
{"id":5508,"date":"2021-12-29T09:42:50","date_gmt":"2021-12-29T08:42:50","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=5508"},"modified":"2021-12-29T09:49:56","modified_gmt":"2021-12-29T08:49:56","slug":"wozu-das-denn-ein-falscher-documenta-katalog","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2021\/12\/29\/wozu-das-denn-ein-falscher-documenta-katalog\/","title":{"rendered":"Wozu das denn? Ein &#8222;falscher&#8220; documenta-Katalog"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Wozu das denn? Ein &#8222;falscher&#8220; documenta-Katalog<\/h1>\n\n\n\n<p> Dorothee Wierling | 29.1 Dezember 2021 <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Im Rahmen der Vorbereitungen zur documenta IX (d9) machte ein \u201efalscher\u201c Ausstellungskatalog aus Textil Furore. Dorothee Wierling, Co-Kuratorin der Ausstellung <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.dhm.de\/documenta\" target=\"_blank\">\u201edocumenta. Politik und Kunst\u201c<\/a> erkl\u00e4rt, was es damit auf sich hatte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Erdgeschoss unserer Ausstellung finden Sie im Themenbereich \u201eFinanzierung\u201c ein merkw\u00fcrdiges Objekt im Buchformat, umh\u00fcllt mit grobem Baumwollstoff, den die \u00c4lteren aus dem Handarbeitsunterricht noch erinnern, mit Kreuzstich bestickt: \u201eDer falsche documenta-Katalog\u201c. Die \u201eBastelvorlage\u201c dazu l\u00e4sst erkennen, dass der \u201eKatalog\u201c aus Schaumstoff besteht und sonst nichts enth\u00e4lt. Es handelte sich um das Produkt der Textilk\u00fcnstlerin Annemarie Burckhardt, die diesen \u201eKatalog&#8220; 1990, als die Vorbereitungen f\u00fcr die d9 (1992) noch nicht in vollem Gange waren, auf den Markt brachte, allerdings in einer Auflage von nicht mehr als 20 St\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst die Reaktion der documenta-Macher verschafften der K\u00fcnstlerin und ihrem Verlag (Martin Schmitz) in Kassel gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit. Denn jene sahen in dem Produkt eine Verletzung des Markenschutzes der documenta und drohten der K\u00fcnstlerin mit einer Klage. Nun nahm die Produktion erst richtig Fahrt auf, allerdings in Form der oben erw\u00e4hnten \u201eBastelvorlage\u201c. Der Konflikt verschaffte dem Produkt Kultstatus, selbst die Deutsche Bahn warb daf\u00fcr in ihren schriftlichen \u201eZugbegleitern\u201c. Die K\u00fcnstlerin gab sich naiv und behauptete, sie habe doch nur ein \u201epoetisches Kunstwerk zum Thema \u201aBuch\u2018\u201c schaffen wollen, sei von der harschen Reaktion der documenta \u00fcberrascht und f\u00e4nde das Produkt sowohl lustig als auch harmlos. Die Medien griffen den Konflikt ironisch auf und betonten, der \u201efalsche\u201c Katalog habe gegen\u00fcber dem \u201erichtigen\u201c viele Vorteile: er sei leicht, faltbar, auch als Kissen zu gebrauchen und erf\u00fclle, auf der hinteren Ablage im Auto, den Hauptzweck des Katalogs, n\u00e4mlich die oder den Besitzer*in als Kunstkenner*in kenntlich zu machen. Der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der documenta, Alexander Fahrenholtz, verteidigte das Vorgehen gegen die K\u00fcnstlerin mit dem Argument, es gehe darum zu verhindern, dass \u201edocumenta\u201c auf jedem Produkt erscheinen und dadurch dessen Verkaufswert steigern k\u00f6nne, wo es doch die documenta selbst sei, die damit \u201eGesch\u00e4fte\u201c machen wolle. Dabei verkannte er nicht nur die Rechtslage \u2013 denn der Name der Ausstellung war keineswegs gesch\u00fctzt, lediglich die jeweiligen Logos wurden dem Patentamt gemeldet \u2013 schlimmer war die Verkennung der \u00f6ffentlichen Stimmung, die in der Aktion der documenta-Macher*innen eine Anma\u00dfung und vor Allem eine Humorlosigkeit sah, die dem fortschrittlich-innovativen Image der documenta widersprach. Die documenta-Verantwortlichen gaben schlie\u00dflich nach \u2013 aber die Episode verbindet sich bis heute mit ihnen und der d9.