
{"id":4217,"date":"2020-12-17T13:45:21","date_gmt":"2020-12-17T12:45:21","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=4217"},"modified":"2020-12-17T13:45:21","modified_gmt":"2020-12-17T12:45:21","slug":"beethovens-musik-auf-abwegen","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2020\/12\/17\/beethovens-musik-auf-abwegen\/","title":{"rendered":"Beethovens Musik auf Abwegen"},"content":{"rendered":"<h1>Beethovens Musik auf Abwegen<\/h1>\n<p><span style=\"color: #008000;\">\u00a0Christian K\u00e4mpf | 17. Dezember 2020<\/span><\/p>\n<p><strong>\u201eMusiktitan\u201c, \u201eFreiheitsk\u00e4mpfer\u201c, \u201eHeros\u201c \u2013 bis heute ruft Ludwig van Beethoven Verehrer wie Kritiker auf den Plan, die sein Leben und seine Musik vereinnahmen. Christian K\u00e4mpf, Kurator des Themenpfads <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/beethoven-freiheit\/\" target=\"_blank\">\u201eBeethoven | Freiheit\u201c<\/a> in der Dauerausstellung des DHM, zeichnet die politische Instrumentalisierung Beethovens nach und blickt dabei auf zwei besondere Momente deutscher Geschichte.<\/strong><\/p>\n<p>Das popul\u00e4re Beethoven-Bild heute beruht im Wesentlichen auf zwei Aspekten: Auf der einen Seite die Einschr\u00e4nkungen, die Beethoven durch sein Geh\u00f6rleiden erfuhr. Auf der anderen Seite die Freiheiten, die er sich trotzdem in Kunst und Gesellschaft nahm. Beethoven wird als \u201epolitischer Komponist\u201c, als \u201erevolution\u00e4res Genie\u201c begriffen, mitunter sogar als \u201eHeros\u201c und \u201eFreiheitsk\u00e4mpfer\u201c. Dieses Beethoven-Bild liefert auch die Deutungsperspektive f\u00fcr Leben und Werk des Komponisten, und zwar schon zu seinen Lebzeiten.<\/p>\n<p>Problematisch ist die Tatsache, dass dieses verengte Beethoven-Bild die politische Instrumentalisierung von Leben und Werk des Komponisten in unterschiedlichen Zeiten und Systemen beg\u00fcnstigte und provozierte. Auf die Idee, \u201eBeethoven\u201c und \u201eFreiheit\u201c zusammenzudenken, beriefen sich sowohl die Kriegspropaganda des Kaiserreichs als auch antifeudale Kr\u00e4fte im Vorm\u00e4rz, das SED-Regime wie auch die Nationalsozialisten.<\/p>\n<h3>Beethoven, Freiheit, Frieden<\/h3>\n<p>Die Auffassung von Beethovens Musik als \u201eFreiheitsmusik\u201c zog dabei nicht allein Deutungslinien zu Topoi des Kampfes und Sieges, sondern schloss immer schon auch Vorstellungsbilder des Friedens dialektisch mit ein: Mit der Auff\u00fchrung von Beethovens musikalischem Schlachtengem\u00e4lde Wellingtons Sieg zu Beginn des <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/vormaerz-und-revolution\/wiener-kongress.html\" target=\"_blank\">Wiener Kongresses<\/a> 1814 erinnerten sich die Zeitgenossen nicht nur an den Krieg gegen das napoleonische Frankreich und die glorreichen Siege der Allianz. Das Konzertpublikum feierte zugleich den errungenen Frieden als Voraussetzung f\u00fcr ein Miteinander der europ\u00e4ischen V\u00f6lker in Einigkeit und Freiheit, den die rund 200 Diplomaten in schwierigen Verhandlungen sichern sollten.<\/p>\n<p>Insbesondere Beethovens 9. Sinfonie wird im Spiegel ihrer Rezeption als ein Werk auff\u00e4llig, mit dem zu verschiedensten Anl\u00e4ssen Idealvorstellungen des Kampfes und Sieges, des Friedens und der Freiheit abgerufen und miteinander verschr\u00e4nkt werden konnten. Zwei Beispiele sollen nachfolgend angesprochen werden: Die Auff\u00fchrung der Neunten 1952 in der Erzgebirgsstadt Aue im Rahmen der Beethoven-Ehrung der DDR und die Teilauff\u00fchrung der Sinfonie 1936 im Rahmen des Er\u00f6ffnungsprogramms der 11. Olympischen Sommerspiele in Berlin.<\/p>\n<h3>Beethoven in der DDR<\/h3>\n<p>So fand zu Beethovens 125. Todestag am 26. M\u00e4rz 1952 in der DDR eine zentralistisch organisierte Festwoche mit Veranstaltungen \u00fcberall im Land statt, mit Auff\u00fchrungen bedeutender Werke auch in kleineren St\u00e4dten. Oft stemmten Laienorchester und -ch\u00f6re als Teil der sogenannten Deutschen Beethoven-Ehrung das Programm, beispielsweise im Erzgebirge.