
{"id":881,"date":"2017-05-17T14:20:43","date_gmt":"2017-05-17T12:20:43","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=881"},"modified":"2018-01-25T14:51:51","modified_gmt":"2018-01-25T13:51:51","slug":"heimwaerts-geht-es-fuer-mich-nur-nach-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2017\/05\/17\/heimwaerts-geht-es-fuer-mich-nur-nach-deutschland\/","title":{"rendered":"Kolumne: \u201eHeimw\u00e4rts geht es f\u00fcr mich nur nach Deutschland\u201c"},"content":{"rendered":"<h1>\u201eHeimw\u00e4rts geht es f\u00fcr mich nur nach Deutschland\u201c<\/h1>\n<p><strong>Nicht zuletzt seit dem Referendum in der T\u00fcrkei am 16. April 2017 wird viel \u00fcber die deutsch-t\u00fcrkischen Beziehungen und ebenso \u00fcber die Haltung der in Deutschland lebenden T\u00fcrken gesprochen. Zu seiner Befindlichkeit zwischen deutscher und t\u00fcrkischer Kultur hielt der Schriftsteller Feridun Zaimoglu bei der Er\u00f6ffnung der Ausstellung <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/archiv\/2016\/immer-bunter.html\">\u201eImmer bunter. Einwanderungsland Deutschland\u201c<\/a> am 20. Mai 2016 folgende Rede:<\/strong><\/p>\n<p>Im Anfang war Deutschland ein Wort aus zwei Silben, das in zwei St\u00fccke brach: Ich lebte unter Deutschen, ich lebte in ihrem Land. Mein Vater l\u00f6tete in einer Metallfabrik Gitter und Boden zu Frachtkisten f\u00fcr die Deutsche Post. Meine Mutter steckte bei Telefunken in Akkordarbeit Formelemente in die Buchsen. Der Kontakt zu deutschen Nachbarn war untersagt. Die deutsche Dame im Nachbargarten scherte sich nicht darum. Sie reichte mir und meiner Schwester durch die Hecke Pralinen mit Eierlik\u00f6rf\u00fcllung. Wir wurden munter, wir kalbten auf dem St\u00fcck Rasen im Hintergarten, wir sagten kichernd Dankesch\u00f6n. Der andere Nachbar lag an sonnigen Tagen regungslos auf der Liege, er hatte lange Haare und breite Bartleisten, ich starrte ihn an. Eines Tages starrte er zur\u00fcck, er klappte die Oberlider im und verdrehte die Augen, ich fiel vor Angst fast um. Er f\u00fchrte mir vor, wie man durch die Nase pfiff, wir verst\u00e4ndigten uns fast nur noch \u00fcber Nasenpfiffe. Der Hausmeister nannte ihn einen Bombenleger, einen Knastbruder, sie gingen einmal in der Woche zusammen trinken. Der Wirt im Wirtshaus spendierte mir immer eine Knackwurst, der Senf trieb mir Tr\u00e4nen in die Augen. Ich durfte den Hinterhof kehren und bekam von ihm f\u00fcr ein bi\u00dfchen Arbeit sehr viele Groschen. Nach einem Jahr sprach ich wie ein deutscher Bub, ich lernte, das R nicht zu rollen. Die T\u00fcrkenkinder im Viertel teilten sich in Haufen auf. Die einen wollten ausl\u00e4ndisch bleiben, sie plapperten die Worte der V\u00e4ter nach. Sie lobten und r\u00fchmten das Urlaubsland, in dem sie als Deutschl\u00e4nder auffielen. Die anderen wollten von der Arbeiterbaracke loskommen, und aber waschechte T\u00fcrken bleiben. Ich galt als kleiner Depp, der bl\u00f6de Fragen stellte. In der sechsten Klasse traf ich auf Memet, der von Scham, Schande und Schicklichkeit sprach. Er zeigte auf meine Schwester, die eine \u00e4rmellose Bluse mit Spaghettitr\u00e4gern trug. Das Gesetz, zischte er, verbietet das! Auf dem Pausenhof wurde ich von den T\u00fcrkenkindern gemieden, weil ich die Ehre meiner Schwester nicht verteidigt hatte. Sie streuten Ger\u00fcchte \u00fcber meine Verdorbenheit. Der Schneider Ali redete mir ins Gewissen: Ein T\u00fcrke blieb zeitlebens und \u00fcberall der R\u00e4cher seiner Familie, ich geriet auf Abwege, ich sollte mich von Deutschland nicht blenden lassen. Seltsam, dachte ich, mit den Deutschen ist es immer lustig, ihr aber r\u00fcgt mich wegen jeder Kleinigkeit. Ich