
{"id":753,"date":"2017-03-08T11:43:17","date_gmt":"2017-03-08T10:43:17","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=753"},"modified":"2017-05-17T16:37:19","modified_gmt":"2017-05-17T14:37:19","slug":"der-aufstieg-des-tourismus","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2017\/03\/08\/der-aufstieg-des-tourismus\/","title":{"rendered":"Der Aufstieg des Tourismus"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Der Aufstieg des Tourismus<\/strong><\/h1>\n<p><strong>Allj\u00e4hrlich im M\u00e4rz findet in Berlin seit einem halben Jahrhundert die \u201eInternationale Tourismusb\u00f6rse\u201c statt. Aus bescheidenen Anf\u00e4ngen mauserte sich die ITB zur weltgr\u00f6\u00dften Leistungsschau der inzwischen wohl weltgr\u00f6\u00dften Wirtschaftsbranche. Die Konkurrenz ist riesig: In \u00fcber siebzig L\u00e4ndern finden tourismusbezogene Messen statt. F\u00fchrend ist dabei Deutschland mit nicht weniger als vierzig solcher Gro\u00dfveranstaltungen. Dass gerade Deutschland &#8211; und hier zumal Berlin &#8211; auf diesem Feld so aktiv ist, ist kein Zufall. Vielmehr l\u00e4sst sich hier eine lange Traditionslinie ziehen, bis zur\u00fcck ins <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/kaiserreich\">Kaiserreich<\/a>, wie Prof. Dr. Hasso Spode erl\u00e4utert.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<h3><strong>Die erste \u201eAusstellung f\u00fcr Reise- und Fremdenverkehr\u201c<\/strong><\/h3>\n<p>Am 18. M\u00e4rz 1911 er\u00f6ffnete in den Messehallen am Berliner Zoo (etwa dort, wo heute das \u201eBikini-Haus\u201c steht) die erste Touristikmesse der Welt ihre Pforten, die \u201eInternationale Ausstellung f\u00fcr Reise- und Fremdenverkehr\u201c. Knapp ein Dutzend L\u00e4nder waren vertreten, von Norwegen bis \u00d6sterreich-Ungarn. Als Schirmherr der Schau fungierte der prominente Weltreisende Adolf Friedrich zu Mecklenburg, sp\u00e4ter Gouverneur von Togo. Ausrichter war der Verband Berliner Kaufleute und Industrieller. Wegweisend hatte man hier das wirtschaftliche Potential erkannt, das der Fremdenverkehr in einer globalisierten Welt bot.<\/p>\n<h3><strong>Das Kaiserreich: Verreisen als Privileg<\/strong><\/h3>\n<p>Es war die Goldene Zeit des Elitetourismus. Findige Veranstalter, voran Thomas Cook &amp; Son, boten ausgekl\u00fcgelte Arrangements an; auf dem Vesuv, etwa, betrieb die Weltfirma eine Seilbahn. Und riesige Kreuzfahrtschiffe, f\u00fchrend war hier die Hapag, befuhren die Meere von Samoa bis Spitzbergen. Problemlos lie\u00df sich aber auch auf eigene Faust verreisen: Grenzen spielten keine Rolle, Pass- und Visumszwang waren weithin abgeschafft, per Telegraph lie\u00df sich die Suite im Grand Hotel buchen, ein Netz von Luxusz\u00fcgen verband die Metropolen mit den Freizeitzentren. Zu Recht sprach man vom &#8222;Paneuropa des Verkehrs&#8220;. Ob Nizza, Biarritz, Ostende, Baden-Baden, Ischl oder Interlaken: In den mond\u00e4nen Kur- und Seeb\u00e4dern tummelten sich Adelige und Gro\u00dfkapitalisten, hohe Beamte und Milit\u00e4rs, K\u00fcnstler und Wissenschaftler. Aber auch die gutb\u00fcrgerliche Familie verreiste. Mit Kind und Kegel ging