
{"id":5080,"date":"2021-11-03T11:00:24","date_gmt":"2021-11-03T10:00:24","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=5080"},"modified":"2021-11-03T11:00:24","modified_gmt":"2021-11-03T10:00:24","slug":"juedisches-leben-und-alltag-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2021\/11\/03\/juedisches-leben-und-alltag-in-deutschland\/","title":{"rendered":"J\u00fcdisches Leben und Alltag in Deutschland"},"content":{"rendered":"<h1>J\u00fcdisches Leben und Alltag in Deutschland<\/h1>\n<p>3. November 2021<\/p>\n<p><strong>Das Deutsche Historische Museum nimmt das Jubil\u00e4umsjahr \u201e1700 Jahre j\u00fcdisches Leben in Deutschland\u201c zum Anlass, anhand seiner <\/strong><a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/sammlung\/unsere-sammlung\/\" target=\"_blank\"><strong>Sammlungen<\/strong><\/a><strong> zu zeigen, dass j\u00fcdisches Leben in Deutschland eine lange und vielf\u00e4ltige Geschichte hat. J\u00fcdische Kultur pr\u00e4gte den deutschen Alltag und tut dies bis heute. Ausgehend von je einem ausgew\u00e4hlten Objekt beschreiben drei Sammlungsleiter*innen des DHM Aspekte dieses j\u00fcdisch-deutschen Alltags vom Mittelalter bis in die Gegenwart. <\/strong><\/p>\n<p>Julia Franke, Sammlungsleiterin Alltagskultur, geht der Bedeutung und Machart eines 245 Jahre alten \u201eTora-Wimpel\u201c auf den Grund, Wolfgang Cortjaens, Sammlungsleiter Angewandte Kunst und Grafik, besch\u00e4ftigt sich anhand eines Kupferstichs nach Eduard Bendemann mit der Frage, in welcher Form j\u00fcdische Identit\u00e4t in der Kunst des 19. Jahrhunderts zum bildw\u00fcrdigen Gegenstand wurde. Lili Reyels, Sammlungsleiterin Finanz- und Wirtschaftsgeschichte, zeigt in ihrem Beitrag, was wir durch die M\u00fcnze \u201eJechiel\u201c \u00fcber einen j\u00fcdischen M\u00fcnzexperten im Dienste eines Bischofs erfahren k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Gestickter Segen \u2013 Tora-Wimpel aus dem 18. Jahrhundert<\/h2>\n<p><em>Von Julia Franke<\/em><\/p>\n<p>Wie empf\u00e4ngt eine Religionsgemeinschaft im 18. Jahrhundert die Neugeborenen in ihrer Gemeinde? Mit welchen Ritualen stifteten j\u00fcdische Gl\u00e4ubige der Aufkl\u00e4rung Verbindungen zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft der Gl\u00e4ubigen? Hinweise darauf geben die so genannten Tora-Wimpel (hebr\u00e4isch Mappa, Pl. Mappot), die j\u00fcdische Familien nach der Geburt ihrer S\u00f6hne an die Synagoge \u00fcbergaben. Das Deutsche Historische Museum erwarb 1989 auf einer Auktion zwei vollst\u00e4ndig erhaltene Tora-Wimpel sowie die Fragmente zweier weiterer Wimpel.<\/p>\n<div id=\"attachment_5088\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5088\" class=\"wp-image-5088 size-large\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Tora-Wimpel-1024x256.jpg\" alt=\"Torawimpel, 1777 \u00a9 DHM\" width=\"1024\" height=\"256\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Tora-Wimpel-1024x256.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Tora-Wimpel-300x75.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Tora-Wimpel-768x192.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-5088\" class=\"wp-caption-text\">Torawimpel, 1776 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Dieser Segensspruch begleitete einen S\u00e4ugling 1776 ins Leben:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em><strong>\u201eChaijim Sohn Me\u2018ir \u2013 m\u00f6ge er lange leben \u2013 geboren u.g.St. [unter einem guten Stern] am Montag, 9. Siwan 536 n[ach] d[der] k[leinen Z\u00e4hlung =27.5.1776] m\u00f6ge G[ott] ihn heranwachsen lassen mit der Tora und zur Chuppa und zu [guten] Taten.