
{"id":5529,"date":"2022-01-05T13:24:14","date_gmt":"2022-01-05T12:24:14","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=5529"},"modified":"2022-01-05T13:24:38","modified_gmt":"2022-01-05T12:24:38","slug":"5-fragen-an-dr-sven-lueken","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2022\/01\/05\/5-fragen-an-dr-sven-lueken\/","title":{"rendered":"5 Fragen an: Dr. Sven L\u00fcken"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">5 Fragen an: Dr. Sven L\u00fcken<\/h1>\n\n\n\n<p>5. Januar 2022<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Zeughaus des Deutschen Historischen Museums wird saniert und die Dauerausstellung \u201eDeutsche Geschichte vom Mittelalter bis zum Mauerfall\u201c abgebaut. Gleichzeitig arbeitet das DHM an einer neuen St\u00e4ndigen Ausstellung \u2013 ein Gro\u00dfprojekt, das das gesamte Museum betrifft. In der Interview-Reihe <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"\/blog\/tag\/5-fragen-an\/\" target=\"_blank\">\u201e5 Fragen an\u2026\u201c<\/a> kommen Mitarbeitende aus verschiedenen Abteilungen zu Wort und berichten von ihren Erinnerungen an die fr\u00fchere Dauerausstellung und derzeitigen Erlebnissen. Dr. Sven L\u00fcken, Sammlungsleiter Militaria<\/strong>, <strong>stand uns ebenfalls Rede und Antwort zu diesem Gro\u00dfprojekt.<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Lieber Herr L\u00fcken, die Dauerausstellung ist seit Ende Juni geschlossen. Gab es f\u00fcr Sie ein Objekt oder einen Bereich in der Ausstellung, mit dem Sie eine besondere Erinnerung oder Geschichte verbinden?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Sven L\u00fcken:<\/strong> Ja, mit dieser Flugabwehrkanone, die ihre gro\u00dfe Bedeutung im Erdkampf gewann, weil man damit Panzer abschie\u00dfen und Panzerungen schnell durchbrechen konnte. Das war urspr\u00fcnglich gar nicht geplant und hat erst dazu gef\u00fchrt, dass jeder Soldat die \u201eAcht-Acht\u201c kannte. Insofern ist es ein Leitfossil des Zweiten Weltkriegs und zwar eines der Gr\u00f6\u00dfe, die wir gerade so noch ausstellen k\u00f6nnen. 2001 wurde ich als Wirtschafts- und Sozialhistoriker im Deutschen Historischen Museum eingestellt und habe sp\u00e4ter f\u00fcr die Mittelalterabteilung in der Dauerausstellung gearbeitet. Von Haus aus bin ich eigentlich Fr\u00f6mmigkeitshistoriker, aber ich habe mich immer f\u00fcr Militaria interessiert. Die Flak kam damals als allererstes Objekt ins Zeughaus. Das Geb\u00e4ude war noch leer. Von der Stra\u00dfe aus konnte man sie sehen, und die Leute dr\u00fcckten sich an der Scheibe die Nase platt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Januar 2008 wurde ich Sammlungsleiter f\u00fcr \u201eWaffen, R\u00fcstungen, Milit\u00e4risches Ger\u00e4t\u201c, ab da geh\u00f6rte die Flak zu meinem Bestand. Genau wie die Besucherinnen und Besucher wollte ich zuerst wissen, wie das Ding funktioniert. Zw\u00f6lf Mann, jeder mit einer eigenen Aufgabe, waren f\u00fcr die Bedienung n\u00f6tig. Mich hat aber auch interessiert, was das f\u00fcr Leute waren, welche Erfahrungen sie teilten und wie sie die Bundesrepublik als erste Nachkriegsgeneration gepr\u00e4gt haben. Diese Flakhelfergeneration hat ihre Sozialisation hinter diesem Gesch\u00fctz erfahren. Dort haben sie gelernt, dass man sich selbst zur\u00fccknehmen muss, nur gemeinsam etwas erreichen kann, n\u00e4mlich einen Bomber abzuschie\u00dfen. Nur das \u201eWir\u201c z\u00e4hlte. Wenn sie einen abgeschossen hatten, wurden als Abschussmarkierungen wei\u00dfe Ringe um das Rohr gemalt. Am 8. Mai 1945 war das alles wertlos. Aber das hat diese Generation gepr\u00e4gt, aus diesen Erfahrungen haben sie sp\u00e4ter Sozialstaat und Demokratie aufgebaut. Insofern fand ich das von Anfang an ein tolles Museumsobjekt, an dem man eine Menge erz\u00e4hlen kann. Deswegen hat es f\u00fcr mich eine besondere Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"686\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/DSC_0369_1000-px-b.