
{"id":5912,"date":"2022-04-29T10:17:44","date_gmt":"2022-04-29T08:17:44","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=5912"},"modified":"2022-09-29T12:49:45","modified_gmt":"2022-09-29T10:49:45","slug":"wozu-das-denn-eine-acht-stunden-uhr","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2022\/04\/29\/wozu-das-denn-eine-acht-stunden-uhr\/","title":{"rendered":"Wozu das denn? Eine Acht-Stunden-Uhr"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Wozu das denn? Eine Acht-Stunden-Uhr<\/h1>\n\n\n\n<p>Laura Groschopp und Eleonora Rold\u00e1n Mendivil | 29. April 2022<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum ist gerade eine kleine englische Taschenuhr von gro\u00dfer Bedeutung f\u00fcr die Geschichte der Arbeiterbewegung<a href=\"#_ftn1\"><strong>[1]<\/strong><\/a>? Dieser Frage gehen Laura Groschopp aus der Abteilung Kommunikation und Eleonora Rold\u00e1n Mendivil aus dem Fachbereich Bildung und Vermittlung in der Ausstellung \u201eKarl Marx und der Kapitalismus\u201c nach.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Pocket-watch-face-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5919\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Pocket-watch-face-1024x682.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Pocket-watch-face-300x200.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Pocket-watch-face-768x512.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Pocket-watch-face-1536x1024.jpg 1536w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Pocket-watch-face.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption><br><br>Taschenuhr anl\u00e4sslich der Proklamierung des Achtstundentags durch die Internationale, vermutlich England, 1860er Jahre, Manchester, People\u2019s History Museum<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Bereich \u201eK\u00e4mpfe und Bewegungen\u201c der Ausstellung \u201eKarl Marx und der Kapitalismus\u201c ist eine Taschenuhr in einer Vitrine zu sehen. Es handelt sich dabei um eine sogenannte Acht-Stunden-Uhr, die mit der gravierten Umschrift von den Urspr\u00fcngen des Kampfes nach besseren Arbeitsbedingungen erz\u00e4hlt. Eng verkn\u00fcpft ist der Kampf um den Achtstundentag mit dem 1. Mai, der bis heute in vielen L\u00e4ndern als <em>Internationaler Tag der Arbeiterbewegung<\/em> begangen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Der das Ziffernblatt umrahmende Schriftzug formuliert eine der zentralen Forderungen der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts: \u201eWe require 8 hours for work \u009f 8 hours for our own instruction and 8 hours for repose\u201d.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Auf der R\u00fcckseite wird die k\u00e4mpferische Losung um das transnationale Leitbild der Arbeiterbewegung verst\u00e4rkt: \u201eWorkingmen of every country unite together to defend your rights\u201d<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> steht ebenfalls kreisf\u00f6rmig entlang des Uhrenrandes geschrieben. Visualisiert wird dieser Aufruf mit einer Abbildung zweier Arbeiter, die sich, geeint durch eine Frauenfigur, die Hand geben. Die Taschenuhr mit einem Durchmesser von sechs Zentimetern ist eine von zw\u00f6lf Uhren dieser Art, die vermutlich in den 1860er Jahren anl\u00e4sslich der Versammlung der Internationalen Arbeiterassoziation in London gefertigt wurden. Es handelt sich damit um eines der fr\u00fchsten Exemplare der aufgrund von Gravur und Inschrift so genannten Acht-Stunden-Uhr. Ab den 1880er Jahren wurden solche Uhren auch in Deutschland und Italien hergestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die auf der Taschenuhr offensiv proklamierte Forderung nach dem Achtstundentag wurde erstmals von Karl Marx beim Genfer Kongress der Internationalen Arbeiterassoziation im September 1866 eingebracht. Er forderte \u201e8 Arbeitsstunden als gesetzliche Schranke des Arbeitstages\u201c<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>. Der Anlass f\u00fcr die Forderung war der w\u00e4hrend der Industrialisierung st\u00e4rker werdende Druck, den die Unternehmer*innen auf die Arbeiter*innen aus\u00fcbten. Die durchschnittliche Arbeitszeit lag h\u00e4ufig bei 14 bis sogar \u00fcber 16 Stunden pro Tag. Angesichts dessen sowie schwerer Frauen- und Kinderarbeit setzte bald