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Gestickt wurde der Segen in hebr\u00e4ischen Buchstaben auf das Tuch, das den Jungen bei seiner Beschneidung umh\u00fcllte. Die aus Leinen gefertigte Windel aus dem Beschneidungsritual (Brit Mila) wurde daf\u00fcr meist in vier Streifen geschnitten, ums\u00e4umt und an den kurzen Seiten der einzelnen Streifen zu einem schmalen Band zusammengef\u00fcgt. Dieses Band wurde anschlie\u00dfend bemalt oder h\u00e4ufiger \u2013 wie im Fall der in den Sammlungen des DHM vorhandenen Exemplare \u2013 aufwendig mit Seidengarnen bestickt.<\/p>\n<p>Der formelhafte Segensspruch war dabei auf jedem Tora-Wimpel der wesentlichste Bestandteil. Er folgte stets dem gleichen, traditionellen Aufbau: Er nannte den Jungen und seinen Vater beim Namen, sein Geburtsdatum nach dem j\u00fcdischen Kalender sowie W\u00fcnsche f\u00fcr das Kind, die an denen des Beschneidungsrituals angelehnt waren. Der Junge sollte die Tora studieren, heiraten und gute, wohlt\u00e4tige Taten vollbringen. Damit dr\u00fcckt die Inschrift die elterlichen W\u00fcnsche und Hoffnungen f\u00fcr ein gl\u00fcckliches Leben des Kindes gem\u00e4\u00df den Traditionen der Gemeinde aus und spiegelt essentielle Werte j\u00fcdischer Familien Ende des 18. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Bei seinem ersten Gang in die Synagoge im Alter zwischen ein bis drei Jahren nahm die Gemeinde das Kind dann mit einer speziellen Zeremonie in ihre Mitte auf. Gemeinsam stifteten Vater und Sohn der Gemeinde dabei den Tora-Wimpel, der um die gerollte Tora-Rolle gebunden wird. Der Wimpel umh\u00fcllte und sch\u00fctzte die auf beiden St\u00e4ben zur Mitte eingerollte Tora-Rolle, den wichtigsten und kostbarsten Gegenstand jeder j\u00fcdischen Gemeinde.<\/p>\n<p>Interessant am eingangs zitierten Tora-Wimpel ist seine vielf\u00e4ltige Verzierung. Die Farben der verwendeten Garne wechseln bei den Konturen der einzelnen Buchstaben und den weiteren Ornamenten. Teilweise wurden Binnenzeichnungen in die Konturen eines Buchstabens eingef\u00fcgt und diese z. B. mit Bl\u00fctendarstellungen gef\u00fcllt. Neben Blumenranken sind ebenfalls Tiermotive abgebildet worden, deren Attribute das Leben des Jungen positiv beeinflussen und ihm analog zu den \u201eSpr\u00fcchen der V\u00e4ter\u201c der j\u00fcdischen Traditionsliteratur St\u00e4rke, Schnelligkeit und Kraft mit auf den Lebensweg geben sollen: \u201eSei kr\u00e4ftig wie der Leopard, geschwind wie der Adler, schnell wie ein Hirsch und stark wie der L\u00f6we, den Willen deines Vaters, der im Himmel ist, zu erf\u00fcllen.\u201c \u201eSo ist der obere Teil eines Buchstabens beispielsweise als Leopard ausgebildet worden. Aus einem anderen Buchstaben erwachsen etwa eine Hirsch- sowie eine Vogeldarstellung, aus deren Schnabel wiederum eine Ranke erw\u00e4chst. Die Tora, die als g\u00f6ttliche Offenbarung, als Wort Gottes gilt, ist ebenfalls abgebildet, genauso wie die Chuppa, der Hochzeitsbaldachin. Der Ausdruck \u201emit der Tora\u201c des Segensspruches ist dabei direkt in die kleine Abbildung der Tora selbst gestickt, der Ausdruck \u201ezur Chuppa\u201c unterhalb des gestickten Traubaldachins. Oberhalb der Hauptzeile des Segens befinden sich weitere symbolische Motive wie Kronen.