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5530\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/DSC_0369_1000-px-b.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/DSC_0369_1000-px-b-300x206.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/DSC_0369_1000-px-b-768x527.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Die 8,8-cm Flugabwehrkanone, Modell 37, w\u00e4hrend des Abbaus der Dauerausstellung im Zeughaus.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong><em>Wie viele Objekte aus Ihrem Sammlungsbereich waren in der Dauerausstellung zu sehen und welche waren die gr\u00f6\u00dften bzw. kleinsten?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>So ungef\u00e4hr um die 400 Objekte waren im Zeughaus zu sehen. Wir werden in der neuen Dauerausstellung aber wahrscheinlich sehr viel weniger zeigen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Flak war das gr\u00f6\u00dfte Objekt, das ausgestellt war. In unserem Depot haben wir noch einen Panzer der Kasernierten Volkspolizei; Marke Eigenbau aus einer Zeit, in der die Deutschen keine Panzer bauen durften. Unserer ist unter der \u00c4gide der Russen dann quasi als Einzelst\u00fcck angefertigt worden und war beim 17. Juni 1953 dabei. So wurde er auch im Museum f\u00fcr Deutsche Geschichte gezeigt. Das ist wahrscheinlich das gr\u00f6\u00dfte Objekt. Eine sowjetische Boden-Luft-Rakete haben wir allerdings auch noch. Die kleinsten Objekte sind winzige Schr\u00e4ubchen, Bestandteile von Gewehrschl\u00f6ssern. Wir haben eine ganze Produktionsstra\u00dfe f\u00fcr das Gewehr 98, das sich als Dauerleihgabe auf der Zitadelle in Spandau befindet. Hier sieht man, wie die Teile produziert werden. Aber die meisten Objekte der Militariasammlung sind gro\u00df, schwer und relativ unempfindlich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Sie waren damals schon am Haus, als die Dauerausstellung konzipiert und 2006 er\u00f6ffnet wurde. Ist Ihnen aus dieser Zeit etwas pr\u00e4gend in Erinnerung geblieben?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das war eine intensive, lange Zeit. Hans Ottomeyer, der damalige Pr\u00e4sident des Deutschen Historischen Museums, sagte immer, Dauerausstellung hei\u00dft es, weil es so lange dauert, bis es fertig wird. Daran h\u00e4ngen viele Geschichten, die in Erinnerung bleiben. Zum Beispiel konnte ich eine kleine Abteilung zur Fr\u00f6mmigkeit im Sp\u00e4tmittelalter einrichten und daf\u00fcr neue Objekte kaufen, was ein gro\u00dfes Privileg ist. In W\u00fcrzburg habe ich zum Beispiel bei zwei H\u00e4ndlern an einem Nachmittag einen ganzen Altar zusammengekauft. Den haben wir dann aufgebaut, und ich habe in der Abteilung zur sp\u00e4tmittelterlichen Fr\u00f6mmigkeit viele F\u00fchrungen gemacht. Nicht einfach im kirchenfernen Berlin-Brandenburg. Manchmal kam ich mir vor wie der Heilige Bonifatius, aber die Besucherinnen und Besucher interessierte das. Mit dieser Geschichte habe ich ganz pers\u00f6nlich meine Rechtfertigung als Museumshistoriker erfahren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"801\" height=\"1024\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/DHM_Staendige-Ausstellung_800-1500_Altarraum_1000-px-b-801x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5531\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/DHM_Staendige-Ausstellung_800-1500_Altarraum_1000-px-b-801x1024.jpg 801w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/DHM_Staendige-Ausstellung_800-1500_Altarraum_1000-px-b-235x300.jpg 235w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/DHM_Staendige-Ausstellung_800-1500_Altarraum_1000-px-b-768x982.