
{"id":4863,"date":"2021-08-19T11:07:24","date_gmt":"2021-08-19T09:07:24","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=4863"},"modified":"2024-05-27T12:12:59","modified_gmt":"2024-05-27T10:12:59","slug":"die-documenta-und-die-abwesenden-anderen","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2021\/08\/19\/die-documenta-und-die-abwesenden-anderen\/","title":{"rendered":"Die documenta und die abwesenden  Anderen"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Die documenta und die abwesenden Anderen<\/strong><\/h1>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Lars Bang Larsen | 19. August 2021<\/span><\/p>\n<p><strong>Kritik an der documenta wurde \u00fcber die Jahre von vielen verschiedenen Personen und Gruppen laut. Besonders das Verh\u00e4ltnis von m\u00e4nnlichen zu weiblichen oder auch queeren Beteiligten an der Ausstellung stand immer wieder im Fokus. Lars Bang Larsen, Co-Kurator der Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/documenta-politik-und-kunst\/\">\u201cdocumenta. Politik und Kunst\u201d<\/a> beleuchtet einige Protestaktionen und wie sich dieses Verh\u00e4ltnis von der ersten bis zur zehnten documenta ver\u00e4ndert hat.<\/strong><\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zum Nachkriegserbe der documenta, dass ihre Veranstalter die historischen Narrative der \u201eAnderen\u201c &#8211; darunter auch der \u201eOsten\u201c und die vom NS-Regime Verfolgten und Ermordeten &#8211; ignorierten oder verf\u00e4lschten. Nur langsam und schrittweise nahmen die Verantwortlichen die \u201eAnderen\u201c zur Kenntnis. Die Tendenz zur Entpolitisierung, die Teil der DNA der documenta war, verz\u00f6gerte die Einbeziehung anderer Stimmen bis an die Schwelle zum 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Wenn man die Geschichte der documenta anhand ihrer Darstellungen und Selbstdarstellungen einer kritischen Betrachtung unterzieht, bedeutet dies auch, sich mit einer patriarchalischen Institution auseinanderzusetzen. Im Hinblick auf Race und Gender blieb die Ausrichtung der documenta \u00fcberwiegend wei\u00df und m\u00e4nnlich. Die Reaktion der in New York ans\u00e4ssigen feministischen K\u00fcnstlerinnengruppe Guerrilla Girls auf die documenta 8 ist durchaus aufschlussreich: Sie entwarfen eine Visitenkarte mit der schlichten Frage: \u201eWarum ist die documenta 1987 zu 95% wei\u00df und zu 85% m\u00e4nnlich?\u201c, die auf der documenta verteilt wurde. Ein Mitglied der Gruppe erinnert sich: \u201eWir haben uns die Liste mit den K\u00fcnstlern auf der documenta angesehen und die Zahlen ausgewertet. Dann haben wir die Karte in New York entworfen und gedruckt und sie Leuten mitgegeben, von denen wir wussten, dass sie die documenta besuchen w\u00fcrden.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_8875\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8875\" class=\"wp-image-8875 size-medium\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Guerilla-Girls-Why-in-1987-300x210.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"210\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Guerilla-Girls-Why-in-1987-300x210.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Guerilla-Girls-Why-in-1987-768x538.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Guerilla-Girls-Why-in-1987.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-8875\" class=\"wp-caption-text\">Guerilla Girls, Why in 1987 is documenta 97 percent white and 83 percent male, 1987 \u00a9 Courtesy of Guerilla Girls www.guerillagirls.com<\/p><\/div>\n<p>Im 20. Jahrhundert war die in den meisten documenta-Ausstellungen pr\u00e4sentierte Kunst m\u00e4nnlich definiert, w\u00e4hrend der Ausschluss von K\u00fcnstlerinnen nicht einmal thematisiert wurde. Seit Ende der 1960er Jahre gab es immer wieder feministische Proteste gegen die documenta, und es entwickelte sich eine Art Gegenkultur, die die K\u00fcnstlerin Chris Reinecke mit einem Happening begr\u00fcndete, als sie auf der Pressekonferenz der documenta 4 den k\u00fcnstlerischen Leiter Arnold Bode k\u00fcsste. In einem Interview f\u00fcr den Ausstellungskatalog von <em>documenta. Politik und Kunst<\/em>, das sie mit Co-Kuratorin Julia Voss f\u00fchrte, sagte sie: \u201eIch wollte [Bode] provozieren, als Frau. Ich wollte sehen, wie er, der gro\u00dfe Meister, reagiert Aber er schob mich einfach beiseite, und genau das hatte ich eigentlich auch erwartet. Diese Generation hatte einfach keinen Humor. Er h\u00e4tte ja auch sagen k\u00f6nnen: \u201aKomm her, M\u00e4dchen, ich k\u00fcss dich zur\u00fcck.