
{"id":5643,"date":"2022-02-10T14:13:08","date_gmt":"2022-02-10T13:13:08","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=5643"},"modified":"2025-08-01T11:45:03","modified_gmt":"2025-08-01T09:45:03","slug":"karl-marx-und-der-kapitalismus-eroeffnungsrede-von-sabine-kritter","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2022\/02\/10\/karl-marx-und-der-kapitalismus-eroeffnungsrede-von-sabine-kritter\/","title":{"rendered":"Karl Marx und der Kapitalismus: Er\u00f6ffnungsrede von Sabine Kritter"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Karl Marx und der Kapitalismus<\/h1>\n<h2>Er\u00f6ffnungsrede von Sabine Kritter<\/h2>\n<p>10. Februar 2022<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/karl-marx-und-der-kapitalismus\/#\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/karl-marx-und-der-kapitalismus\/#\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eKarl Marx und der Kapitalismus\u201d<\/a> wurde am 8. Februar 2022 er\u00f6ffnet. In diesem Rahmen sprach die Kuratorin Sabine Kritter \u00fcber den Aufbau der Ausstellung.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/dhm_Karl_Marx_und_der_Kapitalismus_C_Mathias_Voelzke-049-1024x682.jpg\" alt=\"Kuratorin Sabine Kritter bei der Er\u00f6ffnung der Ausstellung &quot;Karl Marx und der Kapitalismus&quot;, Berlin 08.02.2022\" class=\"wp-image-5649\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/dhm_Karl_Marx_und_der_Kapitalismus_C_Mathias_Voelzke-049-1024x682.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/dhm_Karl_Marx_und_der_Kapitalismus_C_Mathias_Voelzke-049-300x200.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/dhm_Karl_Marx_und_der_Kapitalismus_C_Mathias_Voelzke-049-768x512.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/dhm_Karl_Marx_und_der_Kapitalismus_C_Mathias_Voelzke-049-1536x1024.jpg 1536w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/dhm_Karl_Marx_und_der_Kapitalismus_C_Mathias_Voelzke-049.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Kuratorin Sabine Kritter bei der Er\u00f6ffnung der Ausstellung &#8222;Karl Marx und der Kapitalismus&#8220;, Berlin 08.02.2022 \u00a9 DHM\/Mathias Voelzke<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><p>H\u00e4tte jemand vor 20 Jahren gesagt, im Deutschen Historischen Museum w\u00fcrde demn\u00e4chst eine Ausstellung mit dem Titel \u201eKarl Marx und der Kapitalismus\u201c gezeigt, h\u00e4tte das wahrscheinlich ungl\u00e4ubiges Erstaunen hervorgerufen. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Scheitern des Realsozialismus, der den Marxismus zur Staatsdoktrin erkl\u00e4rt hatte, schien nicht nur der Marxismus, sondern mit ihm auch Marx selbst erledigt zu sein. Zudem war der Begriff \u201eKapitalismus\u201c in der wissenschaftlichen Diskussion, vor allem in der Deutschen, diskreditiert, weil er als ideologisch, als polemisch und als Kampfbegriff galt.<\/p>\n<p>Heute ist dagegen ein gewisses Marx-Revival zu beobachten. In der \u00d6ffentlichkeit, aber auch in den Sozialwissenschaften, in der Philosophie und im Kulturbereich findet eine rege Auseinandersetzung mit den Theorien von Marx statt. Und auch der Kapitalismus gilt heute wieder als legitime deskriptive und analytische Kategorie. J\u00fcrgen Kocka konstatiert sogar, das Konzept Kapitalismus sei \u201ein\u201c, insbesondere unter englischsprachigen Historikerinnen und Historikern. Die Diskussion um Marx und um den Kapitalismus ist also im Mainstream angekommen. Und so auch im Deutschen Historischen Museum.<\/p>\n<p>Was ist in den letzten Jahren passiert? 2007\/2008 hatte die Finanz- und Wirtschaftskrise die Welt ersch\u00fcttert und damit auch viele der bis dahin g\u00fcltigen Gewissheiten in Frage gestellt. Marx, der die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus untersucht hat, war pl\u00f6tzlich wieder in aller Munde. Selbst der dem Marxismus unverd\u00e4chtige \u00d6konom Hans-Werner Sinn formulierte, dass man, um die j\u00fcngsten Krisen zu verstehen, an Marx nicht vorbeikomme. Und die Krise hinterl\u00e4sst Spuren.<\/p>\n<p>Angesichts zunehmender sozialer Ungleichheiten, der enormen Verm\u00f6genskonzentration, aber auch angesichts der Klimakrise, stellt sich f\u00fcr viele heute die Frage, ob der Kapitalismus in seiner aktuellen Verfasstheit in der Lage ist, Antworten auf diese dr\u00e4ngenden gesellschaftlichen Probleme zu finden. Und damit r\u00fcckt Marx, der als erster die Mechanismen und die Zusammenh\u00e4nge des Kapitalismus zu ergr\u00fcnden versuchte, als Sozial- und Gesellschaftskritiker wieder in den Vordergrund.<\/p>\n<p>Das zeigt auch eine repr\u00e4sentative Umfrage, die das Deutsche Historische Museum im Vorfeld der Ausstellung in Auftrag gegeben hat und mit der wir in die Ausstellung einsteigen. Die Frage, ob Marx\u2018 Kapitalismuskritik heute noch dazu beitragen kann, die aktuellen \u00f6konomischen Probleme besser zu verstehen, beantworteten 44 Prozent mit \u201eJa\u201c oder \u201eEher ja\u201c. Bei den unter 22- und \u00fcber 55-J\u00e4hrigen waren es jeweils sogar \u00fcber 60 Prozent. 