es in die Sommerfrische; die M\u00e4nner zogen auch als &#8222;Rucksacktouristen&#8220; durch die Berge. F\u00fchrendes Urlaubsland war die Schweiz; der Tourismus hatte sie reich gemacht. Das sprach sich nat\u00fcrlich herum: Tausende \u201eVerkehrsvereine\u201c entstanden um 1900, etliche waren dann auf der Berliner Messe vertreten. \u201eZu den Eigent\u00fcmlichkeiten unserer Zeit geh\u00f6rt das Massenreisen\u201c, notierte Theodor Fontane. Indes war sein Blick auf die eigenen, b\u00fcrgerlichen Kreise gerichtet. Neun Zehntel der Deutschen hatten keinen Anteil am &#8222;Massenreisen&#8220;. Es fehlte an Zeit und Geld f\u00fcr diesen Luxus.<\/p>\n<h3><strong>Die Weimarer Jahre: Isolationismus und Wirtschaftskrisen pr\u00e4gen den Tourismus<\/strong><\/h3>\n<p>Mit dem <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/erster-weltkrieg\">Ersten Weltkrieg<\/a> ging das gl\u00e4nzende &#8222;Paneuropa des Verkehrs&#8220; unter. Nationale Abschottung hie\u00df fortan die Devise, Urlaub im Inland wurde &#8222;vaterl\u00e4ndische Pflicht&#8220;. Und statt der klassischen Bourgeoisie pr\u00e4gten nun Angestellte und Lehrer die Urlaubsorte. Grand Hotels gingen reihenweise in Konkurs. Vorbei die \u201eZeit der sechsw\u00f6chentlichen Erholungsreise\u201c, notierte Tucholsky. Die Branche versuchte, den R\u00fcckgang des \u201ezahlenden Publikums\u201c durch billige \u201eVolksreisen\u201c f\u00fcr rund einhundert Reichsmark zu kompensieren. Doch die Urlaubsreise blieb ein Vorrecht der \u201ebesseren Leute\u201c, obwohl Arbeiter (etwa die H\u00e4lfte der Erwerbsbev\u00f6lkerung) nun ebenfalls einen Urlaubsanspruch hatten. Freilich oft nur drei Tage, und bei einem Monatslohn von nicht einmal 200 Reichsmark blieb nichts \u00fcbrig f\u00fcr solche \u201eVolksreisen\u201c.<\/p>\n<h3><strong>\u201eKraft durch Freude\u201c-Reisen im Nationalsozialismus<\/strong><\/h3>\n<p>Die &#8222;Brechung des b\u00fcrgerlichen Reiseprivilegs&#8220; nahmen sich dann die <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\">Nationalsozialisten <\/a>vor. Am 17. Februar 1934 rollten fahnengeschm\u00fcckte Sonderz\u00fcge durchs Reich: 10.000 \u201eArbeiterurlauber\u201c wurden in die Ferien geschickt &#8211; ein propagandistischer Paukenschlag. \u201eNazis send workmen to Alps for vacation\u201d, titelte die <em>New York Times<\/em> und meldete f\u00e4lschlich nur tausend Teilnehmer &#8211; aber registrierte erstaunt, dass die L\u00f6hne w\u00e4hrend der einw\u00f6chigen Reise weiterbezahlt wurden. Veranstalter des Spektakels war die halbstaatliche \u201eNS-Gemeinschaft \u201aKraft durch Freude\u2019\u201c, kurz KdF. Der Sozialtourismus \u2013 auch der Urlaubsanspruch f\u00fcr Arbeiter wurde deutlich verbessert &#8211;\u00a0 wurde zum Kernst\u00fcck des \u201eSozialismus der Tat\u201c, der die renitente Arbeiterschaft vom \u201eKlassenkampfgedanken\u201c abbringen sollte: Reisen als Ausgleich f\u00fcr den Verlust der Menschen- und Tarifrechte. Noch im selben Jahr verkaufte KdF eine halbe Million Urlaubsreisen &#8211; Durchschnittspreis: 35 RM. Der Preissturz gelang vor allem durch Flie\u00dfbandfertigung. Die Reise