
{"id":655,"date":"2017-02-10T15:10:39","date_gmt":"2017-02-10T14:10:39","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=655"},"modified":"2018-01-25T14:52:36","modified_gmt":"2018-01-25T13:52:36","slug":"das-kann-nur-afrika-sein","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2017\/02\/10\/das-kann-nur-afrika-sein\/","title":{"rendered":"Kolumne: &#8222;Das kann nur Afrika sein&#8220;"},"content":{"rendered":"<h1>&#8222;Das kann nur Afrika sein&#8220;<\/h1>\n<p><strong>Der Schriftsteller und Afrika-Spezialist David Van Reybrouck nimmt uns in seiner Er\u00f6ffnungsrede zur Sonderausstellung <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/kamerun-und-kongo.html\" target=\"_blank\">&#8222;Kamerun und Kongo&#8220;<\/a> mit auf eine Entdeckungsreise in die Bildwelten von Andr\u00e9as Lang. Die Ausstellung ist noch bis zum 26. Februar 2017 zu sehen.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist Dienstagmorgen und ich bef\u00fcrchte schon, im falschen Ausstellungsgeb\u00e4ude zu sein. Das erste Bild, das ich in der Ausstellungshalle sehe, scheint zu &#8222;Das erstaunte Schweigen&#8220; zu geh\u00f6ren, der anderen Ausstellung von Andr\u00e9as Lang. Ich sehe eine deutsche Burg, die auf romantische Weise auseinanderf\u00e4llt, so wie nur deutsche Burgen romantisch auseinanderfallen k\u00f6nnen, mit einer bauf\u00e4lligen Festungsmauer und einem br\u00f6ckelnden mittelalterlichen T\u00fcrmchen, das vom langsamsten Feind \u00fcberhaupt eingenommen wird: der Vegetation. Bevor ich jedoch einen der Mitarbeiter fragen kann, ob ich tats\u00e4chlich im Deutschen Historischen Museum bin, bemerke ich, dass die Burgmauern auf dem Bild aus leuchtend roten Ziegeln bestehen, dass der Erdboden auf dem Bild dunkelrot und rostig aussieht und dass die Festungsmauer von einem langen Wellblechdach flankiert wird, vor dem ein \u00d6lfass und eine Ziege stehen.<\/p>\n<p>Das kann nur Afrika sein.<\/p>\n<p>Das ist das heutige Kamerun \u2013 das Land, in dem Andr\u00e9as Langs Urgro\u00dfvater vor einem Jahrhundert als Beamter der kolonialen &#8222;Schutztruppe&#8220; diente und daran beteiligt war, was man damals &#8222;Befriedung&#8220; der Region und &#8222;Abstecken der Grenzen&#8220; nannte. Neun Meter breite Schneisen durch Urwald- und Sumpflandschaften schlagend, bahnte sich das Deutsche Kaiserreich seinen Weg, um seine entlegensten \u00dcbersee-Grenzen festzustecken. Durch Blutvergie\u00dfen und Einsch\u00fcchterung Autorit\u00e4t aufzubauen war der kaiserliche Weg, dem Deutschen Reich seinen &#8222;Platz an der Sonne&#8220; zu sichern, wie Bernhard von B\u00fclow es nannte.<\/p>\n<p>Vieles davon ist heute in Vergessenheit geraten. Selbst in der bemerkenswert ausgewogenen <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung.html\" target=\"_blank\">Dauerausstellung<\/a> dieses Museums \u2013 wahrscheinlich eine der besten nationalen Geschichtsausstellung in ganz Europa \u2013 ist dies einigerma\u00dfen undeutlich. Auf der historischen &#8222;Schul-Wandkarte der Deutschen Kolonien&#8220;, die 1905 von Georg Lang produziert wurde, ist die Landkarte Kameruns gr\u00f6\u00dftenteils hinter dem \u00c4rmel eines prachtvollen chinesischen Seidenmantels versteckt.