
{"id":4373,"date":"2021-03-17T10:46:48","date_gmt":"2021-03-17T09:46:48","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=4373"},"modified":"2021-03-17T10:46:48","modified_gmt":"2021-03-17T09:46:48","slug":"argula-von-grumbach-ein-reformatorischer-protest","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2021\/03\/17\/argula-von-grumbach-ein-reformatorischer-protest\/","title":{"rendered":"Argula von Grumbach \u2013 ein reformatorischer Protest"},"content":{"rendered":"<h1>Argula von Grumbach \u2013 ein reformatorischer Protest<\/h1>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Sophie Potente | 17. M\u00e4rz 2021<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><em><strong>\u201eIch habe euch kein Frauengeschw\u00e4tz geschrieben, sondern das Wort Gottes als ein Glied der christlichen Kirche.\u201c<\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p><strong>Argula von Grumbach ist es, die diese Worte 1523 an das Ende eines emp\u00f6rten Briefes an die Gelehrten der Universit\u00e4t von Ingolstadt setzt. Sophie Potente, wissenschaftliche Volont\u00e4rin der Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/von-luther-zu-twitter\/#\/\" target=\"_blank\">\u201eVon Luther zu Twitter. Medien und politische \u00d6ffentlichkeit\u201c<\/a> untersucht f\u00fcr den DHM-Blog, warum eine Frau aus dem Volk ihre Stimme erhebt und Professoren zur Diskussion herausfordert \u2013 und das in aller \u00d6ffentlichkeit. F\u00fcr das Jahr 1523 geradezu undenkbar.<\/strong><\/p>\n<p>Verglichen mit den meisten Frauen im 16. Jahrhundert ist \u00fcber Argula von Grumbach eine reiche Dokumentation erhalten. Flugschriften, Briefe und Dokumente zeugen von ihrem Leben, welches sich ungef\u00e4hr zwischen den Jahren 1492 und 1557 abgespielt haben muss.<\/p>\n<p>Als geborene Reichsfreiin von Stauff wuchs sie mit dem Privileg auf, lesen, schreiben und rechnen zu lernen. Zum zehnten Geburtstag schenkte ihr Vater Bernhardin ihr eine deutsche Bibelausgabe. Eine Seltenheit, da die Lekt\u00fcre der heiligen Schrift durch Laien von der Kirche misstrauisch be\u00e4ugt wurde. Die lateinischen Ausgaben, inhaltlich nur zug\u00e4nglich f\u00fcr die Gelehrten, sicherte die Deutungshoheit der Kirche. Argula sprach kein Latein.<\/p>\n<p>In dem Besitz dieser deutschen Bibel ist jedoch noch lange kein Akt der Rebellion zu erkennen. Die Familie war gl\u00e4ubig. Ein Gebetbuch aus Argulas Besitz spiegelt ihre Fr\u00f6mmigkeit: die Bedeutung guter Werke, die Verehrung des Altarsakraments, die Beichte und das Gebet f\u00fcr das Seelenheil verstorbener Mitglieder waren Teil ihres christlichen Lebens.<\/p>\n<p>Bibel, Gebetbuch und ihr tiefer Glaube begleiteten sie durch ihr Leben, durch den Verlust von zwei Ehem\u00e4nnern und drei ihrer vier Kinder. Aber auch durch die st\u00fcrmischen Jahre der Reformation: Ihr Glaube, die Lekt\u00fcre der Bibel und der Schriften Martin Luthers gaben ihr das Selbstverst\u00e4ndnis, eine gute Christin sein zu k\u00f6nnen auch ohne die Fremdbestimmung der Kirche, von der sie sich schon fr\u00fch abwandte.<\/p>\n<div id=\"attachment_4383\" style=\"width: 966px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4383\" class=\"wp-image-4383 size-large\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Medaille-Argula-von-Grumbach-Germanisches-Nationalmuseum-1024x769.jpg\" alt=\"Medaille mit dem Portr\u00e4t von Argula von Grumbach, Hans Schwarz, N\u00fcrnberg, um 1520 \u00a9 Germanisches Nationalmuseum, N\u00fcrnberg\" width=\"956\" height=\"718\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Medaille-Argula-von-Grumbach-Germanisches-Nationalmuseum-1024x769.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Medaille-Argula-von-Grumbach-Germanisches-Nationalmuseum-300x225.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Medaille-Argula-von-Grumbach-Germanisches-Nationalmuseum-768x576.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Medaille-Argula-von-Grumbach-Germanisches-Nationalmuseum.