
{"id":4237,"date":"2021-01-08T12:09:31","date_gmt":"2021-01-08T11:09:31","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=4237"},"modified":"2021-01-08T12:12:14","modified_gmt":"2021-01-08T11:12:14","slug":"wozu-das-denn-zerstoertes-mainboard-der-snowden-files","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2021\/01\/08\/wozu-das-denn-zerstoertes-mainboard-der-snowden-files\/","title":{"rendered":"Wozu das denn? Zerst\u00f6rtes Mainboard der Snowden-Files"},"content":{"rendered":"<h1>Wozu das denn? Zerst\u00f6rtes Mainboard der Snowden-Files<\/h1>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Melanie Lyon | 8. Januar 2021<\/span><\/p>\n<p><strong>In der Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/von-luther-zu-twitter\/\" target=\"_blank\">\u201eVon Luther zu Twitter. Medien und politische \u00d6ffentlichkeit\u201c<\/a> zeigen wir im Bereich zum Internet die abgeschliffene Hauptplatine eines PCs der britischen Zeitung <em>The Guardian<\/em>, der Teile der Snowden-Files enthielt. Kuratorin Melanie Lyon \u00fcber die Hintergr\u00fcnde einer symboltr\u00e4chtigen Zerst\u00f6rungsaktion.<\/strong><\/p>\n<p>Edward Snowden arbeitete als IT-Spezialist f\u00fcr verschiedene US-amerikanische Geheimdienste, als er auf geheime \u00dcberwachungsprogramme stie\u00df, die in Folge der Terroranschl\u00e4ge des 11. September 2001 entstanden waren. \u00dcber Jahre hinweg wurde ihm bewusst, dass die amerikanischen Geheimdienste und ihre Verb\u00fcndeten verdachtsunabh\u00e4ngig, massenhaft und weltweit die Internetkommunikation \u00fcberwachten und damit teilweise gegen geltendes Recht verstie\u00dfen. Im Mai 2013 verlie\u00df er die USA mit gesch\u00e4tzt 1,7 Millionen Dateien h\u00f6chster Geheimhaltungsstufe, die er unbemerkt kopiert hatte, um das Vorgehen der Geheimdienste zu beweisen. Seiner \u00dcberzeugung nach waren die Freiheitsrechte in Gefahr und Whistleblowing die einzige M\u00f6glichkeit, diese im Interesse der \u00d6ffentlichkeit zu verteidigen. Sein digitales Archiv lie\u00df er dazu ausgew\u00e4hlten Journalist*innen zukommen, darunter auch Glenn Greenwald und Ewen McAskill vom britischen <em>Guardian<\/em>. Die Enth\u00fcllungen l\u00f6sten im Juni 2013 den NSA-Skandal aus, im Zuge dessen klar wurde, dass unsere E-Mails und Telefonate, aber auch Metadaten unserer Internetnutzung mithilfe von digitalen Tools l\u00e4ngst breit ausgewertet werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_4239\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4239\" class=\"wp-image-4239 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/VB_4868.jpg\" alt=\"Zerst\u00f6rtes Motherboard der Snowden-Files, Guardian News &amp; Media Archive, Foto: DHM\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/VB_4868.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/VB_4868-300x200.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/VB_4868-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-4239\" class=\"wp-caption-text\">Zerst\u00f6rtes Mainboard der Snowden-Files, Guardian News &amp; Media Archive, Foto: DHM<\/p><\/div>\n<h3>Ein absurdes Notsignal<\/h3>\n<p>Schnell zeigte sich bei der Auswertung der Snowden-Files, dass insbesondere der britische Geheimdienst GCHQ massiv an den \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen beteiligt ist: \u00dcber das Spionageprogramm Tempora greift er beispielsweise Telefon- und Internetdaten direkt an den Unterseekabeln ab. Nach ersten Enth\u00fcllungen \u00fcber die Zusammenarbeit des GCHQ mit dem amerikanischen Geheimdienst NSA wurde die Redaktion des <em>Guardian<\/em> im Juli 2013 von der britischen Regierung massiv unter Druck gesetzt. Aus Sicht der Geheimdienste bed\u00fcrfen die Programme strikter Geheimhaltung \u2013 wer nichts zu verbergen habe, so der Tenor, habe nichts zu bef\u00fcrchten. Das \u201eDiebesgut\u201c solle unverz\u00fcglich ausgeh\u00e4ndigt werden. Nach einigem Hin und Her stimmte der<em> Guardian<\/em> einem Kompromiss zu: Die Datensammlung wurde nicht herausgegeben, sondern unter Aufsicht des Geheimdienstes \u201enachweislich zerst\u00f6rt\u201c. So wussten die Beh\u00f6rden zumindest nicht, welche bisher nicht ver\u00f6ffentlichten Dokumente Snowden illegalerweise kopiert hatte. Im Januar 2014 stellte der <em>Guardian <\/em>ein Video der Aktion online. Auf diesem kann man drei Mitarbeiter*innen dabei beobachten, wie sie die Datentr\u00e4ger im Juli 2013 mit Winkelschleifer und Bohrmaschine unbrauchbar machen.