
{"id":6044,"date":"2022-05-18T09:38:53","date_gmt":"2022-05-18T07:38:53","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=6044"},"modified":"2022-05-18T11:34:26","modified_gmt":"2022-05-18T09:34:26","slug":"wozu-das-denn-ein-adresszettel-aus-paris","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2022\/05\/18\/wozu-das-denn-ein-adresszettel-aus-paris\/","title":{"rendered":"Wozu das denn? Ein Adresszettel aus Paris"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Wozu das denn? Ein Adresszettel aus Paris<\/h1>\n\n\n\n<p> Katja Pinzer-Hennig | 18. Mai 2022   <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es ist ein kleiner Zettel aus dem Bestand der Richard-Wagner-St\u00e4tten Graupa, der Auskunft \u00fcber Richard Wagners Reisen und seine Pariser Zeit gibt. Kustodin Katja Pinzer-Hennig berichtet \u00fcber die scheinbar unscheinbare Leihgabe, die in der Ausstellung \u201e<a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/richard-wagner-und-das-deutsche-gefuehl\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Richard Wagner und das deutsche Gef\u00fchl<\/a>\u201c zu sehen ist.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nein, es soll an dieser Stelle nicht um die Finanzen Wagners gehen, auch wenn es bei ihm immer wieder ums liebe Geld ging \u2014 im Ring des Nibelungen, in diversen Schriften sowie in seinem privaten und sch\u00f6pferischen Leben. Die Frage ist: War Richard Wagner Million\u00e4r an Reisekilometern in einer Zeit, als Menschen f\u00fcr gew\u00f6hnlich ihre Heimat kaum verlie\u00dfen? In einer Zeit, als das Reisen zu Fu\u00df, Pferd oder per Kutsche beschwerlich und langwierig war?<\/p>\n\n\n\n<p>Ob es tats\u00e4chlich Millionen Kilometer waren, sei dahingestellt. Es ist allerdings davon auszugehen, dass Wagner ein Vielreisender war. Bekannt ist, dass der Komponist zwischen 1839 und 1862 mindestens zehn Mal in Paris weilte. An verschiedenen Geb\u00e4uden der Stadt verweisen Gedenktafeln auf seine Anwesenheit. Auskunft \u00fcber einen Aufenthaltsort Wagners und seinen Aufenthalt in Paris gibt ein kleiner Zettel aus dem Bestand der Richard-Wagner-St\u00e4tten Graupa. Er ist gerade mal 3,3 x 8,2 cm gro\u00df. Auf dem Zettel steht: R. Wagner. rue de Provence, 59 (cit\u00e9 d\u2019Antin). Der undatierte Zettel nennt eine Pariser Adresse, verr\u00e4t jedoch nicht, welchem der Aufenthalte er zuzuordnen ist \u2014 ob es sich um eine Wohnanschrift handelt oder um den Absender, ob Wagner selbst ihn geschrieben hat oder ein*e Unbekannte*r. Die Rue de Provence im Quartier de la Chauss\u00e9e-d\u2019Antin gibt es noch heute. Dort gibt es aber keinen Hinweis auf Wagner.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr Aufschluss gaben die Briefe Wagners und eine kurze Notiz in seiner Autobiografie: Auf der Suche nach einer <em>\u201eger\u00e4uschlos gelegenen Wohnung\u201c<\/em> fand er <em>\u201ein der Cit\u00e9 de Provence eine Stube mit Kammer\u201c<\/em>. In \u201eS\u00e4mtliche Briefe Richard Wagners\u201c Band 3 findet sich in einem der ersten Briefe, die Wagner aus Paris an seine Frau schrieb, der Hinweis<em>: \u201eEndlich heute \u2026 habe ich ein anderes Logis gemiethet, in einer Cit\u00e9 (Cit\u00e9 d\u2019Antin) in 4<sup>ten<\/sup> Stock \u2013 65 fr!!&#8230;\u201c<\/em>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In zehn der 17 Briefe, die Wagner vom 2. Februar bis zum 13. M\u00e4rz 1850 aus Paris verschickte, taucht der Absender Rue de Provence auf. Einer der Briefe \u2013 allerdings ohne Stra\u00dfenangabe \u2014 ist an den Maler, Freund und \u201eHungergef\u00e4hrten\u201c des ersten Paris-Aufenthaltes (1839-42), Ernst Benedict Kietz, geschrieben: <em>\u201eDa\u00df Du heute zur Truffaut kommst! Das rathe ich Dir. Ich brauche das Buch von Lohengrin wieder: bring\u2018 es mir.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/handschriftlicher-Stiftungsverweis_Kietz.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6057\" width=\"732\" height=\"284\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/handschriftlicher-Stiftungsverweis_Kietz.jpg 976w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/handschriftlicher-Stiftungsverweis_Kietz-300x116.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/handschriftlicher-Stiftungsverweis_Kietz-768x298.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 732px) 100vw, 732px\" \/><figcaption>Handschriftlicher Stiftungsverweis von Gustav Adolph Kietz, Foto:  Bestand Richard-Wagner-St\u00e4tten\/ Katja Pinzer-Hennig  <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Daraus l\u00e4sst sich durchaus schl\u00fcssig begr\u00fcnden, wie und warum das Adress-Schnippselchen nach Graupa gekommen sein k\u00f6nnte, dem Ort, wo Wagners Oper \u201eLohengrin\u201c musikalisch Gestalt annahm. Auf der R\u00fcckseite des Zettels n\u00e4mlich steht handschriftlich: \u201e<em>gestiftet von Herrn Prof. Dr. Kietz. Dresden\u201c<\/em>. Jener Dr. Kietz ist der j\u00fcngere Bruder des oben genannten Malers Ernst Benedict Kietz. Der Bildhauer Gustav Adolph lernte den Komponisten \u00fcber seinen Bruder kennen. Er besuchte die Wagners w\u00e4hrend ihrer Sommerfrische 1846 in Graupa und beschrieb sp\u00e4ter deren Quartier in einem Erinnerungsbuch. Im Jahr der ersten Bayreuther Lohengrin-Auff\u00fchrung lie\u00df er am Haus eine Gedenktafel zur Erinnerung an den verehrten Meister anbringen und wurde 1907 zum Mitbegr\u00fcnder des Vereins zur Erhaltung des sp\u00e4teren Lohengrinhauses. F\u00fcr die im selben Jahr dort eingerichteten Wagner-Gedenkr\u00e4ume stiftete er einige Objekte, darunter auch der Adress-Zettel.