
{"id":7082,"date":"2023-02-03T11:54:58","date_gmt":"2023-02-03T10:54:58","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=7082"},"modified":"2023-02-06T16:26:24","modified_gmt":"2023-02-06T15:26:24","slug":"wozu-das-denn-eine-4-pfennig-muenze","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2023\/02\/03\/wozu-das-denn-eine-4-pfennig-muenze\/","title":{"rendered":"Wozu das denn? Eine 4-Pfennig-M\u00fcnze"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Wozu das denn? Eine 4-Pfennig-M\u00fcnze<\/h1>\n\n\n\n<p>Nico Geisen | 03. Februar 2023<br><br><strong>In Material und Gr\u00f6\u00dfe wirkt der sogenannte Br\u00fcning-Taler, eher unscheinbar. Jedoch steckte hinter dieser M\u00fcnze, die in der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/roads-not-taken-oder-es-haette-auch-anders-kommen-koennen\/#\/\">Ausstellung \u201eRoads not Taken. Oder: Es h\u00e4tte auch anders kommen k\u00f6nnen\u201c<\/a> zu sehen ist, eine gro\u00dfe Hoffnung: Sie sollte der deutschen Wirtschaftskrise am Ende der Weimarer Republik entgegenwirken. Daf\u00fcr sollte ihr besonderer Nominalwert von vier Pfennig sorgen. Welche politische Idee hinter dem Geldst\u00fcck stand, erkl\u00e4rt Nico Geisen, wissenschaftlicher Volont\u00e4r der Abteilung Sammlungen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"507\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/21_Reichspfennig-\u201eBruening-Taler_1932_Kupfer_gepraegt-c-Deutsches-Historisches-Museum-1024x507.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7083\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/21_Reichspfennig-\u201eBruening-Taler_1932_Kupfer_gepraegt-c-Deutsches-Historisches-Museum-1024x507.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/21_Reichspfennig-\u201eBruening-Taler_1932_Kupfer_gepraegt-c-Deutsches-Historisches-Museum-300x149.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/21_Reichspfennig-\u201eBruening-Taler_1932_Kupfer_gepraegt-c-Deutsches-Historisches-Museum-768x380.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/21_Reichspfennig-\u201eBruening-Taler_1932_Kupfer_gepraegt-c-Deutsches-Historisches-Museum-1536x760.jpg 1536w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/21_Reichspfennig-\u201eBruening-Taler_1932_Kupfer_gepraegt-c-Deutsches-Historisches-Museum-2048x1014.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption><br>Sog. Br\u00fcning-Taler mit einem Nominalwert von 4 Pfennig. Laufende Nummer: N0000539<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eHilfskreuzer\u201c, \u201eProleten-Dollar\u201c, \u201ePleite-Groschen\u201c: Als die Berliner Zeitung \u201eDer Tag\u201c im Januar 1932 eine Preisauslosung f\u00fcr den witzigsten Namen des neu eingef\u00fchrten Pfennigst\u00fcckes ausschrieb, war die Kreativit\u00e4t der Leser*innen hoch.<a href=\"#_ftn2\" data-type=\"internal\" data-id=\"#_ftn2\">[1]<\/a> Auff\u00e4llig unter den vielen Namen ist, dass sie nie einen Bezug zur Optik der M\u00fcnze herstellen. Mit dem schlichten Schriftzug und der g\u00e4ngigen Symbolik, dem Reichsadler, verwundert das jedoch nicht. Die 24 mm breite M\u00fcnze aus Kupfer unterscheidet sich kaum von den anderen Pfennigst\u00fccken der Reichs- oder Rentenmark.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Die vorgeschlagenen Spitznamen der Berliner Bev\u00f6lkerung nehmen also vielmehr Bezug auf die damalige hinter der M\u00fcnze stehende Politik. Diese Politik stand vor allem im Zeichen der Deflation.