
{"id":7616,"date":"2023-08-16T13:18:24","date_gmt":"2023-08-16T11:18:24","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=7616"},"modified":"2024-05-15T17:35:33","modified_gmt":"2024-05-15T15:35:33","slug":"sturmfluten-an-der-nordsee","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2023\/08\/16\/sturmfluten-an-der-nordsee\/","title":{"rendered":"Sturmfluten an der Nordsee"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Sturmfluten an der Nordsee<\/h1>\n\n\n\n<p>Dr. Sven L\u00fcken | 16. August 2023<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Blick in die Sammlungen des Deutschen Historischen Museums zeigt die gro\u00dfe Vielfalt an Objekten, die im Bezug zu verschiedenen Epochen und Themen deutscher Geschichte stehen. Sie erz\u00e4hlen Geschichten von zur\u00fcckliegenden oder aktuellen Lebenswelten, von ber\u00fchmten und eher unbekannten Personen und Ereignissen. In unserer neuen Blogserie <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/blog\/tag\/umweltsammeln-de\/\">#Umweltsammeln <\/a>stellen wir die Vielfalt unserer Sammlungsobjekte zum Themenfeld \u201eUmwelt\u201c vor. Dabei er\u00f6ffnen \u00fcberraschende Fragestellungen der Sammlungsleiter*innen neue Perspektiven auf historische Objekte und oftmals erstaunliche Parallelen zu heutigen Fragestellungen. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Sven L\u00fcken, Leiter der Militaria-Sammlung, nimmt eine der ersten Karten aus der DHM-Sammlung, auf der die Landver\u00e4nderungen durch Sturmfluten dargestellt werden, zum Anlass, schlaglichtartig die Wahrnehmung katastrophaler Sturmfluten in ihrer Geschichte vom Mittelalter bis in heutige Zeiten zu erz\u00e4hlen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Ph\u00e4nomen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"301\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Deichbruch-1024x301.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-7617\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Deichbruch-1024x301.gif 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Deichbruch-300x88.gif 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Deichbruch-768x226.gif 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ausschnitt aus: Wasserflut in Niederdeutschland 1717, Kupferstich; koloriert, verlegt von Johann Baptist Homann, N\u00fcrnberg, um 1720, Berlin, DHM 1988\/1869<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Bei \u00dcberflutungen denkt man heute sofort an den Klimawandel. Freilich ist er keine Erscheinung allein unserer Tage. Das hohe Mittelalter, von 950 bis 1250, war in ganz Europa eine ausgesprochene Warmzeit, wenn auch regional unterschiedlich. Die Gr\u00fcnde und Auspr\u00e4gungen sind ebenso wie Datenerhebungen nicht bekannt, doch ist eines klar: Menschen waren daf\u00fcr nicht verantwortlich, davon gab es zu wenige. Aber die Folgen hatten damals schon Auswirkungen. Bis ins n\u00f6rdliche Schottland und in Gr\u00f6nland wie in Norwegen wurde Getreide angebaut, in Schleswig-Holstein reifte Wein, denn das Klima wurde feucht-warm.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund der mittelalterlichen Warmzeit erh\u00f6hte sich der Meeresspiegel und die St\u00fcrme wurden st\u00e4rker \u2013 wie heute. &nbsp;Als die Sturmfluten h\u00e4ufiger wurden, begannen die K\u00fcstenbewohner der s\u00fcdlichen Nordsee, die urspr\u00fcnglich auf dem flachen K\u00fcstensaum des Meeres siedelten, k\u00fcnstliche H\u00fcgel, die Wurten oder Warften, f\u00fcr ihre Siedlungen aufzusch\u00fctten. Ende des 13. Jahrhunderts war eine erste geschlossene Deichlinie erreicht. Im 15. Jahrhundert zeigten die Vorboten der \u201eKleinen Eiszeit\u201c einen generellen Wandel hin zu einer Periode relativ k\u00fchlen Klimas an.