<\/p>\n<div id=\"attachment_4220\" style=\"width: 739px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4220\" class=\"wp-image-4220 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/PLI10264.jpg\" alt=\"Ank\u00fcndigungsplakat f\u00fcr die Auff\u00fchrung von Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie d-Moll Opus 125 im Lichtspieltheater &quot;Einheit&quot; in Aue\/Saale aus Anlass von Beethovens 125. Todestag am 26. M\u00e4rz 1952, Helmut Humann, DDR 1952 \u00a9 DHM\" width=\"729\" height=\"1000\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/PLI10264.jpg 729w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/PLI10264-219x300.jpg 219w\" sizes=\"auto, (max-width: 729px) 100vw, 729px\" \/><p id=\"caption-attachment-4220\" class=\"wp-caption-text\">Ank\u00fcndigungsplakat f\u00fcr die Auff\u00fchrung von Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie d-Moll Opus 125 im Lichtspieltheater &#8222;Einheit&#8220; in Aue\/Saale aus Anlass von Beethovens 125. Todestag am 26. M\u00e4rz 1952, Helmut Humann, DDR 1952 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Auf dem Auff\u00fchrungsplakat in Aue war der Leitgedanke zu lesen, unter dem das Konzert stehen sollte: \u201eUnser nationales Recht: Frieden. Nur im Frieden k\u00f6nnen wir unser nationales Kulturerbe pflegen.\u201c Als alleiniger Garant f\u00fcr den Frieden galt freilich der Sozialismus im Widerstand gegen den westlichen Imperialismus. Das geh\u00f6rte zur Staatsdoktrin der DDR. Die Deutungshoheit \u00fcber Leben und Werk Beethovens und die richtige Pflege seiner Musik als nationales Kulturerbe beanspruchte die DDR-Regierung deshalb f\u00fcr sich. Das Bekenntnis zu Beethoven war, so der damalige Pr\u00e4sident der DDR Wilhelm Pieck, zugleich ein Bekenntnis f\u00fcr den Frieden. In diesem Sinne interpretierte die DDR-F\u00fchrung wenige Jahre nach dem Krieg die Neunte mit Schillers Ode an die Freude und der Textzeile \u201eSeid umschlungen, Millionen!\u201c als sozialistische Friedensmusik und nutzte sie als didaktisches Mittel, um das junge Staatsvolk im Geiste des Friedens und der V\u00f6lkerfreundschaft zu erziehen, nicht ohne die Feinde des Friedens klar im Westen zu verorten.<\/p>\n<p>Dabei waren die Festivit\u00e4ten der Beethoven-Ehrung 1952 gleichsam ein Probelauf f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfere Jubil\u00e4um im Folgejahr: 1953 feierte man Karl Marx aus Anlass seines 135. Geburtstages und 70. Todestages. Beethovens Friedensmusik durfte auch hier nicht fehlen. Sie erklang immer wieder bei den verschiedenen Marx-Festakten im ganzen Land, z. B. am 3. Mai 1953 w\u00e4hrend der Feierstunde der SED-Bezirksleitung in Erfurt, zusammen mit dem Gefangenenchor aus Fidelio, der Internationalen und dem Lied Stalin, Freund, Genosse, in dem sich der stalinistische Personenkult manifestierte und Stalin als gro\u00dfer Freiheits- und Friedenstifter besungen wurde.<\/p>\n<h3>Beethoven im NS<\/h3>\n<p>Auch bei der Er\u00f6ffnung der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\/innenpolitik\/olympische-sommerspiele-1936.html\" target=\"_blank\">Olympischen Spiele am 1. August 1936<\/a> in Berlin wurden die Themen Kampf und Sieg, Freiheit und Frieden im musikalischen Rahmenprogramm aufgerufen. Den Abschluss der Er\u00f6ffnungsfeier bildete die Auff\u00fchrung des 4. Satzes aus Beethovens 9. Sinfonie. Dieser Schlussakzent war Wunsch von Pierre de Coubertin, der vierzig Jahre zuvor die Olympischen Spiele wiederbelebt und das IOC gegr\u00fcndet hatte. Doch erklang Beethovens Musik hier nicht isoliert. Das vom nationalsozialistischen Organisationskomitee geplante Musikprogramm stellte die Neunte in Zusammenhang mit dem Huldigungsmarsch von Richard Wagner, dem Halleluja von H\u00e4ndel, auch mit preu\u00dfischen Milit\u00e4rm\u00e4rschen, dem Deutschlandlied und dem Horst-Wessel-Lied sowie mit neuen Musikbeitr\u00e4gen der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/der-zweite-weltkrieg\/kunst-und-kultur\/die-gottbegnadeten-liste.html\" target=\"_blank\">\u201eGottbegnadeten\u201c<\/a> Richard Strauss, Carl Orff und Werner Ergk. Schlie\u00dflich war die Ode an die Freude in das Tanzfestspiel Olympische Jugend eingebunden, in dem u. a. von \u201eFriede, Freude, Fest der Jugend\u201c, aber auch vom \u201eKampf um Ehre, Vaterland\u201c gesungen wurde.