
{"id":7442,"date":"2023-07-06T15:35:33","date_gmt":"2023-07-06T13:35:33","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=7442"},"modified":"2023-07-07T10:49:41","modified_gmt":"2023-07-07T08:49:41","slug":"eroeffnungsrede-zur-ausstellung-wolf-biermann-ein-lyriker-und-liedermacher-in-deutschland-von-monika-boll","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2023\/07\/06\/eroeffnungsrede-zur-ausstellung-wolf-biermann-ein-lyriker-und-liedermacher-in-deutschland-von-monika-boll\/","title":{"rendered":"Er\u00f6ffnungsrede zur Ausstellung &#8222;Wolf Biermann. Ein Lyriker und Liedermacher in Deutschland&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Er\u00f6ffnungsrede zur Ausstellung &#8222;Wolf Biermann. Ein Lyriker und Liedermacher in Deutschland&#8220;<\/h1>\n\n\n\n<p>Monika Boll | 6. Juli 2023<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ab dem 7. Juli 2023 zeigt das Deutsche Historische Museum die Ausstellung <\/strong><a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/wolf-biermann-ein-lyriker-und-liedermacher-in-deutschland\/+\"><strong>\u201eWolf Biermann. Ein Lyriker und Liedermacher in Deutschland\u201d<\/strong><\/a><strong>. Im Rahmen der feierlichen Er\u00f6ffnung am 5. Juli 2023 hielt die Kuratorin Monika Boll eine Rede, die wir auf dem Blog ver\u00f6ffentlichen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum der Ausstellung steht Wolf Biermann als K\u00fcnstler, dessen Leben und Werk deutsche Zeitgeschichte mit zentralen Bezugspunkten spiegelt: zwischen Ost und West, deutsch und j\u00fcdisch, Sozialismus und Demokratie, Politik und Kunst.&nbsp;Nach einem Prolog folgt der chronologisch angelegte Ausstellungsrundgang in acht Themenr\u00e4umen der Verwobenheit von Biermanns pers\u00f6nlichem Werdegang mit der deutsch-deutschen Geschichte: 1936 in Hamburg geboren, wuchs er im kommunistisch gepr\u00e4gten Arbeitermilieu auf. 1953 siedelte Biermann noch als Sch\u00fcler aus politischer \u00dcberzeugung in die DDR und machte sein Abitur im Internat Gadebusch bei Schwerin. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung thematisiert erste Publikationen und Auftritte. Zu den fr\u00fchen Aktivit\u00e4ten geh\u00f6rt auch die Theaterarbeit, angefangen mit Biermanns zweij\u00e4hriger Regieassistenz&nbsp;am Berliner Ensemble unter Helene Weigel. Welchen Stellenwert diese f\u00fcr ihn selber hatte, wird deutlich, wenn &nbsp;man das Aufnahmegesuch zum Eintritt in die SED von 1960 liest, was Sie in der Ausstellung tun k\u00f6nnen. In dem zweiseitigen Gesuch taucht der Berufswunsch Liedermacher n\u00e4mlich gar nicht auf, daf\u00fcr aber mehrfach der Bezug aufs Theater, etwa wenn es hei\u00dft: \u201eDas Studium der marxistischen Philosophie betreibe ich unter dem Gesichtspunkt der Anwendbarkeit auf die Theaterarbeit.\u201c Das gilt noch mehr f\u00fcr die Geschichte des b.a.t., des Berliner Arbeiter- und Studententheaters, das Biermann gemeinsam mit seiner ersten Frau Brigitte Soubeyran kurze Zeit nach dem Mauerbau gr\u00fcndete.&nbsp; Das Gemeinschaftsprojekt von Arbeitern, Studierenden und K\u00fcnstlerinnen wurde in der Presse der DDR als gelungene Umsetzung &nbsp;sozialistischer Kulturpolitik gefeiert \u2013 nicht jedoch Biermanns St\u00fcck <em>Berliner Brautgang<\/em>, das die Trennung von Liebenden durch den Mauerbau thematisierte. Schlie\u00dflich wurde das St\u00fcck am Tag der Generalprobe abgesetzt, Biermann entlassen &nbsp;und das b.a.t. geschlossen.