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer dann, wenn ein steifer Nordwestwind tagelang auf der Deutschen Bucht stand, wenn eine besondere Sonne-Erde-Mond-Konstellation dazu noch eine Springtide mit extremeren Gezeiten brachte und schlie\u00dflich Tau- oder Regenwasser der gro\u00dfen Fl\u00fcsse Rhein, Weser und Elbe den Meeresspiegel beeinflusste, konnte eine Sturmflut kommen \u2013 der sogenannte \u201eBlanke Hans\u201c zur Bedrohung werden. Dann kam es darauf an, ob die vom Menschen geschaffenen Deiche und Wurten hoch genug waren, ob die Schutzbauwerke wie Siele, Schleusen und H\u00e4fen in einem guten Zustand waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bau und Unterhalt der Deiche war zun\u00e4chst Pflicht der Anwohner, dann kommunale Aufgabe der K\u00fcstengemeinden Frieslands. Das friesische Land mit seiner Herrschaft in der Hand von Gleichen tat sich lange schwer mit der Akzeptanz des Adels, der sonst in Europa das Zepter f\u00fchrte. Doch gerade in Krisensituationen \u00fcbernahmen dann eben doch herausragende Adlige den Deichbau. Im 14. Jahrhundert entstand auch in den meisten K\u00fcstenl\u00e4ndern ein Adel, der oftmals seine bis dahin verbotenen Burgen auf neu-, also selbst eingedeichtem Land baute.<\/p>\n\n\n\n<p>Zahlreiche Sturmfluten \u00fcberzogen im Verlauf des Mittelalters das Land an der Deutschen Bucht. \u00dcber die meisten wissen wir nichts, weil kein Chronist Zeit und Gelegenheit fand, diese Katastrophen zu protokollieren. Meist kennt man nur die Daten, an den Heiligen des christlichen Kalenders orientiert \u2013 so beispielsweise auch bei der \u201eZweiten Marcellusflut\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1362 \u2013 die \u201eGrote Mandr\u00e4nke\u201c im Klimawandel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"762\" height=\"1000\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Nordfriesland_um_1240_kleiner-fuer-Web.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7618\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Nordfriesland_um_1240_kleiner-fuer-Web.jpg 762w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Nordfriesland_um_1240_kleiner-fuer-Web-229x300.jpg 229w\" sizes=\"auto, (max-width: 762px) 100vw, 762px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><br>Rekonstruierter K\u00fcstenverlauf in Nordfriesland vor der Marcellusflut von 1362. Die roten Linien geben den heutigen K\u00fcstenverlauf an, wie er vor allem nach dieser Flut entstanden war. (aus wikipedia: gemeinfrei)<br><br><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Am 15. Januar 1362, dem Tag des heiligen Papstes Marcellus, lief an der gesamten s\u00fcdlichen Nordseek\u00fcste eine Sturmflut auf, die verheerende Folgen haben sollte. Auch hier gibt es wenig Nachrichten, doch verdichtet sich die Quellenlage. Die \u201eZweite Marcellusflut\u201c genannte Katastrophe \u2013 die \u201eErste Marcellusflut\u201c hatte sich am selben Kalendertag des Jahres 1219 ereignet &#8211; ver\u00e4nderte die K\u00fcstenlinie nachhaltig. Inseln wurden zerst\u00f6rt, geteilt oder geschaffen und gro\u00dfe Landstriche des Festlands gingen \u00fcber Nacht verloren. In Ostfriesland wurden die Buchten Dollart, Leybucht, Harlebucht und Jadebusen entscheidend vergr\u00f6\u00dfert, in Schleswig-Holstein ging die bisherige K\u00fcstenlinie vollst\u00e4ndig verloren, die Halligen entstanden. Sch\u00e4tzungen gehen von bis zu 100.000 Toten aus. Die bis heute mythische Stadt Rungholt verschwand von der Bildfl\u00e4che. Sicher ist, dass 30 D\u00f6rfer in einer Nacht vernichtet wurden, infolge der Sturmflut durch die zerst\u00f6rten Deiche insgesamt 44 D\u00f6rfer. Viele andere wurden f\u00fcr viele Jahre von der Umgebung abgeschnitten und wurden zu Inseln. Dieser epochalen Bedeutung ist es geschuldet, dass die Marcellusflut ihren Beinamen \u201eDe grote Mandr\u00e4nke\u201c bis heute behalten hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Katastrophe war der Natur und dem Menschen