
{"id":6202,"date":"2022-07-19T09:38:51","date_gmt":"2022-07-19T07:38:51","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=6202"},"modified":"2022-07-19T09:38:54","modified_gmt":"2022-07-19T07:38:54","slug":"wozu-das-denn-ein-humboldt-pinguin-und-eine-packung-guano-duenger","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2022\/07\/19\/wozu-das-denn-ein-humboldt-pinguin-und-eine-packung-guano-duenger\/","title":{"rendered":"Wozu das denn? Ein Humboldt-Pinguin und eine Packung Guano-D\u00fcnger"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Wozu das denn? Ein Humboldt-Pinguin und eine Packung Guano-D\u00fcnger<\/h1>\n\n\n\n<p>Kati Renner | 19. Juli 2022 <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was hat das Pr\u00e4parat eines sogenannten Humboldt-Pinguins und eine Packung Guano-D\u00fcnger mit Karl Marx und dem Kapitalismus zu tun? Projektassistentin Kati Renner \u00fcber zwei \u00fcberraschende Objekte in der Ausstellung \u201e<a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/karl-marx-und-der-kapitalismus\/#\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Karl Marx und der Kapitalismus<\/a>\u201c.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Ausstellung begegnen den Besucher*innen in der Themeninsel \u201eNatur und \u00d6kologie\u201c das Pr\u00e4parat eines 50 cm hohen Humboldt-Pinguins und eine Packung Guano. Ersterer tr\u00e4gt, wie typisch f\u00fcr diese Art, ein auff\u00e4lliges schwarzes hufeisenf\u00f6rmiges Band \u00fcber der Brust. Neben Schnabel und F\u00fc\u00dfen ist auch das Federkleid auf der K\u00f6rperoberseite schw\u00e4rzlich-grau, wohingegen die Unterseite vermehrt wei\u00df ist. Als Guano bezeichnet man den Kot von s\u00fcdamerikanischen Seev\u00f6geln, zu denen auch der im 19. Jahrhundert nach seinem europ\u00e4ischen Entdecker Alexander von Humboldt benannte Pinguin geh\u00f6rt. In der Landwirtschaft an der s\u00fcdamerikanischen Pazifikk\u00fcste wurde Guano bereits jahrhundertelang erfolgreich als D\u00fcnger verwendet. Eine Probe davon brachte <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/alexander-von-humboldt.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Alexander von Humboldt<\/a> erstmals 1802 aus Peru nach Europa mit. Chemiker wie <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/justus-von-liebig.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Justus von Liebig<\/a> wiesen seine hohe D\u00fcngef\u00e4higkeit nach und l\u00f6sten damit einen von Europ\u00e4er*innen initiierten gro\u00dffl\u00e4chigen Abbau und Export aus. Mithilfe des D\u00fcngers versuchte man eine drohende Ersch\u00f6pfung der B\u00f6den in Europa zu verhindern und die Ern\u00e4hrungsproblematik der stetig wachsenden Bev\u00f6lkerung zu l\u00f6sen. Eine unmittelbare Folge des Abbaus war jedoch die Zerst\u00f6rung des nat\u00fcrlichen Lebensraums der Seev\u00f6gel, sodass die Guano-Ressourcen bald ersch\u00f6pft waren. Der Raubbau in S\u00fcdamerika bedeutete eine massive St\u00f6rung des \u00d6kosystems, die gewaltsame Unterdr\u00fcckung der kolonialisierten Gesellschaften sowie die wirtschaftliche Ausbeutung der Arbeitskr\u00e4fte. Zu jenen z\u00e4hlten vor allem die chinesischen oder s\u00fcdasiatischen ungelernten Lohnarbeiter*innen, sogenannte Kulis<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>, die gewaltsam aus den Herkunftsl\u00e4ndern nach S\u00fcdamerika verschifft wurden und trotz der Abschaffung der Sklaverei in S\u00fcdamerika in sklaverei\u00e4hnlichen Zust\u00e4nden arbeiteten. Die Verknappung des Rohstoffs f\u00fchrte au\u00dferdem zu gewaltsamen Annexionen und Auseinandersetzungen, f\u00fcr die der vom US-Kongress beschlossene \u201eGuano Islands Act\u201c von 1856 und der Spanisch-S\u00fcdamerikanische Krieg (sog. \u201eGuano-Krieg\u201c) 1864-1866 stellvertretend stehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl Marx und der Guano<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/karl-marx\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Karl Marx<\/a> besch\u00e4ftigte