<\/p>\n<p>Die Forschung geht heute davon aus, dass die B\u00e4nder sowohl von Familienmitgliedern als auch von professionellen Tora-Schreibern bestickt oder bemalt wurden. So w\u00e4re auch zu erkl\u00e4ren, dass sich die Qualit\u00e4t der Ausf\u00fchrung sehr unterscheidet. Auch an den Objekten der Sammlung des DHM ist erkennbar, dass die Gestaltung der B\u00e4nder sowohl unge\u00fcbte wie gleicherma\u00dfen professionelle Sticker*innen \u00fcbernommen hatten.<\/p>\n<p>Die Segensspr\u00fcche der Tora-Wimpel werden von rechts nach links gelesen \u2013 und gestickt. So konnte es vorkommen, dass sich der\/die Sticker*in mit der zur Verf\u00fcgung stehenden L\u00e4nge des Bandes versch\u00e4tzt hatte und am Schluss deutlich engere Abst\u00e4nde zwischen den Buchstaben w\u00e4hlen musste, um den gesamten Segen unterzubringen. Auch beim vorliegenden Wimpel fehlt am Ende des Bandes ein Wort, das Adjektiv \u201egut\u201c. Dass dies aber tats\u00e4chlich an einer falschen Einsch\u00e4tzung des zur Verf\u00fcgung stehenden Platzes liegt, ist aufgrund der vorangehenden sorgsam angeordneten Buchstaben eher unwahrscheinlich. Grund daf\u00fcr sind wahrscheinlich eher die vergangenen 245 Jahre \u00dcberlieferungsgeschichte, die hinter dem Chaijim Me\u02bbir gewidmeten Wimpel liegen.<\/p>\n<p>Das Stiften von Tora-Wimpeln aus der Beschneidungszeremonie begann im 16. Jahrhundert. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es ungebr\u00e4uchlich und existiert heute kaum mehr. Vereinzelte Versuche, die Stiftungen von Wimpeln \u2013 nun auch f\u00fcr M\u00e4dchen \u2013 neu zu beleben, setzten sich nicht durch.<\/p>\n<h2>Romantisches Idyll oder Dialog der Konfessionen? Fragen an einen Nachstich von Eduard Bendemanns \u201eDie zwei M\u00e4dchen am Brunnen\u201c (1833)<\/h2>\n<p><em>Von Wolfgang Cortjaens<\/em><\/p>\n<p>\u201eDer Taufzettel ist das Entr\u00e9e Billet zur Europ\u00e4ischen Kultur\u201c, so kommentierte Heinrich Heine 1830 gewohnt sp\u00f6ttisch die in seiner Epoche mit der Konversion vom Juden- zum Christentum verbundenen Aufstiegsm\u00f6glichkeiten. Das Bonmot ist durchaus auf den in Berlin geborenen, j\u00fcdischst\u00e4mmigen Historien- und Portr\u00e4tmaler Eduard Bendemann (1811\u20131889) \u00fcbertragbar. Er ist der Sch\u00f6pfer der Vorlage dieses Kupferstichs, der Teil der Sammlungen des Deutschen Historischen Museums ist. Seine Eltern, der Bankier Anton Heinrich Bendemann (geb. als Aaron Hirsch Bendix, 1775\u20131866) und Fanny Eleonore Bendemann (1778\u20131857), eine Tochter des Bankiers Joel Samuel von Halle, waren vor der Geburt der Kinder zum Protestantismus konvertiert, die Kinder wurden christlich getauft und konfirmiert. Die mit der Konversion einhergehenden rechtlichen und \u00f6konomischen Vorteile, vor allem aber sein Talent und seine guten Kontakte in die Berliner K\u00fcnstlerkreise \u2013 Bendemann war Schwiegersohn des Bildhauers und Akademiedirektors Johann Gottfried Schadow \u2013 ebneten ihm den Weg an die Spitze: zun\u00e4chst als Sch\u00fcler Wilhelm Schadows an der damals international tonangebenden D\u00fcsseldorfer Kunstakademie, die er ab 1859 als Direktor leitete; dazwischen lehrte er 20 Jahre lang als Professor an der Dresdner Akademie.