
{"id":4687,"date":"2021-06-25T11:00:06","date_gmt":"2021-06-25T09:00:06","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=4687"},"modified":"2021-12-21T10:20:03","modified_gmt":"2021-12-21T09:20:03","slug":"wie-man-sich-auf-der-documenta-von-der-ns-vergangenheit-abgrenzte-und-den-schulterschluss-mit-nordamerika-suchte","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2021\/06\/25\/wie-man-sich-auf-der-documenta-von-der-ns-vergangenheit-abgrenzte-und-den-schulterschluss-mit-nordamerika-suchte\/","title":{"rendered":"Wie man sich auf der documenta von der NS-Vergangenheit abgrenzte und den Schulterschluss mit Nordamerika suchte"},"content":{"rendered":"<h1>Wie man sich auf der documenta von der NS-Vergangenheit abgrenzte und den Schulterschluss mit Nordamerika suchte<\/h1>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Julia Voss | 25. Juni 2021<\/span><\/p>\n<p><strong>In ihrer Rede, die sie bei der Er\u00f6ffnung von <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/documenta-politik-und-kunst\">\u201edocumenta. Politik und Kunst\u201c<\/a> am 16. Juni 2021 hielt, nimmt uns Prof. Dr. Julia Voss, Co-Kuratorin mit in die Ausstellung.<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><em>Willkommen in der Ausstellung!<\/em><\/span><\/p>\n<p>In unserer Ausstellung treffen Kunstwerke und Archivfunde aufeinander und dieser Beitrag bietet die Gelegenheit, auf einige davon hinzuweisen: Wenn Sie also in unsere Ausstellung gehen, den ersten Raum durchlaufen und dann in die Sektion zu \u201edocumenta und Nationalsozialismus\u201c einbiegen, dann halten Sie bitte Ausschau nach der \u201eSchwangeren\u201c, einer Tonskulptur der deutschen Bildhauerin Emy Roeder. Sie werden vor einem wei\u00dfen Sockel stehen, in eine Glasvitrine blicken, in das Gesicht der Schwangeren, ein ernstes und sorgenvolles Gesicht.<\/p>\n<p>Warum ist dieses Gesicht so bedeutungsvoll? Emy Roeder ist die K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeit, die mich dazu gebracht hat, mich mit den L\u00fccken der documenta zu besch\u00e4ftigen. Roeder ist Bildhauerin, geboren 1890, in W\u00fcrzburg. In den drei\u00dfiger Jahren wird ihre Kunst von den Nationalsozialisten als \u201eentartet\u201c verfemt. Die kleine \u201eSchwangere\u201c wird beschlagnahmt und auf die Propaganda-Schau \u201eEntartete Kunst\u201c geschickt. 1955, fast zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter, reist eine Holzfassung der \u201eSchwangeren\u201c nach Kassel, zur ersten documenta.<\/p>\n<p>Was Emy Roeders Kunst besonders macht, macht auch Emy Roeders Haltung in der Nachkriegszeit besonders. Die Tonfassung der \u201eSchwangeren\u201c ist nur noch als Fragment \u00fcberliefert, aber im Original legt sie ihre Hand auf den leicht gew\u00f6lbten Bauch. Sie ist H\u00fcterin eines anderen Lebens, sie ist Zeugin, sie tr\u00e4gt Sorge daf\u00fcr. Eben diese sorgende Zeugenschaft pr\u00e4gt auch Emy Roeder als Person. Roeder schreibt in der Nachkriegszeit viele Briefe, die ich in Archiven in M\u00fcnchen, W\u00fcrzburg und Berlin gelesen habe, und in denen sie von Ereignissen berichtet, an die sich viele nicht mehr erinnern wollen. Einen dieser Briefe stellen wir auch aus.<\/p>\n<p>In ihren Briefen berichtet Roeder, was in den vierziger Jahren passiert ist. Sie erz\u00e4hlt die Geschichten, die sich in ihrem Bekannten- und Freundeskreis ereignen. Sie erz\u00e4hlt aus Florenz, wohin nicht nur sie gegangen ist, sondern auch Werner Haftmann, der Kunsthistoriker und sp\u00e4tere Mitbegr\u00fcnder der documenta in Kassel. Sie erz\u00e4hlt von ihrem j\u00fcdischen Malerfreund Rudolf Levy, der 1940 auch in Florenz ankommt. Sie erz\u00e4hlt von seiner Kunst, die sie begeistert. Und sie erz\u00e4hlt von Levys Verhaftung durch zwei SS-M\u00e4nner in Florenz im Jahr 1943 und seiner Deportation nach Auschwitz, die er nicht \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>In der Schau zeigen wir die Gem\u00e4lde von Levy, die Roeder so begeistern. Auch diese Kunstwerke lege ich Ihnen ans Herz: Alle stammen aus Levys Zeit in Florenz und in ihnen schildert er die Stationen seiner klein gewordenen Welt. Die italienische Stadt ist der letzte Zufluchtsort auf seiner langen Irrfahrt durch zahlreiche Exilorte. 