sich lebenslang mit ganz unterschiedlichen Themen. In Auseinandersetzung mit dem britischen National\u00f6konom Thomas Robert Malthus versuchte Marx, das von Malthus als unl\u00f6sbar angesehene globale Ern\u00e4hrungsproblem zu widerlegen. Im Guano sah Marx daher zun\u00e4chst eine vermeintlich einfache L\u00f6sung. Die Lekt\u00fcre der unterschiedlichen Ausgaben der Agrikulturchemie von Justus von Liebig hatte auch ihn mit diesem nat\u00fcrlichen D\u00fcngemittel und dessen Effekt vertraut gemacht. Er war \u00fcberzeugt, dass Fortschritte in Technik und Wissenschaft das Problem der schwindenden Bodenfruchtbarkeit l\u00f6sen und das Potenzial f\u00fcr mehr gesellschaftliche Freiheit realisieren k\u00f6nnte. Ver\u00f6ffentlichungen zu diesen \u00dcberlegungen gibt es von Marx zwar nicht, doch in seinen Exzerptheften zur Agrikultur hielt er fest, was er f\u00fcr die Beschreibung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur ins Kapital aufzunehmen gedachte. Dort hie\u00df es \u00fcber die F\u00e4higkeit der Ertragssteigerung: \u201eIn einem Boden, der einzig und allein nur aus Sand und Thon besteht, gen\u00fcgt es, eine kleine Quantit\u00e4t Guano beizumischen, um darauf die reichsten Ernten von Mais zu erhalten.\u201c<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Da trotz intensiver Anwendung von D\u00fcnger f\u00fcr die Wissenschaftler*innen eine Auslaugung des Bodens zu beobachten war, erkannte Marx die nat\u00fcrliche Grenze des Kapitalismus und revidierte anschlie\u00dfend sein Urteil. Der Guano verz\u00f6gere trotz des wissenschaftlich-technischen Fortschritts nur das Problem des N\u00e4hrstoffmangels und die drohende Bodenersch\u00f6pfung. \u00dcber diesen Zerst\u00f6rungsprozess und die gleichzeitige Ausbeutung der Arbeitenden als Folge der kapitalistischen Produktionsweise schrieb Marx im Kapital: \u201eUnd jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit f\u00fcr eine gegebne Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit. [\u2026] Die kapitalistische Produktion [&#8230; untergr\u00e4bt] zugleich die Springquellen alles Reichtums [&#8230;]: die Erde und den Arbeiter.\u201c <a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> Zudem kritisierte Marx 1857 in der <em>New-York Daily Tribune<\/em>, dass eben jene chinesischen Kulis, die den Guano abbauen mussten, durch britische H\u00e4ndler \u201ein die schlimmste Sklaverei an den K\u00fcsten von Peru [\u2026] verkauft\u201c wurden.<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> Der Humboldt-Pinguin und der dazugeh\u00f6rige Guano sind daher ein Symbol f\u00fcr den globalen Kapitalismus und \u00f6kologischen Imperialismus des 19. Jahrhunderts, welche die Naturressourcen und Arbeiter*innen in au\u00dfereurop\u00e4ischen L\u00e4ndern gleicherma\u00dfen ausbeuteten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>War Marx ein \u00d6ko?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Forschung existieren unterschiedliche Standpunkte zum \u00f6kologischen Bewusstsein von Marx: so wird die Systematik in seinem Werk unterschiedlich bewertet.<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> F\u00fcr Marx stellte die Spaltung zwischen Mensch und Natur vor allem ein Problem der kapitalistischen Produktionsweise dar, welche durch die Aufhebung des Privateigentums im Kommunismus \u00fcberwunden werden sollte. Im geplanten, posthum durch seinen Weggef\u00e4hrten Friedrich Engels ver\u00f6ffentlichten dritten Band des Kapitals hei\u00dft es im Hinblick auf Nachhaltigkeit und im Bewusstsein begrenzter Ressourcen erstaunlich weitsichtig: \u201eVom Standpunkt einer h\u00f6hern \u00f6konomischen Gesellschaftsformation wird das Privateigentum einzelner Individuen am Erdball ganz so abgeschmackt erscheinen wie das Privateigentum eines Menschen an einem anderen Menschen. Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen sind nicht Eigent\u00fcmer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznie\u00dfer, und haben sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.