
{"id":6446,"date":"2022-09-08T09:27:59","date_gmt":"2022-09-08T07:27:59","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=6446"},"modified":"2022-09-09T11:19:27","modified_gmt":"2022-09-09T09:19:27","slug":"zum-wandel-und-gebrauch-der-deutschen-sprache-seit-dem-9-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2022\/09\/08\/zum-wandel-und-gebrauch-der-deutschen-sprache-seit-dem-9-jahrhundert\/","title":{"rendered":"Zum Wandel und Gebrauch der deutschen Sprache seit dem 9. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zum Wandel und Gebrauch der deutschen Sprache seit dem 9. Jahrhundert<\/strong><\/h1>\n\n\n\n<p>Matthias Miller | 8. September 2022 <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Am 10. September 2022 ist der Tag der deutschen Sprache. Vor diesem Hintergrund stellt Matthias Miller, Leiter der <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.dhm.de\/sammlung\/bibliothek\/\" target=\"_blank\">Bibliothek<\/a> und der Sammlung Handschriften \/ Alte und wertvolle Drucke, sechs ausgew\u00e4hlte Werke vor, die von der Entwicklung der deutschen Sprache zeugen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie in jedem Jahr ruft der Verein Deutsche Sprache e.V. den zweiten Samstag im September zum Tag der deutschen Sprache aus. Etwa parallel ver\u00f6ffentlichte k\u00fcrzlich der Langenscheidt-Verlag die zehn Kandidaten f\u00fcr das Jugendwort des Jahres 2022, die immer ein Gradmesser f\u00fcr die Wandelbarkeit von Sprache sowie deren Funktion und Gebrauch sind. Interessant ist, dass es in diesem Jahr zwei W\u00f6rter auf diese Liste geschafft haben, die aus dem Umfeld von Computerspielen kommen: \u201esmash\u201c als Ausdruck daf\u00fcr, mit jemandem etwas anzufangen aus dem Spiel \u201eSmash or Pass\u201c, und \u201esus\u201c f\u00fcr suspekt, das aus dem Spiel \u201eAmong us\u201c stammt). Die beliebtesten W\u00f6rter unter Jugendlichen sind weiterhin stark von englischen Ausdr\u00fccken beeinflusst, wie etwa \u201eslay\u201c f\u00fcr jemand sehr selbstbewusstes oder der inzwischen schon \u00e4ltere \u201eBro\u201c, der f\u00fcr brother, Bruder oder Kumpel steht. Der \u201eMacher\u201c auf der Liste war irgendwie erwartbar, \u201ebodenlos\u201c f\u00fcr unglaublich bzw. schlecht ist hingegen \u00fcberraschend.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bibliothek und die Sammlung Handschriften \/ Alte und wertvolle Drucke des Deutschen Historischen Museums sind voll von Zeugnissen, die die deutsche Sprache entweder selbst \u00fcberliefern oder die eine Besch\u00e4ftigung mit der deutschen Sprache, ihrem Wandel und den Versuchen ihrer Vereinheitlichung bezeugen. In einem chronologischen Rundgang vom 9. bis ins 20. Jahrhundert will ich ein paar Beispiele daraus vorstellen, auch um zu zeigen, dass f\u00fcr Objekte zwei historische Komponenten relevant sind, um in die Sammlung des Deutschen Historischen Museums aufgenommen zu werden: deutsch zu sein und Deutsch zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Heliand-Fragment<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/01_Heliand-R-56_2537-718x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6451\" width=\"544\" height=\"776\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/01_Heliand-R-56_2537-718x1024.jpg 718w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/01_Heliand-R-56_2537-210x300.jpg 210w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/01_Heliand-R-56_2537-768x1095.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/01_Heliand-R-56_2537.