mied die N\u00e4he der Ehrenk\u00e4mpfer, die wie Bluthunde \u00fcber die Unschuld der Schwestern wachten. Es hielt sie nicht davon ab, \u00fcber andere Frauen im Genitaljargon herzuziehen. Das Viertel wurde zur Heimatkulisse. Die Jungs lie\u00dfen sich einen Gaunerbart stehen, kn\u00f6pften das Hemd auf, und lie\u00dfen den Goldketten-Halbmondanh\u00e4nger blitzen. Ich sa\u00df in der B\u00fccherei und las Gedichte von Ingeborg Bachmann. Auf Sippe und Sitte gab ich nichts. Die Gangster im Milieu waren nur enthemmte Spie\u00dfer, auf ihr Lob konnte ich verzichten.<\/p>\n<p>In der achten Klasse bl\u00fchte ich auf, ich war der einzige Herkunftsfremde, die Schulfreunde sahen in mir komischerweise einen buntgefiederten Indianer. Wenn die Sonne schien, sagten sie: Freu dich, es ist wie bei euch in der Heimat! Im Karneval sollte ich mich als Sultan mit Turban, Weste und Pluderhose verkleiden. In der neunten Klasse schlug sich Beate auf die Seite der <a href=\"https:\/\/www.hdg.de\/lemo\/kapitel\/geteiltes-deutschland-krisenmanagement\/linksterrorismus-rote-armee-fraktion.html\">RAF<\/a>-M\u00f6rder. Es ging um die deutsche Schuld, um die Bonzen als Weichziele, um die verdiente Kugel. Ich widersprach, Beate schrie: Bleib&#8216; in deinem Fach, du kannst nicht mitreden. Die Lehrerin raunte etwas \u00fcber die Gnade der fremden Volkszugeh\u00f6rigkeit. Es klang falsch, ich zerbrach mir den Kopf, dann sagte ich: Mord ist Mord, was gibt&#8217;s da noch zu bedenken? Sp\u00e4ter sa\u00df ich im Direktorenzimmer, der Schulleiter sprach: Sei wachsam, fremdes Kind. Du verkehrst nicht mit deinesgleichen. Hier, in deinem Gastland, verh\u00e4lt es sich alles anders. H\u00f6r zu und schweige still! Der Mann machte sich wichtig, ich nahm mir seine Worte nicht zu Herzen. An einem Sonntag traf ich nach Jahren den Bombenleger, wir gr\u00fc\u00dften uns mit Nasenpfiffen. Die Backenborsten waren ergraut, er hatte zwei Scheidungen hinter sich, seine Frau lief nach einem Rechtsdrall zu den Salonnazis \u00fcber. Sie k\u00e4mpfte gegen die biologische Invasion der S\u00fcdl\u00e4nder, gegen die Durchrassung des deutschen Volkes. Die Skins in meinem Viertel ha\u00dften mich genauso wie die taffen T\u00fcrkenschl\u00e4ger. Sie riefen: Irgendwann rei\u00dfen wir dir die Maske herunter, dann kommt der Achmet zum Vorschein! Im ersten Semester Medizin sa\u00df ich in einem Bibelkreis. Karins Gro\u00dfmutter kam aus Schlesien, sie hatte ihrer Enkelin den Umgang mit Moslems verboten. Als Zeichen meines guten Willens sollte ich sie zum Bibelstudium begleiten. Der Priester und ich f\u00fchrten w\u00fcste theologische Gespr\u00e4che, Karin bat mich um M\u00e4\u00dfigung, sonst k\u00f6nnte sie ihr Herz nicht an mich verlieren. Ich entschied mich gegen die Langeweile und floh ins Freie. In den n\u00e4chsten Jahren klingelten viele Missionsschwestern an meine T\u00fcr. Bei den Linken galt ich als ein verzweifeltes Subjekt des Systems. F\u00fcr die Rechten war ich ein Fremdk\u00f6rper. Ich aber wies mich nicht aus, ich verortete und bekannte mich nicht. Das Leben war st\u00e4rker als jede Kultur, als jedes Fremdwort, als jede Theorie. Die Radikalen bekamen Auftrieb: Sie pochten an die T\u00fcren der Moscheen, und da sie als \u00fcberspannte Sektenspinner abgewiesen wurden, trafen sie sich in Zirkeln. Ein b\u00e4rtiger Fr\u00f6mmler schimpfte mich Teufels Spucke. Was braute sich zusammen, was bekam ich nicht mit? L\u00e4ngst hatte sich Deutschland zu einem Wort zusammen gef\u00fcgt, l\u00e4ngst war ich deutsch geworden. Man unterstellte mir weiterhin T\u00e4uschung und Verstellung. Im Kultursektor wurde ich zum Kulturtr\u00e4ger. Eine verschwipste