
{"id":4043,"date":"2020-09-10T14:17:34","date_gmt":"2020-09-10T12:17:34","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=4043"},"modified":"2020-09-16T14:56:01","modified_gmt":"2020-09-16T12:56:01","slug":"eine-sehr-kurze-geschichte-der-politischen-oeffentlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2020\/09\/10\/eine-sehr-kurze-geschichte-der-politischen-oeffentlichkeit\/","title":{"rendered":"Eine sehr kurze Geschichte der politischen \u00d6ffentlichkeit"},"content":{"rendered":"<h1>Eine sehr kurze Geschichte der politischen \u00d6ffentlichkeit<\/h1>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Harald Welzer | 10. September 2020<\/span><\/p>\n<p><strong>Kurator Harald Welzer beschreibt zur Er\u00f6ffnung der Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/von-luther-zu-twitter.html#\/\" target=\"_blank\">\u201eVon Luther zu Twitter. Medien und politische \u00d6ffentlichkeit\u201c<\/a> eine sehr kurze Geschichte der politischen \u00d6ffentlichkeit.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>J\u00fcrgen Habermas hat die Entwicklung der \u00d6ffentlichkeit in seinem Werk \u201eStrukturwandel der \u00d6ffentlichkeit\u201c (1962) rekonstruiert und unsere moderne Form der politischen \u00d6ffentlichkeit aus der Entstehung von Marktgesellschaften hergeleitet. Die brauchen einerseits den \u00f6ffentlichen Austausch, andererseits R\u00e4ume privater Abgeschlossenheit, in denen gesch\u00e4ftliche und politische Pl\u00e4ne und Strategien entwickelt werden k\u00f6nnen. Daraus entsteht peu a peu jenes Wechselspiel von Privatheit und politischer \u00d6ffentlichkeit, wie sie bis heute in den liberalen Demokratien besteht.<\/p>\n<p>Die Entwicklung dieses Verh\u00e4ltnisses von privat und \u00f6ffentlich setzt mit der Erfindung des Buchdrucks und damit eines ersten Massenmediums an, dessen Bedeutung vor allem Martin Luther erkannte. Seine Reformationsschriften und Predigten verbreiteten sich in Windeseile. Wie der Historiker Marcel H\u00e4nggi schreibt, hatte Luther 1520 \u201ebereits 27 Schriften mit insgesamt 900 Druckseiten in einer Gesamtauflage von einer halben Million publiziert. Selbst die von Luther \u00fcbersetzte, immer noch teure Vollbibel erreichte bis zu seinem Tod 1546 eine Auflage von 200\u00a0000 Exemplaren. In den ersten acht Jahren der Reformation sollen in Deutschland drei Millionen Flugschriften im Umlauf gewesen sein.\u201c Die Reformation kann also als \u201edas erste gro\u00dfe Medienereignis der Weltgeschichte\u201c (Heinz Schilling) verstanden werden, Luther als der erste moderne Medienstar.<\/p>\n<p>In der Aufkl\u00e4rung beginnen Zeitungen und Zeitschriften eine Rolle zu spielen. Es entstehen K\u00e4mpfe um Aufmerksamkeit, und es entwickelt sich eine mediale Wirkm\u00e4chtigkeit der politischen Artikulation, die in der Franz\u00f6sischen Revolution einen ersten Kulminationspunkt erreicht. \u00d6ffentlichkeit wird umk\u00e4mpfter Raum politischer Gestaltung, die Kategorie des Massenmediums entsteht. Das Massenmedium par excellence wird der Rundfunk, aber das Radio ist zun\u00e4chst prim\u00e4r nicht Medium politischer Auseinandersetzungen, sondern Unterhaltung, Reportage, Nachricht. Erst eine gewisse Zeit nach seiner Erfindung und Einf\u00fchrung erfolgt seine Entdeckung als Formierungsmedium einer totalit\u00e4ren \u00d6ffentlichkeit. Notwendig daf\u00fcr ist die perfekte Synchronisierung von Sender und H\u00f6rer; der Volksempf\u00e4nger von Propagandaminister Goebbels der perfekte Synchronisierungsapparat der Volksgenossen.<\/p>\n<p>Neben F\u00fchrerreden, Live\u00fcbertragungen von Gro\u00dfveranstaltungen und sp\u00e4ter Kriegsberichterstattung hatte auch \u201eweiche Propaganda\u201c\u00a0 in Form von Unterhaltungssendungen und Formaten wie etwa dem Wunschkonzert insbesondere ab Mitte der 1930er eine wichtige Funktion f\u00fcr die Formierung einer exklusiven Volksgemeinschaft. Aber das Radio ist wie jedes Medium polyvalent: W\u00e4hrend die choreographierte Radiopropaganda zweifellos als formatives Medium funktioniert, k\u00f6nnen doch auch andere Nachrichten empfangen werden. Man kann zum Beispiel \u201eFeindsender\u201c h\u00f6ren und ein anderes Bild vom Kriegsverlauf gewinnen, als die Propaganda zeichnet.