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 956px) 100vw, 956px\" \/><p id=\"caption-attachment-4383\" class=\"wp-caption-text\">Medaille mit dem Portr\u00e4t von Argula von Grumbach, Hans Schwarz, N\u00fcrnberg, um 1520 \u00a9 Germanisches Nationalmuseum, N\u00fcrnberg<\/p><\/div>\n<p>Dieses Selbstverst\u00e4ndnis ist festgehalten in acht gedruckten Flugschriften. Argula von Grumbachs medialer Auftritt begann im Jahr 1523. Ein Brief Grumbachs wurde im Druck festgehalten. Innerhalb eines Jahres erschienen 16 Nachdrucke. Nur die Reformatoren Martin Luther und Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, erreichten mit ihren Schriften solche Resonanz. Die Umst\u00e4nde und Brisanz des Briefes machen den Erfolg jedoch nachvollziehbar.<\/p>\n<h3>Der Fall Arsacius Seehofer<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend die reformatorischen Gedanken Martin Luthers seit 1517 wie ein Lauffeuer ihre Verbreitung fanden, versuchten die bayerischen Herz\u00f6ge mit strengen Mitteln dem reformatorischen Treiben Einhalt zu gebieten und so ihr Bestehen zu sichern. Die Macht von Adel und Kirche waren eng verzahnt. Sie st\u00e4rkten sich gegenseitig. 1522 verf\u00fcgten die Herz\u00f6ge mit dem bayerischen Religionsmandat Zensur und Verbot von B\u00fcchern und Flugschriften der Lutheranh\u00e4nger sowie Verbreitung und Diskussion lutherischer Lehren. Sogar Spitzel in Wirtsh\u00e4usern sollen Gespr\u00e4che \u00fcberwacht haben.<\/p>\n<p>Hochburg der antilutherischen Bewegung war Ingolstadt. Gabriel von Eyb, F\u00fcrstbischof von Eichst\u00e4tt und Kanzler der Universit\u00e4t, war der erste deutsche Bischof, der die p\u00e4pstliche Bannbulle gegen Luther ver\u00f6ffentlichen lie\u00df. Auch Johann Eck, der der gr\u00f6\u00dfte Gegner Luthers und am Entstehen der Bulle ma\u00dfgeblich beteiligt war, lehrte hier.<\/p>\n<p>In dieses Klima der Zensur und Verfolgung kehrte Arsacius Seehofer 1522 von seinem Studium aus Wittenberg zur\u00fcck. Berauscht von den neuen Ideen und brennend f\u00fcr die Sache der Reformatoren, bezeichnete er Wittenberg als das neue Bethlehem, in dem Christus zum zweiten Mal geboren worden sei. Bald schon wurde er denunziert und inhaftiert. Unter Androhung von Folter sollte er 17 reformatorischen Aussagen widersprechen und zusagen, dass er wie ein Ketzer bestraft werden solle. Schlussendlich wurde er ins Kloster Ettal verbannt.<\/p>\n<h3>Nicht schweigen, wenn andere schweigen<\/h3>\n<p>Argula von Grumbach hatte die Vorg\u00e4nge in Ingolstadt verfolgt und hielt es nun nicht mehr aus. Das Schweigen der anderen mache ihr eigenes Schweigen unm\u00f6glich. Das Benehmen der Ingolst\u00e4dter Theologen verurteilte sie scharf, sie ben\u00e4hmen sich tyrannisch gegen\u00fcber Andersdenkenden und br\u00e4chten menschliche und g\u00f6ttliche Vernunft durcheinander.<\/p>\n<p>Sie war bereit, zu diskutieren, ihr Verst\u00e4ndnis der Bibel gegen die Gelehrsamkeit der Theologen in die Waagschale zu werfen. Als besonders frech an der Herausforderung einer Frau und Laiin mag die Bitte gewirkt haben, sich auf Deutsch mit ihr auszutauschen und nicht wie \u00fcblich auf Latein.<\/p>\n<div id=\"attachment_4385\" style=\"width: 705px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4385\" class=\"wp-image-4385 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Th-8-00713-43-02_00005.jpg\" alt=\"Wye ein Christliche fraw, Argula von Grumbach, Erfurt, 1523 \u00a9 Forschungsbibliothek Gotha der Universit\u00e4t Erfurt\" width=\"695\" height=\"1000\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Th-8-00713-43-02_00005.jpg 695w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Th-8-00713-43-02_00005-209x300.jpg 209w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><p id=\"caption-attachment-4385\" class=\"wp-caption-text\">Wye ein Christliche fraw, Argula von Grumbach, Erfurt, 1523 \u00a9 Forschungsbibliothek Gotha der Universit\u00e4t Erfurt<\/p><\/div>\n<p>Eine Reaktion der Universit\u00e4t blieb aus. Der Brief als Flugschrift ver\u00f6ffentlicht und mit einem aussagekr\u00e4ftigen Titelholzschnitt versehen, zeigt jedoch die Zustimmung von anderer Seite. Es folgten sieben weitere als Flugschriften gedruckte Protestbriefe Grumbachs an Herz\u00f6ge, Gelehrte und Kleriker. Circa 30.000 Exemplare ihrer Schriften waren in kurzer Zeit im Umlauf. Der Erfolg in der breiten Bev\u00f6lkerung l\u00e4sst sich aber nicht nur mit den reformatorischen Inhalten erkl\u00e4ren. Argula von Grumbach schrieb frei heraus, leicht verst\u00e4ndlich. Ihre theologischen Argumentationen in der Volkssprache schufen eine Br\u00fccke zwischen anderen Laien und ihren Anliegen.