
{"id":5019,"date":"2021-10-28T13:55:51","date_gmt":"2021-10-28T11:55:51","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=5019"},"modified":"2022-01-24T12:35:52","modified_gmt":"2022-01-24T11:35:52","slug":"5-fragen-an-stephanie-neuner","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2021\/10\/28\/5-fragen-an-stephanie-neuner\/","title":{"rendered":"5 Fragen an: Stephanie Neuner"},"content":{"rendered":"<h1>5 Fragen an: Stephanie Neuner<\/h1>\n<p>28. Oktober 2021<\/p>\n<p><strong>Das Zeughaus des Deutschen Historischen Museums wird saniert und die Dauerausstellung \u201eDeutsche Geschichte vom Mittelalter bis zum Mauerfall\u201c abgebaut. Gleichzeitig arbeitet das DHM an einer neuen St\u00e4ndigen Ausstellung \u2013 ein Gro\u00dfprojekt, das das gesamte Museum betrifft. In der Interview-Reihe <a href=\"\/blog\/tag\/5-fragen-an\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201e5 Fragen an\u2026\u201c<\/a> kommen Mitarbeitende aus verschiedenen Abteilungen zu Wort und berichten von ihren Erinnerungen an die fr\u00fchere Dauerausstellung und derzeitigen Erlebnissen. Den Anfang macht Dr. Stephanie Neuner, Leiterin der Dauerausstellung.<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Frau Neuner, die Dauerausstellung ist seit Ende Juni geschlossen. Gab es f\u00fcr Sie ein Objekt oder einen Bereich in der Ausstellung, mit dem Sie eine besondere Erinnerung oder Geschichte verbinden?<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Stephanie Neuner:<\/strong> Es gab im Obergeschoss im Bereich \u201eBiedermeier\u201c ein Objektensemble, an das ich mich gut erinnere. Zu sehen waren hier drei Puppen, gefertigt in der Mitte des 19. Jahrhundert. Vor ein paar Jahren nahm ich die Puppen das erste Mal bewusster wahr, da ich zu dieser Zeit zum Thema der Armenf\u00fcrsorge im 19. Jahrhundert arbeitete. Im Stadtarchiv G\u00f6ttingen hatte ich den Bericht einer sogenannten Armenf\u00fcrsorgerin eines b\u00fcrgerlichen Frauenvereins gelesen, die eine in Armut geratende Familie besuchte. Der Bericht beschrieb die h\u00e4usliche Szene der Familie und berichtete davon wie Eltern und Kinder Puppen f\u00fcr die \u00f6rtliche Puppenmanufaktur in Heimarbeit herstellten. Nun konnte ich mir eine Vorstellung davon machen, wie, von wem und unter welchen Bedingungen Puppen wie die in der Vitrine ausgestellten hergestellt worden waren. Vor dem Hintergrund meines Wissens konnte ich den Puppen einen sozialgeschichtlich wichtigen, zus\u00e4tzlichen Kontext geben.<br \/>\nAngesichts der Bedingungen der Heimarbeit und der existenziellen Abh\u00e4ngigkeit armer Familien von ihrem Tagelohn, die in den historischen Quellen zum Ausdruck kommen, formte sich bei mir folgender Gedanke: Arme Kinder fertigten mit ihren Eltern und Geschwistern in Heimarbeit ein Produkt, das dem Spiel und der Zerstreuung diente, f\u00fcr Kinder wohlhabender Familien \u2013 ein bis heute wohl aktuelles Ph\u00e4nomen der globalen Produktion von Konsumg\u00fctern.<br \/>\nDem Objekt, das in der Dauerausstellung ausgestellt war zum Thema der \u201eEntdeckung der Kindheit\u201c im 19. Jahrhundert, ist der Kontext seiner Produktionsbedingungen nicht anzusehen. Objekte geben nicht von selbst s\u00e4mtliches Wissen zu ihrer Geschichte, ihrer Herkunft, Herstellung, zu unterschiedlichen Gebrauchs- und Deutungskontexten preis. Es ist daher wesentlich, dass Kurator*innen solche nicht offensichtlichen, aber inhaltlich wichtigen Kontexte f\u00fcr Besucher*innen sichtbar machen.