
{"id":5168,"date":"2021-11-24T09:56:30","date_gmt":"2021-11-24T08:56:30","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=5168"},"modified":"2022-01-24T12:35:15","modified_gmt":"2022-01-24T11:35:15","slug":"5-fragen-an-jutta-peschke","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2021\/11\/24\/5-fragen-an-jutta-peschke\/","title":{"rendered":"5 Fragen an: Jutta Peschke"},"content":{"rendered":"<h1>5 Fragen an: Jutta Peschke<\/h1>\n<p>24. November 2021<\/p>\n<p><strong>Das Zeughaus des Deutschen Historischen Museums wird saniert und die Dauerausstellung \u201eDeutsche Geschichte vom Mittelalter bis zum Mauerfall\u201c abgebaut. Gleichzeitig arbeitet das DHM an einer neuen St\u00e4ndigen Ausstellung \u2013 ein Gro\u00dfprojekt, das das gesamte Museum betrifft. In der Interview-Reihe <a href=\"\/blog\/tag\/5-fragen-an\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201e5 Fragen an\u2026\u201c<\/a> kommen Mitarbeitende aus verschiedenen Abteilungen zu Wort und berichten von ihren Erinnerungen an die fr\u00fchere Dauerausstellung und derzeitigen Erlebnissen. Diesmal sprechen wir mit der Textilrestauratorin Jutta Peschke.<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Liebe Frau Peschke, die Dauerausstellung ist seit Ende Juni geschlossen. Gab es f\u00fcr Sie ein Objekt oder einen Bereich in der Ausstellung, mit dem Sie eine besondere Erinnerung oder Geschichte verbinden? <\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Jutta Peschke:<\/strong> Ja, Bereiche, die man pers\u00f6nlich besonders gelungen empfindet, waren nat\u00fcrlich dabei. Zum Beispiel Rauminszenierungen, bei denen wir unterschiedliche Formen der Objektpr\u00e4sentationen gew\u00e4hlt haben. An die Pr\u00e4sentation historischer Textilien stellen wir besondere Bedingungen. Die Unterkonstruktionen sollten in der Form passgerecht und gleichzeitig unterst\u00fctzend wirken. Aus konservatorischen Gr\u00fcnden m\u00fcssen bei der Anfertigung einer Unterkonstruktion zudem schadstofffreie und alterungsbest\u00e4ndige Materialien verwendet und auch die kleidungshistorische Silhouette ber\u00fccksichtigt werden.<br \/>\nIm Bereich des Biedermeier haben wir bspw. eine ganzfig\u00fcrliche Darstellung angestrebt. Man spricht hier von sogenannten Vollk\u00f6rpern, also mit Kopf, Gliedma\u00dfen und F\u00fc\u00dfen. Der Zeitepoche entsprechend, wurden die modischen Frisuren aus Papierstreifen nachempfunden, ebenso das Schuhwerk aus Papier gefertigt. In der Vitrine waren mehrere Textilien und M\u00f6bel zu sehen. Auch ein kleines M\u00e4dchen stand vor der Wiege. Insgesamt entstand so etwas wie eine Wohnatmosph\u00e4re. Einfach eine sehr h\u00fcbsche Rauminszenierung.<br \/>\nIn anderen Ausstellungsabschnitten haben wir uns f\u00fcr eine wiederum sehr reduzierte Pr\u00e4sentationm\u00f6glichkeit, die sogenannten Hohlk\u00f6rper, entschieden. Hier wurde der Fokus ausschlie\u00dflich auf das Objekt gelegt und alles k\u00f6rperlich Sichtbare reduziert. Die Hohlk\u00f6rper wurden daf\u00fcr der Silhouette des jeweiligen Objektes angepasst. Die Unterkonstruktion erf\u00fcllte dabei eine st\u00fctzende und tragende Funktion und diente ausschlie\u00dflich der Pr\u00e4sentation des Objektes.<br \/>\nJe nach Material und Empfindsamkeit mussten in der Zwischenzeit Objekte ausgetauscht werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_5174\" style=\"width: 973px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5174\" class=\"wp-image-5174 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/F_26_bearb.jpg\" alt=\"\" width=\"963\" height=\"687\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/F_26_bearb.jpg 963w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/F_26_bearb-300x214.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/F_26_bearb-768x548.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 963px) 100vw, 963px\" \/><p id=\"caption-attachment-5174\" class=\"wp-caption-text\">Biedermeier-Vitrine in der nun geschlossenen Dauerausstellung im Zeughaus \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p><em><strong>Waren Sie 2006 beim Aufbau und der Er\u00f6ffnung dabei? Ist Ihnen aus dieser Zeit etwas pr\u00e4gend in Erinnerung geblieben?