
{"id":4248,"date":"2021-01-13T15:12:05","date_gmt":"2021-01-13T14:12:05","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=4248"},"modified":"2021-02-03T15:50:37","modified_gmt":"2021-02-03T14:50:37","slug":"der-deutsche-reichstag-1889-in-den-bildern-von-julius-braatz","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2021\/01\/13\/der-deutsche-reichstag-1889-in-den-bildern-von-julius-braatz\/","title":{"rendered":"Der Deutsche Reichstag 1889 in den Bildern von Julius Braatz"},"content":{"rendered":"<h1>Leipziger Stra\u00dfe 4, Berlin<\/h1>\n<h2>Der Deutsche Reichstag 1889 in den Bildern von Julius Braatz<\/h2>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Carola J\u00fcllig und Juliane H\u00e4hnlein | 13. Januar 2021<\/span><\/p>\n<p><strong>Im Januar 2020 erhielt das DHM das Angebot, eine ganz besondere Fotomappe zu erwerben. Aus dem Besitz der Familie von Bismarck wurde eine Sammlung an Aufnahmen des alten Reichstags \u2013 des Geb\u00e4udes und der Menschen \u2013 angeboten, die bereits unter dem Namen \u201eDer Deutsche Reichstag und sein Heim\u201c bekannt war und nun ein bedeutsames Objekt in der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/sammlung\/bildarchiv\/\" target=\"_blank\">Fotosammlung des DHM<\/a> darstellt. F\u00fcr den DHM-Blog werfen<\/strong> <strong>Juliane H\u00e4hnlein, bis Oktober 2020 als wissenschaftliche Volont\u00e4rin am DHM, und Carola J\u00fcllig, Sammlungsleiterin Bild, einen Blick ins Bismarck\u2019sche Familienalbum und auf einen wenig bekannten Aspekt deutscher Geschichte. <\/strong><\/p>\n<p>Auf insgesamt 184 Bildern hielt der Fotograf Julius Braatz (1844-1914) im April und Mai 1889 die Abgeordneten, Bediensteten und die R\u00e4umlichkeiten des alten Reichstagsgeb\u00e4udes in der Leipziger Stra\u00dfe 4 in Berlin fest. Einige wurden an dem Tag aufgenommen, als Reichskanzler <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/otto-bismarck\" target=\"_blank\">Otto von Bismarck<\/a> zum letzten Mal das Geb\u00e4ude betrat, am 18. Mai 1889.<\/p>\n<p>Dass Julius Braatz \u00fcberhaupt die M\u00f6glichkeit gegeben wurde, die Fotografien anzufertigen, stellt eine Neuerung und Besonderheit sowohl im Reichstag als auch in der Fotografie dar. Noch nie zuvor war ein Fotograf in die Arbeitsr\u00e4ume der Abgeordneten und sogar Bismarcks vorgedrungen; Braatz selbst hatte die Initiative ergriffen, um den Reichstag vor seinem Umzug in den Neubau in \u201eMomentaufnahmen\u201c zu dokumentieren.<\/p>\n<h3>Das alte Reichstagsgeb\u00e4ude<\/h3>\n<p>Der Reichstag nutzte das Haus in der Leipziger Stra\u00dfe 4, bis 1894 der Wallot-Bau am K\u00f6nigsplatz fertiggestellt war, der zuk\u00fcnftig das Deutsche Reich repr\u00e4sentieren und den Reichstag beherbergen sollte. Das alte Geb\u00e4ude in der Leipziger Stra\u00dfe verf\u00fcgte \u00fcber einen Plenarsaal, Aufenthalts-, Nutz-, Verwaltungs- und Bibliotheksr\u00e4ume sowie ein gro\u00dfz\u00fcgiges Foyer, in dem die meisten von Braatz\u2018 Gruppenbildern entstanden. Das Reichstagsgeb\u00e4ude in der Leipziger Stra\u00dfe 4 verschwand nach dem Umzug der Parlamentarier schnell aus der \u00f6ffentlichen Erinnerung, weil es keine Aufnahme vom \u00c4u\u00dferen dieses Hauses gibt, das urspr\u00fcnglich f\u00fcr die K\u00f6niglich-Preu\u00dfische Porzellanmanufaktur errichtet worden war. Braatz\u2018 Aufnahmen zeigen einige Funktionsr\u00e4ume, wie etwa Schreib- und Lesezimmer, und sogar die Versorgung der Abgeordneten in der \u201eRestauration\u201c.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-4255\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/1.jpg\" alt=\"\" width=\"665\" height=\"520\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/1.jpg 750w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/1-300x234.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 665px) 100vw, 665px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-4256\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/2.jpg\" alt=\"\" width=\"665\" height=\"520\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/2.jpg 750w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/2-300x234.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 665px) 100vw, 665px\" \/><\/p>\n<h2>Die Abgeordneten<\/h2>\n<p>Seit 1874 geh\u00f6rten jeweils 397 Abgeordnete dem Reichstag an. Da bis 1906 die Zahlung von Di\u00e4ten verboten war, waren nicht beg\u00fcterte Kandidaten benachteiligt. Trotzdem sa\u00dfen neben den zahlreichen Guts- und Fabrikbesitzern auch einige K\u00fcnstler, Landwirte oder Handwerker im Reichstag, so auch der Journalist Wilhelm Liebknecht und der Drechslermeister August Bebel. Bei der Wahl 1887 konnten die Sozialdemokraten 10 Prozent der Stimmen gewinnen und stellten elf Abgeordnete; Konservative und Nationalliberale erhielten 220 Mandate, das Zentrum 98.