
{"id":7897,"date":"2023-11-14T13:33:30","date_gmt":"2023-11-14T12:33:30","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=7897"},"modified":"2024-05-15T17:25:18","modified_gmt":"2024-05-15T15:25:18","slug":"stickerei-als-medium-zur-darstellung-und-ordnung-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2023\/11\/14\/stickerei-als-medium-zur-darstellung-und-ordnung-der-welt\/","title":{"rendered":"Stickerei als Medium zur Darstellung und Ordnung der Welt"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Stickerei als Medium zur Darstellung und Ordnung der Welt<\/h1>\n\n\n\n<p>Julia Franke | 15. November 2023<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Blick in die Sammlungen des Deutschen Historischen Museums zeigt die gro\u00dfe Vielfalt an Objekten, die im Bezug zu verschiedenen Epochen und Themen deutscher Geschichte stehen. Sie erz\u00e4hlen Geschichten von zur\u00fcckliegenden oder aktuellen Lebenswelten, von ber\u00fchmten und eher unbekannten Personen und Ereignissen. In unserer neuen Blogserie<a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/blog\/tag\/umweltsammeln-de\/\"> #Umweltsammeln<\/a> stellen wir die Vielfalt unserer Sammlungsobjekte zum Themenfeld \u201eUmwelt\u201c vor. Dabei er\u00f6ffnen \u00fcberraschende Fragestellungen der Sammlungsleiter*innen neue Perspektiven auf historische Objekte und oftmals erstaunliche Parallelen zu heutigen Fragestellungen.<\/strong> <strong> <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Julia Franke, als Sammlungsleiterin u.a. f\u00fcr die zivilen Textilien zust\u00e4ndig, betrachtet ein Stickbild, das Natur nach Ordnungsprinzipien der Aufkl\u00e4rung darstellt \u2013 und dabei liebliche Blumengirlanden mit einem Vulkanausbruch kombiniert. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Stickbild wirkt auf den ersten Blick anmutig und fr\u00f6hlich mit den kleinformatigen Tieren und farbenfrohen Blumen und Federn, aber eine ordnende, ja systematisierende Hand hat der in vielf\u00e4ltigen Erscheinungsformen auftretenden Natur Einhalt geboten. Naturalistisch wie wertsch\u00e4tzend pr\u00e4sentiert das Stickbild eine weitgehend einheimische Vielfalt von Flora und Fauna. Unterhalb einer Reihe mit gesticktem Alphabet und dem mutma\u00dflichen Entstehungsdatum (12. M\u00e4rz 1801) gruppieren sich Tiere verschiedener Gattungen \u2013 S\u00e4ugetiere, V\u00f6gel, Insekten \u2013 und unterschiedliche Szenerien idealtypischer Landschaftsg\u00e4rten. Zentrales Motiv, sogar mit einer feinen Schleife verziert, ist die Darstellung eines rauchenden Vulkans, wohl des Vesuvs. Damit ist ebenso ein bedrohliches Naturph\u00e4nomen wie ein Vulkanausbruch Teil des Bildprogramms der Stickerei. Anschlie\u00dfend folgt eine Reihe von mehr als 20 Feder-Darstellungen. Die untere H\u00e4lfte des Stickbildes bestimmen Darstellungen von Pflanzen \u2013 Blumenmotive in Form von Str\u00e4u\u00dfen und Girlanden \u2013 die Blumengebinde der oberen Reihe rechts werden zudem von Raupen beziehungsweise einem Falter \u201ebesucht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"919\" height=\"875\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Reg-301_kleiner-fuer-Web-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7911\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Reg-301_kleiner-fuer-Web-1.jpg 919w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Reg-301_kleiner-fuer-Web-1-300x286.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Reg-301_kleiner-fuer-Web-1-768x731.