
{"id":5935,"date":"2022-05-02T14:37:24","date_gmt":"2022-05-02T12:37:24","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=5935"},"modified":"2022-05-02T15:54:15","modified_gmt":"2022-05-02T13:54:15","slug":"herlinde-koelbl-angela-merkel-portraits-1991-2021","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2022\/05\/02\/herlinde-koelbl-angela-merkel-portraits-1991-2021\/","title":{"rendered":"Herlinde Koelbl. Angela Merkel Portraits 1991 \u2013 2021"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Herlinde Koelbl. Angela Merkel Portraits 1991 \u2013 2021<\/h1>\n\n\n\n<p>Prof. Dr. Gesine Schwan | 2. Mai 2022<\/p>\n\n\n\n<p><p><strong>Auf unserem Blog ver\u00f6ffentlichen wir die Rede von Prof. Dr. Gesine Schwan, Politikwissenschaftlerin und Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, die sie bei der Er\u00f6ffnung der Ausstellung&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/herlinde-koelbl-angela-merkel-portraits-1991-2021\/#\/\" target=\"_blank\">\u201eHerlinde Koelbl. Angela Merkel Portraits 1991 \u2013 2021\u201c<\/a>&nbsp;am 28. April 2022 hielt. <\/strong><\/p>\n\n<p>\u201eSpuren der Macht\u201c hei\u00dft das Projekt, innerhalb dessen Herlinde Koelbl Angela Merkel in 30 aufeinander folgenden Jahren fotografiert, aber auch interviewt hat. In einem geradezu laborreinen Arrangement, will sie herausfinden, ob und wenn ja, welche Spuren der Macht sich auf den Fotografien, vornehmlich wohl in Angela Merkels Gesicht erkennen lassen.<\/p>\n\n<p>Welche Spuren k\u00f6nnte man denn erwarten? Dass sie hochm\u00fctig wird? Dass die Macht sie verh\u00e4rtet? Dass ihre B\u00fcrde sie erm\u00fcdet, niederdr\u00fcckt oder entt\u00e4uscht? Dass sie die Macht einfach genie\u00dft? Es gibt viele M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n\n<p>Auf Herlinde Koelbls Frage, was f\u00fcr Angela Merkel lustvoll an der Macht war, antwortet sie: \u201eFr\u00fcher h\u00e4tte ich gesagt: dass man Politik gestalten kann. Jetzt w\u00fcrde ich sagen: dass man anderen wieder etwas abjagt.\u201c Zum Beispiel einige Jahre sp\u00e4ter Gerhard Schr\u00f6der das Kanzleramt, das zu f\u00fchren, er ihr nicht zugetraut hatte. So kann man sich irren. <br><\/p>\n\n<p>Ihre Antwort hat etwas Spielerisches, was Angela Merkel in der Regel nicht \u00f6ffentlich ausstrahlt. Privat offenbar schon, berichten ihre Freunde. Dicht dran an einem heiteren Machtverst\u00e4ndnis ist auch ihre f\u00fcr mich \u00fcberraschende Aussage als CDU-Generalsekret\u00e4rin: \u201eIch m\u00f6chte der Partei auch ein bisschen Fr\u00f6hlichkeit vermitteln.\u201c Ich werde den Tipp an Kevin K\u00fchnert weitergeben.<\/p>\n\n<p>Angela Merkel wird in der Regel als sehr souver\u00e4ne, nicht kleinzukriegende, vor allem \u201eunaufgeregte\u201c Frau beschrieben. Die unz\u00e4hligen Gemeinheiten des Politikbetriebs tangieren sie nicht \u2013 so scheint es. Aber im Gespr\u00e4ch mit Herlinde Koelbl hat sie doch Angst, dass das Amt sie demolieren k\u00f6nnte und \u201edass am Ende der Hohn der Gesellschaft gr\u00f6\u00dfer ist, als wenn ich gar nichts getan h\u00e4tte.