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 544px) 100vw, 544px\" \/><figcaption>Heliand-Fragment, Heiliges R\u00f6misches Reich, um 830, Inv. Nr. R 56\/2537 \u00a9 DHM<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Einer der gr\u00f6\u00dften Sch\u00e4tze des DHM ist das sogenannte Heliand-Fragment. Es handelt sich um ein Blatt aus Pergament, auf das um 830 von einem M\u00f6nch in einer gleichm\u00e4\u00dfigen karolingischen Minuskel auf Alts\u00e4chsisch die biblische Geschichte der Taufe Jesu im Jordan durch Johannes den T\u00e4ufer geschrieben wurde. Von der Handschrift, aus der das Berliner Blatt stammt, hat sich in der Universit\u00e4tsbibliothek Leipzig ein weiteres Blatt erhalten. Die Handschrift wurde im sp\u00e4ten 16. Jahrhundert aufgel\u00f6st und die einzelnen Bl\u00e4tter wurden f\u00fcr Bucheinb\u00e4nde weiterverwendet, weshalb die Au\u00dfenseite des Blattes durch Abrieb nicht mehr sehr gut lesbar ist. Das Alts\u00e4chsische ist ein ausgestorbener Dialekt, vom dem nur zwei Texte \u00fcberliefert sind: Die alts\u00e4chsische Genesis und der Heliand. Heliand hei\u00dft Heiland und der Text ist eine Kompilation der vier biblischen Evangelien in eine Geschichte, was Evangelienharmonie genannt wird. Karl der Gro\u00dfe hatte im Frankfurter Kapitular von 794 verk\u00fcndet, dass man in jeder Sprache beten k\u00f6nne und Gott jeden erh\u00f6ren werde, wenn er nur recht bitte. Nach seiner Kaiserkr\u00f6nung am Weihnachtstag des Jahres 800 leitete Karl der Gro\u00dfe umfangreiche Reformen ein, die unter anderem darauf abzielten, zum einen die Schrift zu vereinheitlichen und zum anderen, einheitliche liturgische Texte im Reich durchzusetzen. Die Idee, auch in der Volkssprache beten zu k\u00f6nnen, f\u00fchrte in der Folge dazu, dass die wichtigsten liturgischen Texte wie etwa das Taufgel\u00f6bnis, das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser ins Althochdeutsche \u00fcbersetzt wurden. Das Freisinger Paternoster vom Anfang des 9. Jahrhunderts, \u00fcberliefert in einer Handschrift in der Bayerischen Staatsbibliothek M\u00fcnchen (Clm 6330), ist neben anderen gleichzeitigen Beispielen ein eindrucksvolles Zeugnis davon: \u201efater unser du pist in himilum\u201c \u2026 Sehr bald schon wurden auch l\u00e4ngere Texte ins Deutsche \u00fcbertragen oder genuin auf Deutsch verfasst. Dazu z\u00e4hlt unter anderem der gereimte <em>Heliand<\/em> von einem uns heute unbekannten Verfasser. Das Berliner Fragment vereint nun zwei der zentralen Reformgedanken Karls des Gro\u00dfen, die in der karolingischen Minuskel vereinheitlichte Schrift und den biblischen Text in der Volkssprache. Das Alts\u00e4chsische ist zwar in der Minuskel gut zu lesen, aber ungleich schwerer zu verstehen. Aber manches kann man doch ganz gut in unser heutiges Neuhochdeutsch \u00fcbersetzen, etwa in der 7. Zeile von oben: \u201eaftar quam thas uuord fan himila\u201c (und das Wort kam vom Himmel)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Martin Luthers Septembertestament<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/02_Septembertestament-RA-92_3237.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6452\" width=\"723\" height=\"474\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/02_Septembertestament-RA-92_3237.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/02_Septembertestament-RA-92_3237-300x197.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/02_Septembertestament-RA-92_3237-768x504.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 723px) 100vw, 723px\" \/><figcaption>&#8222;Das Newe Testament Deutzsch. Vuittemberg.&#8220; (September-Testament), Wittenberg, 1522, Inv.