
{"id":7719,"date":"2023-09-27T11:18:23","date_gmt":"2023-09-27T09:18:23","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=7719"},"modified":"2023-09-27T11:18:25","modified_gmt":"2023-09-27T09:18:25","slug":"der-lyriker-und-musiker-wolf-biermann","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2023\/09\/27\/der-lyriker-und-musiker-wolf-biermann\/","title":{"rendered":"Der Lyriker und Musiker Wolf Biermann"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Der Lyriker und Musiker Wolf Biermann<\/h1>\n\n\n\n<p>Monika Boll | 27. September 2023<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Architektur der Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/wolf-biermann-ein-lyriker-und-liedermacher-in-deutschland\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/wolf-biermann-ein-lyriker-und-liedermacher-in-deutschland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eWolf Biermann. Ein Lyriker und Liedermacher in Deutschland\u201d<\/a> ist angelehnt an den Corpus einer Gitarre. Die Medieninstallation der Ausstellung beleuchtet Lieder, Gedichte und Balladen im Spiegel der Kunstkritik. Kuratorin Monika Boll r\u00fcckt den Lyriker und Liedermacher ins Zentrum und stellt sein k\u00fcnstlerisches Werk in diesem Beitrag vor.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Betritt man den Innenraum der Ausstellung, dessen konkav- und konvexgeschwungene W\u00e4nde an einen Gitarrenkorpus erinnern, dann befindet sich dort, wo bei der Gitarre das Schallloch ist, eine gro\u00dfe Medieninstallation. Diese Installation entstand aus der Idee heraus, Biermann hier gezielt als K\u00fcnstler in den Mittelpunkt stellen. Denn in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung steht zumeist das Politische des Liedermachers im Vordergrund. Seltener geht es um die k\u00fcnstlerischen Aspekte seiner Lyrik und Musik. Die Ausstellung wie auch die Publikation haben es sich daher zur Aufgabe gemacht, neben dem Politischen auch die \u00e4sthetische Seite seines k\u00fcnstlerischen Werks genauer zu betrachten. So verweist die Literaturwissenschaftlerin Hendrikje Schauer in der Publikation zur Ausstellung darauf, dass Wolf Biermanns erste Gedichtsammlung \u201eDie Drahtharfe\u201c, die 1965 im Wagenbach Verlag in West-Berlin erschien, lange Zeit der meistverkaufte Lyrikband nach 1945 war. Sehr fr\u00fch schon, so Schauer, w\u00fcrden hier Biermanns Referenzen an Fran\u00e7ois Villon, Heinrich Heine und Bertolt Brecht sichtbar. Dabei entstehe mit der Spannung aus dissidentem <em>Ich<\/em> und kollektivem <em>Wir<\/em> eine ganz eigene Tonlage, mit der Biermann selbstbewusst seinen Platz in der deutschsprachigen Lyrik nach 1945 einfordere.<sup>1<\/sup> Die Musikwissenschaftlerin Sabine Sanio stellt hingegen den Musiker Biermann ins Zentrum. Ihr Essay tariert N\u00e4he und Distanz zur Tradition des romantischen Kunstliedes und des franz\u00f6sischen Chansons aus und fragt nach Biermanns musikalischem Verh\u00e4ltnis zum Komponisten Hanns Eisler.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/klein_20_Gitarre_Biermanns__Modell_\u201eLa_Caprice__2001__Foto_Eric_Tschernow__c__Wolf___Pamela_Biermann__Hamburg.