\u201c<\/p>\n\n<p>Einige Jahre sp\u00e4ter hat sie eher noch weniger Vertrauen zu den Menschen: \u201eIch bin misstrauischer geworden. Fr\u00fcher war ich zwar auch schon misstrauisch, aber das hat bei Weitem nicht ausgereicht, um im politischen Gesch\u00e4ft nicht st\u00e4ndig entt\u00e4uscht zu werden.\u201c Sie ist oder war zumindest wohl verletzlicher, als sie nach au\u00dfen erkennen lassen wollte.<\/p>\n\n<p>Und sie sch\u00fctzt sich bewusst durch Verstellung und Verschlossenheit, was ihr eigentlich missf\u00e4llt: \u201eIch kann heute starr nach au\u00dfen gucken und nicht jedem zeigen, was ich gerade denke\u201c. Die Menschen wollten Sorgen oder Unsicherheit bei Politikern nicht sehen. \u201eIch werde das in Zukunft auch nicht mehr zugeben, damit ich nicht pausenlos in der Zeitung nachlesen muss, ich w\u00fcrde mein Fach nicht beherrschen. Ich finde es bedauerlich, dass bei Politikern eher das schablonenhafte Produkt gefragt zu sein scheint.\u201c<\/p>\n\n<p>Angela Merkel m\u00f6chte authentisch sein, aber um die Macht zu erwerben und sie zu erhalten, muss sie sich, das ist ihre Erfahrung, verstellen und verschlie\u00dfen.<\/p>\n\n<p>In ihrer Kleidung und \u00e4u\u00dferen Erscheinung widersteht sie dem Erwartungsdruck von au\u00dfen lange. Dar\u00fcber haben westdeutsche Damen der Gesellschaft zun\u00e4chst oft gespottet, haben sie auch vor ihrer Kanzlerschaft, wie es hie\u00df, eindringlich beraten. Ich meine, das Ergebnis der Anpassungs-Konzession an die Macht kann man auf dem ersten Kanzlerinnenbild 2006 deutlich erkennen: Hier findet sich in der langen Reihe der Portraits der einzige klar erkennbare Unterschied zu allen Fotografien davor. Angela Merkel hat sich dem Mainstream im \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild angepasst, vornehmlich durch Wimperntusche, Lidstrich und eine gestylte Frisur. Sie wirkt dadurch unnahbarer und weniger originell als vorher.<\/p>\n\n<p>Politische Macht schafft offenbar keineswegs vor allem Lust, nach der Herlinde Koelbl am Anfang gefragt hat, auch wenn man immer wieder gelobt und mit Preisen ausgezeichnet wird. Im Gegenteil: Sie bedroht die eigene pers\u00f6nliche Authentizit\u00e4t und Integrit\u00e4t. Man muss falsche Erwartungen erf\u00fcllen und vor allem Entt\u00e4uschungen abwehren. Das ist ein auff\u00e4lliges Leitmotiv bei Angela Merkel. Wenn man nach Spuren der Macht sucht, dann findet man sie vielleicht in einer zunehmenden Desillusionierung \u00fcber die Menschen, mit denen und f\u00fcr die sie Politik macht.<\/p>\n\n<p>Dabei k\u00f6nnen viele Beobachter eigentlich keine Ver\u00e4nderungen Merkels in der Fotofolge erkennen. \u201eDrei\u00dfig Jahre lang ist ihr Gesichtsausdruck gleich\u201c, sagt George Packer, der sie in dem gro\u00dfen Bildband beschreibt. Und weiter: \u201eDiese emotionale Gleichf\u00f6rmigkeit k\u00f6nnte der Schl\u00fcssel zu Merkels ph\u00e4nomenalem Erfolg als Politikerin sein. Die Portr\u00e4ts aus drei Jahrzehnten zeugen von Merkels Stehverm\u00f6gen am Steuer des \u00f6ffentlichen Lebens.