
{"id":4808,"date":"2021-07-18T09:30:52","date_gmt":"2021-07-18T07:30:52","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=4808"},"modified":"2021-12-21T10:20:03","modified_gmt":"2021-12-21T09:20:03","slug":"der-osten-auf-der-documenta-und-die-grossausstellung-als-ereignis-und-institution","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2021\/07\/18\/der-osten-auf-der-documenta-und-die-grossausstellung-als-ereignis-und-institution\/","title":{"rendered":"Der \u201eOsten\u201c auf der documenta und die Gro\u00dfausstellung als Ereignis und Institution"},"content":{"rendered":"<h1>Der \u201eOsten\u201c auf der documenta und die Gro\u00dfausstellung als Ereignis und Institution<\/h1>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Dorothee Wierling | 18. Juli 2021<\/span><\/p>\n<p><strong>Die Haltung der documenta zum \u201eOsten\u201c und der gesellschaftsgeschichtliche Aspekt der Weltkunstschau als Themen unserer Ausstellung erl\u00e4uterte Co-Kuratorin Prof. Dr. Dorothee Wierling bei Ihrer Rede zur Er\u00f6ffnung von <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/documenta-politik-und-kunst\/#\/\">\u201edocumenta. Politik und Kunst\u201c<\/a> am 16. Juni 2021.<\/strong><\/p>\n<p>Der Westen als politisches und kulturelles Konstrukt im Kontext des Kalten Krieges ist nicht denkbar ohne sein \u201eAnderes\u201c, den \u201eOsten\u201c. Dieser Begriff stand schon seit dem 19. Jahrhundert im europ\u00e4ischen Kontext f\u00fcr R\u00fcckst\u00e4ndigkeit und Kulturlosigkeit \u2013 und die Gleichsetzung mit Kommunismus und Stalinismus in der Fr\u00fchphase des Kalten Krieges f\u00fcgte dem eine politische Dimension zu. Die Totalitarismustheorie der 1950er Jahre definierte Kommunismus und Nationalsozialismus als zwei Seiten derselben Medaille \u2013 und diente damit der Abgrenzung gegen\u00fcber dem \u201eOsten\u201c ebenso wie der Distanzierung vom Nationalsozialismus mit dem Effekt, dass die Westdeutschen sich mit dieser Vergangenheit nicht konkret und pers\u00f6nlich auseinandersetzen mussten.<\/p>\n<p>Die ersten documenta-Ausstellungen bilden diese Linie in reinster Form ab. (Werner Haftmann erkl\u00e4rte den \u201esozialistischen Realismus\u201c ebenso zur Nichtkunst wie die Kunst-Produkte des Nationalsozialismus \u2013 beiden setzte er die Abstraktion als Inbegriff westlicher Freiheit gegen\u00fcber.) Bei dem Ausschluss von Kunst aus dem sozialistischen Staat blieb es, auch als schon in den 1960er Jahren DDR-K\u00fcnstler selbst die dogmatische Kunstpolitik Ulbrichts kritisierten. Aus Gegnerschaft wurde Nichtwissen und schlie\u00dflich Vergessen \u2013 und das \u00fcber den Fall der Mauer hinaus.<\/p>\n<p>Alexia Pooth, die den Raum \u00fcber den \u201eOsten\u201c kuratorisch betreut hat, hat bewusst die Perspektive gewechselt. Sie zeigt z.B. einen Brief, den Gerhard Richter 1959 von der documenta 2 an einen Freund in Dresden schrieb \u2013 ein Jahr, bevor er selbst die DDR verlie\u00df, war er noch angeekelt vom westlichen Kapitalismus und westlicher Kunst \u2013 wie er uns im Interview erl\u00e4uterte, Ausdruck einer tiefen Ambivalenz gegen\u00fcber der DDR wie der Bundesrepublik.