\u2019\u201c Wie wir von den Guerilla Girls wissen, fiel Reineckes protofeministische Aktion auf unfruchtbaren Boden, und damit scheiterte auch ihr Versuch, die geschlechtsspezifische Verkn\u00fcpfung zwischen dem Patriarchat der 1950er Jahre und dessen Vorliebe f\u00fcr \u201edas gute alte Tafelbild\u201c, wie Reinecke es ausdr\u00fcckte, aufzubrechen.<\/p>\n<p>Erst 1997, als man Catherine David die k\u00fcnstlerische Leitung der documenta X \u00fcbertrug, \u00fcbernahm zum ersten Mal eine Frau das Ruder. Dies markierte einen Wendepunkt in der Geschichte der documenta, der weitere bahnbrechende \u00c4nderungen zur Folge hatte. Es war die erste documenta, die Kunst als Verbindung aus \u201ePolitik\u201c und \u201ePoetik\u201c definierte. Im Haupttext des Ausstellungskatalogs zur documenta X mit der \u00dcberschrift <em>Das politische Potential der Kunst <\/em>&#8211; ein Gespr\u00e4ch zwischen Catherine David und den Kunsthistorikern Jean-Fran\u00e7ois Chevrier und Benjamin Buchloh -, beklagt sich Buchloh allerdings dar\u00fcber, dass europ\u00e4ische Intellektuelle sich des \u201eFeminismus oder einer gewisser Rezeption von amerikanischer Multikulturalit\u00e4t\u201c bedienten, ohne die damit einhergehende politische Realit\u00e4t ausreichend zu ber\u00fccksichtigen. Wie es scheint, war die feministische Politik in den 1990er Jahren einfach nicht politisch genug: Tats\u00e4chlich w\u00e4re Buchlohs Argument \u00fcberzeugender gewesen, wenn er die jahrzehntelange Ignoranz der documenta gegen\u00fcber dem Feminismus in seine \u00dcberlegungen einbezogen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Als Reaktion auf die Ausstellung <em>documenta. Politik und Kunst<\/em> schreibt Alexander Farenholtz in einer E-Mail, dass, selbst wenn die kunstmarktfreundliche documenta 9 kaum als Musterbeispiel f\u00fcr k\u00fcnstlerische Innovation gelten k\u00f6nne, die von Jan Hoets kuratierte Ausstellung im R\u00fcckblick Anerkennung verdiene, denn \u201eSchwule\/Queere, Schwarze, Migrantische Identit\u00e4ten waren, soweit ich wei\u00df, erstmals explizit (\u00fcbrigens erstmals auch im Leitungsteam) ausdr\u00fccklich und sichtbar Thema\u201c. Dies ist eine interessante Feststellung, auf die es sich n\u00e4her einzugehen lohnt. Nat\u00fcrlich waren queere K\u00fcnstler*innen auch fr\u00fcher auf der documenta vertreten, darunter K\u00fcnstler wie Robert Rauschenberg, Jasper Johns und Andy Warhol auf der documenta 3 und 4 &#8211; und zweifellos auch andere vor ihnen. Allerdings wurde ihre Homosexualit\u00e4t seitens der documenta in keiner Weise thematisiert. Das \u00e4nderte sich erst 1968 mit David Hockneys Beitrag zur documenta 4: Als Teil der gro\u00dfen Gruppe US-amerikanischer und britischer Pop-Art-K\u00fcnstler, die auf der <em>documenta americana<\/em> vertreten war, pr\u00e4sentierte Hockney zahlreiche Gem\u00e4lde und Druckgrafiken, darunter auch homoerotische Radierungen der Serie <em>Fourteen Poems from Cavafy<\/em> (1966), von denen eine &#8211; die Darstellung eines m\u00e4nnlichen Paars, nackt und schlafend, im gemeinsamen Bett &#8211; sogar eine eigene Seite im Ausstellungskatalog bekam.<\/p>\n<p>Diese diskrete Sichtbarmachung schwuler Subjektivit\u00e4t auf der documenta 4 blieb jedoch eine Ausnahmeerscheinung. Meines Wissens fanden in der innovativen documenta 5 unter Leitung von Harald Szeemann andere Geschlechtsidentit\u00e4ten keine Ber\u00fccksichtigung. Nat\u00fcrlich waren schwule K\u00fcnstler wie Paul Thek und David Medalla mit raumf\u00fcllenden Arbeiten vertreten, aber man musste schon genau hinsehen, um in ihrem Werk queere Anspielungen zu entdecken, wie beispielsweise eine von Medallas Seifenschaum aussto\u00dfende Bubble Machines, die er in seinem und John Duggers People\u2019s Participation Pavillon (1972) &#8211; eigentlich eher eine Art Schrein f\u00fcr kommunistisches Ideengut &#8211; pr\u00e4sentierte. Insofern war das Interesse, dass die documenta 5 an Au\u00dfenseitern des Kulturlebens und an kulturellen Ausdrucksformen abseits des Mainstream zeigte &#8211; was charakteristisch f\u00fcr 1968er Generation war &#8211; bezeichnenderweise heteronormativ gepr\u00e4gt. Da fragt man sich nat\u00fcrlich, was Szeemann und seine Co-Kuratoren wohl von Kenneth Angers perfekt inszenierter Lederszene in <em>Scorpio Rising<\/em> hielten, seinem Kunstfilm von 1963 f\u00fcr M\u00e4nner mit einer Vorliebe f\u00fcr Lederjacken und gut best\u00fcckte Jungs, der Teil des Filmprogramms der documenta 5 war.