\u201c \u201eEmotionale Gleichf\u00f6rmigkeit\u201c als Schl\u00fcssel zum politischen Erfolg?<\/p>\n\n<p>Nach dieser Einsch\u00e4tzung g\u00e4be es keine Spuren der Macht, weil Merkel ihre Gef\u00fchle ausschaltet. Wenn man aber genau auf ihre Mundwinkel schaut, entdeckt man doch eine leichte Entwicklung. Sie ist zwar gut geschminkt. Aber \u2013 auch vor dem Hintergrund anderer zeitgen\u00f6ssischer und aktueller Fotografien \u2013 zeigt sich doch eine Ver\u00e4nderung in einer verst\u00e4rkten Ausrichtung der Mundwinkel nach unten. Darin sehe ich Entt\u00e4uschung und Distanzierung von den Menschen als Spuren der Macht.<\/p>\n\n<p>Sie kontrastieren mit den eher offenen, zuweilen auch schalkhaften Gesichtern des Anfangs und mit der unverstellten Art, mit der sie in den Anfangsjahren ihrer Politik Herlinde Koelbl antwortet. In dieser eher authentischen Zeit finden sich in ihrem Gesicht \u00fcberdies vertr\u00e4umte, vielleicht sogar melancholische Z\u00fcge. Melancholie und Fr\u00f6hlichkeit schlie\u00dfen einander ja nicht aus. Daher kommt vielleicht, dass sie auf viele Menschen eher traurig wirkt. Das mag sie nicht, und das versteht sie nicht.<\/p>\n\n<p>Zugleich gibt es in dieser noch offeneren authentischeren Phase aber schon das Misstrauen, das Angela Merkel als eigenen Zug von Anfang an betont und das sie zum Selbstschutz bewusst verst\u00e4rkt. In der Politik macht sie fr\u00fch die Erfahrung, dass sie sich nur auf sich selbst verlassen kann. Der Gedanke legt sich nahe, dass sich das auf ihr gesamtes Politikverst\u00e4ndnis, auch auf die Handhabung ihrer Macht ausgewirkt hat. Nicht nur die naturwissenschaftlich-analytische Methode, die Probleme in ihre Einzelteile zu zerlegen und dann Schritt f\u00fcr Schritt (Einzel-) L\u00f6sungen zu suchen, haben sie nach meinem Eindruck gepr\u00e4gt. Prinzipielle Vorsicht, Skepsis gegen\u00fcber dem gro\u00dfen Zukunftsentwurf, der ihr wohl zu viel \u00dcberschwang enth\u00e4lt, spielen auch eine zentrale Rolle. Sie sind nicht entt\u00e4uschungsfest.<\/p>\n\n<p>\u201eIch bewege mich ja in der Ist-Zeit und l\u00f6se Probleme, und ich denke sozusagen nicht jeden Tag an die Nach-Zeit-Betrachtung \u2013 das m\u00fcssen dann die Historiker tun.\u201c &nbsp;Und hier geht es nicht in erster Linie um Nachruhm, sondern um die historische Langzeitdimension von Politik.<\/p>\n\n<p>Ohne Vertrauen in die Natur des Menschen \u2013 trotz aller Widrigkeiten des politischen Gesch\u00e4fts \u2013 bringt man den Mut f\u00fcr eine Politik langfristiger Verbesserungen f\u00fcr die Menschen wohl nicht auf. Ohne seinen Hoffnungs- und Utopie-\u00dcberschuss h\u00e4tte Willy Brandt seine Politik der Vers\u00f6hnung und Verst\u00e4ndigung mit den Menschen in Mittelosteuropa, auch in Russland nicht angehen k\u00f6nnen. Die hohe Intelligenz und die betonte N\u00fcchternheit Helmut Schmidts allein h\u00e4tten das nicht zu Wege gebracht.