1943, als deutsche Truppen Florenz besetzen, malt er sein letztes bewegendes Selbstportr\u00e4t. Auch dieses k\u00f6nnen Sie in unserer Ausstellung sehen.<\/p>\n<p>Wie wir mit weiteren Dokumenten in unserer Schau belegen k\u00f6nnen, kannte auch Werner Haftmann den Maler Levy. Auf der documenta in Kassel aber werden Levys Werke nicht gezeigt, obwohl man vorgibt, die Geschichte der Moderne \u201edokumentieren\u201c zu wollen. Die ermordeten K\u00fcnstler passen jedoch nicht in die Erinnerungspolitik, wie sie Haftmann f\u00fcr die Kunstgeschichte und f\u00fcr die documenta entwirft. Als Leiter eines Bandenjagdkommandos gegen Partisanen war Haftmann selbst 1944 in Italien an Folter von Partisanen und dem Mord an Zivilisten beteiligt, wie wir durch die Recherchen des Historikers Carlo Gentile wissen.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg verschweigt Haftmann seine Mitt\u00e4terschaft an den Gewaltverbrechen der NS-Zeit. Und ermordete K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler tauchen auf der documenta nicht auf. Erinnert wird an Verfemung von Kunst, nicht jedoch an Mord. Die L\u00fccke, die Haftmann in der eigenen Biografie lassen will, l\u00e4sst er auch in seiner Rekonstruktion der Moderne.<\/p>\n<p>Wenn Sie nun in unserer Ausstellung weitergehen, in die Sektion \u00fcber die documenta und den \u201eWesten als politisches und kulturelles Programm\u201c, die mein Kollege Lars Bang Larsen kuratiert hat, dann gibt es auch dort zwei Werke, die ich gerne herausheben m\u00f6chte: Treten sie also in den Raum mit den Gem\u00e4lden der Abstraktion, die in der Bundesrepublik und in den Vereinigten Staaten nun zur Weltsprache erkl\u00e4rt wird. Die Abstraktion soll in der Kunst als Bollwerk gegen Sozialismus und Kommunismus dienen. Auf der documenta wird sie als Inbegriff moderner Kunst und als Ausdruck des Individuums verehrt &#8211; vor allem des m\u00e4nnlichen Individuums. Und vielleicht finden Sie in unserer Ausstellung das abstrakte Gem\u00e4lde, das auf der ersten documenta gezeigt wurde und doch gar nicht zu dieser antikommunistischen Auffassung passt. Zu sehen sind ein Hochformat und eine schwarze Gitterstruktur, die mit schnellen Pinselstrichen gemalt wurde. Das Bild tr\u00e4gt den Titel \u201eSedia elettrica\u201c, elektrischer Stuhl. Gemalt hat es Emilio Vedova und gewidmet hat es der italienische K\u00fcnstler dem Ehepaar Ethel und Julius Rosenberg, die als sowjetische Spione 1953 im Bundesstaat New York hingerichtet wurden.<\/p>\n<p>Aber lassen sie mich auch kurz \u00fcber die andere Seite der documenta sprechen: das Heitere der Ausstellung, Einladende, Festivalhafte, Anti-museale, das durch Arnold Bodes Ideen und sein Design gepr\u00e4gt wurde. \u201eGanz doll\u201c schriebt der siebzehnj\u00e4hrige Heiner Georgsdorf beim Besuch 1955 in den Taschenkalender, den wir zeigen. Und \u201eGanz doll\u201c waren auch noch zwanzig Jahre sp\u00e4ter die farbenfrohen und eleganten Entw\u00fcrfe f\u00fcr den Plan, die documenta nach Philadelphia zu schicken. Auch diese finden sie in der von Lars Bang Larsen kuratierten Sektion. Die documenta sollte 1975 der Beitrag der Bundesrepublik zur 200-Jahrfeier der amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung sein. Die documenta w\u00e4re dann in Philadelphia zwischen Paradeuniformen und Umzugswagen aufgetreten \u2013 leider kam es anders.