
{"id":4513,"date":"2021-04-09T12:00:58","date_gmt":"2021-04-09T10:00:58","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=4513"},"modified":"2021-04-09T12:01:15","modified_gmt":"2021-04-09T10:01:15","slug":"wozu-das-denn-roulette-und-telegrafie","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2021\/04\/09\/wozu-das-denn-roulette-und-telegrafie\/","title":{"rendered":"Wozu das denn? Roulette und Telegrafie"},"content":{"rendered":"<h1>Wozu das denn? Roulette und Telegrafie<\/h1>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Melanie Lyon | 9. April 2021<\/span><\/p>\n<p><strong>Warum steht im Bereich zur Presse des 19. Jahrhunderts in der Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/von-luther-zu-twitter\/#\/\">\u201eVon Luther zu Twitter. Medien und politische \u00d6ffentlichkeit\u201c<\/a> ein Roulettekessel? Was hat er mit einem Hackerangriff auf das franz\u00f6sische Telegrafennetz zu tun? Kuratorin Melanie Lyon berichtet von einem kuriosen (Gauner-) St\u00fcck Geschichte. <\/strong><\/p>\n<p>Der Roulettekessel in der aktuellen Wechselausstellung geh\u00f6rte den franz\u00f6sischen Zwillingsbr\u00fcdern Fran\u00e7ois und Louis Blanc und kam in ihrer Homburger Spielbank im Mai 1841 erstmals zum Einsatz. Schnell gelang es den gewitzten Gesch\u00e4ftsleuten, die gesamte Spielerszene auf sich aufmerksam zu machen. In allen wichtigen Zeitungen wurde mitgeteilt, dass in Homburg die Doppelnull, welche eine doppelte Chance f\u00fcr die Spielbank bedeutete, abgeschafft sei. Nur wenige Jahre zuvor hatten die Blancs selbst ihr Verm\u00f6gen durch Spekulationsgewinne an der B\u00f6rse angeh\u00e4uft \u2013 mithilfe der optischen Telegrafie, einem neuartigen Kommunikationsmittel, das damals eigentlich nur der staatlichen Kommunikation vorbehalten gewesen war.<\/p>\n<div id=\"attachment_4540\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4540\" class=\"size-full wp-image-4540\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/2020_DHM_110_kl-1.jpg\" alt=\"Beschreibung und Abbildung des Telegraphen, oder der neuerfundenen Fernschreibemaschine in Paris, Georg Bullmann, Augsburg, 1795 \u00a9 DHM\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/2020_DHM_110_kl-1.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/2020_DHM_110_kl-1-300x200.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/2020_DHM_110_kl-1-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-4540\" class=\"wp-caption-text\">Beschreibung und Abbildung des Telegraphen, oder der neuerfundenen Fernschreibemaschine in Paris, Georg Bullmann, Augsburg, 1795 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Im Vergleich zu heute, wo Algorithmen an der B\u00f6rse in Millisekunden Entscheidungen treffen, erscheint die optische Telegrafie sehr langsam. Entwickelt wurde sie w\u00e4hrend der Franz\u00f6sischen Revolution und vernetzte im 19. Jahrhundert durch zahlreiche Telegrafent\u00fcrme die St\u00e4dte Frankreichs. Mithilfe von schwenkbaren Signalarmen konnten von dort aus \u00fcber festgelegte Codes Nachrichten \u00fcber weite Strecken verschickt werden. So verband ab 1794 eine erste Linie von insgesamt 22 Stationen die St\u00e4dte Paris und Lille. Ein einzelnes Symbol konnte diese Strecke von etwa 270 Kilometern nun innerhalb von nur wenigen Minuten \u00fcberwinden. Der Zugang zu dem neuartigen Kommunikationsnetz stand allerdings nur den staatlichen Stellen offen, welche die Telegrafie haupts\u00e4chlich f\u00fcr administrative und milit\u00e4rische Zwecke nutzten. Aus Angst vor Verschw\u00f6rungen und Aufst\u00e4nden, aber auch mangels ausreichender Ressourcen, sollten alle anderen Nachrichten aus Paris die Provinz weiterhin nur mit den Postkutschen erreichen. So dauerte auch der Weg der aktuellen Kurse der Pariser B\u00f6rse nach Bordeaux, wo die Br\u00fcder Blanc ans\u00e4ssig waren, weiterhin drei Tage.<\/p>\n<div id=\"attachment_4541\" style=\"width: 717px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4541\" class=\"size-full wp-image-4541\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/3.-DHM_Bereich-Presse-c-David-von-Becker-1.jpg\" alt=\"Roulettekessel, um 1840, St\u00e4dtisches historisches Museum\/Museum Gotisches Haus Bad Homburg v. d. H\u00f6he \/ Foto: DHM \" width=\"707\" height=\"1000\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/3.-DHM_Bereich-Presse-c-David-von-Becker-1.jpg 707w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/3.