
{"id":866,"date":"2017-05-12T13:39:51","date_gmt":"2017-05-12T11:39:51","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=866"},"modified":"2017-05-16T15:21:47","modified_gmt":"2017-05-16T13:21:47","slug":"die-erfindung-der-grossmutter","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2017\/05\/12\/die-erfindung-der-grossmutter\/","title":{"rendered":"Die Erfindung der Gro\u00dfmutter"},"content":{"rendered":"<h1>Die Erfindung der Gro\u00dfmutter<\/h1>\n<p><strong>Wie eine Oma aussieht, wei\u00df jedes Kind. Sie hat wei\u00dfe Haare, die zum Dutt hochgesteckt sind. So dargestellt, erkennen wir Omas auch heute noch, Dabei sehen sie heute gar nicht mehr so aus. Ganz im Gegenteil, Omas sind in Turnschuhen und Jeans von M\u00fcttern kaum zu unterscheiden. Anl\u00e4sslich des Muttertags fragt unser Blog, woher dann das langlebige Klischee der wei\u00dfhaarigen Oma stammt.<\/strong><\/p>\n<h3>Von der Altersverachtung zur Altersverehrung<\/h3>\n<p>Lange Zeit hatten Gro\u00dfeltern keine besondere Bedeutung. Familien wurden im Mittelalter und in der fr\u00fchen Neuzeit vor allem durch die Bindung von Eltern und Kindern zusammengehalten. Oft waren bei den Eltern auch noch kleine, d.h. unm\u00fcndige Kinder im Haus, wenn die \u00e4ltesten Kinder ihre eigene Familie gr\u00fcndeten. Anders als viele denken, lebten vor der Neuzeit nur selten mehr als zwei Generationen unter einem Dach. Dazu kam, dass durch relativ sp\u00e4te Familiengr\u00fcndung und relativ niedrige Lebenserwartung lange Zeit nur etwa zehn Prozent der Menschen Gro\u00dfelternschaft erlebten. Doch das f\u00fchrte nicht dazu, dass die wenigen Alten besonders verehrt wurden. Im Gegenteil, alte Menschen, die keinen eigenen Haushalt mehr f\u00fchren konnten, galten als unproduktiv, nutzlos, ja sogar gef\u00e4hrlich. Besonders alte Frauen finden wir in Bildern und Schriften als warzengesichtige Hexen dargestellt, die den jungen Menschen ihre Attraktivit\u00e4t und Aktivit\u00e4t neiden. Wir kennen diese Figur vor allem aus M\u00e4rchen, allerdings war Altersverachtung eine gesellschaftliche Tatsache.<\/p>\n<h3>Die Erfindung der Oma im 18. Jahrhundert<\/h3>\n<p>Doch im 18. Jahrhundert \u00e4nderte sich das radikal. Die Gro\u00dfmutter wurde zur z\u00e4rtlich-idealisierten \u00dcberfigur, zur Inkarnation der ewigw\u00e4hrenden m\u00fctterlichen Liebe, oder wie ein Enkel es um 1800 formulierte: &#8222;Ich war meiner Gro\u00dfmutter Liebling und musste in ihrem Zimmer schlafen. Hier las sie mir oft aus Starks Gebetbuch den Abendsegen vor [\u2026] Aus lauter Z\u00e4rtlichkeit verweichlichte sie mich. Doch verdanke ich ihr, dass ich gern zu Hause war [\u2026]&#8220;.<\/p>\n<p>In dem Ma\u00dfe, wie durch fr\u00fchere Familiengr\u00fcndung bei gleichzeitiger Verl\u00e4ngerung der Lebenserwartung Gro\u00dfm\u00fctter h\u00e4ufiger von ihren Enkeln erlebt wurden, stieg auch die Wertsch\u00e4tzung ihrer Rolle. Das hing vor allem mit der Entwicklung der b\u00fcrgerlichen Trennung von Arbeits- und Privatsph\u00e4re als Ideal zusammen. Noch mehr als die Mutter, die sich auch um den wirtschaftlichen Ablauf des Haushalts k\u00fcmmern musste, wurde die Gro\u00dfmutter in den Familienvorstellungen des aufstrebenden B\u00fcrgertums zum Abbild der Frau, die nur f\u00fcr die Familie lebt.