
{"id":8583,"date":"2024-04-17T11:11:09","date_gmt":"2024-04-17T09:11:09","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=8583"},"modified":"2024-05-15T17:23:23","modified_gmt":"2024-05-15T15:23:23","slug":"eine-erstaunliche-form-von-gegenoeffentlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2024\/04\/17\/eine-erstaunliche-form-von-gegenoeffentlichkeit\/","title":{"rendered":"Eine erstaunliche Form von Gegen\u00f6ffentlichkeit"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Eine erstaunliche Form von Gegen\u00f6ffentlichkeit <\/h1>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Um-Welt-Plakate aus der DDR von Manfred Butzmann und Martin Hoffmann<\/h2>\n\n\n\n<p>Matthias Struch | 17. April 2024<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Blick in die <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/sammlung\/unsere-sammlung\/\">Sammlungen<\/a> des Deutschen Historischen Museums zeigt die gro\u00dfe Vielfalt an Objekten, die im Bezug zu verschiedenen Epochen und Themen deutscher Geschichte stehen. Sie erz\u00e4hlen Geschichten von zur\u00fcckliegenden oder aktuellen Lebenswelten, von ber\u00fchmten und eher unbekannten Personen und Ereignissen. In unserer neuen Blogserie <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/blog\/tag\/umweltsammeln-de\/\">#Umweltsammeln<\/a> stellen wir die Vielfalt unserer Sammlungsobjekte zum Themenfeld \u201eUmwelt\u201c vor. Dabei er\u00f6ffnen \u00fcberraschende Fragestellungen der Sammlungsleiter*innen neue Perspektiven auf historische Objekte und oftmals erstaunliche Parallelen zu heutigen Fragestellungen. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Umwelt l\u00e4sst sich nicht nur im \u00f6kologischen Sinne verstehen, sondern auch in einer politischen und sozialen Dimension. Dieser Erweiterung des Wortsinns im Rahmen der Auseinandersetzung mit vordergr\u00fcndig \u00f6kologischen Themen widmet sich Matthias Struch, Leiter der Plakatsammlung, in der Betrachtung von besonderer Gebrauchsgrafik in der DDR.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Plakatsammlung des DHM finden sich zahlreiche Arbeiten von Manfred Butzmann (Jg. 1942) und Martin Hoffmann (Jg. 1948), die sich seit den 1970er-Jahren k\u00fcnstlerisch mit dem Thema Umwelt und ihrer Bedrohung und Zerst\u00f6rung auseinandergesetzt haben. \u00d6kologische Fragestellungen wurden darin zumeist auch in ihrer gesellschaftspolitischen oder soziologischen Dimension gesehen. Vor dem DDR-Hintergrund erscheinen sowohl Medium als auch Themensetzung, aber auch Produktion und Ver\u00f6ffentlichung mehr als ungew\u00f6hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Martin Hoffmann fing es mit dem Wasser an. 1974 bewarb sich der angehende Maler und Grafiker mit zwei Entw\u00fcrfen beim Plakatwettbewerb zum Thema \u201eWasser\u201c im Rahmen der Internationalen Plakatbiennale Warschau, der wohl wichtigsten weltweiten Ausstellung f\u00fcr das zeitgen\u00f6ssische Plakat. Aufgewachsen in Halle (Saale), hatte Hoffmann die zunehmende, massive Verschmutzung der Saale durch die Industrie miterlebt, und auch, wie diese zu einem wichtigen Thema in der Stadt wurde. Ein Entwurf des jungen K\u00fcnstlers wurde ausgew\u00e4hlt und war in der Ausstellung in Warschau zu sehen; gedruckt wurde das Plakat jedoch nie. Die Themen \u00d6kologie und Umwelt, auch im weiteren Sinn, sollten Hoffmann fortan nicht mehr verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen weiteren, ebenfalls in Warschau eingereichten Entwurf konnte er 1982 drucken lassen. \u201eDie Pest\u201c lie\u00df an plakativer Deutlichkeit nichts vermissen. Dazu Syn\u00e4sthesie f\u00fcr Eingeweihte: Wer einmal das Starten eines Trabis geh\u00f6rt, gesehen, gerochen hat, wird diese Erfahrung beim Anblick des Plakates abrufen k\u00f6nnen, bis hin zum Zittern des Auspuffs.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"661\" height=\"1000\" data-id=\"8594\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Wasser_kleiner-fuer-Web.