
{"id":5856,"date":"2022-04-20T09:43:48","date_gmt":"2022-04-20T07:43:48","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=5856"},"modified":"2022-04-20T09:43:50","modified_gmt":"2022-04-20T07:43:50","slug":"schwarzalbenreich-interview-mit-barrie-kosky-und-ulrich-lenz","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2022\/04\/20\/schwarzalbenreich-interview-mit-barrie-kosky-und-ulrich-lenz\/","title":{"rendered":"&#8222;Schwarzalbenreich&#8220; &#8211; Interview mit Barrie Kosky und Ulrich Lenz"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">&#8222;Schwarzalbenreich&#8220; &#8211; Interview mit Barrie Kosky und Ulrich Lenz<\/h1>\n\n\n\n<p> 20. April 2022  <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Richard Wagner war Antisemit \u2014 dem widmet sich in der Ausstellung <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.dhm.de\/wagner\" target=\"_blank\">\u201eRichard Wagner und das deutsche Gef\u00fchl\u201c<\/a> auch die eigens vom Chefregisseur und Intendanten der <a href=\"https:\/\/www.komische-oper-berlin.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Komischen Oper Berlin<\/a>, Barrie Kosky, geschaffene Installation \u201eSchwarzalbenreich\u201c. Eine Klangcollage, die in der Dunkelheit einer \u201eBlackbox\u201c pr\u00e4sentiert wird, vermischt historische Aufnahmen mit ins Jiddische \u00fcbersetzten antisemitischen Zitaten. Die konzeptuelle Dramaturgie und Supervision \u00fcbernahm Ulrich Lenz, der Chefdramaturg der Komischen Oper Berlin. Beide erz\u00e4hlen im Interview mehr dar\u00fcber.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Welche Assoziationen hat bei Ihnen der Ausstellungstitel \u201eRichard Wagner und das deutsche Gef\u00fchl\u201c geweckt?<\/em><\/strong><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Barrie Kosky:<\/strong> Ambivalente Assoziationen. Gef\u00fchl ist f\u00fcr mich positiv definiert. Das \u201edeutsche Gef\u00fchl\u201c empfinde ich, gerade bei Wagner, eher als Gef\u00fchligkeit. Umso mehr weil Wagner das Deutschsein immer aus der Ablehnung des negativ konnotierten Anderen definiert. Aber diese Ambivalenz ist ja von den Macher*innen der Ausstellung intendiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ulrich Lenz:<\/strong> Ich misstraue dem Kult, der um Wagner und seine Musik gemacht wird, in hohem Ma\u00dfe. Auch bei Wagner ist nicht alles Gold! Auch wenn er das selbst zeit seines Lebens so propagiert hat. Die Widerspr\u00fcchlichkeit seiner Werke fasziniert und st\u00f6\u00dft gleichzeitig auch ab. Auf jeden Fall aber ist er ein begnadeter Musikdramatiker, der dank seiner schier grenzenlosen Fantasie eigene, faszinierende Welten geschaffen hat. Und gleichzeitig sind alle seine Werke wie bei kaum einem anderen Komponisten Spiegel ihrer Zeit und der politischen Umst\u00e4nde, in denen sie entstanden sind. Darauf zielt ja letztlich auch der Titel der Ausstellung ab.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wagner war Antisemit. Wie begegnen Sie seinem Werk vor diesem Hintergrund?<\/em><\/strong><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Barrie Kosky:<\/strong> Wichtig ist, dass man das k\u00fcnstlerische Werk nicht von seinen verbalen und schriftlichen \u00c4u\u00dferungen trennt. Wagner ist Antisemit und zwar durch und durch: in seinen Opern genauso wie in seinen theoretischen Schriften, in seinen Libretti genauso wie in seiner Musik. Was das f\u00fcr die Interpretation seiner B\u00fchnenwerke bedeutet, muss jede*r Regisseur*in letztlich f\u00fcr sich entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Was verbinden Sie pers\u00f6nlich mit Wagner und seinem Werk?<\/em><\/strong><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ulrich Lenz:<\/strong> Mir hat sich sein Werk erst relativ sp\u00e4t erschlossen. Was nicht zuletzt auch an der L\u00e4nge vieler seiner Werke liegt. Ich gestehe offen: f\u00fcnf Stunden Oper sind f\u00fcr mich an der Grenze des Ertr\u00e4glichen. Niemand kann sich wirklich so lange konzentrieren. Aber Wagners Musik will immer die volle Aufmerksamkeit, wie Nietzsche es sinngem\u00e4\u00df formuliert hat: Sie zupft einen permanent am Rockzipfel. Das nervt mich bisweilen. Und nimmt mir die Aufmerksamkeit f\u00fcr die wirklich gro\u00dfartigen Momente in diesen f\u00fcr mein Empfinden \u00fcberlangen Werke. Auf der anderen Seite ist gerade der <em>Ring<\/em> nat\u00fcrlich gro\u00dfes, umfassendes Welttheater. Da steckt so viel drin, dass man sich zu Recht immer wieder aufs Neue damit besch\u00e4ftigen kann. Ich finde, man sollte das nicht in vier, sondern in zehn Tagen auff\u00fchren, wie eine Serie: jeder Akt ein Tag mit einer etwas l\u00e4ngeren Pilotfolge \u2013 <em>Das Rheingold<\/em> \u2013 vorneweg! Da w\u00fcrde man die einzelnen \u201eFolgen\u201c viel aufmerksamer miterleben! F\u00fcr eingefleischte Wagnerianer*innen sicher ein Sakrileg \u2026<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/VB_3125_kl-801x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5863\" width=\"557\" height=\"712\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/VB_3125_kl-801x1024.jpg 801w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/VB_3125_kl-235x300.jpg 235w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/VB_3125_kl-768x982.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/VB_3125_kl.