-Nr. RA 92\/3237 \u00a9 DHM <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Der Tag der deutschen Sprache f\u00e4llt am 10. September 2022 beinahe mit dem 500. Jahrestag des Erscheinens des sogenannten Septembertestaments vom 21. September 1522 zusammen. Luther, seit 1520 von Papst und Kaiser gebannt, hatte in nur 73 Tagen auf der Wartburg \u00fcber Eisenach das Neue Testament ins Deutsche \u00fcbersetzt und dabei den Nachdruck einer von Erasmus von Rotterdam 1519 herausgegebenen griechischen Ausgabe und eine lateinische Vulgata als Vorlage genutzt. Obgleich Luther nicht gut Griechisch konnte, betrat er mit seiner \u00dcbersetzung doch Neuland, indem er auf den griechischen Urtext zur\u00fcckgriff, um die lateinische \u00dcbersetzung zu \u00fcberpr\u00fcfen. Der Reformator schuf mit seiner Bibelprosa ein Monument, das \u2013 die deutsche Sprache pr\u00e4gend \u2013 fest auf seinem Sockel steht und das mit seinen Alliterationen heute immer noch unseren Leserhythmus der Bibel bestimmt: \u201eVnnd es waren hirtten ynn der selben gegend auff dem feld, bey den hurtten, vnnd hutteten des nachts, yhrer herde \u2026<em>\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Johann Fischart und die Geschichtsklitterung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/03_Fischart-R-16_888-621x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6453\" width=\"399\" height=\"658\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/03_Fischart-R-16_888-621x1024.jpg 621w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/03_Fischart-R-16_888-182x300.jpg 182w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/03_Fischart-R-16_888-768x1267.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/03_Fischart-R-16_888-931x1536.jpg 931w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/03_Fischart-R-16_888.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 399px) 100vw, 399px\" \/><figcaption>Roman von Fran\u00e7ois Rabelais in der sprachexperimentellen deutschen \u00dcbersetzung von Johannes Fischart, Stra\u00dfburg, 1582,  Inv.-Nr. R 16\/888 \u00a9 DHM<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Der Versuch, Fran\u00e7ois Rabelais&#8216; 1533 erstmals erschienenen Roman \u201eGargantua et Pantagruel\u201c ins Deutsche zu \u00fcbersetzen, gipfelte 1575 in einem gro\u00dfartigen Sprachexperiment: der \u201eAffenteurlichen und Ungeheurlichen Geschichtschrift\u201c des fr\u00fchneuhochdeutschen Schriftstellers Johann Fischart (1546\/47\u20131591). Nie zuvor hatte ein \u00dcbersetzer in deutscher Sprache \u00c4hnliches versucht, keiner vor Fischart hat einen so bild- und wortm\u00e4chtigen Roman geschaffen. Mit seinem Werk tr\u00e4gt Fischart auf dem Gebiet der Wortsch\u00f6pfung f\u00fcr die deutsche Sprache nach Luther am meisten bei. Der Titel wurde f\u00fcr die zweite Ausgabe von 1582 ver\u00e4ndert und hie\u00df nun \u201eAffentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung\u201c, wodurch das Wort \u201eGeschichtklitterung\u201c in dieser Ausgabe zum ersten Mal gedruckt zu lesen ist. Wegen seiner experimentellen Sprache wird das Werk auch gerne als \u201eFinnegans Wake\u201c des 16. Jahrhunderts bezeichnet. Das Exemplar des DHM enth\u00e4lt mehrere Besitzeintr\u00e4ge von deutschen Philologen, die Fischarts Werk offenbar zu ihrer Besch\u00e4ftigung mit der deutschen Sprache benutzt haben. Die Eintr\u00e4ge des Schriftstellers und Lyrikers Friedrich Wilhelm Gotter (1746\u20131797) und des Philologen und Schriftstellers Carl August B\u00f6ttiger (1760\u20131835) zeigen, dass sich auch die deutsche Philologie der Aufkl\u00e4rung und der Romantik mit diesem Werk intensiv auseinandergesetzt haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Georg Henisch und das erste deutsche W\u00f6rterbuch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/04_Henisch-RA-19_291_1-642x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6454\" width=\"529\" height=\"844\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/04_Henisch-RA-19_291_1-642x1024.jpg 642w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/04_Henisch-RA-19_291_1-188x300.jpg 188w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/04_Henisch-RA-19_291_1-768x1225.