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"667\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/0436_docA_AA_d09_V0140-001_d_NicolasWefers_1000-px-b.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5509\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/0436_docA_AA_d09_V0140-001_d_NicolasWefers_1000-px-b.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/0436_docA_AA_d09_V0140-001_d_NicolasWefers_1000-px-b-300x200.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/0436_docA_AA_d09_V0140-001_d_NicolasWefers_1000-px-b-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Annemarie Burckhardt, &#8222;Ein falscher Katalog f\u00fcr die documenta 9&#8220;, Brosch\u00fcre und Bastelset zur documenta 9 \u00a9 documenta Archiv, Foto: Nicolas Wefers; \u00a9 Prof. Martin Schmitz<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In unserer Ausstellung steht das Objekt aber nicht nur f\u00fcr eine gelungene k\u00fcnstlerische Provokation, sondern verweist auf gr\u00f6\u00dfere Zusammenh\u00e4nge. Die d9 sollte den vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt eines Trends darstellen, der sich schon seit den 1970er Jahren angedeutet und seitdem Fahrt aufgenommen hatte: Obwohl auch die staatlich garantierte Grundfinanzierung der documenta stetig h\u00f6here Budgets aufwies, stiegen die offiziell ausgewiesenen eigenen Einnahmen der documenta &nbsp;exponentiell an, insbesondere durch die Eintrittstickets, deren Anzahl und Preise sich st\u00e4ndig erh\u00f6hten; und auch durch die immer teureren, oft mehrb\u00e4ndigen, gewichtigen und aufwendig gestalteten Kataloge, die rei\u00dfenden Absatz fanden. Hinzu kamen private Spenden, die aber nur einen kleinen Teil der ver\u00f6ffentlichten Zusatzeinnahmen darstellten, denn die Gro\u00dfsponsoren, die seit den 1970er Jahren die documenta co-finanzierten (zuerst Sony, sp\u00e4ter u. a. auch VW, Reemtsma und die Deutsche Bahn) handelten die Summen und Bedingungen in Geheimvertr\u00e4gen aus, die bis heute unter Verschluss sind.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Ma\u00dfe, wie die documenta private Eink\u00fcnfte erwirtschaftete, verschob sich ihr Selbstverst\u00e4ndnis hin zu einem Unternehmen, das eine bestimmte Marke vertrat, und damit auch auf Markenschutz bedacht sein musste. Ein solches Markenzeichen ist aber nicht nur f\u00fcr das dahinterstehende Unternehmen im Hinblick auf Konkurrenten interessant; seine Bedeutung beruht ja vor Allem auf den Zuschreibungen, die damit f\u00fcr die Konsument*innen verbunden sind. Diese aber, vor Allem die Besucher*innen der documenta, waren nicht nur an der auf der Ausstellung gezeigten Kunst interessiert, sondern auch daran, \u00fcber die Teilhabe an diesem Ereignis ihren Status als gebildete, aufgeschlossene, unkonventionelle Menschen und damit einen modernen Typus von B\u00fcrgerlichkeit nachzuweisen. Ein solches Selbstbild oder auch nur Selbstideal vertrug sich aber schlecht mit der humorlosen Gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfigkeit, welche das Team der documenta 9 gegen\u00fcber der ironischen Kunst einer Annemarie Burckhardt an den Tag legte. Der K\u00fcnstlerische Leiter der d9, Jan Hoet, pr\u00e4sentierte sich auf der Ausstellung selbstsicher und selbstironisch, vor Allem auch in der Weise, wie er sich mit seinem Hauptsponsor, der Tabakfirma Reemtsma, identifizierte. Das nahm das Publikum gelassen und zugleich am\u00fcsiert zur Kenntnis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Wozu das denn? 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