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8594\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Wasser_kleiner-fuer-Web.jpg 661w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Wasser_kleiner-fuer-Web-198x300.jpg 198w\" sizes=\"auto, (max-width: 661px) 100vw, 661px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Wasser, Martin Hoffmann, 1979 (Plakatentwurf, Collage)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"555\" height=\"1000\" data-id=\"8593\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Wasser-ist-Leben_klienr-fuer-Web-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8593\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Wasser-ist-Leben_klienr-fuer-Web-2.jpg 555w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Wasser-ist-Leben_klienr-fuer-Web-2-167x300.jpg 167w\" sizes=\"auto, (max-width: 555px) 100vw, 555px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Wasser, Martin Hoffmann, 1979 (Plakatentwurf, Collage)<\/figcaption><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"737\" data-id=\"8597\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Die-Gefaehrten-1024x737.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8597\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Die-Gefaehrten-1024x737.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Die-Gefaehrten-300x216.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Die-Gefaehrten-768x553.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Die-Gefaehrten-1536x1106.jpg 1536w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Die-Gefaehrten-2048x1475.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Gef\u00e4hrten, Martin Hoffmann, 1980<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"732\" data-id=\"8596\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Die-Pest_kleiner-fr-Web.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8596\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Die-Pest_kleiner-fr-Web.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Die-Pest_kleiner-fr-Web-300x220.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Die-Pest_kleiner-fr-Web-768x562.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die Pest, Martin Hoffmann, 1982<\/figcaption><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"445\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Radfahren-ist-einfach-besser_kleiner-fuer-Web-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8610\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Radfahren-ist-einfach-besser_kleiner-fuer-Web-3.jpg 1000w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Radfahren-ist-einfach-besser_kleiner-fuer-Web-3-300x134.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Radfahren-ist-einfach-besser_kleiner-fuer-Web-3-768x342.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Radfahren ist einfach besser, Martin Hoffmann, 1987<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Angeregt durch seinen K\u00fcnstlerfreund Manfred Butzmann hatte sich Martin Hoffmann etwa ab 1980 neben \u00fcberwiegend k\u00fcnstlerisch-grafischen Arbeiten verst\u00e4rkt dem Plakat zugewandt, das in der DDR eigentlich unter der Bezeichnung Gebrauchsgrafik firmierte. Doch Butzmann, Zeichner, Maler und Grafiker in Berlin, hatte dieser Funktionsbeschreibung durch seine Plakate ab Mitte der 1970er eine neue Deutung hinzugef\u00fcgt. Angesichts der auf vielen Ebenen zunehmend erkennbaren Widerspr\u00fcche zwischen Anspruch und Wirklichkeit war die Notwendigkeit von Kommentierung und Kritik offenkundig, wenn auch in der DDR &#8211; au\u00dfer im Sinne der offiziell vorgegebenen Doktrin &#8211; kaum opportun. Dringend gebraucht wurden sie, auch in Form k\u00fcnstlerischer Gebrauchsgrafik.<br><br>Bei Klaus Staeck hatte Butzmann die M\u00f6glichkeiten, auch in den 1970ern mit Plakatkunst gesellschaftspolitisch Relevantes anzusprechen, gesehen. Und so wie Staeck-Plakate einen besonderen Stil erkennen lie\u00dfen, hat auch Butzmann einen eigenen Code entwickelt, der vom Publikum verstanden und goutiert wurde: Meist wurde eine kurze verbale Ansprache mit einer Reihe von Fotografien als visuelle zweite Ebene verbunden. Die enthaltene Kritik musste mehr und minder durch Entschl\u00fcsselung freigelegt werden &#8211; ein in der DDR mit gro\u00dfer Kreativit\u00e4t praktiziertes Verfahren wie auch das Zwischen-den-Zeilen-Lesen oder die Annahme der \u201eOffenheit in der Deutung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-3 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"512\" height=\"626\" data-id=\"8598\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Buerger_Zuschnitt-fuer-Web.