
{"id":6232,"date":"2022-07-27T10:14:08","date_gmt":"2022-07-27T08:14:08","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=6232"},"modified":"2022-07-27T10:14:10","modified_gmt":"2022-07-27T08:14:10","slug":"richard-wagner-und-kapitalismuskritik","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2022\/07\/27\/richard-wagner-und-kapitalismuskritik\/","title":{"rendered":"Richard Wagner und Kapitalismuskritik"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\"><strong>Richard Wagner und Kapitalismuskritik<\/strong><\/h1>\n\n\n\n<p>Jascha Nemtsov | 27. Juli 2022<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bei Kapitalismuskritik mag man zuerst an Karl Marx denken, dabei ist es ebenso ein zentrales Thema im Werk von Richard Wagner. Dessen Ansatz ist weniger wissenschaftlich-analytisch, findet seine Wurzeln aber gleichsam im Zeitgeist. Der Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov widmet sich in seinem Beitrag im Rahmen der Ausstellung <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/wagner\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">&#8222;Richard Wagner und das deutsche Gef\u00fchl&#8220;<\/a> diesem Aspekt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Mai 1877 fand in London ein Wagner-Festival statt, bei dem Ausz\u00fcge aus dem \u201eRing des Nibelungen\u201c erstmals dem englischen Publikum pr\u00e4sentiert wurden. W\u00e4hrend der Reise sah Wagner englische Fabriken. Als er die Themse hinauffuhr, erkl\u00e4rte er Cosima: \u201eDer Traum Alberichs ist hier erf\u00fcllt. Nibelheim, Weltherrschaft, T\u00e4tigkeit, Arbeit, \u00fcberall Druck des Dampfes und Nebel\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum ein anderes bedeutendes Musikwerk des 19. Jahrhunderts ist derart von sozialkritischem Gedankengut inspiriert wie \u201eDer Ring des Nibelungen\u201c. Die herrschende Klasse wird dort in Gestalt von \u201eG\u00f6ttern\u201c dargestellt, die nicht nur ruchlos und verkommen sind, sondern auch ihren eigenen Untergang herbeisehnen. Das ganze Werk ist von der Idee einer Revolution beseelt, die den unertr\u00e4glichen Zust\u00e4nden ein Ende setzen und eine neue Weltordnung einleiten sollte. Die Revolution, deren Scheitern Wagner 1849 hautnah erlebte, wird auf der B\u00fchne als \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c und Kr\u00f6nung seiner Operntetralogie vollendet.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend diese \u201eG\u00f6tter\u201c f\u00fcr die etablierte Herrscherschicht stehen, symbolisieren die beiden widerw\u00e4rtigen Nibelungen-Br\u00fcder Alberich und Mime im \u201eRing\u201c die kapitalistischen Empork\u00f6mmlinge, den neuen \u201eGeldadel\u201c. Geld ist f\u00fcr Wagner nicht nur Dreh- und Angelpunkt der ungerechten kapitalistischen Weltordnung, es ist das B\u00f6se an sich, allgegenw\u00e4rtiger \u201eD\u00e4mon der Menschheit\u201c. \u201eEigentum ist Diebstahl\u201c, hatte er noch in den fr\u00fchen 1840er Jahren vom franz\u00f6sischen Anarchisten-F\u00fchrer Pierre-Joseph Proudhon gelernt. W\u00e4hrend der Arbeit an seinem Nibelungen-Drama las Wagner im Schweizer Exil die Brosch\u00fcre \u201eZur Judenfrage\u201c von Karl Marx, in der das Judentum als Verk\u00f6rperung der Geldmacht im Kapitalismus dargestellt wird: \u201eDas Geld ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein andrer Gott bestehen darf. [\u2026] Das Geld ist der allgemeine, f\u00fcr sich selbst konstituierte Wert aller Dinge. Es hat daher die ganze Welt, die Menschenwelt wie die Natur, ihres eigent\u00fcmlichen Wertes beraubt. [\u2026] Der Gott der Juden hat sich verweltlicht, er ist zum Weltgott geworden.