<\/p>\n<p>Der von ihr \u00fcberlieferte Satz &#8211; \u201eIch habe euch kein Frauengeschw\u00e4tz geschrieben, sondern das Wort Gottes als ein Glied der christlichen Kirche\u201c, bringt Grumbachs Position und mediale Wirkung auf den Punkt: Er tr\u00e4gt die Kraft der reformatorischen Ideen in sich und steht f\u00fcr ein neues Selbstbewusstsein der Gl\u00e4ubigen, die Stimme zu erheben unter Berufung auf das Wort Gottes. Ebenso erz\u00e4hlt seine \u00dcberlieferung in einer Flugschrift von einer medialen Verbreitung, die \u00d6ffentlichkeit schafft und Brisanz erzeugt \u2013 und damit den Zeitgeist traf.<\/p>\n<h3>Eine fr\u00fche Feministin?<\/h3>\n<p>Es blieb nicht bei Argulas schriftlichen Auseinandersetzungen mit den reformatorischen Inhalten. Auch die grassierende Gewaltt\u00e4tigkeit von M\u00e4nnern gegen\u00fcber Frauen, Grobheit und Untreue kritisierte sie in aller \u00d6ffentlichkeit und setzte sich f\u00fcr andere Frauen, die unter der Misshandlung m\u00e4nnlicher Verwandter litten, ein. Ob sie selbst solche Erfahrungen machen musste, ist unklar. Sicher ist jedoch, dass sp\u00e4testens nachdem Argulas Ehemann wegen der reformatorischen Umtriebigkeiten seiner Frau aus den Diensten der katholischen Herz\u00f6ge entlassen worden war, die Beziehung der beiden tief ersch\u00fcttert war. Schmachvolle Worte trafen den unbeirrt katholischen Friedrich von Grumbach. Seine Frau habe er nicht zum Schweigen bringen k\u00f6nnen, einmauern h\u00e4tte er sie sollen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Argula von Grumbach aufgrund ihres Einsatzes f\u00fcr andere Frauen und das Anprangern m\u00e4nnlicher Brutalit\u00e4t ihnen gegen\u00fcber oftmals als fr\u00fche Feministin bezeichnet wurde, ordnet der Grumbach-Forscher Peter Matheson ihr Handeln und Denken jedoch einzig und allein ihrer reformatorischen \u00dcberzeugung unter.<\/p>\n<p>\u201eArgula ging es nicht um ihre Rechte, sondern um die Ehre Gottes, um die Freiheit des Wortes,\u201c so Matheson.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #008000;\"><em><strong>\u201eSie sah ihr Taufgel\u00fcbde als eine Erm\u00e4chtigung dem B\u00f6sen \u00f6ffentlich zu widerstehen, jegliche Ungerechtigkeit anzuklagen. Schweigen vor dem Unrecht sei S\u00fcnde, auch wenn man ein Bauer oder eine Frau sei.\u201c<a style=\"color: #008000;\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<h3>Quellen<\/h3>\n<p>Grumbach, Argula von: Schriften. Bearbeitet und herausgegeben von Peter Matheson. Heildeberg 2010.<\/p>\n<p>Matheson, Peter: Argula von Grumbach. Eine Biographie. G\u00f6ttingen 2014.<\/p>\n<p>Matheson, Peter: Argula von Grumbach und die Anf\u00e4nge der Reformation. In: Greiter, Susanne\/Zengerle, Christine (Hg.): Ingolstadt in Bewegung. Grenzg\u00e4nge am Beginn der Reformation. G\u00f6ttingen 2015, S. 17 \u2013 34.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Matheson 2015, S. 28.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Argula von Grumbach \u2013 ein reformatorischer Protest<span><\/h2>\n<p>\u201eIch habe euch kein Frauengeschw\u00e4tz geschrieben, sondern das Wort Gottes als ein Glied der christlichen Kirche.\u201c Argula von Grumbach ist es, die diese Worte 1523 an das Ende eines emp\u00f6rten Briefes an die Gelehrten der Universit\u00e4t von Ingolstadt setzt. Sophie Potente, wissenschaftliche Volont\u00e4rin der Ausstellung \u201eVon Luther zu Twitter. Medien und politische \u00d6ffentlichkeit\u201c untersucht f\u00fcr den DHM-Blog, warum eine Frau aus dem Volk ihre Stimme erhebt und Professoren zur Diskussion herausfordert \u2013 und das in aller \u00d6ffentlichkeit. 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