\u201c<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verweise:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Kuli \u00fcbersetzt engl.: \u201eCoolie\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> MEGA2 IV\/9, S. 187.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Karl Marx: Das Kapital. Kritik der Politischen \u00d6konomie. In: MEW; Bd. 23, S. 529f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Karl Marx: Whose Atrocities? In: New York Daily Tribune, 10. April 1857.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Vgl. Bruno Kerns Beitrag im Ausstellungskatalog.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Karl Marx: Das Kapital. Dritter Band. In: MEW, Bd. 25, S. 784.<\/p>\n\n\n<table style=\"height: 325px;\" border=\"0\" width=\"963\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6215 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG_20211118_200835_904_2-1-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1745\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG_20211118_200835_904_2-1-scaled.jpg 2560w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG_20211118_200835_904_2-1-300x204.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG_20211118_200835_904_2-1-1024x698.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG_20211118_200835_904_2-1-768x523.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG_20211118_200835_904_2-1-1536x1047.jpg 1536w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG_20211118_200835_904_2-1-2048x1396.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: initial; font-family: inherit; font-size: revert; font-weight: inherit;\">Foto: Privat<\/span><\/p>\n<\/td>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4>\u00a0<\/h4>\n<h4>\u00a0<\/h4>\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Kati Renner<\/h4>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p style=\"color: #000000; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Kati Renner ist Kunsthistorikerin und promoviert an der Technischen Universit\u00e4t Dresden mit einer monografischen Arbeit zum K\u00fcnstler Otto Hettner (1875-1931). Zwischen 2018\u20132020 absolvierte sie ihr Volontariat an der Berlinischen Galerie und arbeitete an den Ausstellungen \u201eLotte Laserstein\u201d, \u201eUnderground Architecture\u201d und \u201eGezeichnete Stadt\u201d mit. Beitr\u00e4ge von ihr erschienen u. a. in den Ausstellungskatalogen \u201eNeue Sachlichkeit in Dresden\u201d (2011) und \u201eGezeichnete Stadt\u201d (2020). Seit August 2020 arbeitet sie als Projektassistentin in der Ausstellung \u201eKarl Marx und der Kapitalismus\u201d.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Wozu das denn? Ein Humboldt-Pinguin und eine Packung Guano-D\u00fcnger<span><\/h2>\n<p>Was hat das Pr\u00e4parat eines sogenannten Humboldt-Pinguins und eine Packung Guano-D\u00fcnger mit Karl Marx und dem Kapitalismus zu tun? Projektassistentin Kati Renner \u00fcber zwei \u00fcberraschende Objekte in der Ausstellung \u201eKarl Marx und der Kapitalismus\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":6223,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1763],"tags":[2442,2423,2422,2500,2499,75],"class_list":["post-6202","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-wozu-das-denn","tag-dhmmarx","tag-karl-marx","tag-karl-marx-und-der-kapitalismus","tag-oekologie","tag-pinguin","tag-wozu-das-denn"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6202","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6202"}],"version-history":[{"count":19,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6202\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6510,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6202\/revisions\/6510"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6223"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6202"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6202"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6202"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}