
{"id":7018,"date":"2023-01-18T13:45:28","date_gmt":"2023-01-18T12:45:28","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=7018"},"modified":"2023-01-18T13:45:31","modified_gmt":"2023-01-18T12:45:31","slug":"eroeffnungsrede-von-dan-diner-zur-ausstellung-roads-not-taken","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2023\/01\/18\/eroeffnungsrede-von-dan-diner-zur-ausstellung-roads-not-taken\/","title":{"rendered":"Er\u00f6ffnungsrede von Dan Diner zur Ausstellung \u201eRoads not Taken\u201d"},"content":{"rendered":"<h1>Er\u00f6ffnungsrede von Dan Diner zur Ausstellung \u201eRoads not Taken\u201d<\/h1>\n<p>Dan Diner | 18. Januar 2023<\/p>\n<p><strong>Auf unserem Blog ver\u00f6ffentlichen wir die Rede von Dan Diner, Historiker und Vorstand der <a href=\"https:\/\/www.alfredlandecker.org\/de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Alfred Landecker Foundation<\/a>, die er bei der Er\u00f6ffnung der Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/roads-not-taken-oder-es-haette-auch-anders-kommen-koennen\/#\/\">\u201eRoads not Taken. Oder: Es h\u00e4tte auch anders kommen k\u00f6nnen\u201d<\/a> am 8. Dezember 2022 hielt.<\/strong><\/p>\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte meine kurzen Ausf\u00fchrungen mit einer apodiktischen Aussage beginnen:<\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist eine historische Ausstellung. Und eine Ausstellung ist kein Geschichtsbuch. Vielmehr ist sie eine Inszenierung. Doch was wird dabei inszeniert? Ein Drama, ein Konflikt? Ein Skandal?<\/p>\n\n\n\n<p>Weder geht es um das eine noch um das andere. Sondern um etwas h\u00f6chst Ungew\u00f6hnliches: Es geht um die Ausstellung eines Arguments, genauer: Um eine geschichtsphilosophische Kategorie, der Kategorie der Kontingenz. Deshalb hei\u00dft die Ausstellung \u201eRoads not Taken\u201c \u2013 sie behandelt nicht eingeschlagene Wege, und dies unter der Ma\u00dfgabe, dass alles anders h\u00e4tte kommen k\u00f6nnen, als es dann tats\u00e4chlich gekommen ist. Diese Spannung zwischen Wirklichkeit und M\u00f6glichkeit gilt es in der Ausstellung sichtbar zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alltagssprachlich lie\u00dfe sich \u201eKontingenz\u201c mit Zufall, Wendung, Einschnitt oder Abbruch beschreiben. Eine sichtbar gewordene, ja, eine f\u00fchlbare, jedenfalls von den Zeitgenossen zur Kenntnis genommene m\u00f6gliche Wendung. Ein Einschnitt, der sowohl im Privaten wie im \u00d6ffentlichen sich als Einschnitt, als Riss in der Lebensplanung niederschl\u00e4gt. Die Menschen rufen diese Einschnitte in ihren Lebenserz\u00e4hlungen auf, die Nachgeborenen wissen davon. Die damit verbundene Z\u00e4sur hat ihre Zeichen, Symbole und Namen. Irgendwie sind wir alle damit vertraut.<\/p>\n\n\n\n<p>All dies findet auch in der Geschichtsschreibung, in der niedergeschriebenen Geschichte ihren Ausdruck. Gleichwohl neigt diese dazu, jenen Ereignissen einen Zusammenhang aufzuerlegen, der einen Sinn generiert \u2013 und dieser Sinn neigt des Weiteren dazu, ihm so etwas wie eine Notwendigkeit zu unterlegen. Die vielen unverbundenen Punkte erscheinen uns im Nachhinein als eine eherne Linie. Die eingetretene und als solche niedergeschriebene Geschichte erscheint uns so als notwendig. Daf\u00fcr bietet sich der Gegenbegriff zur Kontingenz an: die Teleologie. Die damit verbundene notwendige Linie insinuiert, als habe jenes auch eintreten m\u00fcssen, was dann tats\u00e4chlich eingetreten ist. So, als ob der Geschichte so etwas wie eine Richtung, ein Ziel, eben ein Telos eingegeben war. Geschichtsschreibung, allein schon um den Fluss der Erz\u00e4hlung willen, neigt dazu, teleologisch angelegt zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Ausstellung beabsichtigt mit der teleologischen Wahrnehmung insofern zu brechen, als sie Kontingenz nicht nur in den Mittelpunkt r\u00fcckt, sondern all jene Ereignisse, Begebenheiten und Tendenzen hinzunimmt, die nicht wirklich geworden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Hierf\u00fcr ist es n\u00f6tig den im Geschichtsged\u00e4chtnis eingekerbten Blick zu irritieren, zu verfremden. Darum haben wir den sonst \u00fcblichen historischen Verlauf von der Vergangenheit in die Gegenwart umgekehrt. Die Ausstellung beginnt im historischen \u201eJetzt\u201c, mit dem Fall der Mauer 1989, um von da aus zeitlich zur\u00fcckzugehen bis