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/04_Henisch-RA-19_291_1-963x1536.jpg 963w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/04_Henisch-RA-19_291_1.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 529px) 100vw, 529px\" \/><figcaption>Erstes W\u00f6rterbuch der deutschen Sprache, Georg Henisch, Augsburg, 1616, Inv.-Nr.  RA 19\/291-1 \u00a9 DHM<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1616 erschien in Augsburg der erste Band des ersten deutschen W\u00f6rterbuchs unter dem Titel \u201eTe\u00fctsche Sprach und Wei\u00dfheit. Thesaurus Linguae Et Sapientiae Germanicae\u201c, den der Autor Georg Henisch in jahrzehntelanger Arbeit zusammengetragen hatte. Der erste Band behandelt nur die Buchstaben A bis G und vergleicht das Deutsche mit neun weiteren Sprachen (englisch, b\u00f6hmisch, franz\u00f6sisch, griechisch, hebr\u00e4isch, italienisch, polnisch, spanisch und ungarisch). Zwei Jahre vor Ausbruch des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges erschienen konnte das Werk in der Folge leider nicht fertig gestellt werden. Das Titelblatt zeigt neben Kaiser Matthias auch die sechs wahlberechtigten Kurf\u00fcrsten, darunter direkt neben dem Kaiser Kurf\u00fcrst Friedrich V. von der Pfalz, der zwei Jahre sp\u00e4ter dessen erbittertster Gegner werden sollte. Die Gegen\u00fcberstellung der deutschen Sprache mit den anderen europ\u00e4ischen <em>linguae francae<\/em> zeigt, wie uneinheitlich das Heilige R\u00f6mische Reich zu dieser Zeit war und es f\u00fcr die n\u00e4chsten drei\u00dfig Jahre bleiben sollte. Gleichzeitig ist der Band als erstes Deutsches W\u00f6rterbuch elementar f\u00fcr die Festigung der deutschen Sprache und der Darstellung des zu dieser Zeit gebr\u00e4uchlichen Wortschatzes. In dem ausf\u00fchrlichen Lemma \u201edeutsch\u201c leitet Henisch den Begriff von Teutates, dem Gott aus der keltischen Mythologie ab, was insofern nicht ganz falsch ist, als Teutates \u201eVater des Volkes\u201c hei\u00dft und deutsch heute von germanisch <em>\u00feeu\u00f0\u014d<\/em> (Volk) und althochdeutsch <em>thiota<\/em> (zum Volk geh\u00f6rig) abgeleitet wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fremdw\u00f6rter vermeiden, deutsch sprechen!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/05_Kresse-18_1916_166-Tsd-782x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6455\" width=\"536\" height=\"702\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/05_Kresse-18_1916_166-Tsd-782x1024.jpg 782w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/05_Kresse-18_1916_166-Tsd-229x300.jpg 229w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/05_Kresse-18_1916_166-Tsd-768x1006.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/05_Kresse-18_1916_166-Tsd.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 536px) 100vw, 536px\" \/><figcaption>Synonymw\u00f6rterbuch zur &#8222;Verdeutschung entbehrlicher Fremdw\u00f6rter&#8220;,  Inv.-Nr. 18\/1916&lt;166. Tsd.&gt; \u00a9 DHM<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Seit dem 17. Jahrhundert hielt besonders durch die Strahlkraft des franz\u00f6sischen Hofes in Versailles aber auch wegen dynastischer Verbindungen sowohl nach Frankreich wie auch nach Russland das Franz\u00f6sische als die \u201efeine\u201c Sprache nicht nur im Hochadel Einzug. Im Zeitalter der Aufkl\u00e4rung wanderten vor allem in gelehrten Kreisen zahlreiche Fremd- und Lehnw\u00f6rter ins Deutsche ein, die haupts\u00e4chlich aus antiken Schriftquellen des Griechischen und Lateinischen stammten und rasch Verbreitung in allen gesellschaftlichen Schichten fanden. Nach dem Piotrowski-Gesetz dringen neue Sprachformen oder W\u00f6rter so lange in eine Sprache ein, bis sie entweder die alten Formen oder W\u00f6rter ersetzt haben oder sie an eine von der Sprachgemeinschaft