
{"id":5951,"date":"2022-05-04T10:28:24","date_gmt":"2022-05-04T08:28:24","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=5951"},"modified":"2022-05-24T15:21:19","modified_gmt":"2022-05-24T13:21:19","slug":"wozu-das-denn-das-gemaelde-die-heilige-familie-von-paul-von-joukowsky","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2022\/05\/04\/wozu-das-denn-das-gemaelde-die-heilige-familie-von-paul-von-joukowsky\/","title":{"rendered":"Wozu das denn? Das Gem\u00e4lde \u201eDie heilige Familie\u201c von Paul von Joukowsky"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Wozu das denn? Das Gem\u00e4lde \u201eDie heilige Familie\u201c von Paul von Joukowsky<\/h1>\n\n\n\n<p>Sven Friedrich | 4. Mai 2022 <\/p>\n\n\n\n<p><strong>England hat die Windsors \u2013 Deutschland die Wagners\u2026: Richard Wagner und seinen Nachkommen wurde stets eine besondere Verehrung entgegengebracht. Ein besonderes Beispiel hierf\u00fcr ist das Gem\u00e4lde \u201eDie heilige Familie\u201c von Paul von Joukowsky aus dem Jahr 1881, das derzeit als Leihgabe in der Ausstellung <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/richard-wagner-und-das-deutsche-gefuehl\/#\/\" target=\"_blank\">\u201eRichard Wagner und das deutsche Gef\u00fchl\u201c<\/a> zu sehen ist. Sven Friedrich, Direktor des Richard Wagner Museums, aus dessen Sammlung es stammt, schildert die verg\u00f6tternde Mythifizierung der Familie Wagner.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die monumentale Realisierung von Richard Wagners Musikdramen im ausschlie\u00dflich f\u00fcr diese reservierten Kunsttempel des Bayreuther Festspielhauses erscheint als Abbild des egomanischen Charakters des \u00bbMeisters\u00ab. So lie\u00df sich der \u201eschnupfende Gnom aus Sachsen mit dem Bombentalent und dem sch\u00e4bigen Charakter\u201c (Thomas Mann) jedenfalls gerne nennen. Die hypertrophe \u00c4sthetik von Wagners \u00bbGesamtkunstwerk\u00ab sollte sich als eine Art Metapolitik aber auch auf vielf\u00e4ltige Weise als weltanschaulich und ideologisch anschlussf\u00e4hig erweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Insbesondere nach seinem Tod 1883 und ma\u00dfgeblich betrieben von seiner Witwe Cosima, Tochter Franz Liszts, erfolgte eine Mythifizierung Wagners, wie andere K\u00fcnstler sie wohl selten erfahren haben. Der \u201eWagnerianismus\u201c als veritable sektenartige Kulturreligion mit Wagners Bayreuther Wohnhaus \u201eWahnfried\u201c \u2013 heute Richard Wagner Museum \u2013 in seinem Zentrum, fand seine ideologische Fundierung durch den sogenannten \u00bbBayreuther Kreis\u00ab\u201c um seinen \u00bbChefideologen\u00ab Houston Stewart Chamberlain, der Wagners Kunst- und Kulturbegriff mit seinen antisemitischen, rassistischen und parareligi\u00f6sen Bestandteilen zur politischen Ideologie erhob.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem Richard Wagner kein Testament hinterlassen hatte, verstand sich Cosima Wagner als die nat\u00fcrliche Erbeverwalterin und ordnete alles dem \u00bbMeister\u00ab, seinem Werk und seiner Familie unter. Indem sie ihren Sohn Siegfried als Alleinerben einsetzte, begr\u00fcndete sie die Wagner-Dynastie, die von Seiten der \u201eWagnerianer\u201c eine \u00e4hnlich verg\u00f6tternde Verehrung erfuhr wie sie sonst nur K\u00f6nigsfamilien zuteilwurde. So trieb der Kult um Wagner, sein Werk und seine Nachkommen gelegentlich nachgerade groteske Bl\u00fcten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein besonderes Beispiel f\u00fcr die der Familie Wagner entgegengebrachte verhimmelnde Verehrung ist ihre geradezu peinlich kitschtriefende Darstellung als \u201eHeilige Familie\u201c von Paul von Joukowsky aus dem Jahr 1881. Was heute ironisch wirkt, war leider v\u00f6llig ernst gemeint: Der 12-j\u00e4hrige Siegfried Wagner wird hier tats\u00e4chlich als schreinernder Jesus-Knabe zu F\u00fc\u00dfen seiner Schwestern Eva, Isolde und Blandine als musizierende Engel dargestellt, w\u00e4hrend der Maler der \u00e4ltesten Halbschwester Daniela v. B\u00fclow die Rolle der anbetenden Maria und sich selbst die des entr\u00fcckt himmelw\u00e4rts blickenden Josef zugedacht hat. Im Hintergrund erkennt man die T\u00fcrme der Bayreuther Stadtkirche, eine S\u00e4ule am rechten Bildrand wird in der oberen rechten Bildecke fast unauff\u00e4llig und doch entlarvend von einem Medaillon des Grafen Arthur de Gobineau gekr\u00f6nt, Richard Wagners Kronzeugen der Rassentheorie\u2026 \u2013 F\u00fcr die Urauff\u00fchrung von Wagners christlich verbr\u00e4mten \u201eB\u00fchnenweihfestspiel\u201c <em>Parsifal<\/em> ein Jahr sp\u00e4ter sollte Joukowsky dann die B\u00fchnenbilder entwerfen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"668\" height=\"958\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/N1240_Heilige-Familie_Sepia_mt.