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7731\" width=\"563\" height=\"750\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/klein_20_Gitarre_Biermanns__Modell_\u201eLa_Caprice__2001__Foto_Eric_Tschernow__c__Wolf___Pamela_Biermann__Hamburg.jpg 750w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/klein_20_Gitarre_Biermanns__Modell_\u201eLa_Caprice__2001__Foto_Eric_Tschernow__c__Wolf___Pamela_Biermann__Hamburg-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 563px) 100vw, 563px\" \/><figcaption>Wolf Biermanns Gitarre<strong>, <\/strong>Modell La Caprice aus der Werkstatt von Curt Claus Voigt, Foto Eric Tschernow 2022<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Die Medieninstallation im Innenraum der Ausstellung r\u00fcckt ebenfalls seine Kunst in den Fokus. Vorgestellt werden 21 Lieder, Gedichte und Balladen aus der Perspektive der Kunstkritik. Die Lieder entstanden zwischen 1962 und 2013 und umfassen fast die gesamte Zeitspanne von Biermanns Schaffen. Sie reichen von der fr\u00fchen \u201eBallade von dem Drainage-Leger Fredi Rohsmeisl aus Buckow\u201c und \u201eDeutschland, ein Winterm\u00e4rchen\u201c \u00fcber \u201eDer Hugenottenfriedhof\u201c, \u201eEnfant perdu\u201c und der \u201eBallade vom preu\u00dfischen Ikarus\u201c bis zu \u201eUm Deutschland ist mir gar nicht bang\u201c und dem Lied \u201eAch, die erste Liebe\u201c in einer gemeinsamen Aufnahme mit Pamela Biermann aus dem Jahr 2013. Eine ebenso weite Zeitspanne spiegeln die Stimmen der Kritik, die von der Schauspielerin Anna Dramski und dem Schauspieler Romanus Fuhrmann in Kooperation mit RBB-Kultur h\u00f6rbar gemacht wurden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>So etwa die Reaktion des Schriftstellers Stephan Hermlin infolge des Eklats um Biermanns Gedicht \u201eAn die alten Genossen\u201c. Unter Hermlins Leitung hatte 1962 in der Akademie der K\u00fcnste die Veranstaltung \u201eJunge Lyrik\u201c stattgefunden. Die zun\u00e4chst offene Debatte um das Gedicht Biermanns und um die Literaturpolitik der Zeitung Neues Deutschland eskalierte zum Skandal, in dessen Folge Hermlin seinen Akademie-Posten verlor. In einer Erkl\u00e4rung bat Hermlin die Partei (SED) anschlie\u00dfend, Biermann mit R\u00fccksicht auf sein gro\u00dfes Talent nicht fallen zu lassen. Eine Art vorsorgliche Inschutznahme, die Biermann jedoch nicht vor dem sp\u00e4teren Auftrittsverbot in der DDR bewahrte. Eine nicht politische, sondern \u00e4sthetische Auseinandersetzung mit Biermanns Werk fand dann auch vornehmlich im Westen statt. Fr\u00fch schon annoncierte der Kulturredakteur Dieter E. Zimmer Biermann in der ZEIT als einen der \u201evitalsten und begabtesten Dichter dieser Jahre\u201c. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sprach von \u201eder \u00fcberzeugenden Anschaulichkeit\u201c der Biermannschen Lyrik und pries die Ballade vom preu\u00dfischen Ikarus als eines \u201eseiner sch\u00f6nsten Gedichte\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Musikredakteur Hans-Klaus Jungheinrich widmete sich dem S\u00e4nger mit seiner \u201erauen, kr\u00e4chzenden, gleichsam versoffenen, dennoch an Schattierungen unendlich reichen Stimme\u201c und feierte sein Lied \u201eEnfant perdu\u201c als \u201eimponierendes, best\u00fcrzendes musikalisches Theater\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch kritische Stimmen sind in der Medieninstallation h\u00f6rbar. So die Journalisten Sybille Plogstedt, die Biermanns Lyrik als \u201esexistisch und zotig\u201c verrei\u00dft oder der Lyriker Peter R\u00fchmkorf, der nach Erscheinen der LP \u201eLiebeslieder\u201c 1976 f\u00fcrchtete, hier habe sich \u201eein bew\u00e4hrter Protestmann mit seiner eigenen Rolle sehr wohl abgefunden\u201c. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"667\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/klein_dhm_2307_044-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7730\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/klein_dhm_2307_044-1.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/klein_dhm_2307_044-1-300x200.