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>In Erinnerung ist es mir nat\u00fcrlich geblieben, weil es ein Kraftakt war f\u00fcr uns alle Beteiligten hier. Es gab einen Er\u00f6ffnungsterminmit Bundeskanzlerin Merkel. Der Termin musste eingehalten werden, teilweise haben wir bis 22 Uhr gearbeitet.<br \/>\nWir waren alle sehr, sehr stark involviert und dann ist man nat\u00fcrlich froh und erleichtert, wenn alles steht.<\/p>\n<p><em><strong>Was stellt f\u00fcr Sie die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung beim Abbau der Dauerausstellung dar?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist das jetzt auch ein Kraftakt, aber unter einer anderen Pr\u00e4misse. Da dr\u00fcckt kein Er\u00f6ffnungstermin, aber wir haben auch hier eine Terminsetzung. Erst nach dem Ausr\u00e4umen der Objekte verschwindet auch die Architektur und dann wird ein leeres Zeughaus \u00fcbergeben.<br \/>\nLange im Vorfeld haben wir unsere Planungen auf Papier gebracht: was wir f\u00fcr den Abbau, wo wir (zus\u00e4tzliche) Hilfe ben\u00f6tigen. Der Bedarf an Verpackungsmaterialien und notwendigen Transportbeh\u00e4ltnissen in unterschiedlichen Objektformate anmelden, Das ist sozusagen die Vorplanung, bevor wir vor Ort dann unsere mobilen Arbeitspl\u00e4tze aufbauen. Dabei hat die Leiterin der Restaurierungsabteilung, Martina Homolka, die Planungslogistik und Koordinierung \u00fcbernommen. So wurden Ablaufpl\u00e4ne f\u00fcr Schwerlasttransporte, Speditionen und Firmen erarbeitet, die mit erforderlichen Ger\u00e4tschaften zum Beispiel Sonderanfertigungen von Vitrinen und Gl\u00e4sern zu demontieren.<br \/>\nWir haben mit unseren gro\u00dfformatigen Textilien, sprich Tapisserien, angefangen. Das ist eine besondere Herausforderung, weil das gro\u00dfformatige Objekte sind, die im Handling schwierig sind. Dazu geh\u00f6rt auch das T\u00fcrkische Zelt.<\/p>\n<div id=\"attachment_5177\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5177\" class=\"wp-image-5177 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC_0471_1000px_Hennecke.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"662\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC_0471_1000px_Hennecke.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC_0471_1000px_Hennecke-300x199.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/DSC_0471_1000px_Hennecke-768x508.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-5177\" class=\"wp-caption-text\">Die Textilrestauratorinnen beim Abbau einer Tapisserie \u00a9 DHM\/Hennecke<\/p><\/div>\n<p>Was f\u00fcr mich immer wieder ein beeindruckender Arbeitsprozess ist, ist die Entstehung eines neuen Ausstellungsprojekts und die dazugeh\u00f6rige Teamarbeit. Diese Zusammenarbeit der einzelnen Entwicklungsstadien, Objektauswahl in den unterschiedlichen Sammlungsbereichen, Gespr\u00e4che mit den Kurator*innen und Ausstellungsgestaltung: Wenn die Ausstellungsarchitektur steht und wir unsere mobilen Arbeitspl\u00e4tze einrichten, die R\u00e4ume und W\u00e4nde mit den Objekten best\u00fcckt werden, ist das ein toller Prozess. Es entwickelt sich, es entsteht etwas. Wir haben alle unseren Anteil daran, es ist einfach eine wunderbare Gemeinschaftsarbeit. Dadurch dass wir so oft unsere Wechselausstellungen mit Auf- und Abbauten haben, haben wir da nat\u00fcrlich auch schon viel Erfahrung sammeln k\u00f6nnen. Die Dauerausstellung in diesem Gr\u00f6\u00dfenma\u00df ist nat\u00fcrlich noch eine andere Hausnummer.<\/p>\n<p><em><strong>Um eine Gr\u00f6\u00dfenvorstellung von der Ausstellung zu erhalten: Wie viele Textilien befanden sich in der Ausstellung und was waren das f\u00fcr Objekte?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>In der Dauerausstellung befanden sich 582 Textilien. Das gr\u00f6\u00dfte Objekt war das T\u00fcrkenzelt und die Tapisserien. Das kleinste vermutlich eine aus Perlen gefertigte \u201eGeldkatze\u201c, eine Art Geldbeutel.