
{"id":4995,"date":"2021-10-20T14:15:22","date_gmt":"2021-10-20T12:15:22","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=4995"},"modified":"2021-11-02T15:11:29","modified_gmt":"2021-11-02T14:11:29","slug":"die-muenchner-kuenstlergenossenschaft-in-der-nachkriegszeit","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2021\/10\/20\/die-muenchner-kuenstlergenossenschaft-in-der-nachkriegszeit\/","title":{"rendered":"Die M\u00fcnchner K\u00fcnstlergenossenschaft in der Nachkriegszeit"},"content":{"rendered":"<h1>Die M\u00fcnchner K\u00fcnstlergenossenschaft in der Nachkriegszeit<\/h1>\n<p><span style=\"color: #008000;\">Anke Gr\u00f6ner | 20. Oktober 2021<\/span><\/p>\n<p><strong>Die Ausstellung <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/gottbegnadete\">\u201eDie Liste der \u201aGottbegnadeten\u2018. K\u00fcnstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik\u201c<\/a> zeigt, dass die Nachkriegskarrieren \u201egottbegnadeter\u201c K\u00fcnstler das Bild des kunstpolitischen Neuanfangs in der Bundesrepublik nach 1945 konterkarieren. Weitere K\u00fcnstler*innen, die im \u201eDritten Reich\u201c erfolgreich waren und nicht auf der Liste standen, brachen ebenso nur geringf\u00fcgig mit den k\u00fcnstlerischen Kontinuit\u00e4ten der NS-Zeit. Kunsthistorikerin Anke Gr\u00f6ner zeigt dies anhand von Mitgliedern der M\u00fcnchner K\u00fcnstlergenossenschaft.<\/strong><\/p>\n<p>Die M\u00fcnchner K\u00fcnstlergenossenschaft (MKG) wurde 1868 gegr\u00fcndet und geh\u00f6rt zu den \u00e4ltesten und gr\u00f6\u00dften Vereinigungen von K\u00fcnstler*innen in M\u00fcnchen. Sie ging 1938, wie die meisten der M\u00fcnchner Kunstvereine, zwangsweise in der sogenannten Kameradschaft der K\u00fcnstler auf. Zum Vorstand der MKG z\u00e4hlte bis zu diesem Zeitpunkt der Maler Carl Theodor Protzen (1887\u20131956). Der Maler Constantin Gerhardinger (1888\u20131970) war wie Protzen bereits vor der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten Mitglied der eher konservativen MKG.<\/p>\n<p>Beide K\u00fcnstler waren zur Zeit des \u201eDritten Reichs\u201c durchaus erfolgreich, wenn auch nicht im gro\u00dfen Stil der sogenannten <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/der-zweite-weltkrieg\/kunst-und-kultur\/die-gottbegnadeten-liste.html\" target=\"_blank\">\u201eGottbegnadeten\u201c<\/a>, zu denen sie sich nicht z\u00e4hlen durften. Beide stellten auf der Leistungsschau der systemkonformen Kunst im NS aus, den <a href=\"http:\/\/www.gdk-research.de\/\" target=\"_blank\">Gro\u00dfen Deutschen Kunstausstellungen<\/a> (GDK) in M\u00fcnchen, Protzen sogar auf jeder der GDK, wo er insgesamt knapp 29.000 Reichsmark (RM) einnehmen konnte. Gerhardinger verdiente zwischen 1937 und 1942 dort sogar \u00fcppige 99.000 RM, ihm wurde allerdings ab 1943 die Teilnahme verwehrt. Er hatte aus Angst vor Bombentreffern keine Werke eingereicht, was der Direktor des Hauses der Deutschen Kunst der Reichskanzlei meldete. Daraufhin erhielt Gerhardinger Ausstellungsverbot.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/p>\n<h3>Die doppelte Neugr\u00fcndung der MKG<\/h3>\n<p>Diese Vorg\u00e4nge nutzte Gerhardinger nach 1945, um sich als angebliches NS-Opfer gerade von Protzen abzusetzen. Dieser hatte im Juni 1946 zusammen mit dem Maler Eduard Aigner (1903\u20131978) die M\u00fcnchner K\u00fcnstlergenossenschaft neu gegr\u00fcndet. Im Juni 1948 widersprach eine Gruppe um Gerhardinger dieser Neugr\u00fcndung und etablierte im Oktober desselben Jahres ebenfalls eine MKG.