<\/p>\n<p><em><strong>Sie sind seit 2019 am Deutschen Historischen Museum als Kuratorin der Dauerausstellung t\u00e4tig. Gab es einen Umbau oder eine Umgestaltung eines Bereichs, der oder die Ihnen pr\u00e4gend in Erinnerung geblieben ist?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Im Juni 2020 wurde die \u00fcberarbeitete Ausstellungssequenz zur deutschen Kolonialgeschichte zwischen 1880 und 1914 er\u00f6ffnet. In der Vorbereitung habe ich mich besonders mit Fotografien, Foto- und Erinnerungsalben und auch Postkarten aus der Sammlung des DHM befasst. Die Auswahl des entsprechenden Bildmaterials f\u00fcr die neue Ausstellungssequenz, ihre Analyse und Kontextualisierung erforderten viel Zeit. Koloniale Bilder im Bestand des Museums angefertigt von Siedler*innen, Missionar*innen und ihren Angeh\u00f6rigen sowie Soldaten der \u201eKaiserlichen Schutztruppen\u201c dokumentieren neben dem Alltag vor allem auch, wie sich diese als Kolonisator*innen wahrnahmen und welche Perspektiven sie auf die Kolonisierten entwickelten. Diese Perspektiven sind zutiefst ambivalent, auch sexistisch und rassistisch. Die Bilder zeigen aber auch individuelle Ann\u00e4herungen, eine Verflechtungs- und Beziehungsgeschichte zwischen Kolonisator*innen und Kolonisierten, eine Beziehungsgeschichte, die immer asymmetrisch ist. Um diese Ambivalenzen weiter auszuleuchten, ist noch Forschungsarbeit n\u00f6tig. Was mich freut ist, dass ich \u00fcber die neue Ausstellungssequenz mit Museumsschaffenden, Forschenden und Studierenden ins Gespr\u00e4ch kam. Die Neugestaltung der Ausstellungssequenz kann insofern als Auftakt gelten f\u00fcr die weitere Besch\u00e4ftigung und Diskussion zum Thema Kolonialismus und seiner musealen Repr\u00e4sentation im Deutschen Historischen Museum.<\/p>\n<div id=\"attachment_5025\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5025\" class=\"size-full wp-image-5025\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Blog_Raumansicht_Themenbereich-zur-deutschen-Kolonialgeschichte-c-DHM_David-von-Becker_9_1000px-b.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"646\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Blog_Raumansicht_Themenbereich-zur-deutschen-Kolonialgeschichte-c-DHM_David-von-Becker_9_1000px-b.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Blog_Raumansicht_Themenbereich-zur-deutschen-Kolonialgeschichte-c-DHM_David-von-Becker_9_1000px-b-300x194.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Blog_Raumansicht_Themenbereich-zur-deutschen-Kolonialgeschichte-c-DHM_David-von-Becker_9_1000px-b-768x496.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-5025\" class=\"wp-caption-text\">Blick in die Themenbereiche \u201eKoloniale R\u00e4ume und Gesellschaften\u201c sowie \u201eHerrschaft und Gewalt\u201c \u00a9 DHM\/David von Becker<\/p><\/div>\n<p><em><strong>Was ist f\u00fcr Sie die gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung im Zuge des Abbaus der Dauerausstellung?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Mit dem sukzessiven Abbau wurde auf einmal der Blick auf einzelne Exponate frei, manche standen oder hingen nun ganz f\u00fcr sich. Die Wirkm\u00e4chtigkeit dieser Exponate entfaltete sich ganz anders als zuvor und erlaubte dar\u00fcber eine neue, vertiefte und konzentrierte Art der Auseinandersetzung.