&nbsp; Als Gr\u00fcnde wurden eine verzerrte Darstellung des Mauerbaus sowie \u201eparteisch\u00e4digendes Auftreten in der \u00d6ffentlichkeit\u201c &nbsp;angegeben. Das Muster, das sich hier abzeichnet: erst gef\u00f6rdert, dann verboten, gilt f\u00fcr Wolf Biermanns k\u00fcnstlerische Arbeit im Besonderen und zeigt die Problematik der Kulturpolitik im Allgemeinen. Es steht zun\u00e4chst f\u00fcr die herausgehobene Stellung von Kultur in der DDR: Nach dem Zweiten Weltkrieg geh\u00f6rte die Berufung auf die Kulturnation zum sozialistischen Selbstbild. Kultur galt als hohes Gut. In einem Staat ohne freie Medien \u00fcbernahm sie die Funktion des \u00f6ffentlichen Raums. Das verschaffte ihr Sichtbarkeit und Anerkennung und machte sie zugleich zum Gegenstand von staatlicher Kontrolle und Zwang.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir zeigen in der Ausstellung, wie dieses Muster von Anerkennung und Zwang &nbsp;bereits in der Veranstaltung \u201eJunge Lyrik\u201c der Akademie der K\u00fcnste unter der Leitung von Stephan Hermlin griff. \u201eJunge Lyrik\u201c stand f\u00fcr eine neue Lyrikbegeisterung, die sich im Zuge der Entstalinisierung von der Sowjetunion auf die DDR \u00fcbertragen hatte. Junge Autorinnen und Autoren wie Volker Braun, Sarah Kirsch, Reiner Kunze hatten zu dieser Zeit ihre Deb\u00fcts.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Dilemma mit der Lyrik aber ist: Sie&nbsp;ist immer auch eine Einladung \u201eIch\u201c zu sagen, was im Parteijargon gesprochen,&nbsp; die Gefahr des \u201eb\u00fcrgerlichen Individualismus\u201c in sich trug. Und Biermann nahm an diesem Abend in der Akademie das lyrische Ich in seinem Gedicht \u201eAn die alten Genossen\u201c, das diesen nicht weniger als den R\u00fccktritt empfahl, geradezu anma\u00dfend in Anspruch. Noch eindeutiger verhielt es sich bei seinem Gedicht \u201eR\u00fccksichtslose Schimpferei\u201c, das mit einem dreimaligen \u201eIch Ich Ich\u201c beginnt und fortf\u00e4hrt: \u201e\u2026Ich will keinen sehn! Bleibt nicht stehn! Glotzt nicht! Das Kollektiv liegt schief.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das letzte Wort in Sachen Kulturpolitik blieb jedoch immer bei der Parteif\u00fchrung. K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler, die davon abwichen, wurden eingesch\u00fcchtert und verfolgt. Der Lyrikabend&nbsp;in der Akademie endete f\u00fcr Stephan Hermlin mit dem Verlust seines Postens und einer abgen\u00f6tigten Selbstkritik im \u201eNeuen Deutschland\u201c.&nbsp;Biermanns \u201eR\u00fccksichtslose Schimpferei\u201c, die \u00fcberdies 1965 im Westberliner Wagenbachverlag erschien, f\u00fchrte infolge des 11. Plenums des ZK der SED zu einem kompletten Auftritts- und Publikationsverbot sowie zur fast l\u00fcckenlosen Observierung durch die Staatssicherheit, die Wolf Biermann neben dem Dissidenten Robert Havemann zu den am intensivsten \u00fcberwachten Personen in der DDR machte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach elf Jahren Auftrittsverbot fand am 13. November 1976 Wolf Biermanns ber\u00fchmtes Konzert in K\u00f6ln statt. Die darauf folgende Ausweisung war, wie heute bekannt ist, bereits vor dem Konzert beschlossen worden. In einem offenen Brief an die SED-F\u00fchrung protestierten prominente K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler darunter Stephan Hermlin, Sarah Kirsch, Manfred Krug, Christa Wolf gegen die Ausweisung. Diese Art von offenem Protest, darunter auch von Parteimitgliedern, war ein Novum in der DDR mit weitreichenden Folgen. In der Ausstellung sehen Sie dazu etwa ein Interview mit der K\u00fcnstlerin Gabriele St\u00f6tzer \u00fcber ihre Haftzeit im Frauengef\u00e4ngnis Hoheneck.