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[2]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Das bayerische Kultusministerium machte nach Vermittlungsversuchen darauf aufmerksam, dass der Streit um die \u201ewahre MKG\u201c nur durch einen Zivilprozess beendet werden k\u00f6nne, durch den Gerhardinger 1951 schlie\u00dflich die Namensrechte der Vereinigung zugesprochen bekam. So stellten Gerhardingers nun wieder etablierte \u201eK\u00f6niglich-Privilegierte M\u00fcnchner K\u00fcnstlergenossenschaft von 1868\u201c und die \u201eNeue M\u00fcnchner K\u00fcnstlergenossenschaft\u201c von Aigner\/Protzen weiterhin nacheinander statt miteinander im umbenannten Haus der Kunst in M\u00fcnchen aus.<\/p>\n<p>In beiden Gruppen versammelten sich auch Maler*innen, die in der NS-Zeit unbehelligt gearbeitet hatten. Die Tagespresse war sich von Anfang an einig, dass die Aigner-Protzen-Gruppe zwar bieder, aber immerhin halbwegs zeitgem\u00e4\u00df produzierte. Auch Protzen, der in der NS-Zeit haupts\u00e4chlich Landschaften \u2013 und 29 Werke zur Reichsautobahn \u2013 gemalt hatte, wagte sich an die nun angesagte Abstraktion und einen abgeschw\u00e4chten Kubismus. Ganz anders die Gerhardinger-Gruppe, die weiterhin einen naturalistischen Stil pflegte und zu der Fritz Nemitz in der S\u00fcddeutschen Zeitung (SZ) 1950 schrieb: \u201eAls Beitrag zur Malerei der Gegenwart steht diese Unternehmung au\u00dferhalb von heute. [&#8230;] Und doch ist sie nicht ohne Nutzen. Sie \u00f6ffnet dem Zeitgenossen von heute deutlich die Augen \u00fcber die Ma\u00dfst\u00e4be von gestern.\u201c<\/p>\n<p>Die Deutsche Tagespost widersprach der Besprechung vehement und verstieg sich zu schiefen Vergleichen: \u201eMangels einer entarteten Kunst gibt es jetzt wenigstens wieder eine unerw\u00fcnschte Kunst.\u201c Die in den Augen der SZ gelungenere Kunst wurde \u201eextreme Moderne\u201c genannt. Die Zeitung befand auch, \u201edass es der faschistischen Kontrolle \u00fcber Kunst gleichk\u00e4me, wenn man solchen K\u00fcnstlern [die im NS erfolgreich gewesen waren] das Zeigen ihrer Werke verbieten w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n<p>Ein Flugblatt zur Ausstellung der Gerhardinger-Gruppe aus dem M\u00e4rz 1950 verwies die zeitgen\u00f6ssische Kunst sogar in den Bereich der Psychosen. Der an der Aktion <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\/kunst-und-kultur\/entartete-kunst.html\" target=\"_blank\">\u201eEntartete Kunst\u201c<\/a> beteiligte Guido Joseph Kern (1878\u20131953) schrieb, dass es nur \u201eeiner vom internationalen Kunsthandel geleiteten, von Esoterikern und Snobs gef\u00f6rderten machtvollen, oft r\u00fccksichtslosen Propaganda\u201c zu verdanken sei, dass moderne Kunst \u00fcberhaupt gezeigt wurde: \u201eNahezu das ganze Publikum und mindestens 95% der Maler in aller Welt lehnen diese Kunst ab.\u201c Die Werke Kandinskys wurden als \u201eabnorm\u201c bezeichnet, Picasso wurde eine \u201egeistige Veranlagung\u201c zu Schizophrenie unterstellt. Mit dieser Auffassung war Kern nicht allein: Gerhardinger nahm 1950 und 1952 an zwei Ausstellungen in S\u00e3o Paulo teil, die sich gegen angeblich \u201ekrankhafte, abstrakte Kunst in Deutschland\u201c wandten.<\/p>\n<h3>Auch die \u201eGottbegnadeten\u201c stellten wieder aus<\/h3>\n<p>Zur Gerhardinger-Gruppe geh\u00f6rten unter anderem die \u201eGottbegnadeten\u201c Sepp Hilz, Claus Bergen sowie Josef Thorak, \u201eder sich, umst\u00e4ndehalber, auf b\u00fcrgerliche Formate zur\u00fcckgezogen [hat]. Bekannt wie die Namen sind Stil, Auffassung und Motive der Kunstwerke. Seit 1937 hat sich hier nichts ge\u00e4ndert. [Die Gottbegnadeten] Paul Padua, Arno Breker und Werner Peiner sind allerdings nicht vertreten\u201c, \u00e4tzte die M\u00fcnchner Abendzeitung zur Ausstellung 1951. Die S\u00fcddeutsche Zeitung meinte, dass ein \u201eministerielles Nein\u201c zur Gerhardinger-Gruppe als \u201eklare kulturpolitische Zielsetzung\u201c richtig gewesen w\u00e4re, denn sie k\u00f6nne \u201eden wiedergewonnenen Ruf M\u00fcnchens [als Kunststadt] nicht nur nicht befestigen, sondern es steht zu bef\u00fcrchten, dass sie ihn gef\u00e4hrdet.