
{"id":4886,"date":"2021-09-08T10:05:49","date_gmt":"2021-09-08T08:05:49","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=4886"},"modified":"2021-09-08T10:05:49","modified_gmt":"2021-09-08T08:05:49","slug":"wozu-das-denn-ein-malbuch-von-der-documenta-6","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2021\/09\/08\/wozu-das-denn-ein-malbuch-von-der-documenta-6\/","title":{"rendered":"Wozu das denn? Ein Malbuch von der documenta 6"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Wozu das denn? Ein Malbuch von der documenta 6<\/strong><\/h1>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Alexia Pooth | 8. September 2021<\/span><\/p>\n<p><strong>Walter Prankl stand nicht auf der offiziellen K\u00fcnstler*innen-Liste der documenta 6, doch mit seiner \u201eMediendocumentation \u2013 zum Weitermalen\u201c wurde er fester Bestandteil der Geschichte der Gro\u00dfausstellung. Was Prankl damit im Sinn hatte, erl\u00e4utert Dr. Alexia Pooth, wissenschaftliche Mitarbeiterin unserer Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/documenta-politik-und-kunst\/#\/\">\u201edocumenta. Politik und Kunst\u201c<\/a>.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eHerzlichst zur Besprechung freigegeben\u201c<\/p>\n<p><em>Onkel Walters Mediendocumentation \u2013 zum Weitermalen<\/em>, ein Malbuch von der documenta 6<\/p>\n<p>\u201eKassel bietet Kunst f\u00fcr alle, Spa\u00df und \u00c4rger f\u00fcr Viele\u201c, hie\u00df es anl\u00e4sslich der Er\u00f6ffnung der documenta 6 1977 im <em>Stern<\/em> \u2013 eine Einsch\u00e4tzung, die die beteiligten K\u00fcnstler*innen wie auch Besucher*innen wohl nur teilen konnten. Welchen Trubel die d6 ausl\u00f6ste und wie die ersten Tage dieser \u201eMonsterschau der Gegenwartskunst\u201c (Mannheimer Morgen) aussahen, l\u00e4sst sich bis heute nicht nur an Fotografien, Fernsehsendungen und Pressemitteilungen zwischen <em>Roter Fahne<\/em> und <em>Playboy<\/em> nachvollziehen, sondern auch an einem documenta-Malbuch der eigenen Art: <em>Onkel Walters Mediendocumentation \u2013 zum Weitermalen<\/em>. Knapp drei\u00dfig Seiten umfasst die von einem Plastikschieber zusammengehaltene Blattsammlung aus schwarz-wei\u00df Skizzen und Textbausteinen. Das Heft besticht, denn die schnellen Zeichnungen von d6-Ikonen wie die <em>Honigpumpe<\/em> von Joseph Beuys suggerieren Unmittelbarkeit; das Angebot der Kladde, sich malend-kreativ dem documenta-Geschehen zu n\u00e4hern, erm\u00f6glicht individuelles Dabeisein, w\u00e4hrend die schriftlichen Kommentare wie auch die Originalsignatur \u201ew. prankl\u201c auf eine Besonderheit verweisen: Dieses Malbuch aus dem Jahr 1977 ist keine blo\u00dfe \u201edocumentation\u201c, sondern selbst ein Kunstwerk.<\/p>\n<p>Wer sich hinter \u201eOnkel Walter\u201c verbirgt, ist schnell recherchiert: Es handelt sich um den \u00d6sterreichischen Architekten und Mixed-Media K\u00fcnstler Walter Prankl (geb. 1935), der in den 1970er Jahren als Kulturpublizist, Kunstp\u00e4dagoge und PR-Experte ein \u00e4sthetisches Konzept mit Namen Umweltdesign (UD) entwickelte. Wie sich an dem Malbuch zeigt, stand hinter UD der Anspruch, aktuelle Kulturfragen \u201emit Verve\u201c zu visualisieren, witzig zu veranschaulichen, \u201ewas der sachlichen Dokumentation nur unzureichend gelingt\u201c und so freie und assoziative Meinungsbildung zu erm\u00f6glichen.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Zwar blieb Prankls (inoffizielle) Teilnahme an der documenta einmalig, doch durch viele weitere Malb\u00fccher und vor allem durch sein Umwelt-Design-Journal im Faltposter-Format etwa \u00fcber die Biennale in Venedig, legte Prankl Dokumente vor, die bis heute visuell einmalig sind.<\/p>\n<p>Wie sich beim Durchbl\u00e4ttern des Malbuchs zeigt, ging es Prankl nicht um Objektivit\u00e4t, sondern um das Festhalten dessen, was vor, hinter und zum Teil auch auf den Kulissen der documenta stattfand. Die Blattsammlung, in der jedes Ausmalmotiv einen Buchstaben tr\u00e4gt, wird so durch eine erfrischende Gleichzeitigkeit charakterisiert: Kulturprominenz, Kunstavantgarde und Au\u00dfenseiter des (westlichen) Kunstbetriebes stehen selbstverst\u00e4ndlich nebeneinander \u2013 Pflastermaler genauso wie Wolf Vostell oder sechs K\u00fcnstler aus der DDR. Ihre Einladung, die erste und einzige offizielle documenta-Beteiligung von K\u00fcnstlern aus dem \u201eanderen\u201c Deutschland, f\u00fchrte, wie das Malbuch dokumentiert, zu \u201eKrach und \u00c4rger\u201c: Die Maler Georg Baselitz und Markus L\u00fcpertz zogen ihre Bilder vorzeitig ab; sieben ehemalige DDR-K\u00fcnstler appellierten an Erich Honecker, Berufsverbote f\u00fcr K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler aufzuheben und in der DDR inhaftierte Kollegen freizulassen.