
{"id":843,"date":"2017-05-03T17:10:48","date_gmt":"2017-05-03T15:10:48","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=843"},"modified":"2017-05-03T17:10:48","modified_gmt":"2017-05-03T15:10:48","slug":"alternative-fakten-fake-news-und-postfaktische-aussagen","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2017\/05\/03\/alternative-fakten-fake-news-und-postfaktische-aussagen\/","title":{"rendered":"Alternative Fakten, Fake News und postfaktische Aussagen"},"content":{"rendered":"<h1>Alternative Fakten, Fake News und postfaktische Aussagen<\/h1>\n<p><strong>Anfang April debattierte das Europ\u00e4ische Parlament \u00fcber sie, Donald Trump bezeichnet Behauptungen seiner Gegner als solche und auch in Deutschland sind sie nicht mehr aus der \u00f6ffentlichen Debatte wegzudenken: &#8222;Fake News&#8220; und die postfaktischen Aussagen sind ein politisches Kernthema unserer Zeit. Doch &#8222;alternative Fakten&#8220;, wie Kellyanne Conway, die Beraterin Donald Trumps ihre nachweislich falschen Aussagen zur Besucheranzahl bei Trumps Inauguration nannte, sind keine Erfindung unserer Zeit.<\/strong><\/p>\n<h3>Fake News vor 100 Jahren: L\u00fcgen-Kampagne gegen j\u00fcdische Soldaten<\/h3>\n<p>In der <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung.html\" target=\"_blank\">Dauerausstellung<\/a> des Deutschen Historischen Museums findet sich ein relativ kleines, fast unscheinbares Flugblatt, das vom Kampf gegen &#8222;alternative Fakten&#8220; erz\u00e4hlt. Mit diesem Flugblatt versuchte der <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/weimarer-republik\/antisemitismus\/reichsbund-juedischer-frontsoldaten.html\" target=\"_blank\">Reichsbund j\u00fcdischer Frontsoldaten<\/a> sich 1919 gegen den Vorwurf zu wehren, die Juden h\u00e4tten sich w\u00e4hrend des <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/erster-weltkrieg\" target=\"_blank\">Ersten Weltkriegs<\/a> vor dem Kriegsdienst gedr\u00fcckt. Obwohl sich viele Juden 1914 freiwillig als Soldaten gemeldet hatten und obwohl insgesamt etwa 100.000 j\u00fcdische Soldaten in der deutschen Armee k\u00e4mpften \u2013 was ungef\u00e4hr ihrem prozentualen Anteil an der Bev\u00f6lkerung entsprach \u2013, war dieses Ger\u00fccht, dass die Juden sich vor dem aktiven Kriegsdienst dr\u00fcckten, schon w\u00e4hrend des Kriegs aufgekommen. 1916 sollte die vom Kriegsministerium angeordnete &#8222;Judenz\u00e4hlung&#8220; die Frage kl\u00e4ren. Doch da die Z\u00e4hlung nur die Juden und keine anderen Religionen betraf, vertiefte sie den <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/erster-weltkrieg\/innenpolitik\/antisemitismus.html\" target=\"_blank\">Antisemitismus<\/a> nur \u2013 insbesondere, da das Ergebnis nie ver\u00f6ffentlicht wurde. Aus den Briefen j\u00fcdischer Soldaten wissen wir, wie tief sie dadurch verletzt wurden. Gerade zu einem Zeitpunkt, als sie sich so akzeptiert und in der deutschen Gesellschaft &#8222;angekommen&#8220; f\u00fchlten wie nie zuvor, wurden sie wieder ausgesondert. Leutnant Julius Marx schrieb dazu 1916: &#8222;Was soll denn dieser Unsinn?! Will man uns zu Soldaten zweiten Ranges degradieren, uns vor der ganzen Armee l\u00e4cherlich machen? [\u2026] Pfui Teufel, daf\u00fcr h\u00e4lt man f\u00fcr sein Land den Sch\u00e4del hin.