
{"id":6068,"date":"2022-05-25T10:29:43","date_gmt":"2022-05-25T08:29:43","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=6068"},"modified":"2022-05-30T13:19:50","modified_gmt":"2022-05-30T11:19:50","slug":"wozu-das-denn-ein-hausschuh-von-richard-wagner","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2022\/05\/25\/wozu-das-denn-ein-hausschuh-von-richard-wagner\/","title":{"rendered":"Wozu das denn? Ein Hausschuh von Richard Wagner"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Wozu das denn? Ein Hausschuh von Richard Wagner<\/h1>\n\n\n\n<p>Franziska Gallusser | 25. Mai 2022 <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein seidener Hausschuh von Richard Wagner ist als Leihgabe in der Ausstellung \u201e<a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/richard-wagner-und-das-deutsche-gefuehl\/#\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Richard Wagner und das deutsche Gef\u00fchl<\/a>\u201d zu sehen. Was es damit auf sich hat und wie dieser in das Richard Wagner Museum Luzern gelangte, erz\u00e4hlt Franziska Gallusser.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vorliebe oder Obsession?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1866 bezog Richard Wagner seine \u201eTribschener Idylle\u201d in Luzern, wo er sich ganz der Fertigstellung des Zyklus \u201eDer Ring des Nibelungen\u201d widmen sowie seinem Familiengl\u00fcck mit der frischen Liebe zu Cosima und den gemeinsamen Kindern hingeben konnte. Was in der Geschichte jedoch zumeist vergessen wird: Er schenkte auch einer anderen Besch\u00e4ftigung einen Gro\u00dfteil seiner Aufmerksamkeit, n\u00e4mlich dem Einrichten und Umbauen des neuen Domizils. Ein kostspieliges und zeitaufw\u00e4ndiges Hobby, das noch von einem anderen \u00fcbertrumpft wurde: dem Bestellen und eigenen Entwerfen von Kleidung aus edlen Stoffen. Was das genau bedeutete, wird anhand des Briefwechsels von Wagner mit seiner \u201ePutzmacherin\u201d Bertha Goldwag deutlich, der 1877 in die \u00d6ffentlichkeit geriet. Seidene Hemden, Jacken, Beinkleider, die Wagner-typischen Samtbarette, Schlafr\u00f6cke, aber auch Decken, Kissen, Gardinen und vieles mehr bestellte der Komponist bei Bertha, die ihn von Anfang der 1860er-Jahre bis 1868 belieferte. Auch fertigte sie f\u00fcr Wagner Hausschuhe an, die wohl oftmals mit Unmengen von Pelz und Watte gef\u00fcttert waren, da er schnell kalte F\u00fcsse bekam. So k\u00f6nnte auch der Hausschuh entstanden sein, den wir heute in der Ausstellung bewundern k\u00f6nnen \u2013 vielleicht sogar nach Wagners genauer Anweisung, was die Stoffauswahl und die Gestaltung betrifft. Eventuell war er aber auch das Werk seiner Luzerner Haush\u00e4lterin \u201eVreneli\u201d (Verena Stocker-Weidmann), die f\u00fcr ihn auch noch in den Jahren nach seinem Wegzug von Tribschen Kleidung herstellte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Skizze-von-Richard-Wagner-fuer-Bertha-Goldwag\u00a9Richard-Wagner-Museum-Museum-Stadt-Luzern_Kl.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6073\" width=\"840\" height=\"656\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Skizze-von-Richard-Wagner-fuer-Bertha-Goldwag\u00a9Richard-Wagner-Museum-Museum-Stadt-Luzern_Kl.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Skizze-von-Richard-Wagner-fuer-Bertha-Goldwag\u00a9Richard-Wagner-Museum-Museum-Stadt-Luzern_Kl-300x234.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Skizze-von-Richard-Wagner-fuer-Bertha-Goldwag\u00a9Richard-Wagner-Museum-Museum-Stadt-Luzern_Kl-768x600.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><figcaption> Zeichnung von Richard Wagner f\u00fcr Bertha Goldwag f\u00fcr die Bestellung eines Morgenrocks und einer Kniebundhose \u00a9 Richard Wagner Museum, Stadt Luzern<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von Hautleiden und Fetischen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und so \u00f6ffnet der Pantoffel noch eine andere T\u00fcr zu Wagners Modegeschmack: Der feminine Stil der Fussbekleidung k\u00f6nnte auf einen Fetisch oder gar Transvestismus hinweisen. Im Verborgenen trug Wagner wohl sogar Damenkleider und -unterw\u00e4sche. Wie zahlreiche Zeitzeugenberichte verdeutlichen, lebte er seine Neigungen zu ausgefallener Kleidung aber nicht nur im Privaten aus. Dennoch reagierte er durchaus sensibel, wenn diese angesprochen wurden. So notierte Cosima am 24.&nbsp;Januar 1869 in ihrem Tagebuch: \u201eLeider erweckt R.\u2019s Passion zu Seidenstoffen eine Bemerkung von mir, die ich lieber h\u00e4tte unterlassen sollen, weil sie eine kleine Verstimmung hervorrief.\u201d Anfang des 20.