
{"id":5146,"date":"2021-11-17T09:16:22","date_gmt":"2021-11-17T08:16:22","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=5146"},"modified":"2021-11-17T10:32:25","modified_gmt":"2021-11-17T09:32:25","slug":"documenta-elitaer-oder-demokratisch","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2021\/11\/17\/documenta-elitaer-oder-demokratisch\/","title":{"rendered":"documenta \u2013 elit\u00e4r oder demokratisch?"},"content":{"rendered":"<h1>documenta \u2013 elit\u00e4r oder demokratisch?<\/h1>\n<p>Dorothee Wierling | 17. November 2021<\/p>\n<p><strong>Die documenta machte Karriere als internationales Gro\u00dfereignis mit Festivalcharakter. Von der ersten bis zur zehnten documenta erh\u00f6hte sich die Zahl der Besucher*innen um das F\u00fcnffache. Dorothee Wierling, Co-Kuratorin der Ausstellung <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/documenta\">\u201edocumenta. Politik und Kunst\u201c<\/a> schreibt \u00fcber die Besucher*innenstruktur der Kasseler Kunstschau. <\/strong><\/p>\n<p>Zeitgen\u00f6ssische Kunst gilt nicht immer gerade als Publikumsrenner \u2013 umso erstaunlicher ist die Karriere der documenta, die mit ihrem Bekanntheitsgrad, ihren steigenden Publikumszahlen und ihrem entspannten Flair eine der popul\u00e4rsten Kunstereignisse \u00fcberhaupt geworden ist.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des 20. Jahrhunderts \u2013 also von der ersten documenta im Jahre 1955 bis zur dX im Jahre 1997 erh\u00f6hte sich die Zahl der Besucher*innen w\u00e4hrend der \u201e100-Tage-Ausstellung\u201c fast um das F\u00fcnffache! Das scheint auf eine wachsende Popularit\u00e4t und Zug\u00e4nglichkeit der documenta zu verweisen. Und diesen Eindruck wollten die documenta-Macher*innen auch gern vermitteln. Deshalb versuchten sie schon fr\u00fchzeitig, mehr \u00fcber das Publikum zu erfahren. In den 1950er Jahren noch wenig professionell wurden 1977, zur documenta 6, erstmals Computer zur Erfassung und Auswertung der Besucher*innendaten eingesetzt \u2013 wenn auch jeder Fragebogen noch handschriftlich vom berufenen Fragesteller ausgef\u00fcllt wurde. In den 1990er Jahren folgten bereits recht professionelle Untersuchungen, in denen vom Sozialprofil \u00fcber Anfahrtswege und Gr\u00fcnde f\u00fcr den Besuch bis zur Aufenthaltsdauer der Anreisenden eine ganze Palette von Fragen gestellt und ausgewertet wurde, die vor Allem auch die wirtschaftliche Bedeutung der documenta in Kassel erhellen sollte.<\/p>\n<div id=\"attachment_5153\" style=\"width: 725px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5153\" class=\"wp-image-5153 size-large\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/docA_AA_d06_V0185-004_1000-px-b-715x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"715\" height=\"1024\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/docA_AA_d06_V0185-004_1000-px-b-715x1024.jpg 715w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/docA_AA_d06_V0185-004_1000-px-b-209x300.jpg 209w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/docA_AA_d06_V0185-004_1000-px-b-768x1100.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/docA_AA_d06_V0185-004_1000-px-b.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 715px) 100vw, 715px\" \/><p id=\"caption-attachment-5153\" class=\"wp-caption-text\">documenta archiv, AA, d06, Mappe 185, 004 \u00a9 documenta Archiv<\/p><\/div>\n<p>F\u00fcr die Gesellschaftsgeschichte der documenta ist nat\u00fcrlich die soziale Zusammensetzung der Besucher*innen interessant. Dabei fallen zwei Datens\u00e4tze besonders auf: die Zusammensetzung nach Alter und die nach dem Bildungsabschluss. Es zeigt sich, dass eine Altersgruppe auf der documenta deutlich \u00fcberrepr\u00e4sentiert ist: das sind die jungen Erwachsenen, die 20- bis 40-J\u00e4hrigen. W\u00e4hrend diese in der Gesamtbev\u00f6lkerung plus-minus 30 Prozent ausmachen, stellen sie ca. 60 Prozent des documenta-Publikums. Noch deutlicher ist die \u00dcberrepr\u00e4sentanz derjenigen, die einen h\u00f6heren Bildungsabschluss haben, also Abitur oder sogar einen Hochschulabschluss. Sie machen durchg\u00e4ngig Dreiviertel