
{"id":4595,"date":"2021-05-12T10:57:45","date_gmt":"2021-05-12T08:57:45","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=4595"},"modified":"2021-05-12T10:57:45","modified_gmt":"2021-05-12T08:57:45","slug":"report-from-exile-2","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2021\/05\/12\/report-from-exile-2\/","title":{"rendered":"Report from Exile"},"content":{"rendered":"<h1>Report from Exile<\/h1>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Ayham Majid Agha | 12. Mai 2021<\/span><\/p>\n<p>Wie oft am Tag erinnern wir uns, dass wir im Exil sind?<\/p>\n<p>Wir z\u00e4hlen es nicht, weil wir es immer an unseren grauen Haaren und Falten sehen, wann immer wir uns auf einem Bild oder in einem Spiegel erblicken.<\/p>\n<p>Auf Steins Fotos wird das Exil nicht an einem bestimmten Ort oder im Abstand anderer L\u00e4nder sichtbar, vielmehr in den Gesichtern, Herzen und K\u00f6rpern einer Person, die auf Nachrichten wartet, was aus ihrer Heimat geworden ist.<\/p>\n<p>In der Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/report-from-exile-fotografien-von-fred-stein\/\" target=\"_blank\">\u201eReport from Exile\u201c<\/a> stellte sich mir die Frage: Welches war h\u00e4rter, das Pariser oder das amerikanische Exil?<\/p>\n<p>Die Portr\u00e4ts aus Paris erinnerten mich an unsere Gesichter bei den ersten Aufenthalten in unserem syrischen Exil in der N\u00e4he unserer Landesgrenze. Gesichter, die noch von Angst und Panik gezeichnet sind. Es versetzte uns in Schrecken, wenn uns jemand anstarrte. Wir konnten uns damals gar nicht mehr daran erinnern, dass es eine Art der Kommunikation ist, einen anderen Menschen anzusehen. Wir konnten uns nur langsam zurechtfinden, weil wir im Herzen wussten, dass Damaskus kaum eine Stunde entfernt war. Die meisten von uns sind in einem Jahr um zehn Jahre gealtert.<\/p>\n<p>Hatten die Personen in Steins Portraits diese Angst, dass ihnen noch Gefahr drohte, und hofften sie auf R\u00fcckkehr, vielleicht schon morgen?<\/p>\n<p>Sich an den Grenzen des eigenen Heimatlandes im Exil zu befinden, macht das Herz schwer und gibt einem seltsamerweise ein Gef\u00fchl der Sicherheit \u2013 und das Gegenteil.<\/p>\n<p>Brecht in Paris im Jahre 1935 sieht \u00e4lter aus als Brecht in New York im Jahre 1943. Dasselbe gilt f\u00fcr Anna Seghers und Alfred Kantorowicz; ihre Augen waren wie offene Fenster in die Geschichte, die ihre Tage erdr\u00fcckte und ihre Seelen verwundete.<\/p>\n<p>Trennen Entfernungen auch unsere Gef\u00fchle ab \u2013 nicht nur unsere K\u00f6rper?<\/p>\n<p>Werden die Nachrichten aus der Heimat dadurch weniger schmerzhaft und erdr\u00fcckend?<\/p>\n<p>Exil wird durch all diese Menschen, ihre Geschichten, Tageb\u00fccher, Verluste und Schicksale umfasst.<\/p>\n<p>Fred Steins Fotos beleuchten die Verbindung der Portr\u00e4tierten zu ihrer Heimat und folgen ihnen dorthin. Er verbindet die Worte daf\u00fcr, was es bedeutet, im Exil zu sein, nicht durch einen Faden, sondern durch die einzigartigen Details, die in jedem Bild kunstvoll verwoben sind. Dadurch wird eine leere Seite aufgeschlagen, gro\u00df wie die Erde, die dich auffordert, sie mit Schriften, Zeichnungen und Bildern deines eigenen Landes zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Ich tappe nicht in die Falle eines Vergleichs, jedenfalls hoffe ich das sehr, sondern versuche eher, die Mechanismen des Schreibens und Dokumentierens w\u00e4hrend und nach diesen erzwungenen Erlebnissen zu verstehen.<\/p>\n<p>Die Arbeit mit und in dem Deutschen Historischen Museum bietet eine M\u00f6glichkeit, verschiedene Mechanismen der k\u00fcnstlerischen Dokumentation und Erz\u00e4hlung zu untersuchen und Ereignisse und ihre Narrative in den Blick zu nehmen in der Hoffnung, sie eines Tages auf unser Exil als historisches Ereignis anwenden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><img decoding=\"async\" style=\"margin-right: 5px;\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Photo_Ayham-Majid-Agha.jpg\" width=\"140\" \/><br \/>\n<sup>\u00a9 Privat<br \/>\n<\/sup><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Ayham Majid Agha<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Ayham Majid Agha ist Schauspieler, Autor und Regisseur. Er wurde in Syrien geboren und absolvierte das Higher Institute of Dramatic Arts in Damaskus, wo er von 2006 bis 2012 als Juniorprofessor t\u00e4tig war. Er war Mitbegr\u00fcnder und Mitglied des Theatre Studio, das interaktive Theaterprojekte in syrischen D\u00f6rfern durchf\u00fchrte. Er hatte zahlreiche Engagements an Theatern in Damaskus, Manchester, Amman, Beirut, Kairo, Seoul, Paris, Lyon, M\u00fcnchen und Hannover. Er lebt seit 2013 in Deutschland und arbeitete am Maxim Gorki Theater in Berlin, zuletzt als Senior Director und Mitbegr\u00fcnder des Exil Ensembles. Sein St\u00fcck \u201eSkelett eines Elefanten in der W\u00fcste\u201c wurde 2018 beim Festival Radikal Jung mit dem Young Theatre Critics Award ausgezeichnet.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Report from Exile<span><\/h2>\n<p>Wie oft am Tag erinnern wir uns, dass wir im Exil sind? 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