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8598\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Buerger_Zuschnitt-fuer-Web.jpg 512w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Buerger_Zuschnitt-fuer-Web-245x300.jpg 245w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">B\u00fcrger sch\u00fctzt Eure Steige!, Manfred Butzmann, 1977<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"869\" height=\"1000\" data-id=\"8600\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Ein-Platz-fuer-Baeume_kleiner-fuer-Web.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8600\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Ein-Platz-fuer-Baeume_kleiner-fuer-Web.jpg 869w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Ein-Platz-fuer-Baeume_kleiner-fuer-Web-261x300.jpg 261w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Ein-Platz-fuer-Baeume_kleiner-fuer-Web-768x884.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 869px) 100vw, 869px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ein Platz f\u00fcr B\u00e4ume, Manfred Butzmann, 1978<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"512\" height=\"666\" data-id=\"8599\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Zum-Beispiel_zuschnitt-fuer-Web.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8599\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Zum-Beispiel_zuschnitt-fuer-Web.jpg 512w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Zum-Beispiel_zuschnitt-fuer-Web-231x300.jpg 231w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Zum Beispiel, Manfred Butzmann, 1981<\/figcaption><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-4 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"813\" height=\"1000\" data-id=\"8602\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Ich-fahre-gern_kleiner-fuer-Web.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8602\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Ich-fahre-gern_kleiner-fuer-Web.jpg 813w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Ich-fahre-gern_kleiner-fuer-Web-244x300.jpg 244w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Ich-fahre-gern_kleiner-fuer-Web-768x945.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 813px) 100vw, 813px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ich fahre gern, Manfred Butzmann, 1994<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"473\" height=\"668\" data-id=\"8601\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Kein-Platz-fuer-Baeume.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8601\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Kein-Platz-fuer-Baeume.jpg 473w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Kein-Platz-fuer-Baeume-212x300.jpg 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 473px) 100vw, 473px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Kein Platz f\u00fcr B\u00e4ume, Manfred Butzmann, 1985<\/figcaption><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n\n<p>Nicht selten waren es vermeintlich kleinere Themen und Sujets, die Butzmann und etwas sp\u00e4ter auch Hoffmann in ihren Plakaten aufgriffen, Dinge und Beobachtungen aus der unmittelbaren Umwelt. Stadtr\u00e4ume, M\u00fcllpl\u00e4tze und B\u00e4ume, Fahrr\u00e4der und Autos. Doch wie h\u00e4ufig spiegelt sich im Einzelnen das Ganze wieder, wird die Dimension des Gro\u00dfen auch im Kleinen erkennbar. In einer Gesellschaft, in der per ideologischem Postulat der Mensch im Mittelpunkt stand, konnte man deren Umgang mit ihm ernst nehmen und daran messen, aber auch umgekehrt, das Agieren des Menschen in der Gesellschaft, seinen Umgang mit seiner Um-Welt.<br><br>Dieser Umgang war und ist immer auch ein Hinweis auf den Zustand und die Verfasstheit einer Gesellschaft, ein Gradmesser f\u00fcr die Wahrnehmung von Verantwortung und Bewusstsein. So erweitert sich bei vordergr\u00fcndigem Blick auf \u00f6kologische Aspekte die Perspektive zwangsl\u00e4ufig. Umwelt wird vor diesem Hintergrund universell, ihr Schutz existentiell. In einer Gesellschaft, in der Kritik an den Verh\u00e4ltnissen im \u00f6ffentlichen Diskurs in der Regel nur bezogen auf die Gegenseite(n) erlaubt gewesen war, stellten die Plakate von Butzmann und Hoffmann eine Form von Gegen\u00f6ffentlichkeit her und lieferten damit nicht nur in \u00e4sthetischer Hinsicht Subversion.<\/p>\n\n\n\n<p>Martin Hoffmann wird nach dem Reaktorunfall im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat am 26. April 1986 und der offiziellen DDR-Propaganda wesentlich direkter und konkreter werden. Ein Jahr sp\u00e4ter gestaltete er den Umschlag f\u00fcr Christa Wolfs Erz\u00e4hlung \u201eSt\u00f6rfall. Nachrichten eines Tages\u201c (Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar (DDR)), einer literarischen Betrachtung der Nuklearkatastrophe.