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 919px) 100vw, 919px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Stickbild mit ABC und naturkundlichen Motiven, 1801 aus der Sammlung des DHM \u00a9 DHM<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Repr\u00e4sentative Nadelmalerei<\/strong> <br><br>Im 18. Jahrhundert wurden diese kunstvollen Handarbeiten f\u00fcr die Raumausstattung sowie f\u00fcr Kleidung und Accessoires angefertigt. Die aufwendigen Verzierungen sollten den jeweiligen Gegenst\u00e4nden einen h\u00f6heren Repr\u00e4sentationswert verleihen. Dieses auf Seide gestickte Bild zeichnet sich durch die im 18. Jahrhundert aufkommende feine Nuancierung der Farben aus. Durch die Plattstichmuster wirken die Farbverl\u00e4ufe bzw. Farbschattierungen der Garne sehr weich. Insbesondere bei den Darstellungen der Federn wie der Pflanzenmotive wird nachvollziehbar, warum diese Technik auch Nadelmalerei genannt wird. <br><br>Ausgef\u00fchrt wurden die Stickereien nicht nur in kommerziell arbeitenden Werkst\u00e4tten und Ateliers oder in Kl\u00f6stern, sondern ebenso in privaten Haushalten. In b\u00fcrgerlichen wie adeligen Kreisen galt insbesondere die Seidenstickerei als eine anerkannte Besch\u00e4ftigung f\u00fcr Frauen und M\u00e4dchen. Die einzelnen Motive und Muster wurden in der Regel anhand von \u00fcberlieferten T\u00fcchern tradiert. Seit dem 16. Jahrhundert sind in Deutschland aber auch sogenannte Modelb\u00fccher bekannt, die Vorlagen in Form eines Holzschnitts einschlossen. Im 18. Jahrhundert kamen richtige Musterb\u00fccher auf den Markt, die Kupferstiche enthielten, mittels derer sich die Stickerinnen f\u00fcr die Verzierung von T\u00fcchern und Bez\u00fcgen, von Sch\u00fcrzen, Kleiderkanten und Hauben inspirieren lassen konnten.<sup>1<\/sup> Stickbilder wurden im sp\u00e4ten 18. Jahrhundert und dann vor allem im 19. Jahrhundert gerahmt an die Wand geh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Naturkundliches Wissen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht ein wie im Kontext von Stickmustert\u00fcchern h\u00e4ufig verwendetes christliches Bildprogramm ist Thema und Inhalt dieses Stickbildes. Die pr\u00e4zise und sorgf\u00e4ltige Stickerei verweist in ihrer beinahe zoologischen Genauigkeit vielmehr auf ein Wissen \u00fcber die Natur und den Wunsch danach, diese m\u00f6glichst detailgenau nachzuempfinden. V\u00f6gel wie Stein- und Seeadler, Reiher, Birkhuhn und Storch finden sich unter den Tierdarstellungen ebenso wie B\u00e4r, Kuh, Hirsch, Hund, Katze, Eichh\u00f6rnchen, Schaf und Ziege oder Insekten wie Mai- und Hirschk\u00e4fer, Kohlwei\u00dfling und Ameise. Hinter der Auswahl der verschiedenen Motive verbergen sich geistes- und wissenschaftshistorische Prinzipen des 18. Jahrhunderts als Axiome der Aufkl\u00e4rung: Methodische Vorgehensweisen, die auf Rationalit\u00e4t, Empirie und Universalismus gr\u00fcnden, sind hier verkn\u00fcpft mit dem Ordnen der Welt. Die Ordnung der Welt ist eine grundlegende Praxis der Wissenschaften: Lebewesen werden nach bestimmten Merkmalen in Arten, Gattungen, Klassen und andere Kategorien unterschieden. Bereits 1753 war <em>Species Plantarum<\/em> erschienen, auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch <em>das<\/em> Standardwerk zur Beschreibung von Pflanzen von Europas f\u00fchrendem Pflanzensystematiker Carl von Linn\u00e9. Der Gedanke der Klassifizierung findet sich auch auf dem seidenen Stickbild. Die Anordnung der Motive folgt einer Systematisierung, die eine Unterscheidung von Tieren, Pflanzen und menschlichen Ideen und Einfl\u00fcssen vornimmt. Wissen \u00fcber \u201edie Natur\u201c wird und wurde gemacht \u2013 auch anhand der Kulturtechnik des Stickens.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"749\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Reg-301-2_kleiner-fuer-Web.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7912\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Reg-301-2_kleiner-fuer-Web.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Reg-301-2_kleiner-fuer-Web-300x225.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Reg-301-2_kleiner-fuer-Web-768x575.