\u201c Das leuchtete Wagner ein, einige Passagen aus seiner kurz danach entstandenen Schrift \u201eDas Judenthum in der Musik\u201c lesen sich wie eine direkte Fortsetzung von Marx\u2018 Gedankeng\u00e4ngen: \u201eDer Jude [\u2026] herrscht und wird so lange herrschen, als das Geld die Macht bleibt, vor welcher all unser Thun und Treiben seine Kraft verliert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Marx seine mythologische Identifikation der Juden mit Geld sp\u00e4ter aufgab und vielmehr versuchte, die Mechanismen der kapitalistischen Ausbeutung wissenschaftlich-analytisch zu erfassen, steigerte sich Wagner immer st\u00e4rker in den selbstgeschaffenen Mythos. \u201eDer verh\u00e4ngnisvolle <em>Ring des Nibelungen<\/em> als B\u00f6rsenportefeuille\u201c, sinnierte er etwa in seinen Aufzeichnungen 1881, \u201ed\u00fcrfte das schauerliche Bild des gespenstigen Weltbeherrschers zur Vollendung bringen\u201c. Die k\u00fcnftige Revolution solle daher auch die Befreiung der Welt vom imagin\u00e4ren \u201eJuden\u201c mit sich bringen, dem \u201eplastischen D\u00e4mon des Verfalles der Menschheit\u201c, so Wagner.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Kritiker des Kapitalismus blieb Wagner ein Produkt der fr\u00fchsozialistischen Bewegung, deren Denkweise Marx und Engels im \u201eKommunistischen Manifest\u201c als \u201espekulatives Spinnweb, \u00fcberstickt mit sch\u00f6ngeistigen Redeblumen, durchtr\u00e4nkt von liebesschw\u00fclem Gem\u00fctstau\u201c verspotteten. Im Gegensatz zu den Gr\u00fcndern des \u201ewissenschaftlichen Sozialismus\u201c glaubte Wagner nicht an den Klassenkampf, sondern an die k\u00fcnstlerische Kraft seiner Musikdramen und an die spirituelle Kraft seiner eigenen, im \u201eParsifal\u201c offenbarten pseudochristlichen \u201eReligion\u201c der auserw\u00e4hlten Blutsgemeinschaft, die die Menschheit veredeln und von dem Fluch des Geldes befreien sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn die Wege zur \u00dcberwindung der sozialen Misere bei Wagner und Marx sehr unterschiedlich sind, gleichen sich die beiden in ihrer unvers\u00f6hnlichen Ablehnung der verhassten Gesellschaftsordnung ihrer Zeit, der sie sehns\u00fcchtig den Untergang w\u00fcnschten. \u201eWie ein b\u00f6ser n\u00e4chtlicher Alp wird dieser d\u00e4monische Begriff des Geldes von uns weichen mit all seinem scheu\u00dflichen Gefolge von \u00f6ffentlichem und heimlichem Wucher, Papiergaunereien, Zinsen und Bankiersspekulationen\u201c, sprach Wagner im Juni 1848 in einer \u00f6ffentlichen Rede. Daf\u00fcr war ihm buchst\u00e4blich jedes Mittel recht. Vor der revolution\u00e4ren Gewalt schreckte er nicht zur\u00fcck, im Gegenteil, nur eine gewaltt\u00e4tige Erhebung, ein \u201eungeheurer Vulkan\u201c w\u00e4re in der Lage, die Ordnung zu zerst\u00f6ren, \u201edie Millionen zu Sclaven von Wenigen, und diese Wenigen zu Sclaven ihrer eignen Macht, ihres eignen Reichthumes macht, [\u2026] die einen Menschen elend macht durch den Mangel, und den andern durch den \u00dcberflu\u00df.\u201c Zurecht bezeichnete Wagners Enkel, der Publizist Franz W. Beidler, seinen Gro\u00dfvater als \u201esozialrevolution\u00e4ren Dichterkomponisten\u201c, dessen \u201eRing des Nibelungen\u201c ein \u201ek\u00fcnstlerisch-seherisches Gegenst\u00fcck\u201c zur wissenschaftlichen Kritik von Karl Marx sei: \u201eDie komplizierten Schachtanlagen und H\u00fcttenwerke des Ruhrgebietes etwa vereinfachen sich zu den Werkst\u00e4tten Nibelheims, die Anonymit\u00e4t des Kapitals, die Unsicherheit des Aktion\u00e4rs enth\u00fcllt sich im verschleierten Tarnhelm. Die d\u00e4monische Kraft des Ringes, d. h. des kapitalistischen Macht- und Profitstrebens, durchdringt