geschuldet. Jahrzehnte waren seit der Schlie\u00dfung der Deichlinie vergangen. In der Zwischenzeit war der Meerespegel gestiegen, vermutlich um mehrere Dezimeter. Vor allem liefen die Fluten als Folge des Deichbaus jetzt h\u00f6her auf, weil das Wasser weniger Platz fand. Das eingedeichte Land dagegen war nach Austrocknung und Erosion eingesunken. In manchen Gegenden wurden die Moore hinter dem Deich zur Gewinnung von Brennstoff abgetorft &#8211; eine \u00f6kologische Untat, die nach Meereseinbr\u00fcchen zu tiefen, schwarzfarbenen Gew\u00e4ssern f\u00fchrten, wie dem \u201eSchwarzen Brack\u201c s\u00fcdwestlich von Wilhelmshaven. Und schlie\u00dflich war es die Gro\u00dfe Pest, die ab 1348 die \u00fcberlebenden Menschen dazu verf\u00fchrte, den Deichbau zu vernachl\u00e4ssigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Waren bis dahin nur die ohnehin bewirtschafteten L\u00e4ndereien umdeicht worden, so \u00e4nderte sich jetzt die Strategie. \u00dcberall an der K\u00fcste ging man nach der Katastrophe der \u201eGroten Mandr\u00e4nke\u201c dazu \u00fcber, offensiv Neuland einzudeichen, um sich das Verlorene zur\u00fcckzuholen. Mit der Entstehung des fr\u00fchmodernen Territorialstaates seit der Reformation traten die neuen lokalen Adeligen in die Rolle des Deichbauers ein. Deichbau wurde eine herrschaftliche Aufgabe, die genossenschaftlichen Friesen waren nur noch Tagel\u00f6hner. Die neu gewonnenen Marschl\u00e4nder werden \u201eKoog\u201c in Nordfriesland, analog dazu \u201eGroden\u201c und \u201ePolder\u201c in Ostfriesland genannt. Ihre Beinamen aus der Nomenklatur der F\u00fcrsten und Prinzessinnen verraten, wer hierbei das Sagen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn die Menschheit Krieg f\u00fchrt \u2013 die Weihnachtsbescherung 1717<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"869\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/NN002282_kleiner-fuer-Web.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7619\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/NN002282_kleiner-fuer-Web.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/NN002282_kleiner-fuer-Web-300x261.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/NN002282_kleiner-fuer-Web-768x667.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Homanns Karte aus der Sammlung des DHM ist eine der ersten, die das Vordringen des Wassers tief ins Hinterland genau zeigt. Homann hat die Karte auch sp\u00e4ter noch in einem Atlas verwendet und so zur Verbreitung beigetragen. Johann Baptist Homann: Grosser Atlas Uber die Gantze Welt &#8230;, N\u00fcrnberg: Homann, 1726 (Berlin, DHM, Bibliothek, B 52\/3476, Nr. 228)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Weihnachtsflut des Jahres 1717 ist nicht nur eine der schwersten Sturmfluten \u00fcberhaupt, sondern ist im Gegensatz zu fr\u00fcheren Sturmfluten in Schriftquellen und sogar im Bild gut fassbar. Die abgebildete Karte aus der Sammlung des DHM gab der N\u00fcrnberger Kartograph Johann Baptist Homann heraus. An der detailgetreuen und verl\u00e4sslichen Karte von Norddeutschland l\u00e4sst sich das Vordringen der Wassermassen gut ablesen. Die Karte gibt au\u00dferdem einen Bericht der Flut und zeigt auf einem Ausschnitt am unteren Rand, wie durch eindringende Wassermassen Geb\u00e4ude \u00fcberflutet werden und D\u00e4mme brechen. Im Gegensatz zu der \u201eZweiten Marcellusflut\u201c werden die Ereignisse nicht nur durch pers\u00f6nliche, meist m\u00fcndliche \u00dcberlieferungen berichten, sondern man kann sich nun auch auf eine detailgetreue Schilderung auf der Karte verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer l\u00e4ngeren S\u00fcdwestwetterlage erfasste am 24. Dezember 1717 ein nordatlantisches Orkantief aus Nordwest die K\u00fcsten der Niederlande und Deutschlands. Nachdem der Wind gegen Abend zur\u00fcckgegangen war, frischte er gegen Mitternacht