wurde erstmals industriell produziert \u2013 KdF wurde aus dem Stand zum weltgr\u00f6\u00dften Veranstalter, weit vor Thomas Cook. Bis zum Kriegsbeginn organisierte man \u00fcber 37 Millionen Kurzreisen und transportierte siebeneinhalb Millionen &#8222;Volksgenossen&#8220; in den Urlaub; 700.000 machten sogar eine Kreuzfahrt mit der &#8222;KdF-Flotte&#8220;. Die Bilder &#8222;deutscher Arbeitsmenschen&#8220;, die sich an Deck von Luxuslinern sonnten, sorgten im In- und Ausland f\u00fcr eine Sensation.<\/p>\n<h3><strong>1960er Jahre: Durchbruch des \u201eMassenreisens\u201c<\/strong><\/h3>\n<p>Freilich: Der Propagandarummel verdeckte, dass trotz beachtlicher Teilerfolge kein sozialer Durchbruch erzielt wurde: Die Urlaubsreise blieb letztlich eine Sache der Ober- und Mittelschichten. Erst in den 1960er Jahren wird das \u201eMassenreisen\u201c, von dem Fontane gesprochen hatte, in Ost und West allm\u00e4hlich soziale Realit\u00e4t. Auch untere Einkommen haben jetzt zunehmend Teil am Tourismus. Zugleich setzt erneut ein Prozess der Globalisierung ein und der Tourismus schickt sich an, eine weltwirtschaftliche Gro\u00dfmacht zu werden. In diesem Kontext fand 1966 in West-Berlin wieder eine Touristikmesse statt, viel bescheidener als die von 1911: Die erste ITB verzeichnete neun Aussteller aus f\u00fcnf L\u00e4ndern &#8211; 2017 sind es \u00fcber zehntausend aus 187 L\u00e4ndern. Nur sechs UN-Mitgliedsstaaten stehen da noch abseits.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"margin-right: 5px;\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Spode_Fotoc-FU-Berlin.jpg\" width=\"140\" height=\"200\" \/><\/p>\n<p><sup>\u00a9 FU Berlin<\/sup><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Prof. Dr. Hasso Spode<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Prof. Dr. Hasso Spode ist Historiker und Soziologe. Er leitet das Historische Archiv zum Tourismus der Technischen Universit\u00e4t Berlin (Willy-Scharnow-Archiv) und lehrt an der Leibniz-Universit\u00e4t Hannover. Mitherausgeber der Annals of Tourism Research und Mitbegr\u00fcnder von Voyage. Jahrbuch f\u00fcr Reise- und Tourismusforschung; \u00fcber 200 wissenschaftliche Publikationen (www.hasso-spode.de), j\u00fcngste B\u00fccher: Ressource Zukunft. Die sieben Entscheidungsfelder der deutschen Reform, Opladen 2009, und als Hrsg. Mobilit\u00e4ten!, Berlin 2014.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span><strong>Der Aufstieg des Tourismus<\/strong><span><\/h2>\n<p>Allj\u00e4hrlich im M\u00e4rz findet in Berlin seit einem halben Jahrhundert die \u201eInternationale Tourismusb\u00f6rse\u201c statt. Aus bescheidenen Anf\u00e4ngen mauserte sich die ITB zur weltgr\u00f6\u00dften Leistungsschau der inzwischen wohl weltgr\u00f6\u00dften Wirtschaftsbranche. Die Konkurrenz ist riesig: In \u00fcber siebzig L\u00e4ndern finden tourismusbezogene Messen statt. F\u00fchrend ist dabei Deutschland mit nicht weniger als vierzig solcher Gro\u00dfveranstaltungen. Dass gerade Deutschland &#8211; und hier zumal Berlin &#8211; auf diesem Feld so aktiv ist, ist kein Zufall. 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