
{"id":5312,"date":"2021-12-16T11:32:40","date_gmt":"2021-12-16T10:32:40","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=5312"},"modified":"2021-12-16T13:31:23","modified_gmt":"2021-12-16T12:31:23","slug":"ostdeutschland-zwischen-1980-und-2000-in-privaten-fotoalben","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2021\/12\/16\/ostdeutschland-zwischen-1980-und-2000-in-privaten-fotoalben\/","title":{"rendered":"Ostdeutschland zwischen 1980 und 2000 in privaten Fotoalben"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Ostdeutschland zwischen 1980 und 2000 in privaten Fotoalben<\/h1>\n\n\n\n<p>Friedrich Tietjen | 16. Dezember 2021<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Seit dem Sommer 2020 erforscht das Projekt <em><a href=\"https:\/\/stiftung-reinbeckhallen.de\/programm\/biografie-und-geschichte-private-fotografie-aus-ostdeutschland-1980-2000\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eBiografie und Geschichte. Private Fotografie in Ostdeutschland 1980-2000\u201c<\/a><\/em> der Stiftung Reinbeckhallen in Kooperation mit dem DHM, wer, wie und warum in diesen zwei Dekaden in Ostdeutschland vornehmlich f\u00fcr den Eigenbedarf fotografiert hat. Im Verlauf des von der Bundestiftung Aufarbeitung gef\u00f6rderten Projektes wurden Dutzende von Interviews gef\u00fchrt und hunderte von Alben durchgeschaut. Der Fotohistoriker Friedrich Tietjen skizziert einige der Fragestellungen und Ergebnisse des Projektes.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDann waren wir im Sommer zwei Wochen in Sowjetunion, Urlaub machen bei Olya und Sergei, und wir kommen wieder, und die Leute stehen in Prag in der Botschaft und wollen raus aus diesem Land. Und wir dachten, oh Gott, was ist los \u2026 und trotzdem wurde weitergefeiert.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Paradoxie, die Frau G. im Gespr\u00e4ch mit uns im Sommer 2020 so beil\u00e4ufig formulierte, durchzieht auch das Album, durch das sie w\u00e4hrend ihrer Erz\u00e4hlung bl\u00e4tterte \u2013 auf den Seiten sind Bilder aus dem Urlaub 1989 montiert, von fr\u00f6hlichen Gartenfesten, Fahrradtouren, Besuchen von und bei Verwandten. Dass zur gleichen Zeit erst die Grenze fiel und dann die DDR in einer langen Agonie unterging, l\u00e4sst sich an kaum mehr als an Details und einzelnen Bildern dazwischen erkennen \u2013 zwei Frauen, die gemeinsam die Zeitschrift <em>Sputnik <\/em>lesen, einer eingeklebten Zigarettenwerbung, den Automarken am Stra\u00dfenrand beim ersten Ausflug nach Westberlin und einem zwischen zwei B\u00e4umen \u00fcber die Stra\u00dfe gespannten Transparent: \u201eKohlhasenbruck gr\u00fc\u00dft die Nachbarn aus Babelsberg\u201c. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"562\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Abb01_1000-px-b.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5313\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Abb01_1000-px-b.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Abb01_1000-px-b-300x169.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Abb01_1000-px-b-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Albengespr\u00e4ch mit Beate G. am 24.07.2020. Videostill. \u00a9 Projektarchiv<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Es erstaunt, wie wenig die historischen Ereignisse von 1989\/90 in Frau G.s Alben sichtbar werden \u2013 und doch vergleichsweise viel. In vielen anderen Bildbest\u00e4nden hinterlie\u00dfen die dramatischen Ver\u00e4nderungen noch weniger Spuren, obwohl sie so nah, gegenw\u00e4rtig und einschneidend waren. Die Bilder von den Demonstrationen in den gro\u00dfen St\u00e4dten, den fr\u00f6hlich Feiernden auf der Berliner Mauer, den Mauerspechten, sp\u00e4ter den am Stra\u00dfenrand entsorgten Trabis, den zerfallenden Industriebauten und den in Brand gesteckten Wohnheimen f\u00fcr Vertragsarbeiter*innen in Rostock und anderswo: Sie sind ins kollektive Bildged\u00e4chtnis eingegangen und stehen f\u00fcr die historische Z\u00e4sur von 1989\/90 und ihre bis heute andauernden Folgen. Doch die Bildproduktionen f\u00fcr den privaten Gebrauch orientierten sich ganz offenbar an anderen Motiven.