eine Bewegung ein, um die Unternehmermacht einzuschr\u00e4nken: Arbeiter*innen verliehen mit Streiks ihren zentralen Forderungen nach humaneren Arbeitszeiten, verbesserten Arbeitsbedingungen und Lohnerh\u00f6hungen Nachdruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Arbeiterbewegung in Europa war zun\u00e4chst lose organisiert und verf\u00fcgte noch nicht \u00fcber ausreichend Kraft und Einfluss, um insbesondere das Ziel eines Achtstundentages durchzusetzen. Wichtige Treibkraft f\u00fcr die internationale Arbeiterbewegung wurden die neuen Industriezentren in den USA und Kanada. Die Erfahrungen von Immigrant*innen europ\u00e4ischer Siedlungskolonien verliehen der Bewegung mehr Kraft \u2013 radikalisierten sie aber auch zunehmend.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 1. Mai 1886 versammelten sich in den USA eine halbe Million Arbeiter*innen unterschiedlichster Branchen, um den Normalarbeitstag von zw\u00f6lf auf acht Stunden zu verk\u00fcrzen. Aufgerufen hatten unter anderem die radikale Gewerkschaft <em>The Knights of Labor<\/em>, in der sich sowohl gelernte als auch ungelernte Arbeiter*innen, Arbeiter*innen unterschiedlicher Herkunft als auch Schwarze Arbeiter*innen organisierten. Auch die wesentlich gr\u00f6\u00dfere <em>American Federation of Labor<\/em>, in der ungelernte Arbeiter*innen, Frauen und Schwarze nicht willkommen waren, rief zum Streik auf. Bei der gr\u00f6\u00dften Streikversammlung auf dem Haymarket in Chicago nahmen rund 90.000 Menschen teil.<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> Chicago war in den Jahrzehnten zuvor massiv durch die Industrialisierung und der damit verbundenen europ\u00e4ischen Immigration gewachsen. Nicht wenige der Immigrant*innen waren alte \u201eAchtundvierziger\u201c, kampferfahrene Radikale aus allen Ecken Europas.<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> Nachdem angeheuerte Streikbrecher*innen und die Polizei drei Tage lang versuchten, den Streik gewaltvoll zu beenden und es bereits mehrere Verletzte und einen toten Arbeiter gab, explodierte am 4. Mai eine Bombe in den Reihen der Polizei. Dutzende Polizisten wurden verletzt, sieben kamen ums Leben. Die Polizei schoss daraufhin wahllos in die Menge. Vier Streikende starben, sieben Deutsche und ein Amerikaner kamen in Haft und wurden wegen ihrer politischen \u00dcberzeugungen der Morde an den Polizisten f\u00fcr schuldig befunden. Vier wurden hingerichtet und vier im Nachgang begnadigt.<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Vorkommnisse am Chicagoer Haymarket Square bezog sich die Sozialistische Internationale, als sie den 1. Mai 1890 zum Kampftag der Arbeiterbewegung ausrief. Die Arbeitszeitverk\u00fcrzungen, die dadurch erwirkt wurden, waren aber weiterhin nicht im Gesetz verankert. Erst um 1900 kam es in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern zu gesetzlichen Regelungen der Arbeitszeit. Am 23. November 1918 wurde in Deutschland der Achtstundentag gesetzlich festgeschrieben. Der Kampf um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen war damit aber nicht beendet: Bis heute k\u00e4mpfen Gewerkschaften f\u00fcr die Interessen der arbeitenden Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Verweise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Da es sich hierbei um einen feststehenden Begriff handelt, verzichten wir an dieser Stelle auf die gendergerechte Anpassung.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Auf Deutsch: \u201e8 Stunden f\u00fcr die Arbeit, 8 Stunden f\u00fcr den eigenen Unterricht und 8 Stunden f\u00fcr die Erholung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> \u201eArbeiter aller L\u00e4nder vereinigt euch, um gemeinsam eure Rechte zu verteidigen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Marx, Karl: Instruktionen f\u00fcr die Delegierten des Provisorischen Zentralrats zu den einzelnen Fragen. In: MEW, Bd. 16, S. 192<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> 1. Mai: Warum der Tag der Arbeit ein Kampftag ist, https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=KeoFlqbFZLw<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Friederike Hausmann (1998): Die Deutschen Anarchisten von Chicago oder warum Amerika den 1. Mai nicht kennt, Berlin, S. 44.