
{"id":4916,"date":"2021-09-14T15:00:45","date_gmt":"2021-09-14T13:00:45","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=4916"},"modified":"2021-09-14T15:10:46","modified_gmt":"2021-09-14T13:10:46","slug":"der-abbau-des-glaesernen-mannes","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2021\/09\/14\/der-abbau-des-glaesernen-mannes\/","title":{"rendered":"Der Abbau des \u201eGl\u00e4sernen Mannes\u201c"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Der Abbau des \u201eGl\u00e4sernen Mannes\u201c<\/strong><\/h1>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Claartje van Haaften | 14. September 2021<\/span><\/p>\n<p><strong>Claartje van Haaften ist Kunststoffrestauratorin am Deutschen Historischen Museum. Sie betreut den Abbau des \u201eGl\u00e4sernen Mannes\u201c, eine Figur, die so fragil ist wie sie sich anh\u00f6rt, die jedoch trotz der Namensgebung nicht aus Glas besteht. Wir berichten \u00fcber den Umgang mit diesem schwierigen Objekt und dessen Abbau.<\/strong><\/p>\n<p>Mit Beginn meiner T\u00e4tigkeit als Restauratorin f\u00fcr die Betreuung und langfristige Erhaltung aller Sammlungsobjekte aus Kunststoff im Oktober 2020, wurde dieser Materialgruppe und den besonderen Objekten und Gegenst\u00e4nden die aus synthetisch hergestellten Werkstoffen angefertigt sind, im DHM ein eigener Fachbereich, zus\u00e4tzlich zu den Fachbereichen Holz, Buch, Plakat, Papier, Glas und Keramik, Textil, Metall und Gem\u00e4lde, zugeordnet. Eine Aufgabe der Restaurator*innen ist, wissenschaftlich begr\u00fcndete, tragf\u00e4hige Konservierungs- und Restaurierungskonzepte f\u00fcr die Objekte der Sammlung zu entwickeln und diese z.T. auch gemeinsam mit Sammlungskurator*innen, hauseigenen Techniker*innen und weiteren Kolleg*innen umzusetzen.<\/p>\n<div id=\"attachment_4925\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4925\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/WR_01_1000px-b.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"798\" class=\"size-full wp-image-4925\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/WR_01_1000px-b.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/WR_01_1000px-b-300x239.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/WR_01_1000px-b-768x613.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-4925\" class=\"wp-caption-text\">Der &#8222;Gl\u00e4serne Mann&#8220; in der vergangenen Dauerausstellung im Zeughaus des Deutschen Historischen Museums \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Im Fall des Gl\u00e4sernen Mannes, einer Ausstellungsikone des Hauses, konnte ich mich auf die Erfahrungswerte eines Projektes beziehen, das in einem Forschungskolleg des Deutschen Hygiene-Museum in Dresden (DHMD) 2016 bis 2020 durchgef\u00fchrt wurde und damit hochaktuell ist. Das Forschungsteam untersuchte 2017 auch den seit 2006 in der Dauerausstellung des DHM ausgestellten Gl\u00e4sernen Mann. Die gl\u00e4sernen Figuren zeigen exemplarisch Skelett, innere Organe und Blutgef\u00e4\u00dfe. Durch den transparenten Kunststoff Cellon (chemischer Name: Cellulose Acetat), der die Haut darstellt, wird das Innere der Figuren sichtbar. Damit erhalten die Betrachtenden einen dreidimensionalen Einblick in den K\u00f6rper. Im DHM war die Figur auch auf dem urspr\u00fcnglichen Holzpodest und dem Sockel aus dem Jahr 1935 pr\u00e4sentiert. Die Elektrik f\u00fcr die Beleuchtung der Organe, die sp\u00e4ter zum Teil allerdings erneuert wurde, war nicht angeschlossen.<\/p>\n<p>Bei unserem Gl\u00e4sernen Mann handelt es sich um die dritte Figur aus der Produktion der Modellbauwerkstatt von Franz Tschakert im Deutschen Hygiene-Museum. Ein Prototyp wurde bereits 1927 entwickelt. Die zweite Internationale Hygiene-Ausstellung in Dresden, 1930-31, war Anlass, den Gl\u00e4sernen Mann zum ersten Mal der \u00d6ffentlichkeit zu pr\u00e4sentieren. Das Buffalo Museum of Science in den USA hat danach, 1933, eine Sonderanfertigung der Figur in Auftrag gegeben \u2013 in diesem Fall interessanterweise ohne Geschlechtsorgan. Sie kam 1989 nach Deutschland in die Sammlung des DHM. Eine Gl\u00e4serne Frau aus demselben Herstellungszeitraum wurde dem DHM bereits 1988 aus dem Bestand des Museum of Science and Natural History of St. Louis geschenkt. Diese Figur ist aktuell als Dauerleihgabe im Deutschen Hygienemuseum in Dresden ausgestellt. Im Rahmen des Forschungsprojektes am DHMD wurden mehrere Figuren vergleichend untersucht und deren Zustand