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorangetrieben wurde die Deflationspolitik von Reichskanzler <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/heinrich-bruening.html\">Heinrich Br\u00fcning <\/a>von der Zentrumspartei. Zu Beginn seiner Amtszeit 1930 waren die \u201egoldenen Jahre\u201c der Weimarer Republik zu Ende. Es drohte eine wirtschaftliche Depression. Der New Yorker B\u00f6rsencrash im Oktober 1929 l\u00f6ste eine weltweite Krise aus, das hochverschuldete Deutsche Reich konnte keine Kredite mehr aufnehmen und die deutsche Konjunktur verzeichnete alarmierend hohe Schwankungen, was zu einem starken Verfall der Geldwertstabilit\u00e4t f\u00fchrte. Preise und L\u00f6hne entfernten sich mehr und mehr voneinander, sodass die Kaufkraft der Deutschen von durchschnittlich 1.185 RM im Jahre 1928 auf 716 RM im Jahre 1932 sank. Im selben Zeitraum stieg die Arbeitslosenquote in der Gesamtbev\u00f6lkerung von 7 % auf 30,8 %.<a href=\"#_ftn3\" data-type=\"internal\" data-id=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Erkl\u00e4rtes Ziel von Br\u00fcnings Regierung war deshalb eine Lohn- und Preissenkung, die durch weitgreifende Sparma\u00dfnahmen erreicht werden sollte. Die L\u00f6hne in der allgemeinen Wirtschaft sollten gesenkt werden, damit die Unternehmen wieder mehr Arbeitskr\u00e4fte einstellen konnten. Die Marktpreise w\u00fcrden sich den L\u00f6hnen dann anpassen und f\u00fcr eine allgemeine Deflation sorgen, so die Hoffnung der Regierenden. Br\u00fcning zielte auf eine 20-prozentige Abwertung der Reichsmark, um somit einen Export\u00fcberschuss zu erwirtschaften mit dem mehr ausl\u00e4ndische Devisen beschafft werden sollten.<a href=\"#_ftn4\" data-type=\"internal\" data-id=\"#_ftn4\">[4]<\/a> Es galt also die Bev\u00f6lkerung zu einem Sparverhalten zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reichsbank tat sich jedoch schwer, das Pfennigst\u00fcck an die Bev\u00f6lkerung zu bringen. \u00d6ffentliche Einrichtungen und Banken riefen die Pfennige nicht ab. Die 50 Millionen in Umlauf geratenen M\u00fcnzen wurden vielfach bei der Reichsbank wieder eingetauscht. Viele Menschen bef\u00fcrchteten einen Verm\u00f6gensverlust und verweigerten sich der Annahme der M\u00fcnze. In letzter Verzweiflung ordnete Br\u00fcnings Regierung sogar an, dass bei jeder Gehaltszahlung von staatlichen Angestellten jeweils 2 Reichsmark in 4 Pfennigst\u00fccken ausgezahlt werden soll. Auch das f\u00fchrte jedoch nicht zum gew\u00fcnschten Effekt. In H\u00e4me zu Br\u00fcnings Politik erhielt die M\u00fcnze im Volksmund mit Bezug auf dessen Vornamen die Spottbezeichnung \u201earmer Heinrich\u201d.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"442\" height=\"768\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Notverordnung.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7084\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Notverordnung.png 442w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Notverordnung-173x300.png 173w\" sizes=\"auto, (max-width: 442px) 100vw, 442px\" \/><figcaption>Die Notverordnung mit dem Titel \u201eVerordnung des Reichspr\u00e4sidenten zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen und zum Schutze des inneren Friedens\u201c wurde im Reichsgesetzblatt des Deutsches Reichs vom 8. Dezember 1931 verk\u00fcndet. Laufende Nummer: 95006384<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Nach ihrer Einf\u00fchrung am 1. Februar 1932 blieb die 4-Pfennig-M\u00fcnze nicht einmal zwei Jahre im Umlauf. Sie wurde in einer von vielen Notverordnungen in die Wege geleitet, zusammen mit einem ganzen Paket weiterer Sparma\u00dfnahmen. Noch im M\u00e4rz plante Br\u00fcning eine weitere Notverordnung, die unter anderem K\u00fcrzungen von Sozialleistungen sowie ein