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-5 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"706\" height=\"1000\" data-id=\"8604\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/An-alle-Stromverbraucher-1_kleiner-fr-Web.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8604\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/An-alle-Stromverbraucher-1_kleiner-fr-Web.jpg 706w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/An-alle-Stromverbraucher-1_kleiner-fr-Web-212x300.jpg 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 706px) 100vw, 706px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">An alle Stromverbraucher: Jetzt kennen wir den Preis, Martin Hoffmann, 1986<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"717\" height=\"1000\" data-id=\"8603\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/An-alle-Stromverbraucher2-_kleiner-fuer-Web.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8603\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/An-alle-Stromverbraucher2-_kleiner-fuer-Web.jpg 717w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/An-alle-Stromverbraucher2-_kleiner-fuer-Web-215x300.jpg 215w\" sizes=\"auto, (max-width: 717px) 100vw, 717px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">An alle Stromverbraucher: Was weg ist, ist weg, Martin Hoffmann, 1986<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"722\" height=\"1000\" data-id=\"8605\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Schein-und-Sein_kleiner-fr-Web.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8605\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Schein-und-Sein_kleiner-fr-Web.jpg 722w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Schein-und-Sein_kleiner-fr-Web-217x300.jpg 217w\" sizes=\"auto, (max-width: 722px) 100vw, 722px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Schein und Sein, Martin Hoffmann, 1986<\/figcaption><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n\n<p><br>Eine Besonderheit und im Plakatbereich eher ungew\u00f6hnlich: Butzmann wie auch Hoffmann f\u00fchrten ihre Arbeiten in eigenem Auftrag aus. Selbsterm\u00e4chtigt zur Teilnahme am gesellschaftlichen Diskurs. Eine Form von Selbstverst\u00e4ndnis und Selbstbewusstsein, die sie auch in anderen Zusammenh\u00e4ngen vertraten, nicht nur als K\u00fcnstler, So war Martin Hoffmann 1981 einer der Mitbegr\u00fcnder*innen des Pankower Friedenskreises, einer unter dem Dach der Evangelischen Kirche agierenden oppositionellen Gruppe, die zur Friedens- und Umweltbewegung der DDR geh\u00f6rte. Butzmanns Interventionen wiederum reichten von eigenst\u00e4ndigen Pflanzaktionen (auch diese werden im Plakat festgehalten) bis zu konkreten Auseinandersetzungen mit der Macht, wenn er z.B. Druck- und Ausstellungsverbote mit G\u00fcnter Schabowski, zu dieser Zeit Erster Sekret\u00e4r der SED-Bezirksleitung von Berlin, direkt zu besprechen versuchte.<br><br>Die Sammlungen des DHM beherbergen mit etwa 140 Motiven einen gro\u00dfen Teil des Plakatwerks von Manfred Butzmann von 1973 bis 2000. 2023\/24 konnte das Museum mit etwa 70 Plakaten und Plakatentw\u00fcrfen aus den Jahren 1974 bis 1996 auch das Plakatschaffen von Martin Hoffmann \u00fcbernehmen. Ganz nebenbei bildet sich damit auch eine Arbeitsbeziehung und K\u00fcnstlerfreundschaft in der Sammlung ab. Butzmann und Hoffmann hatten nicht nur gemeinsame Ausstellungen bestritten, zahlreiche K\u00fcnstlergespr\u00e4che gef\u00fchrt, in denen man \u201efast immer schon nach 10 Minuten von der Kunst zu allgemeineren, gesellschaftlich relevanten Themen gekommen ist\u201c (Martin Hoffmann) und ihre Plakate gemeinsam auf Kunstm\u00e4rkten wie dem j\u00e4hrlichen Grafikmarkt beim Fest an der Panke zum Preis von 5 bis 10 Mark verkauft.