<\/p>\n<p>Bendemanns \u0152uvre wird geradezu leitmotivisch von Bildthemen durchzogen, die Fragen j\u00fcdischer Identit\u00e4t verhandeln, am deutlichsten in monumentalen Historienbildern wie \u201eDie trauernden Juden im Exil\u201c (1832, K\u00f6ln, Wallraf-Richartz-Museum &amp; Fondation Corboud) sowie einem nicht realisierten Freskenzyklus im Dresdner Schloss. Das 1833 gemalte allegorische Idyll \u201eDie zwei M\u00e4dchen am Brunnen\u201c (D\u00fcsseldorf, Stiftung Museum Kunstpalast) geh\u00f6rt, wenngleich nicht auf den ersten Blick erkennbar, in denselben Kontext. Ein Kupferstich dieses Motivs befindet sich in der \u00fcber 80.000 Bl\u00e4tter umfassenden Grafiksammlung des Deutschen Historischen Museums. Dargestellt sind zwei aneinander geschmiegte junge Frauen \u2013 die eine dunkelhaarig, die andere blond \u2013 vor einer s\u00fcdlichen K\u00fcstenlandschaft. Formal f\u00fchrt der Maler darin die ikonografische Tradition des seit der Renaissance gepflegten allegorischen Freundschaftsbildes fort, das in der deutschen Malerei der Romantik mit programmatischen Werken wie Franz Pforrs \u201eMaria und Sulamith\u201c (1815, Schweinfurt, Museum Georg Sch\u00e4fer) und Friedrich Overbecks \u201eItalia und Germania&#8220; (1811\u20131828, M\u00fcnchen, BSGS, Neue Pinakothek) wiederauflebte.<\/p>\n<div id=\"attachment_5089\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5089\" class=\"wp-image-5089 size-large\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/GR012386_Kupferstich-\u00a9-Patricia-Alexandrin_bearb-1024x826.jpg\" alt=\"Heinrich Felsing, nach Eduard Bendemann, Die zwei M\u00e4dchen am Brunnen, Kupferstich, Verlag Jacob Felsing, Darmstadt, 1833 \u00a9 DHM\" width=\"1024\" height=\"826\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/GR012386_Kupferstich-\u00a9-Patricia-Alexandrin_bearb-1024x826.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/GR012386_Kupferstich-\u00a9-Patricia-Alexandrin_bearb-300x242.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/GR012386_Kupferstich-\u00a9-Patricia-Alexandrin_bearb-768x619.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-5089\" class=\"wp-caption-text\">Heinrich Felsing, nach Eduard Bendemann, Die zwei M\u00e4dchen am Brunnen, Kupferstich, Verlag Jacob Felsing, Darmstadt, 1833 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Wie in diesen beiden heute ikonischen Gem\u00e4lden stehen auch bei Bendemann die Figuren klar erkennbar f\u00fcr gegens\u00e4tzliche Temperamente, Kulturlandschaften \u2013 und Religionszugeh\u00f6rigkeiten. So ist die dunkelhaarige Frau durch den mit kleinen Davidsternen bestickten Schleier als J\u00fcdin identifiziert. Ihre ungezwungene Sitzhaltung und die offene, dem Betrachter zugekehrte Hand verleihen ihr optische Dominanz, die im Gem\u00e4lde durch das Blutrot ihres Samtkleides noch st\u00e4rker hervortritt als im monochromen Kupferstich. Ihre blonde Gef\u00e4hrtin dagegen ist in geschlossener Kompaktheit und mit sittsam gesenktem Blick dargestellt, die um den Kopf gelegte Flechte evoziert die altdeutsche Frisur des Gretchens im \u201eFaust\u201c. Sie hat die Hand auf die Schulter der Dunkelhaarigen gelegt, so als habe der Maler gestisch die typologische Auslegung des Judentums als Rezeptionsgrundlage und fixer Bestandteil des christlichen Kanons zum Ausdruck bringen wollen. Modell f\u00fcr die beiden M\u00e4dchen sollen die Schwestern des mit Bendemann befreundeten Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy, Fanny Hensel und Rebecka Dirichlet, gestanden haben.