22 Prozent sahen das nicht so und ein Drittel hatte dazu keine Meinung. Gleichzeitig ergab die Umfrage, dass ein Drittel der Befragten in Marx einen Wegbereiter von Diktatur und Gewalt im 20. Jahrhundert sieht. Ein weiteres Drittel verneinte das und wiederum ein Drittel hatte dazu keine Meinung.<\/p>\n<p>Was Marx eigentlich ausmacht und wof\u00fcr er steht, wird heute also recht unterschiedlich gesehen und ist umstritten. Viele sind zudem heute unschl\u00fcssig, wie sie Marx bewerten sollen. Gleichzeitig ist Marx f\u00fcr viele aktuell. Und all das macht aus meiner Sicht auch die Relevanz deutlich, sich heute mit Marx selbst, also mit dem historischen Marx, zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Den einen, den eigentlichen, Karl Marx gibt es allerdings nicht. Vielmehr gibt es viele Marxe bzw. ein umfassendes, heterogenes und teilweise widerspr\u00fcchliches Theoriekonglomerat von Marx, das in vielem fragmentarisch und unvollendet geblieben ist. Diese \u00dcberlegung war wesentlich f\u00fcr die Herangehensweise der Ausstellung, in der wir einen historisierenden Blick auf Marx und den Kapitalismus werfen.<\/p>\n<p>Wir werfen einen Blick auf Marx als Philosophen, Journalisten, \u00d6konomen und politischen Aktivisten des 19. Jahrhunderts, dem es um die Analyse der sozialen Wirklichkeit seiner Zeit und um deren Ver\u00e4nderung ging. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen sieben Themen:<\/p><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Themen, die das 19. Jahrhundert mit seinen Umbr\u00fcchen in Europa gepr\u00e4gt haben<\/p>\n\n\n\n<p><p>&#8211; Themen, die Marx analysierte und die er verstehbar und ver\u00e4nderbar machen wollte und in die er auf unterschiedliche Weise intervenierte<\/p>\n<p>&#8211; Themen, anhand derer deutlich wird, dass Marx facettenreicher und widerspr\u00fcchlicher war als das, was in den Marxismen des 20. Jahrhunderts aus ihm gemacht wurde<\/p>\n<p>&#8211; Und Themen, die Fragen aufwerfen, die sich in ver\u00e4nderter Form heute immer noch oder wieder stellen<\/p><\/p>\n\n\n\n<p><p>Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt also nicht auf der Biografie von Marx, sondern auf Themen, die mit Marx verbunden sind. Die Themen werden aber immer wieder mit Marx\u2018 Leben in Beziehung gesetzt. Die Themen sind: Religions- und Gesellschaftskritik, Judenemanzipation und Antisemitismus, Revolution und Gewalt, neue Technologien, Natur und \u00d6kologie, \u00d6konomie und Krise, K\u00e4mpfe und Bewegungen. Das alles sind Themen, die f\u00fcr Marx im Kapitalismus zusammenflossen und die er zusammendachte. Dieses Denken in Zusammenh\u00e4ngen war entscheidend f\u00fcr seinen Blick auf den Kapitalismus, auch wenn er den Begriff Kapitalismus selbst kaum verwendete, sondern von der kapitalistischen Produktionsweise sprach.<\/p>\n<p>Bei den sieben Themen der Ausstellung verdeutlichen wir jeweils die Wechselwirkungen zwischen historischem Kontext und dem Denken und Handeln von Marx. Dabei geht es um Ereignisse, um \u00f6konomische und technische Entwicklungen, um Konflikte und auch um Debatten, in denen Marx stand. Wir zeigen dabei, wie Marx seine \u00dcberlegungen immer wieder \u00fcberdacht und auch revidiert hat, wo er nicht fertig wurde, wo er widerspr\u00fcchlich blieb und wo er bereits zu seiner Zeit kritisch gesehen wurde. Und, wo er uns vielleicht auch \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>Im Epilog thematisieren wir schlaglichtartig, dass die teilweise widerspr\u00fcchliche und fragmentarische Kritik von Marx zu einer ganz unterschiedlichen Wirkungsgeschichte und zu unterschiedlichen Bez\u00fcgen auf Marx gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Indem die Ausstellung eine Historisierung von Marx und seinen Ideen vornimmt, will sie gleichzeitig jedoch auch zu einer Auseinandersetzung mit deren Aktualit\u00e4t anregen. Denn das 19. Jahrhundert, das lange zu Unrecht in weite Ferne ger\u00fcckt worden ist, bietet aus meiner Sicht Ankn\u00fcpfungspunkte zur Gegenwart. Einerseits etwa dadurch, dass die Umbr\u00fcche im Zuge der Industrialisierung die Arbeitsverh\u00e4ltnisse so enorm ver\u00e4nderten, wie wir das in \u00e4hnlicher Form im \u00dcbergang von einer industriellen in eine postindustrielle Gesellschaft erleben. Andererseits wurden im 19. Jahrhundert mit der Globalisierung, mit der Einf\u00fchrung immer neuer Technologien, mit der exzessiven Nutzung fossiler Brennstoffe und mit einer Wirtschaft, die auf permanentes Wachstum angelegt ist, Weichen gestellt, die bis heute nachwirken. Und so hoffe ich, dass die Ausstellung mit dem Blick auf das 19. Jahrhundert auch zum Verst\u00e4ndnis der Gegenwart etwas beitragen kann.<\/p><\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/youtu.be\/kQ0IvCkck4Y\">Zum Video auf YouTube<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Karl Marx und der Kapitalismus: Er\u00f6ffnungsrede von Sabine Kritter<span><\/h2>\n<p>Die Ausstellung \u201eKarl Marx und der Kapitalismus\u201d wurde am 8. Februar 2022 er\u00f6ffnet. 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