<\/p>\n<div id=\"attachment_4889\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4889\" class=\"size-full wp-image-4889\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Titelblatt-Malbuch_1000-px-b.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"664\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Titelblatt-Malbuch_1000-px-b.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Titelblatt-Malbuch_1000-px-b-300x199.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Titelblatt-Malbuch_1000-px-b-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-4889\" class=\"wp-caption-text\">Titelblatt der &#8222;Mediendocumentation \u2013 zum Weitermalen&#8220; von Walter Prankl, Foto: Privat<\/p><\/div>\n<p>Dass sich Prankl, der im \u201erussischen Wien\u201c aufgewachsen war, besonders f\u00fcr die Beteiligung der DDR-K\u00fcnstler interessierte, beweisen gleich drei Skizzen: die Darstellung der \u201eSE6 aus der DDR\u201c auf Motivbogen A, die Skizzierung des Protestes der sogenannten Ungehorsamen Maler auf Motivbogen L und der Dialog zwischen Joseph Beuys, Werner T\u00fcbke und dem DDR-Kunsthistoriker Lothar Lang auf Motivbogen W. Besonders der letztgenannte Bogen gibt Einblick: Die Protagonisten des deutsch-deutschen Dialogs sind zum Ausmalen anskizziert, wobei Fetzen des offenbar gef\u00fchrten Gespr\u00e4chs im Kommentarmodus wiedergegeben sind. Die so erhaltenen Informationen wirken zun\u00e4chst willk\u00fcrlich, doch an Aussagen wie \u201ejeder Mensch ist auf den anderen angewiesen\u201c, \u201eB\u00f6ll*Biermann = Konfliktstoff\u201c oder \u201eda n\u00fctzt keine Ideologie\u201c wird rasch klar, dass es am Tisch zwischen Beuys, T\u00fcbke und Lang um den innerdeutschen Konflikt ging und Prankl offenbar die Chance erhielt, diesen Dialog einzufangen. Die Originalunterschriften der Diskutanten ebenso wie der Bremer Galeristin Ilse Herzt, belegen zudem, dass das Gespr\u00e4ch wirklich stattgefunden hat. Prankls Malbuch wird zum Zeugnis.<\/p>\n<p>Verbreitet wurde die signierte und nummerierte Blattsammlung, die auf Anfrage beliebig nachproduziert werden konnte, durch Versand und pers\u00f6nliche \u00dcbergabe. Besitzer des vorliegenden Exemplars war Lothar Lang (1928\u20132013), dem als Koordinator des DDR-Beitrags von Seiten der DDR eine besondere Bedeutung zukam. Prankl widmete ihm die laufende Nummer 12 mit dem Zusatz, \u201eHerzlichst zur Besprechung freigegeben\u201c. Diese Besprechung fand allerdings erst 32 Jahr sp\u00e4ter statt: 2009, als Lang die d6, Beuys und T\u00fcbke in seinen Memoiren rekapitulierte. Zwar mit Worten und nicht mit dem Zeichenstift wurde so \u2013 zumindest von Lothar Lang \u2013 der Zweck des kleinen Kunst-Buches erf\u00fcllt: Die Motivb\u00f6gen mit eigenen Erlebnissen weiter \u201eauszumalen\u201c. \u201eZeitgef\u00e4hrtenschaft\u201c nannte Prankl dieses Tun und Lothar Lang, der als Reisekader seit 1955 regelm\u00e4\u00dfig zur documenta fuhr, war definitiv ein Zeitzeuge.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. <a href=\"https:\/\/www.kultur-punkt.ch\/diskurs-platon-akademie-4-pa4\/pa4-suchworte-a-z\/pa4-suchworte-u\/umweltdesign-akademie-uda-prankl-i-iv.html\">https:\/\/www.kultur-punkt.ch\/diskurs-platon-akademie-4-pa4\/pa4-suchworte-a-z\/pa4-suchworte-u\/umweltdesign-akademie-uda-prankl-i-iv.html<\/a> [2.7.2021]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Wozu das denn? Ein Malbuch von der documenta 6<span><\/h2>\n<p>Walter Prankl stand nicht auf der offiziellen K\u00fcnstler*innen-Liste der documenta 6, doch mit seiner \u201eMediendocumentation \u2013 zum Weitermalen\u201c wurde er fester Bestandteil der Geschichte der Gro\u00dfausstellung. Was Prankl damit im Sinn hatte, erl\u00e4utert Dr. Alexia Pooth, wissenschaftliche Mitarbeiterin unserer Ausstellung \u201edocumenta. Politik und Kunst\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":4890,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1763],"tags":[2244,2331,2343,1040],"class_list":["post-4886","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-wozu-das-denn","tag-documenta","tag-kunst","tag-malbuch","tag-politik"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4886","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4886"}],"version-history":[{"count":2,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4886\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4911,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4886\/revisions\/4911"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4890"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4886"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4886"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4886"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}