<br><br>Hinweise auf diesen eher allm\u00e4hlichen Wandel fanden wir nicht nur in dem, was die fotografischen Bilder selbst zeigten, sondern sie schlugen sich auch in den fotografischen Praktiken im weiteren Sinne nieder. Ein ehemaliger Tierpfleger beim Staatszirkus erz\u00e4hlte uns, wie er sich bei einer Tournee Mitte der 1980er Jahre in Japan eine Kompaktkamera kaufen konnte, die einige Features hatte, die keine Kamera aus DDR-Produktion zu bieten hatte. Mehrere Gespr\u00e4chspartner erkl\u00e4rten uns, warum Musikzeitschriften aus Westdeutschland abfotografiert und die Abz\u00fcge unter der Hand in Schulen und auf kleinen Schwarzm\u00e4rkten vertrieben wurden, und in einigen F\u00e4llen gab es einen regen Austausch von Aufnahmen von Verwandten zwischen West- und Ostdeutschland. Und statt \u2013 wie das Klischee es nahelegt \u2013 nach dem Fall der Mauer sofort nach London, Paris oder Mallorca zu fahren, verbrachten manche Familien ihren Urlaub weiter an der Ostsee oder der Schwarzmeerk\u00fcste, organisierten Amateure ihren Fotoclub neu, nachdem der alte mit ihrem Betrieb untergegangen war, der ihn vorher getragen hatte, und in einigen Gespr\u00e4chen wurden uns Formen halbprivater Medien vorgelegt, die es in Westdeutschland \u00e4hnlich kaum gegeben hat und die von Einzelpersonen sorgsam archiviert worden waren \u2013 Brigadeb\u00fccher etwa, Wandzeitungen aus Plattenbauten und gemeinsam von einem Schulelternaktiv angelegte Klassenalben, die \u00fcber mehrere Jahre reichten.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Abb02_1000-px-b-678x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5314\" width=\"678\" height=\"1024\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Abb02_1000-px-b-678x1024.jpg 678w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Abb02_1000-px-b-199x300.jpg 199w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Abb02_1000-px-b-768x1160.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Abb02_1000-px-b.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 678px) 100vw, 678px\" \/><figcaption>Abfotografiertes Cover einer <em>Rocky<\/em>. Scan vom Negativ. Leipzig (?) um 1980. \u00a9 Archiv Tietjen<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Es sind vor allem diese Albengespr\u00e4che, die an der privaten Fotografie in Ostdeutschland zwischen 1980 und 2000 das freilegen, was \u00fcber die Bilder selbst hinausreicht. In ihnen erscheint die private Fotografie als eine Praxis, die soziale und biografische Zusammenh\u00e4nge herstellt und stabilisiert. Die mitgenommene Kamera konnte daf\u00fcr sorgen, dass es bei einem Spaziergang zu bildw\u00fcrdigen Momenten kam \u2013 und sei\u2018s blo\u00df, dass man sich gemeinsam an ein Gel\u00e4nder stellte oder der Schwan ans Ufer geschwommen kam. Im Album konnte der Spaziergang zu einer Erz\u00e4hlung formuliert werden; die wiederholte gemeinsame Betrachtung des Albums (oder auch der Dia-Abend) f\u00fchrte dazu, dass diese Erz\u00e4hlung sich verfestigte und tradiert werden konnte. Ob die Bilder kompositorisch originell waren oder unscharf und verwackelt, war daf\u00fcr eher nebens\u00e4chlich \u2013 ihren Weg in die Alben oder Bilderkisten konnten sie auch finden, wenn ihre \u00e4sthetischen Qualit\u00e4ten f\u00fcr Au\u00dfenstehende wenig beeindruckend erschienen. Entscheidend daf\u00fcr war allein, ob und welche Bilder Teil welcher Praktiken werden konnten und sollten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"648\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Abb03_1000-px-b.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5315\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Abb03_1000-px-b.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Abb03_1000-px-b-300x194.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Abb03_1000-px-b-768x498.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Martin S.: Schwan. Th\u00fcringen, um 1980. Scan vom Negativ. \u00a9 Projektarchiv<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Bildmotive der privaten Fotografie in Ostdeutschland zwischen 1980 und 2000 m\u00f6gen dabei oft stereotyp erscheinen (ebenso \u00fcbrigens wie die Bilder aus dem gleichen Zeitraum aus der westlichen Landesh\u00e4lfte), doch die mit ihnen verbundenen Praktiken waren es nicht. In unseren Gespr\u00e4chen haben wir mit Personen gesprochen, die weit mehr als 100 Alben mit ihren Bildern gef\u00fcllt haben; andere hatten in der gleichen Zeit vielleicht zwei, drei Dutzend Filme fotografiert. Wir sahen Alben, die mit Sorgfalt zusammengestellt und eigens von einem Buchbinder produziert worden waren; andere Gespr\u00e4chspartner*innen zeigten uns vorgefertigte Klebealben oder hatten die Bilder albenlos in einer Kiste sortiert. Oft waren die Alben das Ergebnis komplexer Kollaborationen \u2013 in manchen F\u00e4llen gab es klare Trennlinien zwischen Bild- und Albenproduktionen, w\u00e4hrend bei anderen beides in einer Hand lag, und bei wieder anderen Alben die Bilder aus vielen verschiedenen Quellen