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-4257\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/3.jpg\" alt=\"\" width=\"665\" height=\"520\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/3.jpg 750w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/3-300x234.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 665px) 100vw, 665px\" \/><\/p>\n<p>In den geschlossenen Parlamentsr\u00e4umen waren lange Belichtungszeiten notwendig, weshalb die Abgeordneten f\u00fcr die Aufnahmen einen Moment stillhalten mussten. Dass dies nicht immer gelang, zeigen teils verschiedene verschwommene Gesichtsz\u00fcge, die gerade den besonderen Reiz der Fotos ausmachen. Um gr\u00f6\u00dfere M\u00e4ngel auszugleichen, griff Braatz bei manchen Aufnahmen zur Montage: Er ersetzte einige verwackelte K\u00f6pfe mit Aufnahmen aus anderen Fotografien.<\/p>\n<p>Die Gruppenaufnahmen wurden meist nach Fraktionszugeh\u00f6rigkeit zusammengestellt, so dass Braatz die Abgeordneten \u2013 w\u00fcrdevoll blickende, oft b\u00e4rtige \u00e4ltere M\u00e4nner im formalen Anzug &#8211; aus dem konservativen oder nationalliberalen Spektrum am h\u00e4ufigsten fotografierte. Vor allem in diesem adeligen und gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Milieu erhoffte Braatz, Abnehmer seiner teuren Fotografien zu finden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-4258\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/4.jpg\" alt=\"\" width=\"665\" height=\"520\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/4.jpg 750w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/4-300x234.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 665px) 100vw, 665px\" \/><\/p>\n<h3>Das Parlament<\/h3>\n<p>Julius Braatz\u2018 Aufnahmen erm\u00f6glichen einen Blick in das Innenleben des Deutschen Kaiserreichs und seiner <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/kaiserreich\/das-reich\/reichsverfassung-1871.html\" target=\"_blank\">Verfassung anno 1871<\/a>. Laut der Verfassung des Deutschen Reiches von 1871 standen dem (vom Kaiser eingesetzten) Reichskanzler \u2013 damals bereits Otto von Bismarck \u2013 Bundesrat und Reichstag gegen\u00fcber, ohne deren Zustimmung kein Gesetz verabschiedet werden konnte. Der Reichstag wurde in einem damals als fortschrittlich und modern geltenden allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrecht gew\u00e4hlt: Deutsche M\u00e4nner ab 25 Jahren waren wahlberechtigt, und nur M\u00e4nner konnten sich zur Wahl stellen. Das spiegeln auch Braatz\u2018 Bilder wider, auf denen meist nur M\u00e4nner zu sehen sind. In der konstitutionellen Monarchie verf\u00fcgte der Reichstag jedoch nur \u00fcber begrenzte Parlamentsrechte, sein Einfluss etwa in Fragen der Au\u00dfenpolitik oder des Milit\u00e4retats war beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Taktische Man\u00f6ver Bismarcks und die ausgepr\u00e4gte Konkurrenz der Parteien untereinander erleichterten der Regierung oft die Durchsetzung ihrer Ziele. Im \u00e4u\u00dfersten Falle konnte der Bundesrat die Aufl\u00f6sung des Parlaments bestimmen. Tats\u00e4chlich wurde der Reichstag zwischen 1878 und 1906 vier Mal aufgel\u00f6st, jedes Mal ging es dabei um Fragen des Milit\u00e4rs und des Wehretats, die nach den vorgezogenen Neuwahlen jeweils im Sinne der Regierung entschieden wurden.<\/p>\n<h3>Bismarcks letzter Tag<\/h3>\n<p>Am 18. Mai 1889 hielt der Reichskanzler \u2013 der ja selbst kein Mitglied des Reichstages war \u2013 seine letzte Rede vor dem Plenum, um f\u00fcr sein Vorhaben, die Invalidit\u00e4ts- und Altersversicherung, zu werben. Es war die dritte Lesung des Gesetzentwurfs und die Debatte dauerte bereits zweieinhalb Stunden, als Bismarck den Saal betrat, um eine Rede zu halten, die seine Anh\u00e4nger mit \u201elebhaften Bravo\u201c kommentierten. Julius Braatz war zur Stelle, da er gerade von der Journalistentrib\u00fcne aus das Plenum fotografiert hatte. Leider befindet sich keine dieser Aufnahmen in der \u00fcberlieferten Mappe; immerhin ist die Fotografie des Reichskanzlers erhalten, die Braatz nach dessen Rede im Foyer anfertigte, sowie eine Aufnahme Bismarcks mit