<\/p>\n<p>In den europ\u00e4ischen Nachkriegsgesellschaften tritt dann ein weiteres Leitmedium neben das Radio: das Fernsehen bestimmt die \u00d6ffentlichkeit in den 1960er und 1970er Jahren nachhaltig. Das bei allen sozialen Schichten unabh\u00e4ngig von Alter, Bildungsstand und politischer Orientierung beliebte Fernsehen strukturierte wie kein anderes Medium zuvor den Alltag der Menschen bis hin zur Gestaltung der Wohnzimmer und des Zeitplans der Wochenenden. Seit 1961 gibt es Samstags um 18.30 Uhr die \u201eSportschau\u201c, danach folgt die Familienshow, \u201eEiner wird gewinnen\u201c, \u201eDer goldene Schu\u00df\u201c, \u201eDalli Dalli\u201c oder \u201eW\u00fcnsch Dir was\u201c. Auch durch \u201eStra\u00dfenfeger\u201c wie mehrteilige Kriminalfilme oder spektakul\u00e4re Live-\u00dcbertragungen von Weltereignissen wie der Mondlandung wirkt das Massenmedium Fernsehen formativ und ver\u00e4ndert damit auch die politische Kultur. Eine st\u00e4rkere Personalisierung und die Inszenierung des Privaten sind Strategien, die in amerikanischen Wahlk\u00e4mpfen \u2013 besonders von John F. Kennedy &#8211; vorgepr\u00e4gt wurden und in der Bundesrepublik etwa auch f\u00fcr den Politikstil Willy Brandts eine wichtige Rolle spielten. Politische Souver\u00e4nit\u00e4t wurde nun auch \u00fcber starke visuelle Gesten vermittelt.<\/p>\n<p>Die Bildm\u00e4chtigkeit des Fernsehens konnte aber auch ganz unerwartet politische Mobilisierungen bef\u00f6rdern, wie das Beispiel der Proteste gegen den ersten in die Wohnzimmer \u00fcberspielten Krieg, den Vietnamkrieg, verdeutlicht. Strategien der Nutzung des starken visuellen Mediums werden dann von terroristischen Gruppierungen \u00fcbernommen, die es zur unbegrenzten Kommunikation von der Wirkung nach eigentlich begrenzten Anschl\u00e4gen nutzen.<\/p>\n<p>Und damit w\u00e4re man bei einer unmittelbar damit verkn\u00fcpften n\u00e4chsten medialen Formierung, n\u00e4mlich den digitalen Medien und dem Internet und den gerade im Zuge der Terrorismusbek\u00e4mpfung legimitierten ausufernden \u00dcberwachungs- und Kontrollfunktionen. Dabei sind die demokratischen Hoffnungen, die sich mit den medialen M\u00f6glichkeiten, die der Siegeszug des Personal Computers in den 1980er Jahren und das world wide web zu er\u00f6ffnen schienen, schnell entt\u00e4uscht worden.<\/p>\n<p>Erfindungen wie personalisierte Suchmaschinen, soziale Netzwerke und insbesondere das allgegenw\u00e4rtige Smartphone erm\u00f6glichen seit Mitte der 2000er Jahre ein massenhaftes Sammeln von Nutzerdaten, das die neuen pers\u00f6nlichen Einflussm\u00f6glichkeiten \u00fcberraschend z\u00fcgig in neue M\u00f6glichkeiten der \u00dcberwachung, der Verhaltensvorhersage und der Manipulation hat kippen lassen. In dieser medialen Umgebung ver\u00e4ndern sich wiederum Politikstile, am deutlichsten vielleicht dort, wo das hoch sensible und professionelle Feld der Au\u00dfenpolitik von spontanen Twittereien mehr oder weniger reflektierter Politiker ersetzt worden ist. Und die politische Landschaft wird volatiler: Online mobilisierte Bewegungen von der neuen Rechten bis hin zu Fridays for Future gewinnen neues politisches Gewicht.<\/p>\n<p>Die k\u00fcnftige Entwicklung von Medien und \u00d6ffentlichkeit ist offen; wir alle sind gegenw\u00e4rtig Teil eines rapiden Strukturwandels der \u00d6ffentlichkeit mit einstweilen offenem Ausgang. Aber die fast globale Bewegung des Populismus deutet an, dass die demokratische \u00d6ffentlichkeit zunehmend unter Druck ger\u00e4t. Fake news, Filterblasen, Hetz- und Hasskommunikation, Mobbing auf der einen Seite und die Formierung eines historisch erstmalig perfekten totalit\u00e4ren \u00dcberwachungsstaates im Fall von China zeigen an, dass die Universalisierung von Kriterien der redaktionellen Pr\u00fcfung von Fakten und Tatbest\u00e4nden, von qualifizierter Berichterstattung, von einer Balance-Wirkung der \u201eVierten Gewalt\u201c, von demokratischer Partizipation an eine Grenze gekommen ist, jenseits derer sie sich erstmal nicht weiter ausbreiten wird.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><img decoding=\"async\" style=\"margin-right: 5px;\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Von-Luther-zu-Twitter-17.jpg\" width=\"140\" \/><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Harald Welzer<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Harald Welzer ist Soziologe und Sozialpsychologe. Er kuratierte zusammen mit Melanie Lyon die Ausstellung \u201eVon Luther zu Twitter. Medien und<br \/>\npolitische \u00d6ffentlichkeit\u201c.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Eine sehr kurze Geschichte der politischen \u00d6ffentlichkeit<span><\/h2>\n<p>Kurator Harald Welzer beschreibt zur Er\u00f6ffnung der Ausstellung \u201eVon Luther zu Twitter. 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