<\/p>\n<hr \/>\n<h3>Empfohlener Inhalt<\/h3>\n<p>Pressekonferenz zur Ausstellung \u201edocumenta. Politik und Kunst\u201c am 16. Juni 2021<\/p>\n<div id=\"Some-Embed-351cbe84-b558-4398-8bbd-c5c12612c9ef\" class=\"some-embed\" data-embed-src=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vJmBLuT1Eqg\" data-embed-host=\"www.youtube.com\" data-channel-name=\"\">\n  <div class=\"some-embed__iframe some-embed__iframe--youtube\" aria-hidden=\"true\"><\/div>\n  <div class=\"spinner spinner--is-inactive\" aria-hidden=\"true\">\n    <div class=\"double-bounce1\"><\/div>\n    <div class=\"double-bounce2\"><\/div>\n  <\/div>\n  <button class=\"some-embed__button has-background has-text-color\"><svg class=\"svg__hand\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 58 87\" width=\"60\" height=\"90\" role=\"img\" focusable=\"false\"><g fill=\"#000\" fill-rule=\"nonzero\"><path d=\"M51.673 41.034h-.425c-.939 0-1.83.207-2.63.577-.607-2.833-3.13-4.964-6.142-4.964h-.426a6.241 6.241 0 00-2.975.75 6.292 6.292 0 00-5.798-3.862h-.425c-.885 0-1.726.184-2.49.514v-9.018a6.289 6.289 0 00-6.283-6.281h-.425a6.289 6.289 0 00-6.281 6.281v23.101l-2.864 2.174a10.392 10.392 0 00-4.066 7.085 10.386 10.386 0 002.254 7.846l8.93 11.04v4.39a4.816 4.816 0 004.811 4.811h22.289a4.816 4.816 0 004.81-4.81l.001-4.169a20.262 20.262 0 004.416-12.604V47.316a6.287 6.287 0 00-6.28-6.282zm2.49 22.862c0 3.907-1.406 7.704-3.96 10.69-.296.344-.456.78-.456 1.233v4.85a1.02 1.02 0 01-1.02 1.02H26.44a1.02 1.02 0 01-1.02-1.02v-5.062c0-.434-.148-.854-.421-1.193l-9.352-11.56a6.628 6.628 0 01-1.439-5.008 6.64 6.64 0 012.594-4.52l.572-.434v5.25a1.896 1.896 0 003.791 0v-9.049-24.061a2.494 2.494 0 012.49-2.49h.426a2.494 2.494 0 012.491 2.49V39.819l.009 12.298a1.895 1.895 0 103.79-.002l-.01-12.288.002-.01a2.494 2.494 0 012.49-2.49h.425a2.494 2.494 0 012.492 2.49V42.932l.008 9.186c.001 1.046.85 1.893 1.896 1.893h.001c1.047 0 1.895-.85 1.894-1.897l-.009-9.184a2.494 2.494 0 012.491-2.49h.426a2.494 2.494 0 012.49 2.49v3.893c-.006.062-.019.123-.019.186l.01 5.11a1.895 1.895 0 001.895 1.892h.004a1.896 1.896 0 001.891-1.9l-.008-4.62c.006-.058.018-.114.018-.174a2.494 2.494 0 012.49-2.49h.426a2.494 2.494 0 012.49 2.49v16.579z\"\/><path d=\"M12.794 32.102a1.894 1.894 0 01-1.611-.894 14.567 14.567 0 01-2.198-7.706c0-8.05 6.55-14.6 14.6-14.6 8.052 0 14.601 6.55 14.601 14.6 0 1.406-.2 2.796-.593 4.133a1.895 1.895 0 11-3.637-1.07c.291-.99.44-2.02.44-3.062 0-5.96-4.85-10.81-10.81-10.81-5.961 0-10.81 4.85-10.81 10.81 0 2.024.562 3.996 1.624 5.703a1.895 1.895 0 01-1.606 2.896z\"\/><path d=\"M11.608 43.16c-.365 0-.734-.105-1.06-.325A23.307 23.307 0 01.269 23.5C.27 10.645 10.73.185 23.586.185c12.856 0 23.316 10.46 23.316 23.316 0 2.941-.54 5.81-1.608 8.526a1.895 1.895 0 11-3.528-1.387 19.445 19.445 0 001.345-7.139c0-10.766-8.758-19.525-19.525-19.525C12.82 3.976 4.06 12.736 4.06 23.5a19.52 19.52 0 008.61 16.192 1.895 1.895 0 01-1.062 3.467z\"\/><\/g><\/svg><span class=\"some-embed__header\">\n        <span class=\"some-embed__host-svg\"><svg class=\"svg__youtube\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" xml:space=\"preserve\" viewBox=\"0 0 176 124\" role=\"img\" focusable=\"false\"><path d=\"M180.3 53.4c-2-7.6-8-13.6-15.6-15.7C151 34 96 34 96 34s-55 0-68.8 3.7c-7.6 2-13.5 8-15.6 15.7C8 67.2 8 96 8 96s0 28.8 3.7 42.6c2 7.6 8 13.6 15.6 15.7C41 158 96 158 96 158s55 0 68.8-3.7c7.6-2 13.5-8 15.6-15.7C184 124.8 184 96 184 96s0-28.8-3.7-42.6z\" style=\"fill:#ee3124\" transform=\"translate(-8 -34)\"\/><path d=\"m124 96-46 26.2V69.8z\" style=\"fill:#fff\" transform=\"translate(-8 -34)\"\/><\/svg><\/span>\n        <span class=\"some-embed__heading\">Youtube-Video<\/span>\n      <\/span>\n    <span class=\"some-embed__description\">Dieser Youtube-Video wird nach Ihrem Klick vom Youtube-Server abgerufen und hier eingebettet angezeigt. <br\/>Es gelten die Datenschutzhinweise von Youtube.<\/span>\n  <\/button>\n  <a class=\"some-embed__link icon-triangle-right\" href=\"https:\/\/policies.google.com\/privacy\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span>Zu den Datenschutzhinweisen von Youtube<\/span><\/a>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Wie man sich auf der documenta von der NS-Vergangenheit abgrenzte und den Schulterschluss mit Nordamerika suchte<span><\/h2>\n<p>In ihrer Rede, die sie bei der Er\u00f6ffnung von &#8222;documenta. 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