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Kietz-Erinnerungsbuch_kl.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6051\" width=\"750\" height=\"599\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Kietz-Erinnerungsbuch_kl.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Kietz-Erinnerungsbuch_kl-300x240.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Kietz-Erinnerungsbuch_kl-768x614.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><figcaption>Erinnerungsbuch von Gustav Adolph Kietz mit Widmung, Foto: Bestand Richard-Wagner-St\u00e4tten\/ Katja Pinzer-Hennig<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Wer wei\u00df es schon zu sagen? Aber es k\u00f6nnte doch sein, dass dieser kleine Zettel zum Brief Richard Wagners an Ernst Benedict Kietz vom 13. Februar 1850 geh\u00f6rt. Es k\u00f6nnte aber auch sein, dass Wagner dem Freund die Adresse auf dem Zettel vermerkte und \u00fcber einen Dritten zukommen lie\u00df. Wie dem auch sei: Mit anderen Erinnerungsst\u00fccken blieb der kleine Zettelerhalten und wurde f\u00fcr so bedeutungsvoll erachtet, es aufzubewahren und schlie\u00dflich nach Graupa zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist kein sensationelles Objekt, das ins Auge f\u00e4llt und zu Begeisterungsst\u00fcrmen herausfordert. Und sicher gibt es Exponate im heutigen Wagnermuseum in Graupa, die einen gr\u00f6\u00dferen Eindruck hinterlassen. Doch vermittelt es das Wissen \u00fcber einen Wagner-Ort und \u00fcber die Reiset\u00e4tigkeit des Komponisten. Es erz\u00e4hlt Geschichte(n), die zu erschlie\u00dfen, durchaus interessant ist\/sind. Man muss sie entdecken wollen, dann erschlie\u00dfen sich im Kleinen gr\u00f6\u00dfere Zusammenh\u00e4nge.<\/p>\n\n\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6049 size-large\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Foto-Katja-Pinzer-Hennig-715x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"715\" height=\"1024\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Foto-Katja-Pinzer-Hennig-715x1024.jpg 715w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Foto-Katja-Pinzer-Hennig-210x300.jpg 210w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Foto-Katja-Pinzer-Hennig-768x1099.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Foto-Katja-Pinzer-Hennig.jpg 818w\" sizes=\"auto, (max-width: 715px) 100vw, 715px\" \/><\/p>\n<\/td>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Katja Pinzer-Hennig<\/h4>\n<p><\/p>\n<p style=\"color: #000000; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Katja Pinzer-Hennig, diplomierte Kulturwissenschaftlerin, arbeitete zeitlebens an verschiedenen s\u00e4chsischen Museen, so als Museumsp\u00e4dagogin an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und seit 1993 als wissenschaftliche Mitarbeiterin auf Schloss Weesenstein und der Albrechtsburg Mei\u00dfen.<br>Seit 2008 ist sie als Kustodin in den Richard-Wagner-St\u00e4tten Graupa besch\u00e4ftigt und ist dort u. a. f\u00fcr die Betreuung der Best\u00e4nde sowie f\u00fcr Ausstellungsgestaltung verantwortlich.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Wozu das denn? 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Kustodin Katja Pinzer-Hennig berichtet \u00fcber die scheinbar unscheinbare Leihgabe, die in der Ausstellung \u201eRichard Wagner und das deutsche Gef\u00fchl\u201c zu sehen ist.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":6045,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1763],"tags":[2454,2220,2426,2427,2477],"class_list":["post-6044","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-wozu-das-denn","tag-dhmwagner","tag-paris-de","tag-richard-wagner","tag-richard-wagner-und-das-deutsche-gefuehl","tag-richard-wagner-staetten-graupa"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6044","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6044"}],"version-history":[{"count":7,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6044\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6065,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6044\/revisions\/6065"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6045"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6044"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6044"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6044"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}