<br><br>Auch unter einem anderen DDR-spezifischem Aspekt sind die Plakate von Interesse, stehen sie doch f\u00fcr eine sehr kleine, aber wichtige Nische im DDR-Plakatschaffen. Der \u00fcberwiegende Teil der Arbeiten von Butzmann und Hoffmann entstand nicht nur im eigenen Auftrag, sondern auch jenseits des offiziellen Druckgenehmigungsverfahrens und entzog sich damit jener Vorzensur, die fast ausnahmslos alle Drucksachen in der DDR durchlaufen mussten. Inhalt, Auflagenh\u00f6he und Verteilung konnten damit nahezu vollst\u00e4ndig und umfassend gesteuert werden. Diese Form der Zensur erm\u00f6glichte eine umfangreiche, totalit\u00e4r anmutende Kontrolle nahezu jeglicher Form von drucktechnischer Ver\u00f6ffentlichung. Mitunter jedoch fanden sich Schlupfl\u00f6cher. Abgesehen von den Wegen und Spielarten des DDR-Untergrunds, entwickelte sich in den 1970er Jahren im Umfeld der Berliner Druckerei Graetz in der Auguststra\u00dfe eine der wenigen M\u00f6glichkeiten, das System von Kontrolle und Zensur ganz offiziell zu umgehen. Hier war dem Drucker Walter Graetz im Zusammenspiel mit Manfred Butzmann eine kreative Interpretation und Ausweitung bestehender Regel- und Kontrollsysteme gelungen. Die Plakate wurden als K\u00fcnstlerplakate bzw. Originalgrafik bezeichnet, die man dann ohne Genehmigung in einer Auflage von 100 St\u00fcck drucken konnte. Nicht selten wurde sich dann bei der Nummerierung verz\u00e4hlt und damit bei der Auflagenh\u00f6he getrickst; manchmal kamen so 500 Exemplare eines Plakates in Umlauf. Dies erm\u00f6glichte Freir\u00e4ume. Zumindest f\u00fcr K\u00fcnstler*innen, die Mitglied im Verband Bildender K\u00fcnstler der DDR waren, ergab sich so ein anderer Weg, Plakate zu ver\u00f6ffentlichen und sogar \u00fcber den Staatlichen Kunsthandel der DDR zu vertreiben. Eine erstaunliche Form von Gegen\u00f6ffentlichkeit.<\/p>\n\n\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-8607 size-medium\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Matthias_Struch-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Matthias_Struch-200x300.jpg 200w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Matthias_Struch-683x1024.jpg 683w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Matthias_Struch-768x1151.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Matthias_Struch-1025x1536.jpg 1025w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Matthias_Struch-1366x2048.jpg 1366w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Matthias_Struch-scaled.jpg 1708w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/p>\n<\/td>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Matthias Struch<\/h4>\n<p style=\"color: #000000; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Matthias Struch ist Sammlungsleiter f\u00fcr Plakate und Postkarten am Deutschen Historischen Museum.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Eine erstaunliche Form von Gegen\u00f6ffentlichkeit. Um-Welt-Plakate aus der DDR von Manfred Butzmann und Martin Hoffmann<span><\/h2>\n<p>Ein Blick in die Sammlungen des Deutschen Historischen Museums zeigt die gro\u00dfe Vielfalt an Objekten, die im Bezug zu verschiedenen Epochen und Themen deutscher Geschichte stehen. Sie erz\u00e4hlen Geschichten von zur\u00fcckliegenden oder aktuellen Lebenswelten, von ber\u00fchmten und eher unbekannten Personen und Ereignissen. In unserer neuen Blogserie #Umweltsammeln stellen wir die Vielfalt unserer Sammlungsobjekte zum Themenfeld \u201eUmwelt\u201c vor. Dabei er\u00f6ffnen \u00fcberraschende Fragestellungen der Sammlungsleiter*innen neue Perspektiven auf historische Objekte und oftmals erstaunliche Parallelen zu heutigen Fragestellungen.<\/p>\n<p>Umwelt l\u00e4sst sich nicht nur im \u00f6kologischen Sinne verstehen, sondern auch in einer politischen und sozialen Dimension. Dieser Erweiterung des Wortsinns im Rahmen der Auseinandersetzung mit vordergr\u00fcndig \u00f6kologischen Themen widmet sich Matthias Struch, Leiter der Plakatsammlung, in der Betrachtung von besonderer Gebrauchsgrafik in der DDR.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":8584,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1187,2797,199,2829],"class_list":["post-8583","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten-aktuell","tag-ddr","tag-plakat","tag-sammlung","tag-umweltsammeln-de"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8583","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8583"}],"version-history":[{"count":15,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8583\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8777,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8583\/revisions\/8777"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8584"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8583"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8583"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8583"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}