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten Bilder in Andr\u00e9as Langs neuer Ausstellung zeigen ein Eingangstor, ein vollst\u00e4ndig von B\u00e4umen \u00fcberwuchertes Geb\u00e4ude, ein vollst\u00e4ndig von Dokumenten \u00fcberwuchertes Archiv und dann: ein Maschinengewehr, das komplett mit Blut, Rost oder Ocker bedeckt ist. Andr\u00e9as zeigte dem in Yaound\u00e9 lebenden K\u00fcnstler Dieudonn\u00e9 Fokou ein Bild des Maschinengewehrs, das sein Urgro\u00dfvater benutzt hatte, um die Region zu &#8222;befrieden&#8220;. In einer Geste kreativer Bricolage machte sich Dieudonn\u00e9 die Schusswaffe zu eigen und &#8222;afrikanisierte&#8220; sie, und Andr\u00e9as fotografierte sie, in einer mit roter Spr\u00fchfarbe behandelten Umgebung. Die Auseinandersetzung mit seinem Urgro\u00dfvater k\u00f6nnte eindeutiger kaum sein. Auf Menschen schie\u00dfen \u2013 Fotos schie\u00dfen. Das Maschinengewehr von &#8222;Maxim&#8220; und die Kamera von &#8222;Mamiya&#8220;. Andr\u00e9as sagt, dass er dieses japanische Modell aufgrund seiner &#8222;Ger\u00e4uschlosigkeit und Diskretion&#8220; sch\u00e4tzt. Was h\u00e4tte sein Urgro\u00dfvater von diesen Eigenschaften gehalten? Ger\u00e4uschlosigkeit und Diskretion \u2013 wirklich? Es h\u00e4tte ihn vielleicht \u00fcberrascht, dass sein Urenkel im gleichen Land, das er mit so viel M\u00fche zu erobern half,\u00a0 heute ebenso gerne mit der &#8222;Yashika Mat 124&#8220; arbeitet \u2013 einer anderen japanischen Kamera, diesmal ein Nachbau der legend\u00e4ren Rolleiflex, bei der man sich vorbeugen muss, um durch die Linse zu schauen. Eine Geste voller Bescheidenheit, die sein entfernter Nachfahre sehr sch\u00e4tzt. Sich vor den Eingeborenen verbeugen, wirklich?<\/p>\n<p>Ist diese Ausstellung vielleicht eine Form der Bu\u00dfe, frage ich mich? Ein Weg, den Menschen, die durch die Taten eines Vorfahren entwurzelt wurden, Respekt zu zollen? Oder wird sie &#8222;herauszoomen&#8220; und sich zu einer Art &#8222;kolonialer Vergangenheitsbew\u00e4ltigung&#8220; entwickeln? Das ist sicherlich n\u00f6tig. Wir m\u00fcssen sozusagen hinter den chinesischen Mantel gucken. Aber kann das die Aufgabe eines bildenden K\u00fcnstlers sein? Warum nur eine einzelne T\u00e4ter-Opfer-Geschichte umkreisen, wo man \u00fcber eine Vielzahl von Bedeutungsebenen sprechen muss?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich weiter durch die Sonderausstellung gehe, sehe ich, wie mit jedem Bild Schicht f\u00fcr Schicht und auf sehr subtile Art und Weise weitere Bedeutungsebenen hinzukommen. Ich sehe afrikanischen Staub, der wie europ\u00e4ischer Nebel aussieht. Ich sehe Caspar David Friedrich in den Tropen. Ich sehe Afrikaner, die europ\u00e4isch anmutende Statuen und Monumente aufstellen. Und ich sehe Afrikaner, die die \u00dcberreste europ\u00e4ischer Monumente gar nicht beachten. Die Ruinen der deutschen &#8222;Residentur&#8220; neben den Ruinen der franz\u00f6sischen &#8222;Pr\u00e9fecture&#8220;<em>.<\/em> Die Gr\u00e4ber deutscher und britischer Soldaten\u00a0 bestehen fort in der achtlosen Landschaft. Ich sehe Menschen, die zwischen den Gr\u00e4bern deutscher und britischer Soldaten Gem\u00fcse anbauen. Warum sich Gedanken um europ\u00e4ische &#8222;colonizers&#8220; machen, wenn sie so gro\u00dfartige &#8222;fertilizers&#8220; abgeben?