\u201c<\/p>\n<p>Im Laufe des Jahrzehnts nahm die Kritik allerdings immer mehr ab; man hatte sich mit den altbackenen Werken arrangiert und ganz im Sinne der fiktiven \u201eStunde Null\u201c die Vergangenheit eher beschwiegen als aufgearbeitet. 1966 freute sich der konservative M\u00fcnchner Merkur dar\u00fcber, dass die \u201ealte Schule beibehalten und auch von den J\u00fcngeren respektiert\u201c w\u00fcrde. 1968, zum 100. Jubil\u00e4um der K\u00fcnstlergenossenschaft, schrieb die S\u00fcddeutsche Zeitung humorig, aber auch latent unkritisch: \u201eDie Ausstellung ist kaleidoskopisch bunt, sie bringt alles, was ein B\u00fcrgerherz sich f\u00fcr seine gute Stube w\u00fcnschen kann: Fels und Meer, Blumenstr\u00e4u\u00dfe, Muttergl\u00fcck, b\u00e4uerische und andere Charakterk\u00f6pfe, heimische und s\u00fcdliche Landschaften, unproblematisch und farbenfroh \u2013 eine Art kleinere legitime Fortsetzung der Ausstellungen im \u201aHaus der Deutschen Kunst\u2018. Bilder \u00e0 la Paduas \u201aLeda\u2018 allerdings fehlen, und ein Sepp-Hilz-Epigone ist nicht zu finden.\u201c<\/p>\n<p>Damit hatte sich best\u00e4tigt, was die SZ bereits 1953 zu den Ausstellungen der Nachkriegszeit geschrieben hatte. Zu ihnen gingen dieselben Menschen, die schon im Haus der Deutschen Kunst ihren Kunstgeschmack best\u00e4tigt gefunden hatten. \u201eDieser Riesenerfolg, er war kein blo\u00dfes Ergebnis von Propagandarummel. Er war herzlich \u00fcberzeugte Zustimmung zu Hitlers Kunstdiktatur. Denn diese Kunstdiktatur hatte den Nagel des Publikum[s]geschmacks auf den Kopf getroffen. Jede heutige Volksabstimmung w\u00fcrde ihr wieder recht geben.\u201c<\/p>\n<h3>Verweise<\/h3>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Der Schriftwechsel zu diesem Vorgang ist im Bundesarchiv erhalten, vgl. BArch R\/43 II\/1242b.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[2]<\/a> <a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a>Die Kontroverse um die beiden MKG ist im Bayerischen Hauptstaatsarchiv gut dokumentiert, vgl. BayHStA, MK 51591.<\/p>\n<p>Titelbild: <span data-offset-key=\"8a76c-0-0\">Katalog zur Kunstausstellung von Mitgliedern der M\u00fcnchener K\u00fcnstlergenossenschaft k\u00f6nigl. privileg. 1868 im Haus der Kunst, M\u00fcnchen, 1951, <\/span><span data-offset-key=\"8tc4p-0-0\">Reproduktion, M\u00fcnchen \u00a9 Haus der Kunst<\/span><\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Anke Gr\u00f6ner<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Anke Gr\u00f6ner ist freie Kunsthistorikerin und lebt in M\u00fcnchen. Ihre Dissertation \u201e\u201aZiehet die Bahn durch deutsches Land.\u2018 Gem\u00e4lde zur Reichsautobahn von Carl Theodor Protzen (1887\u20131956)\u201d erscheint im Februar 2022 im B\u00f6hlau-Verlag.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Die M\u00fcnchner K\u00fcnstlergenossenschaft in der Nachkriegszeit<span><\/h2>\n<p>Die Ausstellung \u201eDie Liste der \u201aGottbegnadeten\u2018. K\u00fcnstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik\u201c zeigt, dass die Nachkriegskarrieren \u201egottbegnadeter\u201c K\u00fcnstler das Bild des kunstpolitischen Neuanfangs in der Bundesrepublik nach 1945 konterkarieren. Weitere K\u00fcnstler*innen, die im \u201eDritten Reich\u201c erfolgreich waren und nicht auf der Liste standen, brachen ebenso nur geringf\u00fcgig mit den k\u00fcnstlerischen Kontinuit\u00e4ten der NS-Zeit. 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