hin zum \u201eEndpunkt\u201c, dem chronologischen \u201eAnfang\u201c des Jahres Revolutionsjahres 1848\/49. Die Umkehrung der Zeitbewegung im historischen Raum will also die vertrauten Bilder verfremden und damit ein erh\u00f6htes Ma\u00df an Aufmerksamkeit f\u00fcr eigentlich Bekanntes erzeugen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Umkehrung des historischen Zeitstrahls soll neben anderen Effekten auch dazu beitragen, das relativ erstarrte Geh\u00e4use deutscher Geschichtsdeutung aufzuweichen. Und dar\u00fcber hinaus den Blick auf die Kontingenz und damit auf weitere, in der Geschichte angelegt gewesenen, indes nicht wirklich gewordenen M\u00f6glichkeiten, zu sch\u00e4rfen. Damit wird die historisch gewordene Wirklichkeit nicht etwa umgedeutet. Im Gegenteil. Sie wird aber als eine der sich dargebotenen M\u00f6glichkeiten in den Fokus ger\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig ist zu betonen: Der Boden der eingetretenen Realit\u00e4t wird also in der Ausstellung nie verlassen. Insofern wird hier keine sogenannte kontrafaktische Geschichte pr\u00e4sentiert. Es wird sich lediglich \u00fcber die Br\u00fcstung der gewordenen Wirklichkeit gelehnt, um zu erkennen, was weit unten angelegt und im Keimen war. Dies ist der Blick, den die Ausstellung einnimmt und damit auch die Frage, die sie stellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum der Ausstellung stehen ausgew\u00e4hlte Z\u00e4suren, die kontrastiert werden mit Wendem\u00f6glichkeiten: Vierzehn Bilder, in denen Wirklichkeit und M\u00f6glichkeit r\u00e4umlich gegen\u00fcbergestellt werden, und eine Spannung entsteht. Das Argument muss also so ausgestellt werden, dass sich das Publikum unweigerlich die Frage stellt: Musste es so kommen, wie es gekommen ist?<\/p>\n\n\n\n<p>So etwa das eindr\u00fcckliche Bild von der Entlassung des Reichskanzlers Heinrich Br\u00fcning im Mai 1932. Er hatte von Reichspr\u00e4sident Hindenburg eine weitere, nunmehr eine f\u00fcnfte Notverordnung erbeten, die ihm jedoch verweigert wurde. Br\u00fcning verabschiedete sich mit einer Rede, in der er davon sprach, \u201e100 Meter vor dem Ziel\u201c gestoppt worden zu sein. Neben seinem Bem\u00fchen, die Deutschland auferlegten Reparationszahlungen zu reduzieren, schien damit auch seine Absicht gemeint gewesen zu sein, das Land aus der Wirtschaftskrise zu navigieren und so bis zu den n\u00e4chsten regul\u00e4ren Reichstagswahlen, die im Herbst 1934 h\u00e4tte stattfinden sollen, durchzuhalten. Tats\u00e4chlich betrachteten \u00d6konomen im Herbst 1932 die Talsohle der Krise bereits f\u00fcr \u00fcberwunden, in der Gesellschaft keimte erste Hoffnung auf. Der Aufschwung aber kam schlie\u00dflich Adolf Hitler, und nicht mehr Br\u00fcning zugute. Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, die zu dem inzwischen ikonischen Datum des 30. Januar 1933 erfolgte, war damals unerwartet gewesen. Bei den Reichstagswahlen im November 1932 hatte die NSDAP zwei Millionen Stimmen verloren. Interne Auseinandersetzungen sch\u00fcttelten sie. Hitler, der eine Strategie des \u201ealles oder nichts\u201c verfolgte, drohte seinen Anh\u00e4ngern mit Suizid. Als er dann am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, sprach die NS-Presse von einem \u201eWunder\u201c, w\u00e4hrend der sozialdemokratische \u201cVorw\u00e4rts\u201d noch am 28. Januar von Hitler als einem \u201cFaschingskanzler\u201d die Rede war.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder im M\u00e4rz 1936, als Hitler die Militarisierung des Rheinlandes unternahm und dies als h\u00f6chstes Wagnis erachtete \u2013 angesichts eines Nachbarlands Frankreich, das \u00fcber die m\u00e4chtigste Kontinentalarmee in Europa verf\u00fcgte. Bei einer milit\u00e4rischen Reaktion aus Paris w\u00e4re nicht nur die Wehrmacht sofort abgezogen \u2013 auch die Autorit\u00e4t Hitlers im Reich w\u00e4re massiv in Mitleidenschaft gezogen worden, Reaktionen in der Wehrmacht eingeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was w\u00e4re gewesen, wenn das Attentat der Verschw\u00f6rer des 20. Juli 1944 auf Hitler erfolgreich gewesen w\u00e4re? Angesichts des hohen Ma\u00dfes an Wahrscheinlichkeit, dass Hitler bei dem Attentat h\u00e4tte get\u00f6tet werden k\u00f6nnen, mutet sein Scheitern wie ein Zufall an, den die Nazis in ihrer pseudoreligi\u00f6sen Sprache als \u201eVorsehung\u201c \u00fcberh\u00f6hten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung legt Tendenzen von M\u00f6glichkeiten, die sich nicht haben durchsetzen k\u00f6nnen, unter das Mikroskop, um sie auf ihr Potential der Verwirklichung zu befragen. Im Nachhinhein erweist sich die bundesrepublikanische Zeit als eine h\u00f6chst stabile, wenn nicht gar als die goldene Zeit j\u00fcngerer deutscher Geschichte. Eine Kontinuit\u00e4t von Stabilit\u00e4t, die gleichwohl, auch von au\u00dfen her, garantiert worden war. Es war der Kalte Krieg als System und als ein Gef\u00e4\u00df der Sicherheit und des Wohlstandes, dass jene Stabilit\u00e4t gew\u00e4hrleistete, begleitet von der Gefahr und der Furcht vor Angst vor der atomaren Apokalypse.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das Jahr 1952 erweist sich, zumindest was die dargebotenen Optionen angeht, als potenzieller Wendepunkt. So \u00f6ffneten die Stalinnoten das Angebot eines vereinigten, aber daf\u00fcr neutralistischen Deutschland. Die eingetretene Geschichte hingegen folgte einem anderen Pfad: Statt den nationalen Lockungen aus dem Osten zu folgen, suchte Bonn die Integration in den Westen, genauer: nach Europa. Montanunion, Bestrebungen nach einer europ\u00e4ische Verteidigungsgemeinschaft, Lastenausgleich nach innen, \u201eWiedergutmachung\u201c an Israel nach au\u00dfen. Mit frischem Blick zur\u00fcck ist das Jahr 1952 f\u00fcr die junge Bundesrepublik als nicht geringer einzusch\u00e4tzen als das formalere Gr\u00fcndungsjahr 1949. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung strebt historische Aufkl\u00e4rung ebenso an wie die St\u00e4rkung historischer Urteilskraft. Sie soll dazu beitragen, den Blick f\u00fcr historische Unterschiede und Unterscheidungen zu treffen. Und sie will helfen, demokratisches Bewusstsein zu verbreiten. Insofern handelt es sich um eine zutiefst politische Ausstellung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Alfred Landecker Foundation steht mit ihrer Entstehungsgeschichte daf\u00fcr, dass aus der Geschichte Lehren gezogen werden \u2013 Lehren zum Schutze der Demokratie. Und dabei sind wir \u00fcberzeugt, dass sich demokratische Werte am besten \u00fcber den Schutz und mittels der St\u00fctze demokratischer Institutionen gew\u00e4hrleisten lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur St\u00e4rkung von Urteilskraft und historischem Unterscheidungsverm\u00f6gen mag auch die Realit\u00e4t heute beitragen. F\u00fcr viele Besucher und Besucherinnen legt sich wohl die Gegenwart und der russische Krieg in und gegen die Ukraine wie eine Folie \u00fcber die ausgestellte Vergangenheit. Dies ist ein Ausfluss der \u201eZeitenwende\u201c, die eine regelrechte Kontingenz angesichts unserer Geschichtserwartung darstellt. So gr\u00e4tscht die Gegenwart in eine Ausstellung \u00fcber die Vergangenheit und macht dar\u00fcber erst recht deutlich, was ihr ureigenster Gegenstand ist: Der Einbruch des Unerwarteten in eine bislang g\u00fcltige Lebenswirklichkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Er\u00f6ffnungsrede von Dan Diner zur Ausstellung \u201eRoads not Taken\u201d<span><\/h2>\n<p>Auf unserem Blog ver\u00f6ffentlichen wir die Rede von Dan Diner, Historiker und Vorstand der Alfred Landecker Foundation, die er bei der Er\u00f6ffnung der Ausstellung \u201eRoads not Taken. Oder: Es h\u00e4tte auch anders kommen k\u00f6nnen\u201d am 8. Dezember 2022 hielt.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":7037,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[701],"tags":[486,2493,1777,2555],"class_list":["post-7018","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kolumne","tag-ausstellung","tag-ausstellungseroeffnung","tag-eroeffnungsrede","tag-roadsnottaken"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7018","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7018"}],"version-history":[{"count":10,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7018\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7038,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7018\/revisions\/7038"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7037"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7018"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7018"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7018"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}