<\/p>\n<div id=\"attachment_4865\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4865\" class=\"size-full wp-image-4865\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/26.-Motiv-aus-der-Siebdruckserie-We-Wolf-von-Loreatta-Fahrenholz-c-Loretta-Fahrenholz.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"999\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/26.-Motiv-aus-der-Siebdruckserie-We-Wolf-von-Loreatta-Fahrenholz-c-Loretta-Fahrenholz.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/26.-Motiv-aus-der-Siebdruckserie-We-Wolf-von-Loreatta-Fahrenholz-c-Loretta-Fahrenholz-150x150.jpg 150w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/26.-Motiv-aus-der-Siebdruckserie-We-Wolf-von-Loreatta-Fahrenholz-c-Loretta-Fahrenholz-300x300.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/26.-Motiv-aus-der-Siebdruckserie-We-Wolf-von-Loreatta-Fahrenholz-c-Loretta-Fahrenholz-768x767.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-4865\" class=\"wp-caption-text\">Motiv aus der Siebdruckserie We-Wolf von Loretta Fahrenholz<br \/>\u00a9 Loretta Fahrenholz<\/p><\/div>\n<p>Die K\u00fcnstlerin Loretta Fahrenholz\u00a0 hat f\u00fcr die Ausstellung <em>documenta. Politik und Kunst<\/em> neue Arbeiten kreiert, darunter die Siebdruckserie <em>We-Wolf<\/em> und die Performance <em>A Way of Turning<\/em>. Beide Beitr\u00e4ge beziehen Themen mit ein, die auf den documenta-Ausstellungen des 20. Jahrhunderts ausgeschlossen waren: kommunistische und j\u00fcdische K\u00fcnstler*innen, queere und rassifizierte Inhalte. In Fahrenholz\u2019 Arbeiten begegnen sie uns als wiederkehrende, uns heimsuchende Gestalten, die die bei den documenta-Verantwortlichen beliebte Phrase von der \u201efreien Kunst\u201c beharrlich infrage stellen. In einem Interview im Ausstellungskatalog sagt sie: \u201eIch sehe diese Art der Heimsuchung als eine Vorw\u00e4rts- und R\u00fcckw\u00e4rtsbewegung, als die Anwesenheit aller Dinge, die existieren, auch wenn man ihre Existenz leugnet.\u201c Durch die Gestik von Fahrenholz\u2019 Performer*innen, das Nachhallen ihrer Bilder, k\u00f6nnen wir einigen der von der documenta ausgeschlossenen \u201eAnderen\u201c nachsp\u00fcren und sie f\u00fcr uns erfahrbar machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Die documenta und die abwesenden Anderen<span><\/h2>\n<p>Kritik an der documenta wurde \u00fcber die Jahre von vielen verschiedenen Personen und Gruppen laut. Besonders das Verh\u00e4ltnis von m\u00e4nnlichen zu weiblichen oder auch queeren Beteiligten an der Ausstellung stand immer wieder im Fokus. Lars Bang Larsen, Co-Kurator der Ausstellung \u201cdocumenta. Politik und Kunst\u201d beleuchtet einige Protestaktionen und wie sich dieses Verh\u00e4ltnis von der ersten bis zur zehnten documenta ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":4867,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2244,2333,2331,1040],"class_list":["post-4863","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten-aktuell","tag-documenta","tag-gender","tag-kunst","tag-politik"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4863","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4863"}],"version-history":[{"count":5,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4863\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8876,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4863\/revisions\/8876"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4867"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4863"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4863"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4863"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}