<br \/>\nAu\u00dferdem machte der Umzug augenscheinlich, dass Museumsobjekte als Sammlungs- und Ausstellungsobjekte Zeit ihres Lebens mobile Objekte sind: Sie wechseln die Orte. Sie gelangen vom Herkunftsort \u00fcber verschiedene Stationen ins Museum, ins Depot und dann wieder in eine Ausstellung und zur\u00fcck. Sie lassen ihren Ursprungs- und Entstehungskontext hinter sich, erhalten in Ausstellungen neue Bedeutungen und Deutungen. Mit dem Abbau der Dauerausstellung und dem Transport in das Depot verlassen die Objekte nun auch den Deutungskontext der Dauerausstellung von 2006.<\/p>\n<p>Bald ist das Zeughaus ein leerer Raum ohne Objekte. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurden hier Objekte unter unterschiedlichen ideologischen Pr\u00e4missen und im Kontext verschiedener Geschichtsbilder pr\u00e4sentiert: im Preu\u00dfischen Milit\u00e4rmuseum, dem Museum f\u00fcr Deutsche Geschichte der DDR und dann im Deutschen Historischen Museum. Ich denke, die besondere Geschichte dieses Hauses unterstreicht die Aufgabe insbesondere auch f\u00fcr die neue St\u00e4ndige Ausstellung, die Konstruktion von historischen Narrativen f\u00fcr die Besucher*innen deutlich zu machen. Das hei\u00dft auch f\u00fcr uns als Kurator*innen mit besonderer Sorgfalt und Bedacht Objekte mit Aussagen \u00fcber die Vergangenheit zu verkn\u00fcpfen und sie beispielsweise auch im Kontext ihrer Sammlungs- und Ausstellungsgeschichte im Zeughaus zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p><em><strong>Um eine Vorstellung von der Ausstellung zu erhalten: Wie viele Objekte befanden sich in der Ausstellung und wie war diese gegliedert?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Rund 6.000 Objekte waren auf zwei Etagen und circa 8.000 m\u00b2 in der Ausstellung zu sehen.<br \/>\nEs handelte sich um einen klassischen chronologischen Rundgang, der die Besucher*innen die Geschichte vom Mittelalter bis zum Fall der Mauer 1989 entlang von neun Epochenbereichen pr\u00e4sentierte.<\/p>\n<p><em><strong>Gibt es etwas, was Sie auch in der neuen St\u00e4ndigen Ausstellung konzeptionell aufgreifen oder weiterverfolgen m\u00f6chten?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es werden ganz neue Akzente gesetzt und ebenso wird sich die Struktur der Gesamtausstellung im Zeughaus deutlich ver\u00e4ndern. So wird es beispielsweise neben einer chronologischen Darstellung Themenr\u00e4ume geben, die Grundfragen deutscher Geschichte in diachroner Perspektive behandeln. Auch ist ein eigener Kinder- und Familienbereich geplant. Mit einigen Objekten der nun abgebauten Dauerausstellung wird es sicherlich ein Wiedersehen geben. Welche dieser bisher gezeigten Objekte auch zuk\u00fcnftig zu sehen sein werden, wird sich allerdings erst im Laufe der weiteren Ausstellungskonzeption ergeben.<\/p>\n<p>Titelbild: Drei Papiermach\u00e9-Puppen, Deutschland, um 1830\/40, DHM Inv. Nrn.: AK 99\/833, AK 95\/313, AK 95\/312 (von links nach rechts) \u00a9 DHM\/Hennecke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>5 Fragen an: Stephanie Neuner<span><\/h2>\n<p>Das Zeughaus des Deutschen Historischen Museums wird saniert und die Dauerausstellung \u201eDeutsche Geschichte vom Mittelalter bis zum Mauerfall\u201c abgebaut. 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