noch einmal auf. Die Flut \u00fcberraschte die Menschen im Schlaf. Bis weit ins Hinterland, bis an den Geestrand der Marschen str\u00f6mten die Fluten. Schiffe segelten und strandeten dort, wo sie nichts zu suchen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als das Wasser nach drei Tagen wieder abfloss, hielten sich die Landverluste in Grenzen. Aber allein an der deutschen Nordseek\u00fcste starben 9.000 Menschen, in den benachbarten Niederlanden noch mal 2.500. Das Statistik affine Zeitalter des Merkantilismus listete genau auf, was sonst noch verloren gegangen war: 2.300 Pferde, 9.500 Rinder, 2.800 Schafe und 1.800 Schweine. Allein in Ostfriesland waren 900 H\u00e4user ganz weggesp\u00fclt und 1.800 besch\u00e4digt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die schlimmste Folge aber waren erneute Fluten im folgenden Jahr, die das Land erneut unter Wasser setzten, weil die ersch\u00f6pfte Bev\u00f6lkerung die Deiche nicht wieder schlie\u00dfen konnte. So versalzten die B\u00f6den und das gerettete Vieh konnte nicht mehr ern\u00e4hrt werden. Krankheiten brachen aus, die besser davongekommenen Bauern kauften den anderen das Land zu Schleuderpreisen ab, eine Besitzkonzentration war die Folge, ein Teil der Bev\u00f6lkerung wanderte trotz Verbots aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum war das 1717 passiert? Am Klimawandel lag es nicht, inzwischen war man in der \u201eKleinen Eiszeit\u201c, der Meerespegel war wieder gesunken. Aber etwas Anderes hatte zur Vernachl\u00e4ssigung der Deiche gef\u00fchrt. Die Republik der Niederlande hatte sich im Spanischen Erbfolgekrieg, der von 1701 bis 1713 weltweit gef\u00fchrt wurde, als F\u00fchrungsmacht verausgabt. In der benachbarten Grafschaft Ostfriesland lagen F\u00fcrst und St\u00e4nde seit Jahrzehnten im gewaltt\u00e4tigen Streit um Standesrechte und f\u00fcrstlichem Absolutismus. In der Grafschaft Oldenburg war das angestammte Herrscherhaus nach D\u00e4nemark gewechselt und lie\u00df das Land von landfremden Beamten regieren, deren Engagement und Durchsetzungsf\u00e4higkeit f\u00fcr landesherrliche Gro\u00dfprojekt wie den Deichbau nicht ausreichte. So verlor der Oldenburger Landesteil Butjadingen 30% seiner Bev\u00f6lkerung durch die Flut. Schlie\u00dflich tobte in Nordeuropa von 1700 bis 1721 der gro\u00dfe Nordische Krieg zwischen Russland, Sachsen-Polen und D\u00e4nemark-Norwegen auf der einen gegen Schweden auf der anderen Seite. So waren unmittelbar vor der Weihnachtsflut das schwedische Herzogtum Bremen-Verden und das d\u00e4nische Schleswig-Holstein Kriegsschauplatz gewesen. Bau und Unterhalt der Deiche war inzwischen allein Aufgabe des F\u00fcrstenstaates, der die Kommunen ausgebootet und die Bev\u00f6lkerung direkt zu Abgaben gezwungen hatte. Aber wer k\u00e4mpft gegen das Meer, wenn die F\u00fcrsten Kriege gegeneinander f\u00fchren?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Mann will nach oben \u2013 1962 und der Beginn eines Mythos<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" data-id=\"7620\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dankmedaille-HH_O-99_6-Rs-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7620\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dankmedaille-HH_O-99_6-Rs-768x1024.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dankmedaille-HH_O-99_6-Rs-225x300.jpg 225w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dankmedaille-HH_O-99_6-Rs-1152x1536.jpg 1152w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dankmedaille-HH_O-99_6-Rs-1536x2048.jpg 1536w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dankmedaille-HH_O-99_6-Rs-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" data-id=\"7621\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dankmedaille-HH_O-99_6-VS-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7621\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dankmedaille-HH_O-99_6-VS-768x1024.