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/klein_dhm_2307_044-1-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption> Einblick in die Ausstellung &#8222;Wolf Biermann. Ein Lyriker und Liedermacher in Deutschland&#8220; mit Blick auf die Medienstation. \u00a9 DHM \/ Thomas Bruns <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich urteilte im Jahr 2000 Steffen Jacobs, der Biermanns \u201erauem Widerstandston (\u2026) nur noch geringes Verst\u00f6rungspotenzial\u201c abh\u00f6ren konnte. Die Musikwissenschaftlerin Sabine Sanio hingegen attestierte 2022 Biermanns Musik \u201eKlangraffinesse\u201c, weil sie sich dem sch\u00f6nen Klang und der reinen Textillustration bewusst verweigere.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Biermanns Musik geh\u00f6rt auch seine Leidenschaft f\u00fcr sch\u00f6ne und besondere Musikinstrumente. Im Innenraum der Ausstellung, dort wo sich bei der Gitarre der Steg befindet, stehen drei Instrumente aus seiner privaten Sammlung: ein Harmonium, dass er bereits in seiner Wohnung in der Chausseestra\u00dfe nutzte, eine deutsche Drehleier vom Instrumentenbauer Hans Z\u00f6lch und eine von Biermanns Gitarren, Modell La Caprice aus der Werkstatt von Curt Claus Voigt. Als Kostprobe zu seinem Spiel auf dem Harmonium h\u00f6re man auf der Medieninstallation \u201eDas kleine Lied von den bleibenden Werten\u201c. Und als Kostprobe zur Drehleier sei unbedingt \u201eIn China hinter der Mauer\u201c empfohlen. Biermanns Gitarrenspiel aber muss nicht extra genannt werden, es ist in der Ausstellung allgegenw\u00e4rtig. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"667\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/klein_dhm_2307_062.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7732\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/klein_dhm_2307_062.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/klein_dhm_2307_062-300x200.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/klein_dhm_2307_062-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption>Einblick in die Ausstellung &#8222;Wolf Biermann. Ein Lyriker und Liedermacher in Deutschland&#8220; mit Blick auf die Vitrine, die Instrumente von Wolf Biermann zeigt. \u00a9 DHM \/ Thomas Bruns<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><sup>1<\/sup> Hendrikje Schauer: Der Sound der Drahtharfe, in: Wolf Biermann. Ein Lyriker und Liedermacher in Deutschland, Hg. Dorlis Blume, Monika Boll, Raphael Gross, Berlin 2023, S. 78ff.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n<table style=\"height: 291px;\" border=\"0\" width=\"840\">\n<tbody>\n<tr>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-7446 \" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Teaser-1-sp_Blog.jpg\" alt=\"\" width=\"714\" height=\"952\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Teaser-1-sp_Blog.jpg 290w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Teaser-1-sp_Blog-224x300.jpg 224w\" sizes=\"auto, (max-width: 714px) 100vw, 714px\" \/><\/p>\n<\/td>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Monika Boll<\/h4>\n<p style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Monika Boll ist Philosophin und Kuratorin. Sie kuratierte Ausstellungen an verschiedenen Museen u.a. zur Frankfurter Schule, zu Marcel Reich-Ranicki und Fritz Bauer. F\u00fcr das Deutsche Historische Museum Berlin kuratierte Monika Boll bereits 2020 die Ausstellung \u201eHannah Arendt und das 20. Jahrhundert\u201d.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Der Musiker und Lyriker Wolf Biermann<span><\/h2>\n<p>Die Architektur der Ausstellung \u201eWolf Biermann. Ein Lyriker und Liedermacher in Deutschland\u201d ist angelehnt an den Corpus einer Gitarre. Die Medieninstallation der Ausstellung beleuchtet Lieder, Gedichte und Balladen im Spiegel der Kunstkritik. 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