&#8220;<\/p>\n<h3>Ger\u00fcchte statt Fakten, um von Kriegsniederlagen abzulenken<\/h3>\n<p>Heute k\u00f6nnen wir nachvollziehen, woher das Gef\u00fchl stammt: Trotz aller Anstrengungen und Entbehrungen gewann Deutschland den Krieg nicht. Das Ger\u00fccht lenkte effektiv von den milit\u00e4rischen, organisatorischen und politischen Problemen ab, \u00fcber die nicht offen diskutiert werden durfte. Vereine wie der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/kaiserreich\/antisemitismus\/alldeutsch\/\" target=\"_blank\">&#8222;Alldeutsche Verband&#8220;<\/a> stellten daher die Juden als &#8222;Kriegsgewinnler&#8220; und &#8222;Dr\u00fcckeberger&#8220; dar \u2013 das sollte verhindern, dass die politischen Entscheider des Kaiserreichs in die Kritik gerieten.<\/p>\n<p>Bereits vor 100 Jahren k\u00f6nnen wir also eine ansteigende Welle postfaktischer Argumentation erleben. Keine Seite schien 1917 den Krieg zu gewinnen. An den verschiedenen Fronten gab es auch f\u00fcr das Deutsche Reich keine Siege zu verzeichnen, nur abgewehrte Gegenoffensiven, wie die auf dem Chemin des Dames im April. Ein Ende des Krieges, gar ein Sieg, war nicht in Sicht. Der Frust \u00fcber diese Situation, die Wut \u00fcber Hunger und Entbehrungen h\u00e4tten eigentlich zu politischen Auseinandersetzungen f\u00fchren m\u00fcssen. In Frankreich, das ebenso kriegsm\u00fcde wie Deutschland war, meuterten die Soldaten. In Deutschland nicht. Stattdessen vertieften sich antisemitische Ressentiments.<\/p>\n<h3>Angeblicher &#8222;Neuanfang&#8220;: L\u00fcgen, Hetze und Antisemitismus<\/h3>\n<p>Nach der Niederlage 1918 stieg die antisemitische Stimmung noch weiter an. Der <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/weimarer-republik\/antisemitismus\/schutz-und-trutzbund.html\" target=\"_blank\">&#8222;Deutschv\u00f6lkische Schutz- und Trutzbund&#8220;<\/a> verteilte 1920 \u00fcber sieben Millionen antisemitische Flugbl\u00e4tter. Ziel war es, die neue Demokratie zu sch\u00e4digen. Die deutsche Niederlage wurde nicht als Ergebnis falscher Entscheidungen der Eliten des Kaiserreichs dargestellt, sondern als Schuld der jungen Republik und der Juden gedeutet. Die deutschen Juden versuchten, sich mit Aufkl\u00e4rungskampagnen gegen diese Hetze zu wehren. Auch das Flugblatt in der Ausstellung sollte das erreichen, etwa durch den Verweis auf die 12.000 j\u00fcdischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg f\u00fcr Deutschland gefallen waren.<\/p>\n<p>Doch auch wenn viele wussten, dass es sich um L\u00fcgen handelte, hatte dies keinen Einfluss auf die Wirkung. Ein antisemitisches Ger\u00fccht wirkt nicht, weil es wahr ist, sondern weil es einem bestehenden Gef\u00fchl Ausdruck verleiht. Die Wahrheit kann gegen diese postfaktische Argumentation nicht ankommen. Bezahlt haben daf\u00fcr die deutschen Juden \u2013 viele von ihnen mit ihrem Leben. So wie Paul Stadthagen, einer von vielen j\u00fcdischen Kriegsfreiwilligen, Offizier der Fliegertruppe, dessen Kriegsauszeichnungen das Deutsche Historische Museum bewahrt: Nach Jahren der Ausgrenzung und Diskriminierung unter nationalsozialistischer Herrschaft wurde Paul Stadthagen im September 1942 nach <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/der-zweite-weltkrieg\/voelkermord\/ghetto-theresienstadt.html\" target=\"_blank\">Theresienstadt<\/a> deportiert, wo er im Februar 1943 starb.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Alternative Fakten, Fake News und postfaktische Aussagen<span><\/h2>\n<p>Anfang April debattierte das Europ\u00e4ische Parlament \u00fcber sie, Donald Trump bezeichnet Behauptungen seiner Gegner als solche und auch in Deutschland sind sie nicht mehr aus der \u00f6ffentlichen Debatte wegzudenken: &#8222;Fake News&#8220; und die postfaktischen Aussagen sind ein politisches Kernthema unserer Zeit. 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