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> The Haymarket Square Riot &amp; The Fight For Workers Rights, https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=wHRL4hlYJvg, Friederike Hausmann (1998): Die Deutschen Anarchisten von Chicago oder warum Amerika den 1. Mai nicht kennt, Berlin.<\/p>\n\n\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div id=\"attachment_5985\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5985\" class=\"wp-image-5985 size-medium\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Eleonora_Roldan_Mendivil_01-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Eleonora_Roldan_Mendivil_01-200x300.jpg 200w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Eleonora_Roldan_Mendivil_01.jpg 667w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><p id=\"caption-attachment-5985\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 DHM\/Thomas Bruns<\/p><\/div>\n<\/td>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4>&nbsp;<\/h4>\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Eleonora Rold\u00e1n Mend\u00edvil<\/h4>\n<p style=\"color: #000000; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Eleonora Rold\u00e1n Mend\u00edvil ist Politikwissenschaftlerin und promoviert seit 2020 \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung im modernen Kapitalismus an der Universit\u00e4t Kassel. Seit 2016 unterrichtet sie an verschiedenen Universit\u00e4ten und Hochschulen u.a. zu den Themen Geschichte und Theorie des Kapitalismus, Arbeiter- und Frauenbewegung und (Anti-)Kolonialismus. Seit Mai 2021 ist sie Bildungsreferentin in der Abteilung Bildung und Vermittlung des DHM.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Laura Groschopp<\/h4>\n<p style=\"color: #000000; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Laura Groschopp ist Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin mit den wissenschaftlichen Schwerpunkten Kommunikation, Bild- und Mediengeschichte und Modefotografie. Sie war f\u00fcr die strategische und digitale Kommunikation sowie f\u00fcr das Marketing und die Medienarbeit verschiedener Institutionen verantwortlich. Seit September 2021 ist sie in der Kommunikationsabteilung des DHM t\u00e4tig.<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<div id=\"attachment_5837\" style=\"width: 177px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5837\" class=\"aligncenter wp-image-5986 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Laura_Groschopp01.jpg\" alt=\"\" width=\"667\" height=\"1000\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Laura_Groschopp01.jpg 667w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Laura_Groschopp01-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 667px) 100vw, 667px\" \/><p id=\"caption-attachment-5837\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 DHM\/Thomas Bruns<\/p><\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Wozu das denn? Eine Acht-Stunden-Uhr<span><\/h2>\n<p>Warum ist gerade eine kleine englische Taschenuhr von gro\u00dfer Bedeutung f\u00fcr die Geschichte der Arbeiterbewegung? Auf die Spur dieser Frage begeben sich Laura Groschopp aus der Abteilung Kommunikation und Eleonora Rold\u00e1n Mendivil aus dem Fachbereich Bildung und Vermittlung in der Ausstellung \u201eKarl Marx und der Kapitalismus\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":5913,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1763],"tags":[2464,2016,2462,2422,2463,75],"class_list":["post-5912","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-wozu-das-denn","tag-1-mai","tag-arbeitsgeschichte","tag-industrialisierung","tag-karl-marx-und-der-kapitalismus","tag-tag-der-arbeit","tag-wozu-das-denn"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5912","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5912"}],"version-history":[{"count":21,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5912\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6644,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5912\/revisions\/6644"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5913"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5912"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5912"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5912"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}