&nbsp;Jahrhunderts wurde Wagners Kleidungsgeschmack und vor allem auch sein detailliertes Wissen \u00fcber Stoffe und deren Verarbeitung daher gar als Indiz f\u00fcr eine Bisexualit\u00e4t gedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zur Heimkehr eines Pantoffels<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wann und wie der Hausschuh nun genau seinen Weg an Wagners Fu\u00df gefunden hat, ist heute leider nicht mehr festzustellen. Er gibt aber noch mehr R\u00e4tsel auf. So stellt sich bspw. die Frage: Was ist eigentlich mit dem zweiten Pantoffel geschehen? Das \u00fcberlieferte Exemplar tr\u00e4gt auf der Sohle eine Beschriftung, die immerhin dessen Geschichte nach Wagner erz\u00e4hlt: \u201eMarkus K\u00fcng. Richard Wagner Pantoffel, Geschenk von der Haush\u00e4lterin an meinem Mann Oskar Doswald \u2013 Kunstmaler. Frau Emmy Doswald\u201d.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"667\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Pantoffel-von-unten\u00a9Richard-Wagner-Museum-Museum-Stadt-Luzern_KL.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6074\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Pantoffel-von-unten\u00a9Richard-Wagner-Museum-Museum-Stadt-Luzern_KL.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Pantoffel-von-unten\u00a9Richard-Wagner-Museum-Museum-Stadt-Luzern_KL-300x200.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Pantoffel-von-unten\u00a9Richard-Wagner-Museum-Museum-Stadt-Luzern_KL-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption> Die beschriftete Sohle von Wagners Hausschuh  \u00a9 Richard Wagner Museum, Stadt Luzern <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Bei seinem Wegzug aus Tribschen schenkte Wagner seiner dortigen Haush\u00e4lterin \u201eVreneli\u201d einige Gegenst\u00e4nde als Erinnerung. Unter den Geschenken wird sich wohl auch der Hausschuh befunden haben. Vermutlich hat Vreneli diesen dann an Oskar Doswald weitergegeben \u2013 und dessen Frau wiederum, welche die Sohle beschriftete, weiter an Marcus A. Marljeffsky (geb. K\u00fcng), den Sohn des Kunstmalers Walter K\u00fcng. Die Schweizerische Richard Wagner-Gesellschaft kaufte den Hausschuh und schenkte ihn im Sommer 2009 dem Richard Wagner Museum in Luzern. Und so kann man ihn heute \u2013 wenn er sich nicht gerade auf Wanderschaft befindet \u2013 dort bewundern.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur (Auswahl)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Laurence Dreyfus, <em>Wagner and the erotic Impulse,<\/em> Cambridge etc. 2010.<\/p>\n\n\n\n<p>Ludwig Karpath, <em>Zu den Briefen Richard Wagners an seine Putzmacherin. Unterredungen mit der Putzmacherin Bertha,<\/em> Berlin 1906.<\/p>\n\n\n\n<p>Paul Simon Kranz, <em>Richard Wagner und \u00abdas Weibliche\u00bb. Zu den Interdependenzen von Philosophie, Leben und fr\u00fchem Werk <\/em>(=&nbsp;Frankfurter Wagner-Kontexte&nbsp;4), Baden-Baden 2021.<\/p>\n\n\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Franziska Gallusser<\/h4>\n<p><\/p>\n<p style=\"color: #000000; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Franziska Gallusser ist seit Mai 2021 Mitarbeiterin am Richard Wagner Museum in Luzern. Sie studierte Musikwissenschaft an der Universit\u00e4t Leipzig sowie an der Universit\u00e9 de Paris IV (Sorbonne) und wurde am Musikwissenschaftlichen Institut der Universit\u00e4t Z\u00fcrich mit einer Dissertation zum Musikbegriff des sp\u00e4ten Hindemith promoviert. Von 2019 bis 2021 arbeitete sie am Richard-Strauss-Institut in Garmisch-Partenkirchen. Seit Sommer 2021 ist sie zudem als Dramaturgin an der Tonhalle Z\u00fcrich t\u00e4tig.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Wozu das denn? Ein Hausschuh von Richard Wagner<span><\/h2>\n<p>Ein seidener Hausschuh von Richard Wagner ist als Leihgabe in der Ausstellung \u201eRichard Wagner und das deutsche Gef\u00fchl\u201d zu sehen. Was es damit auf sich hat und wie dieser in das Richard Wagner Museum Luzern gelangte, erz\u00e4hlt Franziska Gallusser. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":6069,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1763],"tags":[2454,2426,2479,2427],"class_list":["post-6068","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-wozu-das-denn","tag-dhmwagner","tag-richard-wagner","tag-richard-wagner-museum-luzern","tag-richard-wagner-und-das-deutsche-gefuehl"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6068","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6068"}],"version-history":[{"count":8,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6068\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6085,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6068\/revisions\/6085"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6069"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6068"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6068"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6068"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}