stammten. Bei nicht wenigen unserer Gespr\u00e4chspartner*innen war die Albenproduktion eine Besch\u00e4ftigung f\u00fcr Winterwochenenden; bei anderen wurden die Alben sukzessive angelegt, sobald die Bilder verf\u00fcgbar waren. Alben konnten chronologisch angelegt werden oder thematisch geordnet werden, und gar nicht so selten gibt es Alben, die unmittelbar nach der Geburt eines Kindes begonnen wurden und die vielen kleinen Schritte des Aufwachsens minuti\u00f6s begleiteten \u2013 wenige Familien machten sich allerdings dieselbe M\u00fche auch f\u00fcr das zweite oder gar das dritte Kind. Manche Alben werden bis heute immer wieder \u00fcberarbeitet, auseinandergenommen, neu arrangiert; fertig gestellt waren andere Alben in den Schrank gestellt worden, und erst unser Projekt war Anlass gewesen, sie dort herauszuholen und wieder anzuschauen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"693\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Abb04_1000-px-b.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5316\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Abb04_1000-px-b.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Abb04_1000-px-b-300x208.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Abb04_1000-px-b-768x532.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Andreas K.: Karin K. bei der Albenerstellung. Scan vom Abzug. \u00a9 Privatarchiv<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Laufe des Projektes haben wir hunderte von Alben durchschauen k\u00f6nnen und tausende von Bildern gesehen. Das mag viel erscheinen und ist doch nur ein winziger Bruchteil der privatfotografischen Bilder, die w\u00e4hrend dieser zwei Dekaden aufgenommen, in Alben arrangiert und angesehen wurden. \u00dcberdies fehlen unter unseren Gespr\u00e4chspartner*innen ganze Bev\u00f6lkerungsgruppen, die ebenfalls in Ostdeutschland fotografiert haben \u2013 wir haben beispielsweise nicht mit ehemaligen Vertragsarbeiter*innen gesprochen, nicht mit Personen, die zu den sogenannten Wendeverlierer*innen geh\u00f6ren, nicht mit Angeh\u00f6rigen der Nomenklatura oder des Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit. Unser Projekt ist so vor allem ein Anfang, den wir und andere mit neuen Fragen und \u00dcberlegungen weiterf\u00fchren k\u00f6nnen \u2013 nicht zuletzt anhand der Schenkungen, die wir im Verlauf des Projektes entgegennehmen konnten und an das DHM \u00fcbergeben. Und die weitere Auswertung der Alben und Gespr\u00e4che hat bereits begonnen \u2013 die Forschungsausstellung \u201e\u2026 irgendwer hat immer fotografiert &#8230;\u201c der Stiftung Reinbeckhallen l\u00e4dt ein, sich mit den Ergebnissen des Projektes auseinanderzusetzen. Die Arbeit wurde von zwei Seminaren an der Humboldt-Universit\u00e4t begleitet, deren Teilnehmer*innen ein <a href=\"https:\/\/www.academia.edu\/62387070\/Private_Fotografie_in_Ostdeutschland_1980_2000_Glossar\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Glossar<\/a> herausgaben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Ostdeutschland zwischen 1980 und 2000 in privaten Fotoalben<span><\/h2>\n<p>Seit dem Sommer 2020 erforscht das Projekt \u201eBiografie und Geschichte. Private Fotografie in Ostdeutschland 1980-2000\u201c der Stiftung Reinbeckhallen in Kooperation mit dem DHM, wer, wie und warum in diesen zwei Dekaden in Ostdeutschland vornehmlich f\u00fcr den Eigenbedarf fotografiert hat. Im Verlauf des von der Bundestiftung Aufarbeitung gef\u00f6rderten Projektes wurden Dutzende von Interviews gef\u00fchrt und hunderte von Alben durchgeschaut. Der Fotohistoriker Friedrich Tietjen skizziert einige der Fragestellungen und Ergebnisse des Projektes.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":5321,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[197,2406,2407],"class_list":["post-5312","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-inside-dhm","tag-fotografie","tag-ostdeutschland","tag-stiftung-reinbeckhallen"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5312","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5312"}],"version-history":[{"count":6,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5312\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5327,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5312\/revisions\/5327"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5321"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5312"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5312"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5312"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}