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 557px) 100vw, 557px\" \/><figcaption>Blick in die &#8222;Blackbox&#8220; in der Ausstellung &#8222;Richard Wagner und das deutsche Gef\u00fchl&#8220;. Foto: \u00a9 DHM\/David von Becker<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Wie unterscheidet sich die Rauminszenierung im DHM von einer Inszenierung f\u00fcr das Theater?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Barrie Kosky:<\/strong> In jeglicher Hinsicht! \u201eSchwarzalbenreich\u201c ist eine reine Klanginstallation, ein Kopfkino, wenn Sie so wollen. Im v\u00f6lligen Dunkel werden die Zuh\u00f6renden mit einer 4-min\u00fctigen \u201eKlangdusche\u201c \u00fcbersch\u00fcttet, der man nicht analytisch begegnen kann und soll. Gleichwohl haben wir versucht, die Texte und musikalischen Fragmente in einen musikalisch-dramaturgischen Spannungsbogen zu gie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Worin lagen die Herausforderungen f\u00fcr diese Ausstellungsinszenierung?<\/em><\/strong><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ulrich Lenz:<\/strong> Sie bedurfte einer langen Vorarbeit. Die Wagner-Zitate mussten recherchiert und zusammengestellt und dann von Michael Felsenbaum ins Jiddische \u00fcbersetzt und von Anna Rozenfeld eingesprochen werden. Die historischen Aufnahmen mussten gefunden werden, was gar nicht so leicht ist, wie man denken sollte. Daraus wiederum mussten die passenden Ausschnitte ausgew\u00e4hlt werden. Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung war aber vielleicht, das alles in ein 4-min\u00fctiges Klangereignis zu gie\u00dfen, das keine Aneinanderreihung von Zitaten und Musikfragmenten ist, sondern einen dramaturgischen Verlauf besitzt, der weniger auf den Verstand, sondern auf das Unterbewusstsein der Rezipient*innen abzielt. Ich finde, dass unserem Sounddesigner Sebastian Lipski diese \u201eirre Collage\u201c eindrucksvoll gelungen ist.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div id=\"attachment_5870\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5870\" class=\"wp-image-5870 size-medium\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/20210511_07549_Jan_Windszus_KOB_03272021_v6_eciRGBv2_4K-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/20210511_07549_Jan_Windszus_KOB_03272021_v6_eciRGBv2_4K-200x300.jpg 200w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/20210511_07549_Jan_Windszus_KOB_03272021_v6_eciRGBv2_4K-683x1024.jpg 683w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/20210511_07549_Jan_Windszus_KOB_03272021_v6_eciRGBv2_4K-768x1152.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/20210511_07549_Jan_Windszus_KOB_03272021_v6_eciRGBv2_4K-1024x1536.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/20210511_07549_Jan_Windszus_KOB_03272021_v6_eciRGBv2_4K-1366x2048.jpg 1366w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/20210511_07549_Jan_Windszus_KOB_03272021_v6_eciRGBv2_4K-scaled.jpg 1707w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><p id=\"caption-attachment-5870\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Jan Windszus<\/p><\/div>\n<\/td>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4>&nbsp;<\/h4>\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Barrie Kosky<\/h4>\n<p><\/p>\n<p style=\"color: #000000; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Barrie Kosky ist ein an den gro\u00dfen Opernh\u00e4usern und Festivals der Welt gefragter Regisseur. Seit der Spielzeit 2012\/13 ist er Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Ulrich Lenz<\/h4>\n<p><\/p>\n<p style=\"color: #000000; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Ulrich Lenz studierte Musikwissenschaft, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in M\u00fcnchen, Berlin und Mailand. Seit der Spielzeit 2012\/13 ist er Chefdramaturg an der Komischen Oper Berlin im Team von Barrie Kosky, mit dem ihn eine langj\u00e4hrige Zusammenarbeit verbindet.<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<div id=\"attachment_5872\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5872\" class=\"wp-image-5872 size-medium\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/141_KOB_Ulrich_Lenz_01202017-3-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/141_KOB_Ulrich_Lenz_01202017-3-200x300.jpg 200w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/141_KOB_Ulrich_Lenz_01202017-3-682x1024.jpg 682w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/141_KOB_Ulrich_Lenz_01202017-3-768x1153.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/141_KOB_Ulrich_Lenz_01202017-3.jpg 799w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><p id=\"caption-attachment-5872\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Jan Windszus<\/p><\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>&#8222;Schwarzalbenreich&#8220; &#8211; Interview mit Barrie Kosky und Ulrich Lenz<span><\/h2>\n<p>Richard Wagner war Antisemit \u2014 dem widmet sich in der Ausstellung \u201eRichard Wagner und das deutsche Gef\u00fchl\u201c auch die eigens vom Chefregisseur und Intendanten der Komischen Oper Berlin, Barrie Kosky, geschaffene auch die eigens vom Chefregisseur und Intendanten der Komischen Oper Berlin, Barrie Kosky, geschaffene Installation \u201eSchwarzalbenreich\u201c. 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