dokumentiert. Es umfasst zwei gl\u00e4serne M\u00e4nner von 1935 und 1962, eine gl\u00e4serne Kuh von 1983 und den Torso einer gl\u00e4sernen Schwangeren von 1985. Zus\u00e4tzlich wurden die Entstehungsgeschichte und die Herstellungsmethode erforscht. In dem uns vorliegenden Bericht hei\u00dft es: \u201eF\u00fcr die Gl\u00e4serne Frau und den Gl\u00e4sernen Mann des Deutschen Historischen Museums Berlin ergibt sich jedoch zusammen mit dem Gl\u00e4sernen Mann von 1935 des Deutschen Hygiene-Museums die einmalige Chance, gleich drei Figuren aus demselben Herstellungszeitraum untersuchen zu k\u00f6nnen. Zus\u00e4tzlich zur Vergleichbarkeit \u00fcber die Jahrzehnte, f\u00fchrt dies dazu, dass vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Objektgeschichte, Alterungsph\u00e4nomene beinahe gleichaltriger Gl\u00e4serner Figuren miteinander verglichen und R\u00fcckschl\u00fcsse auf deren Mechanismen gezogen werden k\u00f6nnen.\u201c Diese Erkenntnisse wiederum, tragen zur Entwicklung von Behandlungsmethoden und pr\u00e4ventiven Ma\u00dfnahmen f\u00fcr den Bestandserhalt, die sogenannte aktive und passive Konservierung, bei. <\/p>\n<p>Eine besondere Rolle wurde dabei dem Kunststoff der transparenten Au\u00dfenhaut zugeschrieben, Cellulose Acetat. Es zeichnet sich zun\u00e4chst durch seine hervorragende Verarbeitbarkeit, Biegsamkeit und Transparenz aus. Seine Alterung ist jedoch mit negativen Prozessen verbunden. Eingebrachte Additive wandern aus dem Material heraus und lassen es schrumpfen und verspr\u00f6den. Als Reaktionsprodukt tritt Essigs\u00e4ure aus, die in einer Kettenreaktion wiederum weitere Sch\u00e4den induziert. Schlie\u00dflich tritt eine Verf\u00e4rbung auf und es entstehen durch die Verformungen Risse und Spr\u00fcnge im Kunststoff.<\/p>\n<div id=\"attachment_4927\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4927\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/ak400052_2021_zustand-figur-36_1000-px-b.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"667\" class=\"size-full wp-image-4927\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/ak400052_2021_zustand-figur-36_1000-px-b.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/ak400052_2021_zustand-figur-36_1000-px-b-300x200.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/ak400052_2021_zustand-figur-36_1000-px-b-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-4927\" class=\"wp-caption-text\">Detailaufnahme zur Dokumentation des Zustandes der Figur \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Trotz der Stabilisierungen durch fr\u00fchere konservatorische Eingriffe bleiben diese Sammlungsobjekte \u00e4u\u00dferst fragil und die Abbauprozesse der Werkstoffe sind nur zu bremsen. Eine Verlangsamung des Zerfalls der verwendeten Materialien ist mit optimalen Ausstellungsbedingungen aber durchaus erreichbar. Hierzu z\u00e4hlen klimatisierte und bel\u00fcftete Vitrinen, niedrige Beleuchtungswerte, das Vermeiden von Transporten und ein Schutz vor Ber\u00fchrungen. Bei dem nun unvermeidbaren Transport des Gl\u00e4sernen Mannes aus dem Zeughaus ins Depot im Rahmen des Abbaus der Dauerausstellung m\u00fcssen alle Vorkehrungen f\u00fcr eine absolute Minimierung der Risiken bei Verpackung und Transport vorgenommen werden, um neue Sch\u00e4den weitgehend zu vermeiden. <div id=\"attachment_4929\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4929\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/ak400052_2021_figur-verpackung-15_1000-px-b.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"1600\" class=\"size-full wp-image-4929\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/ak400052_2021_figur-verpackung-15_1000-px-b.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/ak400052_2021_figur-verpackung-15_1000-px-b-188x300.jpg 188w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/ak400052_2021_figur-verpackung-15_1000-px-b-768x1229.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/ak400052_2021_figur-verpackung-15_1000-px-b-640x1024.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-4929\" class=\"wp-caption-text\">Die Figur wird sorgsam f\u00fcr den Transport in das Depot verpackt \u00a9 DHM<\/p><\/div><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Der Abbau des \u201eGl\u00e4sernen Mannes\u201c<span><\/h2>\n<p>Claartje van Haaften ist Kunststoffrestauratorin am Deutschen Historischen Museum. 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