-DHM_Bereich-Presse-c-David-von-Becker-1-212x300.jpg 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 707px) 100vw, 707px\" \/><p id=\"caption-attachment-4541\" class=\"wp-caption-text\">Roulettekessel, um 1840, St\u00e4dtisches historisches Museum\/Museum Gotisches Haus Bad Homburg v. d. H\u00f6he \/ Foto: DHM<\/p><\/div>\n<p>Nach erfolglosen Versuchen mithilfe von Brieftauben schneller an die gew\u00fcnschten Informationen aus der Hauptstadt zu kommen, kamen Louis und Fran\u00e7ois im Jahr 1834 auf eine Idee: Warum nicht den optischen Telegrafen hacken? Ein Unterfangen, f\u00fcr das man damals vergleichsweise wenig technisches Knowhow brauchte. Die Telegrafenstationen hatten hohen Personalbedarf und waren \u2013 auch durch die Wetterabh\u00e4ngigkeit \u2013 sehr fehleranf\u00e4llig. Die Telegramme wurden deshalb auf halbem Weg zwischen Paris und Bordeaux in Tours nochmals decodiert, um zu gro\u00dfe Fehler bei der \u00dcbertragung \u00fcber solch lange Strecken auszuschlie\u00dfen. Hier lag der ideale Angriffspunkt f\u00fcr die Br\u00fcder: Sie bestachen den Direktor des Telegrafenamtes in Tours sowie seinen Assistenten und besch\u00e4ftigten zudem einen Agenten in Paris, der die dortigen Kurse beobachtete. Kam es zu signifikanten Kurs\u00e4nderungen der Staatsrente, schickte dieser ein P\u00e4ckchen an die Telegrafenstation in Tours: Stieg der Kurs waren Handschuhe darin, fiel der Kurs, kamen Socken an. Die Telegrafenbeamten bauten nun unauff\u00e4llige Fehler in die staatlichen Telegramme ein, die in Bordeaux vom Signalturm abgelesen werden konnten, noch bevor die regul\u00e4re Post eintraf. Durch diese rudiment\u00e4ren Informationen mit kleinem Zeitvorsprung erzielten die Blancs \u00fcber zwei Jahre hinweg beachtliche Spekulationsgewinne. Erst 1836, als die Telegrafenstation in Tours mit einem neuen Assistenten besetzt werden sollte, flog der Fall auf. Mangels gesetzlicher Grundlagen konnten die Br\u00fcder allerdings nur wegen Beamtenbestechung belangt werden und behielten einen Gro\u00dfteil ihrer Gewinne.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund des spektakul\u00e4ren Falls erlie\u00df K\u00f6nig Louis-Philippe 1837 ein Gesetz \u00fcber das staatliche Kommunikationsmonopol f\u00fcr die Telegrafie, mit dem die unautorisierte Signal\u00fcbertragung zuk\u00fcnftig hart bestraft werden konnte. Die Frage der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Partizipation an den verf\u00fcgbaren Kommunikationsinfrastrukturen war damit aber noch nicht abschlie\u00dfend gekl\u00e4rt. Sie regelte sich auch mit technischen Innovationen immer wieder neu. In Frankreich wurde die elektrische Telegrafie nur 14 Jahre sp\u00e4ter von Louis-Napoleon Bonaparte f\u00fcr den allgemeinen Nachrichtenverkehr freigegeben, auch wenn das staatliche Monopol \u00fcber die Telekommunikationsnetze bis in die 1980er Jahre Bestand haben sollte. So bedurfte es dann zwar keiner krimineller Energie mehr, um schnellstm\u00f6glich Informationen weiterzugeben. Der Verdacht, die Entkoppelung von Raum und Zeit durch die Telegrafie k\u00f6nnte \u2013 gerade auch von der Wirtschaft \u2013 missbr\u00e4uchlich genutzt werden, war damit aber l\u00e4ngst nicht aus der Welt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Wozu das denn? Roulette und Telegrafie<span><\/h2>\n<p>Warum steht im Bereich zur Presse des 19. Jahrhunderts in der Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/von-luther-zu-twitter\/#\/\" target=\"_blank\">\u201eVon Luther zu Twitter. Medien und politische \u00d6ffentlichkeit\u201c<\/a> ein Roulettekessel? Was hat er mit einem Hackerangriff auf das franz\u00f6sische Telegrafennetz zu tun? Kuratorin Melanie Lyon berichtet von einem kuriosen (Gauner-) St\u00fcck Geschichte.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":4534,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1763],"tags":[2191,2189,2187,2054],"class_list":["post-4513","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-wozu-das-denn","tag-hacker","tag-roulette","tag-telegrafie","tag-von-luther-zu-twitter"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4513","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4513"}],"version-history":[{"count":7,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4513\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4548,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4513\/revisions\/4548"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4534"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4513"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4513"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4513"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}