Moderatorin sagte nach meiner Lesung beim Essen: Der kleine gro\u00dfe Unterschied zwischen Ihnen und uns ist, da\u00df Sie beschnitten sind. Vergessen Sie das nicht. Denn wir vergessen es nie! Donnerwetter, dachte ich, geht es wirklich um ein Hautl\u00e4ppchen? Ich kam als Redefigur in verschiedenen Verkleidungen vor, je nachdem, was die Betrachter in mir zu sehen w\u00fcnschten: T\u00fcrke, Janitschare, Hunnenmoslem, Verderber der gesitteten Frauen, Gesch\u00f6pf der niederen Ordnung. Ich traf auf t\u00fcrkische Studenten, sie hatten sich verpanzert und wehrten sch\u00e4dliche Einfl\u00fcsse ab. Sie prahlten mit ihrer Eigenart, mit Natur und Wesen, mit einem unzerst\u00f6rbaren Kern. Ein vaterl\u00e4ndisch gesinnter junger Mann stellte mir die f\u00fcr ihn entscheidende Frage: M\u00f6chtest du nicht auch, wie jeder Patriot, in geweihter Heimaterde begraben werden? Ich sagte: N\u00f6. Gro\u00dfe klingende Worte, Worte einer behaupteten Z\u00e4higkeit. Die Akademiker tadelten meine brutale Anpassungsleistung. Sie nannten mich einen dienstbaren Geist, einen assimilierten Knecht, einen Meister der Selbstverleugnung. Wieso machten sie es derart kompliziert? Ich lebte nicht dort, ich lebte hier. Tradition klopfte die Seele gef\u00fcgig, die Ideen brannten sie aus dem Fleisch. Um den Wohlstand des sch\u00f6nen Wortes, um ein richtiges kenntliches Leben ging es mir.<\/p>\n<p>Es wird keine Ruhe einkehren, ich werde diese Schlachten auch morgen schlagen. Meine Eltern sind eingewandert und nach drei\u00dfig Jahren heimgekehrt. Heimw\u00e4rts geht es f\u00fcr mich nur nach Deutschland. Meine Geschichte ist eine Geschichte der gelassenen Heimatfindung. Ich bin kein Ausstellungsst\u00fcck im Volkskundemuseum. Ich habe keine Augen am Hinterkopf, und also bin ich blind f\u00fcr meinen Hintergrund. Ich bin mein deutscher Vordergrund. Wer glaubt, er k\u00f6nne sich unbeschadet heraus sch\u00e4len aus Ablauf und Alltag, h\u00e4ngt einer Wahnidee an: Er erstarrt zum atmenden Leichnam. Ich bin vom Fremden zum Landsmann gereift in meinem nicht mehr fremden Land.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"margin-right: 5px;\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Zaimoglu_Autorenbild.jpg\" width=\"140\" height=\"200\" \/><\/p>\n<p><sup>\u00a9 DHM \/ Wolfgang Siesing<\/sup><\/td>\n<td><\/td>\n<td bgcolor=\"#3d9b35\">\n<h4 style=\"color: #ffffff; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Feridun Zaimoglu<\/h4>\n<p style=\"color: #ffffff; padding: 0px 10px 5px 10px;\">Feridun Zaimoglu wurde 1964 im anatolischen Bolu geboren und verbrachte die ersten 2 Jahrzehnte seines Lebens in M\u00fcnchen, Berlin und Bonn, bevor er 1985 nach Kiel kam, um dort Kunst und Humanmedizin zu studieren. Die T\u00fcrkei ist das Heimatland seiner Eltern. F\u00fcr ihn, Feridun Zaimoglu, ist es jedoch Deutschland &#8211; und seine Heimatstadt ist Kiel. Mehr zu Feridun Zaimoglu unter: <a href=\"http:\/\/www.feridun-zaimoglu.com\/vita_fz.html\" style=\"color:white\">http:\/\/www.feridun-zaimoglu.com\/vita_fz.html<\/a><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>\u201eHeimw\u00e4rts geht es f\u00fcr mich nur nach Deutschland\u201c<span><\/h2>\n<p>Nicht zuletzt seit dem Referendum in der T\u00fcrkei am 16. April 2017 wird viel \u00fcber die deutsch-t\u00fcrkischen Beziehungen und ebenso \u00fcber die Haltung der in Deutschland lebenden T\u00fcrken gesprochen. Zu seiner Befindlichkeit zwischen deutscher und t\u00fcrkischer Kultur hielt der Schriftsteller Feridun Zaimoglu bei der Er\u00f6ffnung der Ausstellung \u201eImmer bunter. Einwanderungsland Deutschland\u201c am 20. 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