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ein Ausschnitt aus dem Stickbild von 1801 aus der Sammlung des DHM \u00a9 DHM<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Ein Bild von Natur<\/strong> <br><br>Einerseits betrieb die namentlich nicht \u00fcberlieferte Stickerin dieses Bildes eine empirische wie akribische Arbeit an \u201eder Natur\u201c und stand damit in der Tradition der Aufkl\u00e4rung. Zugleich erfolgte die Auswahl der Motive \u2013 insbesondere die der vier Szenerien, die durch Landschaftsg\u00e4rten bzw. pastorale Kulturlandschaften inspiriert waren \u2013 einem Kult des Empfindens der Romantik. Die Tiere und Pflanzen, Blumengirlanden und idyllischen Szenerien wurden auch unmittelbar aufgrund ihrer \u00e4sthetischen wie symbolischen Qualit\u00e4ten wertgesch\u00e4tzt. Unter den gestickten Blumen finden sich etwa Veilchen und Rose, Symbole f\u00fcr Bescheidenheit, Demut bzw. Liebe. Die Formen, Farben und Zartheit ihrer Bl\u00fcten sollten als wahrhaftig und sch\u00f6n genossen werden. Die Landschaftsgarten-Szenen beinhalteten zudem eine politische Dimension: Im Gegensatz zu streng geometrisch angelegten G\u00e4rten des Barocks wurden freiere, vermeintlich \u201enat\u00fcrlichere\u201c Naturdarstellungen \u2013 als Ausdruck einer freieren und harmonischeren Gesellschaftsordnung angesehen. Natur wird hier zwar in ordnende Klassifizierungen eingeteilt, aber gleichzeitig soll sie sich uneingeschr\u00e4nkter entfalten k\u00f6nnen als zuvor. Das \u00e4sthetische Wohlgefallen an den naturkundlichen Motiven verband sich also mit Gef\u00fchlen von Romantik und Freiheit.<br><br>Die Darstellung eines Vulkanausbruchs hebt sich nur scheinbar von den \u00fcbrigen Motiven ab. Denn im Laufe des 18. Jahrhunderts kommt es zu einem ver\u00e4nderten Verst\u00e4ndnis von Naturkatastrophen. Durch ihre beginnende Erforschung k\u00f6nnen die zerst\u00f6rerischen Naturgewalten genauer untersucht und ihre Entstehung besser verstanden werden. Sie werden fortan nicht mehr als blo\u00dfes Zeichen eines z\u00fcrnenden Gottes gedeutet und verlieren zunehmend an Schrecken.<sup>2 <\/sup>Dies geht sogar so weit, dass in ihrer Kraft und Gewalt eine Sch\u00f6nheit und Erhabenheit erkannt wird \u2013 und ein Vulkanausbruch zum Motiv eines Stickbildes wird. <br><br>Der zeitgen\u00f6ssische Anspruch, \u201edie Natur\u201c zu erforschen, ist in diesem Objekt kombiniert mit einer \u00e4sthetischen Darstellung und Vermittlung von Natur bzw. Nat\u00fcrlichkeit. Natur als Wert der Aufkl\u00e4rung und der entstehenden b\u00fcrgerlichen Gesellschaft hingen hiermit also auf Seide gestickt an der Wand.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><sup>1<\/sup> Vgl. Nina Gockerell: Gestrickt, gestickt, gedruckt. Mustert\u00fccher aus vier Jahrhunderten. Weilheim 1978.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>2 <\/sup>Vgl. Christoph Daniel Weber: Vom Gottesgericht zur verh\u00e4ngnisvollen Natur. Darstellung und Bew\u00e4ltigung von Naturkatastrophen im 18. Jahrhundert. Hamburg 2015.<\/p>\n\n\n<table style=\"height: 291px;\" border=\"0\" width=\"840\">\n<tbody>\n<tr>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7923 size-medium\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Julia_Franke_01_klein-fuer-Web-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Julia_Franke_01_klein-fuer-Web-200x300.jpg 200w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Julia_Franke_01_klein-fuer-Web.jpg 667w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/p>\n<\/td>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Julia Franke<\/h4>\n<p>Julia Franke ist Historikerin und im Deutschen Historischen Museum Sammlungsleiterin f\u00fcr Alltagskultur.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Stickerei als Medium zur Darstellung und Ordnung der Welt<span><\/h2>\n<p>Ein Blick in die Sammlungen des Deutschen Historischen Museums zeigt die gro\u00dfe Vielfalt an Objekten, die im Bezug zu verschiedenen Epochen und Themen deutscher Geschichte stehen. 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