seinem Stellvertreter, dem Staatssekret\u00e4r des Innern Karl Heinrich von B\u00f6tticher, ebenfalls am 18. Mai entstanden. Die Gesetzesvorlage wurde \u00fcbrigens am 24. Mai 1889 mit gro\u00dfer Mehrheit angenommen; Bismarck wurde im M\u00e4rz des folgenden Jahres von Wilhelm II. als Reichskanzler entlassen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4259\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/5.jpg\" alt=\"\" width=\"587\" height=\"750\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/5.jpg 587w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/5-235x300.jpg 235w\" sizes=\"auto, (max-width: 587px) 100vw, 587px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4260\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/6.jpg\" alt=\"\" width=\"583\" height=\"750\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/6.jpg 583w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/6-233x300.jpg 233w\" sizes=\"auto, (max-width: 583px) 100vw, 583px\" \/><\/p>\n<h3>Der Weg in die Fotosammlung des Deutschen Historischen Museums<\/h3>\n<p>Noch im selben Jahr 1889 ver\u00f6ffentlichte der Fotograf das Ergebnis seiner Arbeit im Eigenverlag. Wie viele Exemplare Braatz hergestellt hatte, ist unbekannt; erhalten haben sich neben dem (unvollst\u00e4ndigen) im DHM wohl nur zwei weitere, ebenfalls nicht vollst\u00e4ndige S\u00e4tze. Die gro\u00dfformatigen, auf Karton aufgezogenen Albuminabz\u00fcge richteten sich nach Angaben des Herausgebers \u201ean alle Klassen des Volkes, welche sich f\u00fcr Politik interessieren\u201c. Doch der teure Band blieb nur den wohlhabenderen Schichten vorbehalten: So wurde ein Exemplar in einer goldgepr\u00e4gten Mappe Otto von Bismarck zum Abschied aus dem Reichstag geschenkt. Aus dem Besitz des ehemaligen Reichskanzlers gelangte die Mappe in die Sammlung des DHM, wo die Fotografien zuk\u00fcnftig f\u00fcr Ausstellungen, aber auch f\u00fcr die Forschung zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<h3>Biografie<\/h3>\n<p>Hermann Julius Braatz wurde 1844 in M\u00fcncheberg geboren, nahm an Kriegseins\u00e4tzen teil und wurde 1872 als Invalide aus der Armee entlassen. Schon zwei Jahre sp\u00e4ter besa\u00df er drei fotografische Ateliers und durfte den Titel \u201eHof-Photograph des Prinzen Friedrich Carl v. Preu\u00dfen\u201c f\u00fchren, den er sich durch die Anfertigung einiger Portr\u00e4ts des Prinzen verdient hatte und der ihm Zutritt zu h\u00f6heren Kreisen erm\u00f6glichte. 1888 erhielt er die Erlaubnis, den Ritterschlag des Prinzen Heinrich von Preu\u00dfen in der Neumark zu fotografieren. Dies war der Beginn der politischen Ereignisfotografie, die von nun an Braatz\u2018 bevorzugtes T\u00e4tigkeitsfeld darstellte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Leipziger Stra\u00dfe 4, Berlin. Der Deutsche Reichstag 1889 in den Bildern von Julius Braatz<span><\/h2>\n<p>Im Januar 2020 erhielt das DHM das Angebot, eine ganz besondere Fotomappe zu erwerben. Aus dem Besitz der Familie von Bismarck wurde eine Sammlung an Aufnahmen des alten Reichstags \u2013 des Geb\u00e4udes und der Menschen \u2013 angeboten, die bereits unter dem Namen \u201eDer Deutsche Reichstag und sein Heim\u201c bekannt war und nun ein bedeutsames Objekt in der Fotosammlung des DHM darstellt. F\u00fcr den DHM-Blog werfen Juliane H\u00e4hnlein, bis Oktober 2020 als wissenschaftliche Volont\u00e4rin am DHM, und Carola J\u00fcllig, Sammlungsleiterin Bild, einen Blick ins Bismarck\u2019sche Familienalbum und auf einen wenig bekannten Aspekt deutscher Geschichte. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":4250,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[787,1190,197,2140,199],"class_list":["post-4248","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-inside-dhm","tag-bismarck","tag-fotograf","tag-fotografie","tag-parlament","tag-sammlung"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4248","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4248"}],"version-history":[{"count":11,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4248\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4331,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4248\/revisions\/4331"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4250"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4248"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4248"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4248"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}