<br \/>\nWas ganz frisch in die Sammlung kam, war die Pesthaube. Diese hat das Haus kurz vor der Er\u00f6ffnung der Dauerausstellung erworben. Ich habe mir das Objekt gr\u00fcndlich angeschaut und eine Schadenserfassung vorgenommen. Ebenso eine konservatorische Bearbeitung und die Anfertigung einer passenden Unterkonstruktion f\u00fcr die Pr\u00e4sentation. Daf\u00fcr war wenig Zeit. Dieses St\u00fcck ist mittlerweile auch mehrfach gereist, es war in London im British Museum und in den USA. Daf\u00fcr wurde eine Objektverpackung entwickelt um einen schadensfreien Transport durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Die Objektentnahme aus der Dauerausstellung konnten konservatorische Sicherungsma\u00dfnahmen am Objekt durchgef\u00fchrt werden, f\u00fcr die am Anfang keine Zeit war, damit sie auf Reisen optimal gesch\u00fctzt und gesichert ist. Es ist ein sehr interessantes Objekt und auch ein sehr seltenes Objekt.<br \/>\nF\u00fcr die Vorbereitung des Objektes und Einbringung in die Vitrine musste noch eine st\u00fctzende Unterkonstruktion anfertigt werden und knappe elf Tage sp\u00e4ter war dann die Er\u00f6ffnung der Dauerausstellung. Das war sehr wenig Zeit. Deswegen bin ich eigentlich ganz froh, dass ich aufgrund der Anfrage als Leihgabe das St\u00fcck dann noch mal entnehmen und eine konservatorische Bearbeitung durchf\u00fchren konnte.<\/p>\n<div id=\"attachment_5179\" style=\"width: 778px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5179\" class=\"size-large wp-image-5179\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/20060584_1000px-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"1024\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/20060584_1000px-768x1024.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/20060584_1000px-225x300.jpg 225w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/20060584_1000px.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><p id=\"caption-attachment-5179\" class=\"wp-caption-text\">Maske, vermeintlich von Pest\u00e4rzten getragen, Deutschland\/\u00d6sterreich, 1650\/1750 \u00a9 DHM<\/p><\/div>\n<p><em><strong>Gibt es etwas, was Sie relevant f\u00fcr die neue St\u00e4ndige Ausstellung finden?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr die Auswahl der Objekte und Gestaltung der Themenbereiche sind die Historiker*innen zust\u00e4ndig und der Sammlungsbestand des DHM ist wirklich gro\u00df. Meine Bef\u00fcrchtung ist, dass zuk\u00fcnftig weniger Objekte gezeigt werden, weil Medienstationen immer mehr Raum in Ausstellungen einnehmen. Das kann eine Bereicherung sein, aber es sollte in einer guten Relation zu Originalen stehen und sie nicht verdr\u00e4ngen. F\u00fcr die Planung der zuk\u00fcnftigen Dauerausstellung haben wir uns mit dem zust\u00e4ndigen Wissenschaftler ausgetauscht Wir haben hingewiesen, worauf man bei der Pr\u00e4sentation von Textilien achten sollte, warum wir welche Pr\u00e4sentationsform gew\u00e4hlt haben. Auch dass man zuk\u00fcnftig bei dem Bau der Vitrinen beachten sollte, dass Revisionst\u00fcren eingearbeitet werden, ein Austausch bzw. ein Wechsel an Objekten also m\u00f6glich ist. Einige der bisherigen Vitrinen waren leider nur von einer Seite begehbar und ein Objektaustausch aufwendiger. Diese Erfahrungen sollte man in der zuk\u00fcnftigen Architekturplanung ber\u00fccksichtigen.<br \/>\nWir haben viele interessante Objekte, ich kann mich nicht festlegen, welches Objekt ich mir in der neuen st\u00e4ndigen Ausstellung w\u00fcnsche. Nat\u00fcrlich hat man einen besonderen Bezug, wenn man durch eine l\u00e4ngere (Bearbeitungs-)Zeit mit einem Objekt besch\u00e4ftigt ist. Die Pesthaube ist etwas Besonderes, aber auch die Tapisserien sind durch ihre Gestaltungsvielfalt und handwerklicher Ausf\u00fchrung sehr beeindruckend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>5 Fragen an: Jutta Peschke<span><\/h2>\n<p>Das Zeughaus des Deutschen Historischen Museums wird saniert und die Dauerausstellung \u201eDeutsche Geschichte vom Mittelalter bis zum Mauerfall\u201c abgebaut. Gleichzeitig arbeitet das DHM an einer neuen St\u00e4ndigen Ausstellung &#8211; ein Gro\u00dfprojekt, das das gesamte Museum betrifft. 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