<\/p>\n<p>Nur einmal \u2013 1977, auf dem H\u00f6hepunkt der Entspannungspolitik \u2013 \u00f6ffnete sich die documenta f\u00fcr Kunst aus der DDR. Die Werke auf der documenta 6 zeigten auch, in welchem Ausma\u00df selbst \u201eStaatsk\u00fcnstler\u201c sich vom \u201esozialistischen Realismus\u201c entfernt hatten. Wolfgang Mattheuers Werk \u201eHorizont\u201c von 1970 ist ganz dominiert von einer dunklen, leeren H\u00fcgellandschaft, vor der ein surrealistisches Ensemble aus einer \u00fcberdimensionalen Zeitung, einem menschlichen Ohr und einem B\u00fcrokraten mit Akte, Telefon und Kabelkn\u00e4uel neben einem Schlafenden zu sehen ist, aus dessen Mund Papier entweicht \u2013 unverdaut oder ungenie\u00dfbar. Am oberen Rand sehen wir den hellen freundlichen Horizont, in den winzige, bunt gekleidete Menschen eintreten wie in einen fernen Himmel. Die DDR-Kunst wurde \u00fcberwiegend wohlwollend aufgenommen, blieb aber eine Ausnahme. Die erfolgreiche und folgenreiche \u201eWesternisierung\u201c der Bundesrepublik verhinderte selbst die blo\u00dfe Neugier auf den Osten als ihr Anderes.<\/p>\n<p>\u201eDie documenta ist zwar eine internationale Ausstellung\u201c, so Raphael Gross in einem unserer Teamgespr\u00e4che, \u201eaber bedeutsam ist sie vor allem f\u00fcr die Geschichte der Bundesrepublik.\u201c \u00a0Dem tr\u00e4gt das letzte Ausstellungsthema im Raum 5: \u201eDie documenta als Ereignis und Institution\u201c Rechnung. Jede documenta wurde von hochrangigen Bundespolitikern besucht, ein Verweis auf ihren Stellenwert in der Symbolpolitik des westdeutschen Staates. Doch dahinter steckte auch reale Unterst\u00fctzung, garantierte der Staat doch von Beginn an die Grundfinanzierung der documenta ohne Eingriff in die k\u00fcnstlerische Freiheit der Akteure. Diese selbst profilierte sich dagegen weniger durch explizit politische Kunst \u2013 sieht man von einzelnen K\u00fcnstlern wie Josef Beuys oder Hans Haacke ab; vielmehr nutzte sie die garantierte Freiheit und bildete so das Selbstverst\u00e4ndnis der Bundesrepublik k\u00fcnstlerisch ab.<\/p>\n<p>Mich hat vor Allem der gesellschaftsgeschichtliche Aspekt der documenta interessiert. Ausgangspunkt ist das Publikum, das \u00fcber den gesamten Zeitraum ein bestimmtes Segment der bundesrepublikanischen Gesellschaft vertritt: das klassische und das \u201eneue\u201c Bildungsb\u00fcrgertum, also Personen mit h\u00f6heren Bildungsabschl\u00fcssen sind darin noch eindeutiger \u00fcberrepr\u00e4sentiert als die Jahrg\u00e4nge der 20- bis 40-J\u00e4hrigen. Dabei blieb es trotz der bis 1997 fast um das F\u00fcnffache steigenden Besucherzahlen.