alle Beziehungen, l\u00f6st alle Bindungen, Rechte und Sitten auf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Seinen Glauben an die zerst\u00f6rende und reinigende Kraft der k\u00fcnftigen Revolution gab Wagner auch nach deren Scheitern nicht auf. Die n\u00e4chste Revolution w\u00fcrde ein Erfolg sein, so seine feste \u00dcberzeugung. \u201eAus den Tr\u00fcmmern rufe ich mir dann zusammen, was ich brauche\u201c, schrieb er 1851 an einen Freund \u00fcber sein geplantes Werk. \u201eAm Rheine schlage ich dann ein Theater auf und lade zu einem gro\u00dfen dramatischen Feste ein. Nach einem Jahre Vorbereitung f\u00fchre ich dann im Laufe von vier Tagen mein ganzes Werk auf. Mit ihm gebe ich den Menschen der Revolution dann die Bedeutung dieser Revolution, nach ihrem edelsten Sinne, zu erkennen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Traum wurde erst 25 Jahre sp\u00e4ter realisiert, allerdings nicht am Rhein, dem authentischen Handlungsort, sondern im beschaulichen bayerischen Bayreuth und nicht in Form eines revolution\u00e4ren Theaterzelts, sondern eher an G\u00f6tterburg und Tempel Walhalla erinnernd. Das Bayreuther Festspielhaus \u00fcberlebte gl\u00fccklicherweise sogar die beiden Weltenbr\u00e4nde des 20. Jahrhunderts. Auch heute noch, 150 Jahre nach deren Einweihung, erscheinen dort jeden Sommer die Wotans, Frickas und Alberichs dieser Welt in trauter Gemeinsamkeit auf dem roten Teppich, um sich anschlie\u00dfend an den Bildern des eigenen Untergangs zu erg\u00f6tzen und von Wagners Musik zu berauschen. Danach geht es zu einem gem\u00fctlichen Dinner in einem feinen Restaurant.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie lange noch?<\/p>\n\n\n\n<p>  <\/p>\n\n\n<table style=\"height: 325px;\" border=\"0\" width=\"963\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6233\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/20131010_112707_col_HIGHRES_kl.jpg\" alt=\"\" width=\"2002\" height=\"1335\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/20131010_112707_col_HIGHRES_kl.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/20131010_112707_col_HIGHRES_kl-300x200.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/20131010_112707_col_HIGHRES_kl-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 2002px) 100vw, 2002px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<\/p><\/td>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4>&nbsp;<\/h4>\n<h4>&nbsp;<\/h4>\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Jascha Nemtsov<\/h4>\n<p><\/p>\n<p style=\"color: #000000; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Jascha Nemtsov, Prof., Dr. habil., Pianist und Musikwissenschaftler, Professor f\u00fcr Geschichte der j\u00fcdischen Musik an der Hochschule f\u00fcr Musik FRANZ LISZT Weimar und Akademischer Leiter der Kantorenausbildung des Abraham Geiger Kollegs an der Universit\u00e4t Potsdam. Zahlreiche Publikationen zu j\u00fcdischer Musik und j\u00fcdischen Komponisten im 19. und 20. Jahrhundert sowie Themen wie \u201eNationalismus und Musik\u201c, \u201eReligion und Musik\u201c oder \u201eTotalitarismus und Musik\u201c. Weltweite Konzertt\u00e4tigkeit und mehr als 40 CDs, darunter viele Ersteinspielungen von Werken wiederentdeckter j\u00fcdischer Komponisten.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Richard Wagner und Kapitalismuskritik<span><\/h2>\n<p>Bei Kapitalismuskritik mag man zuerst an Karl Marx denken, dabei ist es ebenso ein zentrales Thema im Werk von Richard Wagner. Dessen Ansatz ist weniger wissenschaftlich-analytisch, findet seine Wurzeln aber gleichsam im Zeitgeist. 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