definierte Toleranzgrenze sto\u00dfen. Manche Formen und W\u00f6rter verschwinden daraufhin wieder, manche setzen sich fest und bleiben. Die Tendenz, immer mehr Fremdw\u00f6rter in der deutschen Sprache tolerieren zu m\u00fcssen, widersetzte sich sp\u00e4testens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine Gruppe von Sprachforschern, die das Reine, Wahre und Gute der deutschen Sprache f\u00f6rdern wollten. Gro\u00dfen Zulauf erhielt diese Str\u00f6mung im Ersten Weltkrieg, bei dem die Deutschen nicht nur auf den Schlachtfeldern, sondern auch f\u00fcr ihre Sprache k\u00e4mpften. Albert Tesch begr\u00fcndet dies im Vorwort zu seinem Buch \u201eFremdwort und Verdeutschung. Ein W\u00f6rterbuch f\u00fcr den t\u00e4glichen Gebrauch\u201c (Leipzig 1915) so: \u201eUnser Volk hat in der Ausl\u00e4nderei gro\u00dfe Opfer an kostbarem Sprachgut gebracht und w\u00fcnscht f\u00fcr diesen Verlust an deutschem Wesen einen vollg\u00fcltigen Ersatz. Daher ist es mit dem Ausbruche des Weltkrieges zu einem allgemeinen Kampfe gegen das Fremdwortunwesen gekommen\u201c. Die Bewegung gipfelte in Publikationen wie dem ebenfalls 1915 von Oskar Kresse vorgelegten B\u00fcchlein \u201eVerdeutschung entbehrlicher Fremdw\u00f6rter mit Anhang: Deutsche Vornamen und ihre Bedeutung\u201c. Es enth\u00e4lt rund 15.000 verdeutschte Fremdw\u00f6rter und fremdsprachliche Sinnspr\u00fcche sowie \u00fcber 700 deutsche Vornamen. Kresse wie auch sein Kollege Tesch schlagen vor, Aeroplan, Perron oder Trottoir durch Flugzeug, Bahn- bzw. B\u00fcrgersteig zu ersetzen. Das hat ja immerhin geklappt!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>LTI \u2013 Viktor Klemperer und seine Analyse der Sprache der Nationalsozialisten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/06_Klemperer-51_633-675x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6456\" width=\"485\" height=\"736\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/06_Klemperer-51_633-675x1024.jpg 675w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/06_Klemperer-51_633-198x300.jpg 198w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/06_Klemperer-51_633-768x1164.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/06_Klemperer-51_633.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 485px) 100vw, 485px\" \/><figcaption> LTI. Notizbuch eines Philologen, Viktor Klemperer, 1947, Inv.-Nr. 51\/633 \u00a9 DHM<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Die niedrige Inventarnummer verr\u00e4t es: \u201eLTI. Notizbuch eines Philologen\u201c war eines der ersten B\u00fccher, welches das im Januar 1952 er\u00f6ffnete <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/museum\/geschichte-und-architektur\/geschichte\/\">Museum f\u00fcr Deutsche Geschichte<\/a> der DDR erworben und in den Bestand der neu gegr\u00fcndeten Museumsbibliothek aufgenommen hat. Die Buchstaben LTI stehen f\u00fcr <em>Lingua Tertii Imperii<\/em>, die Sprache des sogenannten Dritten Reiches. Der Autor des 1947 erstmals erschienenen Buches war der Romanist und deutsche Literaturwissenschaftler Viktor Klemperer, der als protestantischer Konvertit j\u00fcdischer Herkunft w\u00e4hrend des Dritten Reiches mit Berufsverbot belegt und antisemitischer Verfolgungen durch das NS-Regime ausgesetzt war. \u00dcberlegungen zur Analyse nicht nur der Sprache der Nationalsozialisten, sondern auch deren bildlicher Ausdrucksformen stellte Klemperer bereits seit 1934 an und nahm damit das erst 2008 erschienene Werk \u201eNSCI. Das visuelle Erscheinungsbild der Nationalsozialisten 1920-1945\u201c von Andreas Koop teilweise vorweg. Nach dem Krieg, als Klemperers berufliche Zukunft zun\u00e4chst ungewiss war, besch\u00e4ftigte er sich weiter mit der Sprache des Dritten Reiches. Schon der knappe Titel <em>LTI<\/em> ist eine ironische Anspielung auf die exzessiv genutzten Abk\u00fcrzungen der Nationalsozialisten: BDM, DAF, KdF, NSDAP, NSKK, SS und so weiter. Klemperer kritisiert an der Sprache der Nationalsozialisten gleich im ersten Kapitel den Gebrauch von \u201eFremdausdr\u00fccken\u201c: \u201eGarant klingt bedeutsamer als B\u00fcrge und diffamieren imposanter als schlechtmachen. (Vielleicht versteht es auch nicht jeder, und auf den wirkt es dann erst recht.)