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5954\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/N1240_Heilige-Familie_Sepia_mt.jpg 668w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/N1240_Heilige-Familie_Sepia_mt-209x300.jpg 209w\" sizes=\"auto, (max-width: 668px) 100vw, 668px\" \/><figcaption> \u201eHeilige Familie\u201c von Paul von Joukowsky, 1881 \u00a9 Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung, Bayreuth<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>1914 gerieten Festspiele und Familie allerdings in die \u00f6ffentliche Schusslinie, als sich Ger\u00fcchte um die Homosexualit\u00e4t des \u00bbG\u00f6ttersohnes\u00ab Siegfried verdichteten und Isolde, die \u00e4lteste Tochter Richard und Cosima Wagners, die vor dem Gesetz jedoch als Tochter von Cosimas erstem Ehemann Hans v. B\u00fclow galt, zur Sicherung der Erbanspr\u00fcche vor allem ihres Sohnes gerichtlich gegen ihre Mutter auf Anerkennung der Vaterschaft Richard Wagners klagte. Die peinlichen Begebenheiten um den \u00bbWahnfried-Clan\u00ab gerieten dann allerdings durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus dem Blick des \u00f6ffentlichen Interesses.<\/p>\n\n\n\n<p>Die nachfolgende Generation erfuhr vor allem durch Winifred Wagner, Ehefrau Siegfried Wagners, ihre Pr\u00e4gung, insbesondere nach Siegfried Wagners Tod 1930. Winifred Wagner war schon seit 1923 eng mit dem Wagnerianer Adolf Hitler befreundet, nach dessen \u00bbMachtergreifung\u00ab von 1933 die Festspiele zum Hoftheater des \u00bbF\u00fchrers\u00ab und die vier Kinder Wieland, Friedelind, Wolfgang und Verena gleichsam zu Prinzen und Prinzessinnen des Dritten Reichs wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn die Bayreuther Festspiele heute in \u00f6ffentlich-rechtlicher Hand liegen und ein Einfluss \u00bbder Familie\u00ab praktisch nicht mehr besteht, begr\u00fcndet vor allem die schon ideologisch verd\u00e4chtige \u00bbBlutlinie\u00ab die Festspielleitung durch Richard Wagners Urenkelin Katharina und eine \u00fcberproportionale Aufmerksamkeit der ver\u00f6ffentlichten Meinung f\u00fcr die Nachkommen des Bayreuther \u00bbMeisters\u00ab.<\/p>\n\n\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div id=\"attachment_5964\" style=\"width: 227px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5964\" class=\"wp-image-5964 size-medium\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/DSC-4790-Dr.-Sven-Friedrich-Richard-Wagner-Museum_HF-Farbe-217x300.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"300\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/DSC-4790-Dr.-Sven-Friedrich-Richard-Wagner-Museum_HF-Farbe-217x300.jpg 217w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/DSC-4790-Dr.-Sven-Friedrich-Richard-Wagner-Museum_HF-Farbe-739x1024.jpg 739w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/DSC-4790-Dr.-Sven-Friedrich-Richard-Wagner-Museum_HF-Farbe-768x1064.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/DSC-4790-Dr.-Sven-Friedrich-Richard-Wagner-Museum_HF-Farbe-1109x1536.jpg 1109w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/DSC-4790-Dr.-Sven-Friedrich-Richard-Wagner-Museum_HF-Farbe-1479x2048.jpg 1479w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/DSC-4790-Dr.-Sven-Friedrich-Richard-Wagner-Museum_HF-Farbe.jpg 1535w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><p id=\"caption-attachment-5964\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Foto: Andrea Forster, Bayreuth<\/p><\/div>\n<\/td>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Dr. Sven Friedrich<\/h4>\n<p><\/p>\n<p style=\"color: #000000; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Dr. Sven Friedrich, geb. 1963, studierte nach dem Abitur und einer Ausbildung zum Bankkaufmann Theaterwissenschaft, Neuere deutsche Literatur und Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen, wo er 1994 mit einer Dissertation \u00fcber Richard Wagners Theater\u00e4sthetik promoviert wurde. Seit 1993 ist er Direktor des Richard Wagner Museums, Haus Wahnfried, mit Nationalarchiv und Forschungsst\u00e4tte der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth sowie des Jean-Paul- und Franz-Liszt-Museums der Stadt Bayreuth.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Wozu das denn? Das Gem\u00e4lde \u201eDie heilige Familie\u201c von Paul von Joukowsky<span><\/h2>\n<p>England hat die Windsors \u2013 Deutschland die Wagners\u2026: Richard Wagner und seinen Nachkommen wurde stets eine besondere Verehrung entgegengebracht. Ein besonderes Beispiel hierf\u00fcr ist das Gem\u00e4lde \u201eDie heilige Familie\u201c von Paul von Joukowsky aus dem Jahr 1881, das derzeit als Leihgabe in der Ausstellung \u201eRichard Wagner und das deutsche Gef\u00fchl\u201c zu sehen ist. 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