Arbeitsbeschaffungsprogramm f\u00fcr 600.000 Menschen vorsah. Vor dem Reichstag beschwor er, dass er zur Rettung aus der finanziellen Notlage Deutschlands \u201ehundert Meter vor dem Ziel\u201c<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> st\u00fcnde. Doch bevor er dieses Ziel erreichen konnte, lehnte der damalige Reichspr\u00e4sident Paul von Hindenburg die Unterzeichnung weiterer Notverordnungen ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Br\u00fcning hatte sein Vertrauen verspielt. Seine Unterst\u00fctzung in der Politik und bei den B\u00fcrger*innen schwand kontinuierlich. Ohne das Mittel der Notverordnungen und im Angesicht seiner politischen Gegner sah er sich nicht mehr f\u00e4hig zu regieren und trat am 30. Mai 1932 als Reichskanzler zur\u00fcck. Die Nationalsozialisten nahmen die 4-Pfennig-M\u00fcnze nach ihrer Macht\u00fcbernahme in einer Notverordnung vom 18. M\u00e4rz 1933 schon wieder aus dem Umlauf.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>[1] Wilhelm Vernekohl, Rudolf Morsey (Hg.), Heinrich Br\u00fcning, Reden und Aufs\u00e4tze eines deutschen Staatsmanns, M\u00fcnster 1968, S. 164.<\/p>\n\n\n\n<p>[2] Vgl. Jaeger, Kurt, Die deutschen M\u00fcnzen seit 1871 mit Pr\u00e4gezahlen und Bewertungen, bearb. v. Udo Helmig u. Helmut Kahnt, Basel 1997, S. 311.<\/p>\n\n\n\n<p>[3] Vgl. Golla, Guido, Zielvorstellungen und Auswirkungen der Br\u00fcningschen Sparma\u00dfnahmen, K\u00f6ln 1994, S. 6-13.<\/p>\n\n\n\n<p>[4] Vgl. Br\u00fcning, Heinrich, Memoiren. 1918-1934, Stuttgart 1970, S. 474-477. <\/p>\n\n\n\n<p>[5] Wilhelm Vernekohl, Rudolf Morsey (Hg.), Heinrich Br\u00fcning, Reden und Aufs\u00e4tze eines deutschen Staatsmanns, M\u00fcnster 1968, S. 164.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Information zur Einf\u00fchrung der Rentenmark findet ihr auf LeMO: Scriba, Arnulf, Die W\u00e4hrungsreform 1923, <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/weimarer-republik\/innenpolitik\/waehrungsreform-1923.html\">https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/weimarer-republik\/innenpolitik\/waehrungsreform-1923.html<\/a>, zuletzt eingesehen: 17.10.2022<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n<p><!-- \/wp:post-content --><\/p>\n<table style=\"height: 291px;\" border=\"0\" width=\"840\">\n<tbody>\n<tr>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<p style=\"text-align: center;\">\n<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7085 size-medium\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Nico_Geisen_01_web-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Nico_Geisen_01_web-200x300.jpg 200w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Nico_Geisen_01_web.jpg 667w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/p>\n<p>Foto: DHM\/Thomas Bruns<\/p>\n<\/td>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4>&nbsp;<\/h4>\n<h4>&nbsp;<\/h4>\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Nico Geisen<\/h4>\n<p>Nico Geisen ist wissenschaftlicher Volont\u00e4r der Abteilung Sammlung.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Wozu das denn? Eine 4-Pfennig-M\u00fcnze<span><\/h2>\n<p>In Material und Gr\u00f6\u00dfe wirkt der sogenannte Br\u00fcning-Taler, eher unscheinbar. Jedoch steckte hinter dieser M\u00fcnze, die in der Ausstellung \u201eRoads not Taken. Oder: Es h\u00e4tte auch anders kommen k\u00f6nnen\u201c zu sehen ist, eine gro\u00dfe Hoffnung: Sie sollte der deutschen Wirtschaftskrise am Ende der Weimarer Republik entgegenwirken. Daf\u00fcr sollte ihr besonderer Nominalwert von vier Pfennig sorgen. 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