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dankmedaille-HH_O-99_6-VS-225x300.jpg 225w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dankmedaille-HH_O-99_6-VS-1152x1536.jpg 1152w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dankmedaille-HH_O-99_6-VS-1536x2048.jpg 1536w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Dankmedaille-HH_O-99_6-VS-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Sturmflutmedaille 1962 \u2013 Hamburgische Dankmedaille (DHM, Inv.Nr. O 99\/6)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Sturmflutgedenkmedaillen erschienen in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg. Sie wurden an Helfer verliehen. Die Freie- und Hansestadt Hamburg aber verleiht ihren B\u00fcrger*innen keine Orden- und Ehrenzeichen, wohl aber Dankmedaillen an ausw\u00e4rtige Helfer*innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das 20. Jahrhundert sah aufgrund technischen Fortschritts Naturkatastrophen als \u00fcberwunden an. Dass aber auch heute noch Sturmfluten an der Nordsee Auswirkungen haben, wird an der Sturmflut vom 16. und 17. Februar 1962, die in der traditionell benannten Reihe den Namen Zweite Julianenflut bekam, deutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Wochen hatten st\u00fcrmische Wetterlagen das Wasser in die Deutsche Bucht wie in einen Trichter gedr\u00fcckt, so dass das Hochwasser nicht mehr abflie\u00dfen konnte, am 15. Februar schwoll der Sturm zum Orkan an und drehte auf westliche Richtung. Dazu regnete es. In Deutschland waren die r\u00fcckw\u00e4rtigen Flussmarschen, besonders die der Freien und Hansestadt Hamburg betroffen. Sie war im Zweiten Weltkrieg Ziel verheerender alliierter Bombenangriffe gewesen. Die dabei getroffenen Deiche waren zumeist nur provisorisch mit Tr\u00fcmmerschutt ausgebessert worden, ein Teil der Bev\u00f6lkerung lebte noch immer in wackeligen Behelfsheimen, die schnell in Gr\u00fcnanlagen und Gartenkolonien errichtet worden waren und gegen Wasser erst recht keinen Schutz boten, deren D\u00e4cher nicht einmal als Plattformen f\u00fcr Evakuierungen taugten. Teilweise wurden Deiche g\u00e4rtnerisch genutzt, waren also ohne Grasnarbe der Untersp\u00fclung schutzlos preisgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Millionenstadt Hamburg war die im Zweiten Weltkrieg erprobte, milit\u00e4risch strukturierte Katastrophenabwehr nach 1945 aufgel\u00f6st worden. W\u00e4hrend es in anderen, kleinteilig aufgebauten Regionen Norddeutschlands in Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein gelang, rasch mit Hilfe der amerikanischen und britischen Besatzungstruppen sowie der Bundeswehr Abhilfe zu schaffen, versank Hamburg nicht nur im Wasser, sondern auch im Chaos. Das Fernsehen weigerte sich zun\u00e4chst, eine Sturmflutwarnung zu \u00fcbertragen, um eine beliebte TV-Serie nicht zu unterbrechen. Der B\u00fcrgermeister war im Urlaub, wichtige Funktionstr\u00e4ger zuhause.<\/p>\n\n\n\n<p>So konnte es dazu kommen, dass in Hamburg an mehr als 60 Stellen die Deiche brachen und 120 km\u00b2 der Hansestadt unter Wasser standen. Es gab 315 Tote und 20.000 Obdachlose, sp\u00e4ter z\u00e4hlte man Tausende von toten Rindern, Schweinen und H\u00fchnern, der Sachschaden belief sich auf etwa eine Dreiviertelmilliarde Mark.