<\/p>\n<p>Der Vorfall wog umso schwerer, weil die Pressefreiheit in Gro\u00dfbritannien nicht durch die Verfassung garantiert wird. Medien kann gerichtlich verboten werden \u00fcber etwas zu berichten, das die nationale Sicherheit bedroht. Snowden, mittlerweile auf seiner Flucht vor Strafverfolgung in Russland gestrandet, begriff den Kompromiss dementsprechend als ein Einknicken vor dem Staat: Er kritisierte gegen\u00fcber Greenwald, dass der Streit um die Grenzen der britischen Pressefreiheit nicht \u00f6ffentlich ausgefochten wurde. Der Chefredakteur des <em>Guardian<\/em> Alan Rusbridger sprach hingegen von einer \u201esinnlosen Symbolik, die eine gro\u00dfe Unkenntnis des digitalen Zeitalters offenbart\u201c. Wie bereits zuvor angek\u00fcndigt existierten Kopien der Dateien unter anderem auch im amerikanischen B\u00fcro des <em>Guardian<\/em>. Von dort aus wurde nun die Berichterstattung fortgef\u00fchrt.<\/p>\n<h3>Transparenz und Geheimnis im digitalen Zeitalter<\/h3>\n<p>In der Folge wurden die vom <em>Guardian<\/em> verwahrten \u00dcberbleibsel der zerst\u00f6rten Snowden-Files in verschiedenen Ausstellungen gezeigt. In ihnen manifestieren sich zahlreiche sonst oft schwer materiell greifbare Ver\u00e4nderungen im Verh\u00e4ltnis von Privatsph\u00e4re, Geheimnis und \u00d6ffentlichkeit durch die digitale Kommunikation: Digitale Daten sind leichter abzusch\u00f6pfen, aber auch schwerer kontrollierbar \u2013 weder von B\u00fcrger*innen oder Journalist*innen noch von Geheimdiensten oder Whistleblower*innen. Man kann sie aus einer Hardware tilgen, aber sie sind im Zweifelsfall l\u00e4ngst woanders. Und so ist es vor allem die dringende Notwendigkeit einer politischen und gesellschaftlichen Debatte \u00fcber das Spannungsverh\u00e4ltnis von Transparenz und Geheimnis in einer digitalen Demokratie, die in dem zerst\u00f6rten Mainboard ganz analog pr\u00e4sent gehalten wird.<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>\u201eIm Visier der Geheimdienste. Zerst\u00f6rtes Motherboard, 2013\u201c, in: Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin (Hg.): <em>Netz-Dinge. 30 Geschichten vom Telegrafenkabel bis zur Datenbrille<\/em>, Berlin 2018, S. 127-129.<\/p>\n<p>Julian D\u00f6rr, Verena Diersch: \u201eZur Rechtfertigung von Whistleblowing: Eine ordnungsethische und legitimit\u00e4tstheoretische Perspektive der Whistleblower-F\u00e4lle Carl von Ossietzky und Edward Snowden\u201c, in: <em>Zeitschrift f\u00fcr Politik<\/em> 64 (2017), Heft 4, S. 468-492.<\/p>\n<h3>Quellen<\/h3>\n<p>Julian Borger: NSA files: why the Guardian in London destroyed hard drives of leaked files, The Guardian, 20. August 2013 (<a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2013\/aug\/20\/nsa-snowden-files-drives-destroyed-london\" target=\"_blank\">https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2013\/aug\/20\/nsa-snowden-files-drives-destroyed-london<\/a>)<\/p>\n<p>Glenn Greenwald: <em>Die globale \u00dcberwachung. Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen<\/em>, M\u00fcnchen 2015.<\/p>\n<p>Luke Harding: Footage released of Guardian editors destroying Snowden hard drives, The Guardian, 31. Januar 2014, <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/uk-news\/2014\/jan\/31\/footage-released-guardian-editors-snowden-hard-drives-gchq\" target=\"_blank\">https:\/\/www.theguardian.com\/uk-news\/2014\/jan\/31\/footage-released-guardian-editors-snowden-hard-drives-gchq<\/a><\/p>\n<p>Rebekah Higgit: Destroyed Snowden laptop: the curatorial view, The Guardian, 3. April 2015, <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/science\/the-h-word\/2015\/apr\/03\/destroyed-snowden-laptop-the-curatorial-view\" target=\"_blank\">https:\/\/www.theguardian.com\/science\/the-h-word\/2015\/apr\/03\/destroyed-snowden-laptop-the-curatorial-view<\/a><\/p>\n<p>Edward Snowden: <em>Permanent Record. Meine Geschichte<\/em>, Frankfurt am Main 2019.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Wozu das denn? Zerst\u00f6rtes Mainboard der Snowden-Files<span><\/h2>\n<p>In der Ausstellung \u201eVon Luther zu Twitter. Medien und politische \u00d6ffentlichkeit\u201c zeigen wir im Bereich zum Internet die abgeschliffene Hauptplatine eines PCs der britischen Zeitung The Guardian, der Teile der Snowden-Files enthielt. 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