<\/p>\n<p>Die documenta wollte sowohl eine exklusive, als auch eine demokratische Veranstaltung sein. Dem entsprach, dass auch die Haltung des Publikums von zwei Bed\u00fcrfnissen bestimmt war: den Wunsch, durch Erkl\u00e4rung und F\u00fchrung der zeitgen\u00f6ssischen Kunst n\u00e4her zu kommen und damit an Souver\u00e4nit\u00e4t zu gewinnen, hat Hans Hollein auf der documenta 8 ironisch kommentiert. Er macht den erkl\u00e4renden Text zum Hauptwerk, w\u00e4hrend das Kunstwerk auf das T\u00e4felchen am unteren Rand verbannt wird. Aber auch die unbefangene Neugier auf die Kunst und das entspannte Flanieren zwischen den Bildern und Skulpturen charakterisierte das Besucherverhalten. Die documenta entwickelte sich zunehmend zu einem popul\u00e4ren Gro\u00df-Event \u2013 und entwickelte \u2013 bei steigenden Einnahmen \u2013 ein eigenes Gesch\u00e4ftsmodell. Diese Kommerzialisierung blieb in der Kunstszene nicht unwidersprochen. Die Aktion der Textilk\u00fcnstlerin Annemarie Burckhardt, die vor der documenta 9 einen \u201efalschen documenta-Katalog\u201c aus Schaumstoff und bestickter H\u00fclle herstellte, verdankte ihren Erfolg der Drohung des documenta-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers, sie wegen Verletzung des \u201eMarkenschutzes\u201c zu verklagen. Er hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass das Kissen nun erst recht ein Verkaufsschlager wurde. Die Geschichte verweist auch auf, dass die documenta zunehmend als ein offener Raum galt, was von dieser durchaus als bedrohliche Grenz\u00fcberschreitung wahrgenommen wurde. So bildet die documenta nicht nur gesellschaftliche Prozesse ab \u2013 insbesondere Bildungsboom und liberalen \u201eWertewandel\u201c seit den 1970er Jahren &#8211; sondern auch kulturelle Ver\u00e4nderungen, die mit den Stichworten Eventisierung und Kommerzialisierung gekennzeichnet werden.<\/p>\n<hr \/>\n<h3>Empfohlener Inhalt<\/h3>\n<p>Pressekonferenz zur Ausstellung \u201edocumenta. Politik und Kunst\u201c am 16. Juni 2021<\/p>\n<div id=\"Some-Embed-908bedfa-dbe2-4b32-9661-5c4df2c89940\" class=\"some-embed\" data-embed-src=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vJmBLuT1Eqg\" data-embed-host=\"www.youtube.com\" data-channel-name=\"\">\n  <div class=\"some-embed__iframe some-embed__iframe--youtube\" aria-hidden=\"true\"><\/div>\n  <div class=\"spinner spinner--is-inactive\" aria-hidden=\"true\">\n    <div class=\"double-bounce1\"><\/div>\n    <div class=\"double-bounce2\"><\/div>\n  <\/div>\n  <button class=\"some-embed__button has-background has-text-color\"><svg class=\"svg__hand\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 58 87\" width=\"60\" height=\"90\" role=\"img\" focusable=\"false\"><g fill=\"#000\" fill-rule=\"nonzero\"><path d=\"M51.673 41.034h-.425c-.939 0-1.83.207-2.63.577-.607-2.833-3.13-4.964-6.142-4.964h-.426a6.241 6.241 0 00-2.975.75 6.292 6.292 0 00-5.798-3.862h-.425c-.885 0-1.726.184-2.49.514v-9.018a6.289 6.289 0 00-6.283-6.281h-.425a6.289 6.289 0 00-6.281 6.281v23.101l-2.864 2.174a10.392 10.392 0 00-4.066 7.085 10.386 10.386 0 002.254 7.846l8.93 11.04v4.39a4.816 4.816 0 004.811 4.811h22.289a4.816 4.816 0 004.81-4.81l.001-4.169a20.262 20.262 0 004.416-12.604V47.316a6.287 6.287 0 00-6.28-6.282zm2.49 22.862c0 3.907-1.406 7.704-3.96 10.69-.296.344-.456.78-.456 1.233v4.85a1.02 1.02 0 01-1.02 1.02H26.44a1.02 1.02 0 