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sache w\u00e4re noch schlimmer gekommen, wenn sich nicht der Hamburger Innensenator in sein B\u00fcro begeben und einen Krisenstab aufgebaut h\u00e4tte. Es war der Sozialdemokrat Helmut Schmidt, der in der erlernten Attitude des Wehrmachtsoffiziers ohne verfassungsm\u00e4\u00dfige Grundlage, sich auf die Notlage berufend gehandelt und Hilfsorganisationen und Milit\u00e4r an sich gezogen hatte. Er kannte als Innensenator die Polizei- und Katastrophenbeh\u00f6rden, als Verteidigungsexperte die Generalit\u00e4t und lie\u00df sie antreten. Freilich schuf er dabei einen Mythos, denn in den anderen Regionen der Flut war das, was er in Hamburg wortgewaltig aufbaute, schon l\u00e4ngst still geschehen. Sein Handeln rehabilitierte nicht nur den tatkr\u00e4ftig eingreifenden Wehrmachtsoffizier. Eine Dankmedaille wie die ausw\u00e4rtigen Helfer hat Helmut Schmidt als Hamburger nicht erhalten. Aber der in Hamburg 1962 von ihm selbst geschaffene \u201eSchmidt-Mythos\u201c brachte ihn 1974 ins Bonner Kanzleramt und sp\u00e4ter in die Herzen der West- und auch der Ostdeutschen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Region an der Deutschen Bucht ist durch ihre Geographie eines der am st\u00e4rksten von Sturmfluten bedrohten Gebiete weltweit. Im Verlauf der Jahrhunderte, ob in ausgesprochenen Warmzeiten oder in K\u00e4lteperioden, hat die See Landverluste verursacht oder soziale, wirtschaftliche und politischen Entwicklungen beeinflusst. Nur konsequenter Deichbau verspricht Schutz vor \u00dcberraschungen durch die Elemente. Der durch Wind und andere nat\u00fcrliche Ph\u00e4nomene ausgel\u00f6ste tempor\u00e4re Anstieg des Meeresspiegels, die Sturmflut selbst, konnte durch Menschen bisher nicht beeinflusst werden. Das scheint sich durch einen aktuellen Klimawandel zu \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7633 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Lueken_09_\u00a9Bruns.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"225\"><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a9 DHM\/Thomas Bruns<\/p>\n<\/td>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Dr. Sven L\u00fcken<\/h4>\n<p style=\"color: #000000; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Dr. Sven L\u00fcken ist Sammlungsleiter Militaria, beinhaltend Waffen, R\u00fcstungen und Milit\u00e4risches Ger\u00e4t, am Deutschen Historischen Museum.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Sturmfluten an der Nordsee<span><\/h2>\n<p>Ein Blick in die Sammlungen des Deutschen Historischen Museums zeigt die gro\u00dfe Vielfalt an Objekten, die im Bezug zu verschiedenen Epochen und Themen deutscher Geschichte stehen. Sie erz\u00e4hlen Geschichten von zur\u00fcckliegenden oder aktuellen Lebenswelten, von ber\u00fchmten und eher unbekannten Personen und Ereignissen. In unserer neuen Blogserie #Umweltsammeln stellen wir die Vielfalt unserer Sammlungsobjekte zum Themenfeld \u201eUmwelt\u201c vor. Dabei er\u00f6ffnen \u00fcberraschende Fragestellungen der Sammlungsleiter*innen neue Perspektiven auf historische Objekte und oftmals erstaunliche Parallelen zu heutigen Fragestellungen.<br \/>\nDr. Sven L\u00fcken, Leiter der Militaria-Sammlung, nimmt eine der ersten Karten aus der DHM-Sammlung, auf der die Landver\u00e4nderungen durch Sturmfluten dargestellt werden, zum Anlass, schlaglichtartig die Wahrnehmung katastrophaler Sturmfluten in ihrer Geschichte vom Mittelalter bis in heutige Zeiten zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":7622,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[214,973,199,2829],"class_list":["post-7616","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten-aktuell","tag-geschichte","tag-mittelalter","tag-sammlung","tag-umweltsammeln-de"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7616","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7616"}],"version-history":[{"count":5,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7616\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8783,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7616\/revisions\/8783"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7622"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7616"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7616"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7616"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}