawa ereignete, der Grund f\u00fcr das aktuelle Dilemma in Europa.<\/p>\n<h2>VULKANAUSBRUCH DER EXTREME<\/h2>\n<p>Die heftigen oberschw\u00e4bischen Gewitter des Fr\u00fchjahrs 1816 d\u00fcrften verglichen mit dem monumentalen Ausbruch des Tambora ein Jahr zuvor kaum mehr als ein Rascheln des Himmels gewesen sein: Als der Brite Thomas Stamford Raffles, Gouverneur des Inselreichs Java, zu dem Sumbawa damals geh\u00f6rte, den Ausbruch in seiner extremen Lautst\u00e4rke vernahm, vermutete er einen Kanonenbeschuss in unmittelbarer N\u00e4he. Dabei war Stamford Raffles zu diesem Zeitpunkt rund 800 Kilometer vom berstenden Tambora entfernt. Mehr als eine Woche verspr\u00fchte der Vulkan in Form riesiger, bis zu 43 Kilometer hoher Feuers\u00e4ulen derartige Mengen an Gestein, Magma und Gas, dass er nach dem Ausbruch um die H\u00e4lfte seiner einstigen H\u00f6he beraubt war. Heute steht fest: Seine Eruption war eine der gr\u00f6\u00dften Vulkanexplosionen der j\u00fcngsten Menschheitsgeschichte.<\/p>\n<p>Die Auswirkungen der Naturkatastrophe waren immens: Auf der Insel Sumbawa und dem nahe gelegenen Eiland Lombok starben \u00fcber 70.000 Menschen. Dar\u00fcber hinaus verursachte der Ausbruch einen Tsunami, der noch am 10. April die dichtbev\u00f6lkerte Insel Java erreichte. Gesch\u00e4tzte 100.000 Menschen verloren in den Fluten ihr Leben. Noch einmal die gleiche Zahl an Menschen starb in den anschlie\u00dfenden Monaten der Seuche in ganz S\u00fcdostasien.<\/p>\n<h2>SCHWEFELGASE ZIEHEN NACH EUROPA<\/h2>\n<p>Nicht zuletzt waren beim Ausbruch des Tambora riesige Mengen an Schwefelgasen freigesetzt worden. Diese gelangten in die Atmosph\u00e4re, verbanden sich mit Feuchtigkeit und Schwebeteilchen und zogen als sogenannte Aerosol-Wolken um den Erdball. 1816 erreichten diese die Nordhalbkugel, wo sie sich festsetzten und gro\u00dfe Mengen Sonnenlicht absorbierten. In der Folge geriet das europ\u00e4ische Wetter v\u00f6llig aus den Fugen.<\/p>\n<p>Von alledem ahnten die Badener, die W\u00fcrttemberger und die restlichen Europ\u00e4er nichts. Zwar war die Kenntnis \u00fcber den Ausbruch des Tambora durchaus in die h\u00f6heren Kreise des Kontinents vorgedrungen. Einen Zusammenhang zu dem h\u00f6chst sonderbaren Wetter in Europa stellte freilich niemand her. Ohnehin gab es dr\u00e4ngendere Probleme als die Ursachenforschung: In weiten Teilen des alten Kontinents herrschte Chaos. Die Teuerung nahm weiter zu, viele Menschen verloren Hab und Gut und sp\u00e4testens ab 1817 zogen immer gr\u00f6\u00dfere Heerscharen von Bettlern durch die St\u00e4dte. Auch der Antisemitismus flammte auf: Juden wurden als Getreide hamsternde &#8222;Kornjuden&#8220; diffamiert, 1819 kam es vielerorts sogar zu gewaltsamen Ausschreitungen gegen die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Mitunter war die gro\u00dfe Hungersnot jedoch auch Ausgangspunkt f\u00fcr Neuanf\u00e4nge. Nachdem K\u00f6nig Wilhelm I. im Oktober 1816 den w\u00fcrttembergischen Thron bestiegen hatte, setzte er eine weitreichende Professionalisierung der Landwirtschaft in Gang. Au\u00dferdem lie\u00df er eine neue Verfassung erarbeiten, reformierte die Verwaltung und baute die Staatsschulden ab. Die Folge: W\u00fcrttemberg wandelte sich unter Wilhelms Regentschaft zu einem aufstrebenden Staat.<\/p>\n<h2>DIE KUNST DER KATASTROPHE<\/h2>\n<p>Zu den wenigen Lichtblicken der Hungerjahre geh\u00f6rt ebenso, dass im Eindruck des katastrophalen Klimas mitunter gro\u00dfe Kunst entstand. So erstrahlt Caspar David Friedrichs in Greifswald gezeichnetes Meisterwerk &#8222;Ansicht eines Hafens&#8220; nur deshalb in derart faszinierenden Himmelsf\u00e4rbungen, da die Eruption des Tambora die Sonnenunterg\u00e4nge an der Ostsee tats\u00e4chlich in ein gl\u00fchend-gelbes Spektakel verwandelt hatte. Auch die Literatur ist dank der Nachwirkungen des Ausbruchs um einen Klassiker reicher: So verbrachte die Engl\u00e4nderin Mary Shelley den Sommer des Jahres 1816 in der Schweiz. Dort war das Wetter derart niederschlagend, dass sich im Geiste Shelleys eine besonders d\u00fcstere Handlung entspann \u2013 die 1818 unter dem Titel &#8222;Frankenstein&#8220; als Roman erschien. H\u00e4tten die unweit der Schweiz lebenden Oberschwaben Einblick in Shelleys schaurig-morbide Gedankenwelt gehabt, sie h\u00e4tten f\u00fcr derartige Ideen sicher vollstes Verst\u00e4ndnis gezeigt.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DAS JAHR OHNE SOMMER: WIE EUROPA IM KLIMACHAOS VERSANK Wir schreiben das Jahr 1816. Nach den gewaltigen Kriegen und Umw\u00e4lzungen der napoleonischen Zeit sehnen sich die Menschen in Europa nach Stabilit\u00e4t. Es kommt anders: Der alte Kontinent erlebt eine Hungersnot l\u00e4ngst vergessenen Ausma\u00dfes, soziale Verwerfungen, Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me. 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