01-1.02-1.02v-5.062c0-.434-.148-.854-.421-1.193l-9.352-11.56a6.628 6.628 0 01-1.439-5.008 6.64 6.64 0 012.594-4.52l.572-.434v5.25a1.896 1.896 0 003.791 0v-9.049-24.061a2.494 2.494 0 012.49-2.49h.426a2.494 2.494 0 012.491 2.49V39.819l.009 12.298a1.895 1.895 0 103.79-.002l-.01-12.288.002-.01a2.494 2.494 0 012.49-2.49h.425a2.494 2.494 0 012.492 2.49V42.932l.008 9.186c.001 1.046.85 1.893 1.896 1.893h.001c1.047 0 1.895-.85 1.894-1.897l-.009-9.184a2.494 2.494 0 012.491-2.49h.426a2.494 2.494 0 012.49 2.49v3.893c-.006.062-.019.123-.019.186l.01 5.11a1.895 1.895 0 001.895 1.892h.004a1.896 1.896 0 001.891-1.9l-.008-4.62c.006-.058.018-.114.018-.174a2.494 2.494 0 012.49-2.49h.426a2.494 2.494 0 012.49 2.49v16.579z\"\/><path d=\"M12.794 32.102a1.894 1.894 0 01-1.611-.894 14.567 14.567 0 01-2.198-7.706c0-8.05 6.55-14.6 14.6-14.6 8.052 0 14.601 6.55 14.601 14.6 0 1.406-.2 2.796-.593 4.133a1.895 1.895 0 11-3.637-1.07c.291-.99.44-2.02.44-3.062 0-5.96-4.85-10.81-10.81-10.81-5.961 0-10.81 4.85-10.81 10.81 0 2.024.562 3.996 1.624 5.703a1.895 1.895 0 01-1.606 2.896z\"\/><path d=\"M11.608 43.16c-.365 0-.734-.105-1.06-.325A23.307 23.307 0 01.269 23.5C.27 10.645 10.73.185 23.586.185c12.856 0 23.316 10.46 23.316 23.316 0 2.941-.54 5.81-1.608 8.526a1.895 1.895 0 11-3.528-1.387 19.445 19.445 0 001.345-7.139c0-10.766-8.758-19.525-19.525-19.525C12.82 3.976 4.06 12.736 4.06 23.5a19.52 19.52 0 008.61 16.192 1.895 1.895 0 01-1.062 3.467z\"\/><\/g><\/svg><span class=\"some-embed__header\">\n        <span class=\"some-embed__host-svg\"><svg class=\"svg__youtube\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" xml:space=\"preserve\" viewBox=\"0 0 176 124\" role=\"img\" focusable=\"false\"><path d=\"M180.3 53.4c-2-7.6-8-13.6-15.6-15.7C151 34 96 34 96 34s-55 0-68.8 3.7c-7.6 2-13.5 8-15.6 15.7C8 67.2 8 96 8 96s0 28.8 3.7 42.6c2 7.6 8 13.6 15.6 15.7C41 158 96 158 96 158s55 0 68.8-3.7c7.6-2 13.5-8 15.6-15.7C184 124.8 184 96 184 96s0-28.8-3.7-42.6z\" style=\"fill:#ee3124\" transform=\"translate(-8 -34)\"\/><path d=\"m124 96-46 26.2V69.8z\" style=\"fill:#fff\" transform=\"translate(-8 -34)\"\/><\/svg><\/span>\n        <span class=\"some-embed__heading\">Youtube-Video<\/span>\n      <\/span>\n    <span class=\"some-embed__description\">Dieser Youtube-Video wird nach Ihrem Klick vom Youtube-Server abgerufen und hier eingebettet angezeigt. <br\/>Es gelten die Datenschutzhinweise von Youtube.<\/span>\n  <\/button>\n  <a class=\"some-embed__link icon-triangle-right\" href=\"https:\/\/policies.google.com\/privacy\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span>Zu den Datenschutzhinweisen von Youtube<\/span><\/a>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Der &#8222;Osten&#8220; auf der documenta und die Weltausstellung als Ereignis und Institution<span><\/h2>\n<p>Die Haltung der documenta zum &#8222;Osten&#8220; und der gesellschaftliche Aspekt der Weltkunstschau als Themen unserer Ausstellung erl\u00e4uterte Co-Kuratorin Prof. Dr. Dorothee Wierling bei ihrer Rede zur Er\u00f6ffnung von &#8222;documenta. 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