\u201c (S. 15). Klemperer analysiert die <em>Lingua Tertii Imperii<\/em> akribisch, seziert sie gleichsam und deckt zahlreiche sprachliche Stereotype auf, die zur Verrohung der Gesellschaft f\u00fchren mussten. Besonders eindr\u00fccklich zeigt er dies an Hitlers und Goebbels\u2018 Vorliebe f\u00fcr Sport-Metaphern, die h\u00e4ufig aus dem Boxsport kamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht w\u00e4re die Lekt\u00fcre von Klemperers <em>LTI<\/em> ein Anlass, angesichts des v\u00f6lkerrechtswidrigen Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine wieder einmal \u00fcber das eigene Sprechverhalten nachzudenken. Wie oft <em>stehen wir<\/em> <em>an vorderster Front<\/em>, <em>tauchen ab<\/em>, <em>gehen in Deckung<\/em> oder <em>f\u00fchren Grabenk\u00e4mpfe<\/em>? Oder sind wir in <em>Bombenstimmung<\/em>, m\u00fcssen uns <em>am Riemen rei\u00dfen<\/em>, etwas <em>miteinander ausfechten<\/em> oder <em>schwere Gesch\u00fctze auffahren<\/em>? Sprache ist m\u00e4chtig. Und sie macht etwas mit uns.<\/p>\n\n\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6459 size-large\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Matthias_Miller_01_kl-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"683\" height=\"1024\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Matthias_Miller_01_kl-683x1024.jpg 683w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Matthias_Miller_01_kl-200x300.jpg 200w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Matthias_Miller_01_kl-768x1152.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Matthias_Miller_01_kl.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a9 DHM\/Thomas Bruns<\/p>\n<\/td>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Matthias Miller<\/h4>\n<p><\/p>\n<p style=\"color: #000000; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Matthias Miller ist Leiter der Bibliothek und der Sammlung Handschriften \/ Alte und wertvolle Drucke am Deutschen Historischen Museum.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Zum Wandel und Gebrauch der deutschen Sprache seit dem 9. Jahrhundert<span><\/h2>\n<p>Am 10. September 2022 ist der Tag der deutschen Sprache. Vor diesem Hintergrund stellt Matthias Miller, Leiter der Bibliothek und der Sammlung Handschriften \/ Alte und wertvolle Drucke sechs ausgew\u00e4hlte Werke vor, die von der Entwicklung der deutschen Sprache zeugen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":6447,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[180,2526,229,199,171,2527],"class_list":["post-6446","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten-aktuell","tag-bibliothek","tag-deutsch","tag-handschriften","tag-sammlung","tag-sprache","tag-tag-der-deutschen-sprache"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6446","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6446"}],"version-history":[{"count":11,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6446\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6502,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6446\/revisions\/6502"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6447"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6446"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6446"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6446"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}