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Coubertin mit der Ode an die Freude den friedlichen und v\u00f6lkerverbindenden Gedanken der Olympischen Spiele unterstrichen wissen wollte, bezogen die Nationalsozialisten nicht zuletzt durch den musikalischen Kontext das \u201eSeid umschlungen, Millionen\u201c hier exklusiv auf die eigene Bewegung und die deutsche Volksgemeinschaft. Unter diesem Vorzeichen erklang in den Jahren danach die 9. Sinfonie auch in Festkonzerten aus Anlass von Hitlers Geburtstag.<\/p>\n<div id=\"attachment_4219\" style=\"width: 1356px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4219\" class=\"wp-image-4219 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/98005261.jpg\" alt=\"Stillleben mit Beethoven-Maske, Josef Jurutka, Gem\u00e4lde, Deutsches Reich 1937 \u00a9 DHM\" width=\"1346\" height=\"1500\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/98005261.jpg 1346w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/98005261-269x300.jpg 269w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/98005261-768x856.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/98005261-919x1024.jpg 919w\" sizes=\"auto, (max-width: 1346px) 100vw, 1346px\" \/><p id=\"caption-attachment-4219\" class=\"wp-caption-text\">Stillleben mit Beethoven-Maske, Josef Jurutka, Gem\u00e4lde, Deutsches Reich 1937 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Hitlers Beethoven-Bild entsprach dabei wohl ziemlich genau der Darstellung, die Josef Jurutka 1937 in seinem Gem\u00e4lde-Stillleben Beethoven entworfen hatte: \u00dcber erloschener Kerze, Schreibfeder, vergilbten Notenpapier und einem Streichinstrument schwebt die Lebendmaske des Komponisten lorbeerumkr\u00e4nzt. Als genialer Sch\u00f6pfer scheint Beethoven hier nach der Vollendung seines Werkes zu triumphieren, den Siegerkranz als willensstarker und pflichtbewusster Tatmensch k\u00e4mpferisch gegen alle irdischen Widerst\u00e4nde errungen, der Endlichkeit durch die eigenen Taten enthoben. Damit konnte Hitler sich identifizieren. 1939 kaufte er das Gem\u00e4lde privat.<\/p>\n<p>Hinter vermeintlichen Friedensbekenntnissen, die durch Beethovens Musik, insbesondere durch die 9. Sinfonie, vermittelt wurden, stand daher oftmals das bekannte Rezeptionsmuster \u201eBeethoven und die Freiheit\u201c, durch den die Aspekte der Freiheit und des Friedens mit Vorstellungen des Kampfes und Sieges verschr\u00e4nkt sind und damit auch distinktive Bilder konkreter Gegner und Feinde verbunden waren. Ein Bewusstsein von solchen rezeptionsgeschichtlichen Abwegen kann davor bewahren, die Erz\u00e4hlung von Beethoven als Freiheitsikone pathetisch und bruchlos fortzuschreiben, gerade auch in Hinblick auf die Ode an die Freude, die heute als Europahymne f\u00fcr die europ\u00e4ischen Werte Gleichheit, Solidarit\u00e4t, Freiheit und Frieden stehen soll.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Beethovens Musik auf Abwegen<span><\/h2>\n<p>\u201eMusiktitan\u201c, \u201eFreiheitsk\u00e4mpfer\u201c, \u201eHeros\u201c \u2013 bis heute ruft Ludwig van Beethoven Verehrer wie Kritiker auf den Plan, die sein Leben und seine Musik vereinnahmen. Christian K\u00e4mpf, Kurator des Themenpfads \u201eBeethoven | Freiheit\u201c in der Dauerausstellung des DHM, zeichnet die politische Instrumentalisierung Beethovens nach und blickt dabei auf zwei besondere Momente deutscher Geschichte.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":4221,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2128,81,1784],"class_list":["post-4217","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten-aktuell","tag-beethoven","tag-dauerausstellung","tag-freiheit"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4217","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4217"}],"version-history":[{"count":4,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4217\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4228,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4217\/revisions\/4228"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4221"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4217"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4217"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4217"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}