<\/p>\n<p>Die durch die in vollkommener Harmonie miteinander verschmelzende Zweiergruppe zum Ausdruck gebrachte enge Verbundenheit beider Religionen \u2013 evident auch im Symbol des Wassers \u2013 war nicht nur in der Biografie des Malers selbst angelegt, sondern zugleich im religionshistorischen Diskurs und in der Bibelexegese der Entstehungszeit des Gem\u00e4ldes verankert. Erh\u00e4rtet wird diese Lesart dadurch, dass Bendemann seine Werke mit j\u00fcdischer Thematik h\u00e4ufig mit Motiven der christlichen Ikonografie anreicherte. Die Bildfindung l\u00f6st das Spannungsverh\u00e4ltnis allerdings nicht eindeutig auf, es bleibt vage bez\u00fcglich der intendierten Aussage. So \u00fcberrascht es kaum, dass, anders als bei Bendemanns religi\u00f6sen Historienbildern zu Themen j\u00fcdischer Emanzipation, der konfessionelle Aspekt bei der Rezeption der \u201eZwei M\u00e4dchen am Brunnen\u201c nie im Vordergrund stand. Als sentimentales Idyll erlangte das Gem\u00e4lde im reproduktionsw\u00fctigen 19. Jahrhundert durch Nachstiche gro\u00dfe Popularit\u00e4t.<\/p>\n<p>Den fr\u00fchesten, hier gezeigten Stich schuf Heinrich Felsing 1833 direkt nach dem Originalgem\u00e4lde, das man eigens zu diesem Zweck in sein Atelier transportierte, im Auftrag des \u201eKunstvereins f\u00fcr die Rheinlande und Westfalen\u201c, der damals gr\u00f6\u00dften b\u00fcrgerlichen Kunst-Institution in Preu\u00dfen. Das sog. \u201eNietenblatt\u201c war die Jahresgabe des Vereins an seine Mitglieder, auch dies ein Ausdruck der hohen Wertsch\u00e4tzung Bendemanns und seiner Komposition. Das seither vielfach reproduzierte Gem\u00e4lde ging als Ikone der romantischen Malerei in die deutsche Kunstgeschichte ein. Inwieweit es auch als Frucht der \u201eerfolgreichen\u201c Assimilation eines j\u00fcdischen K\u00fcnstlers gelesen werden kann, bliebe zu diskutieren.<\/p>\n<h2>M\u00fcnzen als Zeugnisse deutsch-j\u00fcdischer Geschichte am Beispiel des<em> Jechiel<\/em><\/h2>\n<p><em>Von Lili Reyels<\/em><\/p>\n<p>M\u00fcnzen waren seit dem fr\u00fchen Mittelalter ein Medium des Austausches zwischen J\u00fcd*innen und Christ*innen. Zur Alltagsgeschichte j\u00fcdischen Lebens in Deutschland geh\u00f6rte es, dass einzelne Juden im Zusammenwirken mit christlichen Herrschaftstr\u00e4gern als Finanzexperten oder als M\u00fcnzmeister t\u00e4tig waren.<\/p>\n<div id=\"attachment_5090\" style=\"width: 760px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5090\" class=\"wp-image-5090 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Jechiel.jpg\" alt=\"W\u00fcrzburg, bisch\u00f6flicher Pfennig mit dem Namen des j\u00fcdischen M\u00fcnzmeisters Jechiel, Pr\u00e4geherr: Bistum W\u00fcrzburg, Bischof Otto von Lobdeburg; Nominal: Denar; Datierung: 1207-1223; M\u00fcnzst\u00e4tte: W\u00fcrzburg \u00a9 DHM\" width=\"750\" height=\"400\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Jechiel.jpg 750w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Jechiel-300x160.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><p id=\"caption-attachment-5090\" class=\"wp-caption-text\">W\u00fcrzburg, bisch\u00f6flicher Pfennig mit dem Namen des j\u00fcdischen M\u00fcnzmeisters Jechiel, Pr\u00e4geherr: Bistum W\u00fcrzburg, Bischof Otto von Lobdeburg; Nominal: Denar; Datierung: 1207-1223; M\u00fcnzst\u00e4tte: W\u00fcrzburg \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p>Einen gewissen Aufschluss \u00fcber diese Wechselwirkungen im lokalen Wirtschaftsleben kann der Pfennig mit der Aufschrift <em>Jechiel<\/em> (hebr\u00e4isch) geben. Zwar existiert kein Schriftst\u00fcck, welches das Verh\u00e4ltnis zwischen dem aufgrund des M\u00fcnzrechts pr\u00e4geberechtigen Herausgeber der