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Biermanns k\u00fcnstlerisches und politisches Selbstverst\u00e4ndnis bedeutete der erzwungene Wechsel von Ost nach West&nbsp; eine immense Herausforderung: Wie definierte sich ein Liedermacher neu, der sich bei aller Kritik an der SED-F\u00fchrung zun\u00e4chst weiterhin als Kommunist verstand? In der Bundesrepublik unterst\u00fctzte Biermann die Friedensbewegung, die Anti-Atomkraft-Proteste und die Gr\u00fcndung der Partei Die Gr\u00fcnen. Zum radikalen Pazifismus blieb er jedoch schon damals auf Distanz, etwa in seinem umstrittenen Artikel \u201eKriegshetze Friedenshetze\u201c zum Zweiten Golfkrieg. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als 1989 die B\u00fcrgerrechtsbewegung in der DDR erstarkte und&nbsp;die&nbsp;Regierung ins Wanken geriet,&nbsp;blieb Biermann vorerst Zaungast. Die Einreise zur Kundgebung am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz wurde ihm verweigert. Bei der Besetzung der Zentrale des Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit in Berlin 1990 votierte Biermann f\u00fcr den Erhalt der Stasi-Akten. Er bekr\u00e4ftige das sp\u00e4ter nochmal in der Auseinandersetzung um die IM T\u00e4tigkeit des Schriftstellere Sascha Anderson. Auf PDS und DIE LINKE, die f\u00fcr Biermann Nachfolgeparteien der SED blieben, siehe seinen streitbaren und strittigen Auftritt im Bundestag 2014, blickt er bis heute mit kritischer Distanz.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung besch\u00e4ftigt sich auch mit dem Thema: Wolf Biermann und das Judentum. Wir zeigen dazu etwa eine Schautafel zur j\u00fcdischen Familienlinie Biermann\/Loewenthal, die auf Recherchen von Pamela Biermann beruht und stellen Biermanns Nachdichtung von Izack Katzenelsons \u201eGro\u00dfem Gesang vom ausgerotteten J\u00fcdischen Volk\u201c vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit kehren wir zur\u00fcck zum Liedermacher und damit zur Musik. In der Ausstellung k\u00f6nnen Sie Biermanns Lieder, sofern sie direkter Anlass oder Reaktion auf politische Ereignisse waren, etwa \u201eAn die alten Genossen\u201c, \u201eDie Popul\u00e4rballade\u201c oder \u201eDas Gorleben-Lied\u201c, bei den jeweiligen Themenstationen h\u00f6ren, sowie das K\u00f6lner Konzert in voller L\u00e4nge ansehen. Dar\u00fcber hinaus befindet sich im Innenraum der Ausstellung eine gro\u00dfe Medieninstallation mit dem Titel \u201eIm Spiegel der Kritik\u201c. Sie r\u00fcckt das Kunstwerk als solches in den Fokus und m\u00f6chte damit einen Kontrapunkt zur \u00fcblichen Wahrnehmung setzen, bei der zumeist das Politische des Liedermachers in Zentrum steht. Entstanden in einer Koproduktion mit dem rbb-Kultur k\u00f6nnen Sie dort zwischen 21 Biermannsongs aus der Zeit von 1962 bis 2016 w\u00e4hlen, die mit jeweils zeitgen\u00f6ssischen positiven wie negativen Stimmen der Kunstkritik zu kleine H\u00f6rcollagen verbunden wurden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n<p>\u00a0<\/p>\n<table style=\"height: 291px;\" border=\"0\" width=\"840\">\n<tbody>\n<tr>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Dr. Monika Boll<\/h4>\n<p>Monika Boll ist Philosophin und Kuratorin. Sie kuratierte Ausstellungen an verschiedenen Museen u.a. zur Frankfurter Schule, zu Marcel Reich-Ranicki und Fritz Bauer. F\u00fcr das Deutsche Historische Museum Berlin kuratierte Monika Boll bereits 2020 die Ausstellung \u201eHannah Arendt und das 20. Jahrhundert\u201d.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Er\u00f6ffnungsrede zur Ausstellung &#8222;Wolf Biermann. Ein Lyriker und Liedermacher in Deutschland&#8220; von Monika Boll<span><\/h2>\n<p>Ab dem 7. Juli 2023 zeigt das Deutsche Historische Museum die Ausstellung \u201eWolf Biermann. Ein Lyriker und Liedermacher in Deutschland\u201d. Im Rahmen der feierlichen Er\u00f6ffnung am 5. 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