<\/p>\n<p>Diese Ausstellung erz\u00e4hlt mehr als eine Geschichte \u00fcber koloniale Gewalt, und sicherlich mehr als eine Geschichte \u00fcber exotische Sch\u00f6nheit. W\u00e4hrend ich umhergehe, hat sich Andr\u00e9as Lang wieder zu mir gesellt \u2013 wie seine Kamera: ger\u00e4uschlos und diskret. Er sagt, in einem beinahe rechtfertigenden Tonfall: &#8222;Der Romantik ging es nicht nur um \u00b4Sch\u00f6nheit\u00b4. Es ging immer auch darum, in den Abgrund zu schauen. Andauernd.&#8220; Es ist lange her, dass jemand die Glaubenss\u00e4tze der Romantik so ernst nahm. Wahrscheinlich hilft es, Schlagzeuger in einer Punkband gewesen zu sein. Mir gef\u00e4llt diese radikale Neuauslegung der Romantik \u2013 ihre existenzialistische Neudefinition.<\/p>\n<p>Der Blick in den Abgrund \u2013 ja, der Vergangenheit, in diesem Fall: der kolonialen Vergangenheit; vielleicht sogar ein Blick in das Bedrohliche allen menschlichen Strebens, von dem der Kolonialismus letztlich nur eine besonders heftige Erscheinungsform war.<\/p>\n<p>Es ist deshalb kein Wunder, dass das Herzst\u00fcck der Ausstellung eine Videoinstallation ist, in der die Anwesenheit der Kolonialmacht eher zweitrangig zu sein scheint. In einem oktogonalen, kapellenartigen Raum sehen wir Aufnahmen einer Seilbr\u00fccke. Der Bildausschnitt ist fest. Auf der anderen Seite der Schlucht steht ein Pylon wie ein dunkler gotischer Bogen \u2013 die Br\u00fccke datiert aus der deutschen Zeit. Andr\u00e9as erz\u00e4hlt mir dass er sich nicht traute, die Br\u00fccke zu \u00fcberqueren, obwohl die Einheimischen sie ohne gro\u00dfe Bedenken benutzten. Seine Bef\u00fcrchtungen wurden von einer \u00e4lteren Dorfbewohnerin vage best\u00e4tigt: &#8222;Nein, mach das lieber nicht!&#8220;, raunte sie ihm zu. Er musste nur beobachten und warten. Und das ist, was wir in dem Video sehen: Das Wetter ist ruhig, die Landschaft grandios, doch pl\u00f6tzlich bricht ein gewaltiges tropisches Unwetter los. Der Wind peitscht durch die B\u00e4ume und ein wolkenbruchartiger Regen geht nieder. Es scheint, als w\u00fcrde die ganze Welt br\u00fcllen. Als alles vorbei ist, fangen die V\u00f6gel wieder an zu singen, erst zaghaft, dann immer lauter, so laut, als w\u00e4re nichts passiert. Aber das Laub tropft noch und die nassen Planken der wackeligen Seilbr\u00fccke funkeln im harten Sonnenlicht. \u2013 In den Abgrund starren.<\/p>\n<p>Trotz des L\u00e4rms und Prasselns und Regens sind es recht stille und beklemmende Landschaften, Zeugnisse des &#8222;Erstaunten Schweigens&#8220; aus Andr\u00e9as\u2018 anderer Ausstellung. Es ist das gleiche Gef\u00fchl des &#8222;Unheimlichen&#8220;, das aus seinen Videoinstallationen hervorgeht, in denen, in dreifacher Projektion, Autoscheinwerfer an der Dunkelheit kratzen, der Schein einer Fackel die Nacht durchbohrt und ein mit wei\u00dfen Plastiks\u00e4cken beladendes Kanu einen Fluss durchquert. Es ist eine Welt, in der individuelle Menschen nur stumme Figurinen sind, Bewohner einer ebenso \u00fcberw\u00e4ltigenden wie unbegreiflichen Welt. Die Anspielung auf Caspar David Friedrich war nicht nur eine ironisch gemeint. Es ist eine Welt ohne Worte. Bestenfalls summen ihre Bewohner, bestenfalls singen sie. &#8222;Ne sois pas dans le doute&#8220;, singt eine religi\u00f6se Prozession \u2013 hab keinen Zweifel, denn der Herr liebt seine Kinder, die ihm zu Ehren am Stra\u00dfenrand gehen, w\u00e4hrend LKWs vorbeirumpeln. Ansonsten sind da nur Paddel im Wasser und V\u00f6gel nach dem Gewitter und Grillen nach Sonnenuntergang.