<\/p>\n\n<p>Christopher Clark und Kristine Spohr schlie\u00dfen ihre Nachbetrachtung mit dem Fazit, dass wir Angela Merkel als \u201eeine Politikerin in Erinnerung behalten, die der Welt zeigte, wie man ohne jede Eitelkeit Macht aus\u00fcben kann\u201c. Dieser Mangel an Eitelkeit fasziniert viele Beobachter und verschafft ihr und damit auch ihrer Politik hohe Anerkennung. Dass sie das Machogehabe ihrer Kollegen Sarkozy, Berlusconi und auch Gerhard Schr\u00f6der als l\u00e4cherlich durchschaut hat, war ein wichtiges Element ihrer eigenen Macht und ruft bei mir als Frau nicht so gro\u00dfe Bewunderung hervor. So viel \u201efemale chauvinism\u201c muss schon sein.<\/p>\n\n<p>Dass ihr banale Eitelkeit fremd war, belegt ihre Klugheit und die Tatsache, dass sie jedenfalls Macht \u00fcber sich selbst hat. Eitelkeit ist ja die Schwester der L\u00e4cherlichkeit. Diesem Risiko wollte sie sich nicht aussetzen. Aber gen\u00fcgt der dahinterliegende Ma\u00dfstab meist m\u00e4nnlicher Schw\u00e4che f\u00fcr die Beurteilung von politischer Machtaus\u00fcbung? <br><\/p>\n\n<p>Clark und Spohr nennen einen weiteren Beleg f\u00fcr die Weisheit von Merkels Politik, die aus ihrer zuvor genannten Skepsis r\u00fchrt:  \u201eUnd sie hat stets die Anf\u00e4lligkeit und Verg\u00e4nglichkeit jener Dinge erkannt, die angeblich \u00fcberaus robust sind: der Westen als Wertegemeinschaft, liberale Demokratie, die Institutionen, die eine verantwortliche Regierung st\u00fctzen, also Parlamente, freie Wahlen, unabh\u00e4ngige Richter, freie Universit\u00e4ten und Rechtsstaatlichkeit. Als jemand, der den pl\u00f6tzlichen Zusammenbruch eines Regimes und einer Ideologie erlebte, die als st\u00e4ndige Fixpunkte in der Weltpolitik erschienen, wei\u00df sie, wovon sie redet.\u201c<\/p>\n\n<p>Ist die Einsicht in die \u201eVerg\u00e4nglichkeit\u201c der Demokratie, so wie die DDR verg\u00e4nglich war, ein Zeichen politischer Weisheit? &nbsp;Ich wei\u00df nicht, ob Angela Merkel diese Analogie gef\u00e4llt. F\u00fcr die Demokratie b\u00f6te das keine guten Aussichten. Denn wenn wir an deren Werte nicht mehr glauben, sondern sie von der Skepsis anfressen lassen, hat sie keine Chance. Die entschieden auftretenden autokratischen Regime w\u00e4ren dann klar im Vorteil. <\/p>\n\n<p>Angela Merkel hat viele Gipfel der politischen Macht bezwungen und dabei ihre pers\u00f6nliche Integrit\u00e4t gewahrt. Das ist eine bewundernswerte Leistung. Die banalen entw\u00fcrdigenden Gef\u00e4hrdungen der Macht haben sie nicht verf\u00fchrt und bei ihr auch keine Spuren hinterlassen. Aber vielleicht braucht die Demokratie den Mut, Skepsis und Misstrauen zu \u00fcberwinden, vielleicht braucht sie die Bereitschaft zum Risiko, sich entt\u00e4uschen zu lassen und doch weiterzumachen.<\/p><\/p>\n\n\n\n<p>Bild: \u00a9 DHM\/Mathias V\u00f6lzke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Herlinde Koelbl. Angela Merkel Portraits 1991 \u2013 2021<span><\/h2>\n<p>Auf unserem Blog ver\u00f6ffentlichen wir die Rede von Prof. Dr. Gesine Schwan, Politikwissenschaftlerin und Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, die sie bei der Er\u00f6ffnung der Ausstellung\u00a0\u201eHerlinde Koelbl. Angela Merkel Portraits 1991 \u2013 2021\u201c\u00a0am 28. 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