<\/p>\n<h3>Die Gro\u00dfmutter als Kern und Seele der Familie<\/h3>\n<p>In unserer <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/dauerausstellung.html\" target=\"_blank\">Dauerausstellung<\/a> findet sich eine fr\u00fche Darstellung einer Gro\u00dfmutter als Mittelpunkt der Familie: Auf dem vom Friedrich Tischbein gemalten Portr\u00e4t der zwei hugenottischen Familien Reclam. Tischbein war ein beliebter Portr\u00e4tist des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Wenn man es sich leisten konnte, von ihm gemalt zu werden, dann hatte man es &#8222;geschafft&#8220;. Und die hier dargestellten Familien Reclam hatte es geschafft \u2013 hundert Jahre, nachdem der erste Reclam als hugenottischer Fl\u00fcchtling ins Heilige R\u00f6mische Reich gekommen war, geh\u00f6rten sie zur b\u00fcrgerlichen Elite. Die zwei bekanntesten Mitglieder der Familien Reclam auf diesem Bild sind Pierre Fr\u00e9d\u00e9ric Reclam, Prediger, und Hofjuwelier Jean Francois Reclam. Mittelpunkt des Gem\u00e4ldes ist ihre Mutter, Marie Reclam, die Gro\u00dfmutter. Sie ist der Kern und das Zentrum der Familien, eine au\u00dfergew\u00f6hnlich deutliche Repr\u00e4sentation der ver\u00e4nderten Rolle von Gro\u00dfm\u00fcttern.<\/p>\n<p>Die Wertsch\u00e4tzung der Oma-Rolle schuf gleichzeitig auch ein enges Korsett, innerhalb dessen sich die Frauen zu bewegen hatten. Gro\u00dfm\u00fctter sollten nicht wirtschaftlich unabh\u00e4ngig, nicht sexuell aktiv oder \u00f6ffentlich sichtbar sein. \u00dcbertraten alte Frauen diese Idealvorstellungen, so drohte ihnen wie in der Kurzgeschichte von <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/biografie\/biografie-bertolt-brecht.html\" target=\"_blank\">Bertolt Brecht<\/a> die Verurteilung durch Familie und Gesellschaft als &#8222;unw\u00fcrdige Greisin&#8220;.<\/p>\n<p>Auf dem Land jedoch blieben Gro\u00dfm\u00fctter wie alle Frauen weiterhin an der Erwerbsarbeit ebenso beteiligt wie die M\u00e4nner. Eine Landwirtschaft ohne Frau zu f\u00fchren, war unm\u00f6glich, das galt auch f\u00fcr die meisten Handwerksbetriebe und erst recht f\u00fcr die Erwerbsarbeit von Besitzlosen \u2013 auf dem Land wie in der Stadt. Ein Lohn reichte da nicht aus, um eine Familie zu ern\u00e4hren. Gro\u00dfm\u00fctter mussten weiterhin zum Erwerb beitragen, so lange es ging und hatten wenig Zeit, M\u00e4rchen zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<h3>21. Jahrhundert: Die Rolle des Gro\u00dfvaters wird wichtiger<\/h3>\n<p>Heute sind Umfragen zufolge Omas und Enkel so eng verbunden wie noch nie. R\u00e4umliche Trennung und wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit erm\u00f6glichen einen freiwilligen und friedlichen Umgang miteinander. Und auch Gro\u00dfv\u00e4ter \u00fcbernehmen immer mehr Anteile der Oma-Rolle, wie sie im 18. Jahrhundert erfunden wurde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Die Erfindung der Gro\u00dfmutter<span><\/h2>\n<p>Wie eine Oma aussieht, wei\u00df jedes Kind. Sie hat wei\u00dfe Haare, die zum Dutt hochgesteckt sind. So dargestellt, erkennen wir Omas auch heute noch, Dabei sehen sie heute gar nicht mehr so aus. Ganz im Gegenteil, Omas sind in Turnschuhen und Jeans von M\u00fcttern kaum zu unterscheiden. 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