M\u00fcnzen \u2013 dem M\u00fcnzherrn \u2013 und dem Leiter der M\u00fcnzst\u00e4tte \u2013 dem M\u00fcnzmeister \u2013 genauer beschreibt. Dennoch ist die bisch\u00f6fliche M\u00fcnze ein anschauliches Beispiel f\u00fcr eine direkte Verbindung zwischen christlichem M\u00fcnzherrn und j\u00fcdischem M\u00fcnzmeister auf einem Objekt: Auf der Vorderseite ist ein mitriertes Brustbild des Pr\u00e4geherrn Bischof Otto von W\u00fcrzburg (1207-1233) zu sehen. Die beiden Attribute des Bischofs, Schwert und Kreuzstab, symbolisieren die weltliche und geistliche Macht in seinen H\u00e4nden. Die R\u00fcckseite der M\u00fcnze zeigt drei T\u00fcrme. Vermutlich handelt es sich um eine stilisierte Stadt- oder Kirchendarstellung. Darunter steht der hebr\u00e4isch geschriebene Name des M\u00fcnzmeisters: <em>Jechiel<\/em>.<\/p>\n<p>Jechiel bar Shmuek \u2013 in W\u00fcrzburg findet sich sein Grab \u2013 wird in mittelalterlichen Quellen die Leitung der M\u00fcnzst\u00e4tte zwischen 1207 (dem ersten Jahr von Ottos Regentschaft) und dem Jahr 1210 (Jechiels Tod) zugeschrieben. Otto I. von Lobdeburg war im Juli\/August 1207 zum Bischof von W\u00fcrzburg gew\u00e4hlt worden. Sein repr\u00e4sentatives Auftreten und sein politisches Engagement als Reichsf\u00fcrst scheinen den Haushalt des Hochstifts belastet zu haben, die genaue Auswirkung auf die M\u00fcnzpr\u00e4gungen durch Jechiel ist jedoch nicht belegt. Tatsache ist, dass es f\u00fcr den deutschen Raum im Hochmittelalter nur wenig M\u00fcnzzeugnisse von der Art des <em>Jechiel <\/em>gibt. Es ist davon auszugehen, dass der j\u00fcdische M\u00fcnzexperte, da auf den M\u00fcnzen explizit erw\u00e4hnt, eine relativ einflussreiche Zeitfigur war.<\/p>\n<p>Unsere Quellenlage ist gering. Welche Botschaft wollte der Bischof durch das Gepr\u00e4ge \u00fcber sich, seine Herrschaft und seine Beziehung zum j\u00fcdischen M\u00fcnzmeister in Umlauf bringen? Wir k\u00f6nnen nur vermuten, dass die M\u00fcnzproduktion des <em>Jechiel<\/em> nicht nur eine wirtschaftliche Funktion besa\u00df, sondern auch als politisches Instrument die Herrschaft des M\u00fcnzherrn unterst\u00fctzte. M\u00f6glich, dass die Namensnennung des j\u00fcdischen M\u00fcnzmeisters den Standort W\u00fcrzburg wirtschaftlich noch attraktiver machen sollte. Durch die Verbindung mit dem j\u00fcdischen M\u00fcnzmeister wurde die Werthaltigkeit der ausgegebenen M\u00fcnze noch unterstrichen.<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>Haverkamp, Eva: Jewish Images on Christian Coins: Economy and Symbolism in medieval Germany, in: Philippe Buc, Martha Keil, John Tolan (Hg.): Jews and Christians in Medieval Europe. The Historiographical Legacy of Bernhard Blumenkranz, 2015.<\/p>\n<p>Leschhorn, Wolfgang: Mittelalterliche M\u00fcnzen, Bd. 2, Braunschweig 2015.<\/p>\n<p>Ru\u00df, Hubert: Die mittelalterlichen M\u00fcnzen des Hochstiftes W\u00fcrzburg. M\u00fcnzgeschichte und Katalog der Pr\u00e4gungen von ca. 900 bis 1495, M\u00fcnchen 2021.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>J\u00fcdisches Leben und Alltag in Deutschland<span><\/h2>\n<p>Das Deutsche Historische Museum nimmt das Jubil\u00e4umsjahr \u201e1700 Jahre j\u00fcdisches Leben in Deutschland\u201c zum Anlass, anhand seiner Sammlungen zu zeigen, dass j\u00fcdisches Leben in Deutschland eine lange und vielf\u00e4ltige Geschichte hat. J\u00fcdische Kultur pr\u00e4gte den deutschen Alltag und tut dies bis heute. 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