<\/p>\n<p>Und deshalb ist es ganz logisch, dass diese Ausstellung mit einer Katharsis der Naturfotografie endet. Nach allem, was gesagt und getan wurde, und nach allem, was gebaut und zerst\u00f6rt wurde, kehrt Andr\u00e9as Lang zur Natur zur\u00fcck \u2013 wo der Blitz einen Baum zu einer Skulptur macht und Termiten ihre H\u00fcgel bauen, wie seit hunderten Millionen Jahren. Diese letzten Bilder sind f\u00fcr mich der H\u00f6hepunkt der Ausstellung, aber sie funktionieren nur, weil man die Ausstellung gesehen hat. Der Betrachter sucht nach kolonialen Ruinen, nach Anzeichen der Geschichte, nach menschlichen Spuren. Aber da ist nichts, nichts als die verwirrende Nonchalance der Natur, leer und bedrohlich. Als w\u00e4ren wir zum allerersten Mal dort, im Morgengrauen der Sch\u00f6pfung. Eine Pf\u00fctze mit rostigem Wasser. Wir kehren zur\u00fcck zu der roten Erde, mit der alles begann \u2013 und wir h\u00f6ren nur das Zirpen der Grillen, die gar nicht da sind.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"margin-right: 5px;\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Autorenbild_VanReybrouck.jpg\" width=\"140\" height=\"200\" \/><\/p>\n<p><sup>\u00a9 Lenny Oosterwijk<\/sup><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">David Van Reybrouck<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">David Van Reybrouck (geb. Br\u00fcgge, 1971) studierte Arch\u00e4ologie und Philosophie an der Universit\u00e4t Leuven und Cambridge und promovierte an der Universit\u00e4t Leiden. Er ist als Autor, Historiker und Arch\u00e4ologe t\u00e4tig. Sein bislang ber\u00fchmtestes Werk \u201eKongo\u201c erschien 2012 in Deutsch: Es schildert die Geschichte des Kongo von der Kolonialzeit bis in die j\u00fcngste Vergangenheit. Seine neuste Ver\u00f6ffentlichung \u201eGegen Wahlen: Warum Abstimmen nicht demokratisch ist\u201c erschien 2016.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>&#8222;Das kann nur Afrika sein&#8220;<span><\/h2>\n<p>Der Schriftsteller und Afrika-Spezialist David Van Reybrouck nimmt uns in seiner Er\u00f6ffnungsrede zur Sonderausstellung &#8222;Kamerun und Kongo&#8220; mit auf eine Entdeckungsreise in die Bildwelten von Andr\u00e9as Lang. Die Ausstellung ist noch bis zum 26. Februar 2017 zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":690,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[701],"tags":[709,486,720,629,707],"class_list":["post-655","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kolumne","tag-andreas-lang","tag-ausstellung","tag-david-van-reybrouck-de","tag-deutscher-kolonialismus","tag-kongo"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/655","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=655"}],"version-history":[{"count":16,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/655\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1531,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/655\/revisions\/1531"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/690"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=655"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=655"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=655"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}