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/DHM_Staendige-Ausstellung_800-1500_Altarraum_1000-px-b.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 801px) 100vw, 801px\" \/><figcaption>Blick auf den von Dr. Sven L\u00fcken eingerichteten Bereich der Dauerausstellung im Obergeschoss des Zeughauses. <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong><em>Was stellt f\u00fcr Sie mit Blick auf Ihren Sammlungsbereich die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung beim Abbau der Dauerausstellung dar und gab es wom\u00f6glich \u00dcberraschungen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich 2008 die Abteilung \u201eWaffen, R\u00fcstungen, Milit\u00e4risches Ger\u00e4t\u201c \u00fcbernahm, existierte die Dauerausstellung schon zwei Jahre. Dadurch kannte ich die sch\u00f6nsten Exponate nur hinter Glas. F\u00fcr mich ist es jetzt auch ein Erlebnis, die vielen sch\u00f6nen Objekte wieder so \u201enackt\u201c zu sehen. Die Exponate kommen ins Depot, wodurch sich viele Termine ergeben, da wir jetzt an die Objekte ohne die Glasvitrine rankommen und es viele Anfragen beispielsweise von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gibt, die mit den Objekten arbeiten wollen. Darauf freue ich mich. Es ist das Privileg der Sammlungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, dass wir die Geschichte quasi atmen k\u00f6nnen: Pferdegasmasken aus dem Ersten Weltkrieg, an denen man noch die Angst des Pferdes riecht, Uniformen, an denen man manchmal noch den Schwei\u00df bemerkt. Aber das Wichtigste ist, dass man die Objekte jetzt von allen Seiten sehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal stimmen die Inventarnummern nicht, das m\u00fcssen wir dann kl\u00e4ren. Sonst gab es bislang keine \u00dcberraschungen. Aber es m\u00fcssen Entstehungsgeschichten gekl\u00e4rt werden, zum Beispiel von zwei Elfenbeins\u00e4tteln aus dem 15. Jahrhundert aus Budapest. Eine ungarische Kollegin erforscht gerade ihre Herkunft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Zum Schluss<\/em> <em>ein Blick in die Zukunft: Gibt es ein Objekt, von dem Sie sagen w\u00fcrden, das sollte unbedingt auch in der neuen St\u00e4ndigen Ausstellung gezeigt werden? Und wie kann man zum Themengebiet \u201eKriegsf\u00fchrung\u201c, die sich in den letzten Jahren stark ver\u00e4ndert hat, Stichwort Cyberwar, k\u00fcnftig weiter sammeln?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde mich freuen, unsere Turnierger\u00e4tschaften des 15. und 16. Jahrhunderts in der neuen St\u00e4ndigen Ausstellung zu sehen, das sind wirklich Highlights der europ\u00e4ischen Kunstgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten ist es insgesamt sehr schwierig f\u00fcr uns, an neuere Exponate zu kommen. Unser j\u00fcngstes Gewehr stammt aus der sp\u00e4ten DDR-Zeit. Die Objekte bekamen wir fr\u00fcher als K\u00f6niglich Preu\u00dfisches Zeughaus und dann als Zeughausmuseum vor allem von der Armee, der Bundeswehr zuletzt. Das ist jetzt nicht mehr m\u00f6glich, weil damit Waffenhandel in Verbindung gebracht wird. Nur das Milit\u00e4rhistorische Museum in Dresden ist davon ausgenommen und unterliegt nicht dem Waffengesetz. Auch Uniformen fallen darunter. Cyberwar darzustellen, aber kein einziges Objekt dazu zu haben, ist nat\u00fcrlich ein Problem. Wie es weitergeht, das wissen wir im Moment nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>5 Fragen an: Dr. Sven L\u00fcken<span><\/h2>\n<p>Das Zeughaus des Deutschen Historischen Museums wird saniert und die Dauerausstellung \u201eDeutsche Geschichte vom Mittelalter bis zum Mauerfall\u201c abgebaut. Gleichzeitig arbeitet das DHM an einer neuen St\u00e4ndigen Ausstellung &#8211; ein Gro\u00dfprojekt, das das gesamte Museum betrifft. 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