des documenta-Publikums aus. Die documenta ist demnach im 20. Jahrhundert eine Veranstaltung f\u00fcr j\u00fcngere, zum Teil hoch gebildete Menschen. Das l\u00e4sst sich deshalb so allgemein sagen, weil sich dieses Sozialprofil zwischen 1955 und 1997 in leichten Varianten auf jeder documenta \u00e4hnlich darstellt. Aber wie kann das sein, wenn sich die Zahl der Besucher*innen im selben Zeitraum vervielfacht? W\u00e4re dann nicht eine soziale \u00d6ffnung, also eine Demokratisierung der documenta zu erwarten? Tats\u00e4chlich vollzieht sich sogar das Gegenteil: denn im selben Zeitraum steigt der Anteil der Menschen mit Abitur an der Gesamtbev\u00f6lkerung der Bundesrepublik um das 20-fache!<\/p>\n<p>In ihrer Selbstdarstellung hat die documenta diesen Sachverhalt meist etwas versch\u00e4mt verschwiegen. Abbildungen des Publikums zeigen h\u00e4ufig junge, moderne Menschen, die sich unbefangen auf der documenta bewegen; Familien und Kinder scheinen willkommen, aufmerksam und neugierig widmen sie sich der ausgestellten Kunst. Vor Allem auf den fr\u00fchen documenta-Ausstellungen stand dieser Teil des Publikums f\u00fcr den Aufbruch der Bundesrepublik in die Moderne, f\u00fcr deren Offenheit, Toleranz und Internationalit\u00e4t. Private Bilder zeigen dagegen h\u00e4ufiger ein bunt gemischtes Volk, \u00e4ltere Besucher*innen werden manchmal in einem fast komischen Gegensatz zu der modernen Kunst gezeigt, die sie gerade betrachten.<br \/>\nDie Kunst war aber nicht nur f\u00fcr die alten, sondern f\u00fcr die allermeisten Besucher*innen fremd und unverst\u00e4ndlich. W\u00e4hrend die documenta anfangs noch darauf baute, dass jeder und jede sich individuell einen Zugang erarbeitete, wurde bald klar, dass die Besucher*innen Erl\u00e4uterungen, Einordnungen und F\u00fchrung w\u00fcnschten. Entsprechende Angebote wurden gern angenommen, und von den zum Teil mehrb\u00e4ndigen Katalogen erhoffte man sich die M\u00f6glichkeit zu einem vertieften Studium. Das sprach f\u00fcr das starke Bildungsbed\u00fcrfnis des Publikums, das sich nicht mit der hilflosen Position des unverst\u00e4ndigen Betrachters zufriedengeben wollte. Offene Kritik an der documenta-Kunst war dagegen selten, sie konzentrierte sich auf die \u00f6ffentlichen Kunstwerke, mit denen die documenta seit den 1970er Jahren in die Stadt Kassel ausgriff. Je j\u00fcnger aber die Besucher*innen, so scheint es, desto eher erlaubten sie sich unvoreingenommenes Schauen, neugieriges Betasten und unbefangenes Urteilen, darunter auch kritisches Abwehren. Doch die Figur des \u201ehilflosen, alleingelassenen Besuchers\u201c tauchte in den Presseartikeln zu jeder documenta immer wieder auf.<\/p>\n<p>Dennoch, das Publikum verhielt sich nicht konform und verhielt sich auf der documenta nicht immer wie in einem konventionellen Museum. Der Kulturphilosoph und selbsternannte \u201eMeister der Besucherschule\u201c auf der documenta, Bazon Brock, unterschied in einem ironischen Artikel seiner Brosch\u00fcre zur d7 drei Typen von Besucher*innen: den \u201eSpazierg\u00e4nger\u201c, den \u201eTempelg\u00e4nger\u201c und den \u201eKulturtouristen\u201c. Letzteren charakterisierte er als den Kunstexperten, der mit schnellem Schritt an der Kunst entlang ging und diese einteilte in \u201egut, schlecht, gut\u201c. Der \u201eTempelg\u00e4nger\u201c dagegen verharrte ehrf\u00fcrchtig bewundernd vor jedem Kunstwerk, w\u00e4hrend der \u201eSpazierg\u00e4nger\u201c sich wie ein Flaneur einfach treiben lie\u00df und mal hier mal dort einem einzelnen Kunstwerk Aufmerksamkeit schenkte. Brocks ironische Zuordnung scheint noch heute zutreffend, aber wir k\u00f6nnen uns fragen, welcher Typus die Zeiten der documenta bis ins 21. Jahrhundert wohl am besten \u00fcberlebt hat.<\/p>\n<p>Titelbild: Kassel Documenta II, 1977, Fotograf: Michael Schreiber, DHM \u00a9 Deutscher Jugendfotopreis<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>documenta \u2013 elit\u00e4r oder demokratisch?<span><\/h2>\n<p>Die documenta machte Karriere als internationales Gro\u00dfereignis mit Festivalcharakter. 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